Die Paraschah Be'Schallach

von Benjamin Pickel

Dieser Wochenabschnitt (Sidra) läßt sich wie folgt gliedern:

- tatsächlicher Auszug der Israeliten aus Ägypten

- Mitnahme der Gebeine Josephs

- Reue des Pharaos die Israeliten ziehen gelassen zu haben und anschließendeVerfolgung

- Spaltung des Schilfmeeres

- Singen des "Meeresliedes" (schir hajam)

- Murren des Volkes über Wassermangel in der Wüste Schur.

Moses macht bitteres Wasser süß.

- Manna und Wachteln als Speise

- Einführung des Schabbats und der "Schabbatgrenze"

- Wassermangel, Moses schlägt mit seinem Stab gegen einen Felsen, so daß

Wasser herauskam.

- Kampf gegen Amalek

Für heute haben insbesondere die Schabbatanordnungen noch eine entscheidende Bedeutung:

Es heißt dort (Ex. 16,29 - 30):

"Seht, weil der Ewige euch den Sabbat gegeben hat, darum gibt er euch am sechsten Tag Brot für zwei Tage; ein jeder bleibe an seiner Stelle, niemand verlasse seinen Ort am siebenten Tag"

Es gibt kaum ein Verbot, daß mehr zu inneren jüdischen Meinungsverschiedenheiten geführt hat.

Die Stelle will zunächst sagen, daß das Manna, das gesammelt wurde, für jeden Tag neu gesammelt werden mußte. Nur am Schabbat war es verboten, dieses einzusammeln. Daher mußte am Vortag (Erew Schabbat) die doppelte Menge nach Hause gebracht werden, um den Bedarf auch für den Schabbat zu decken.

Die Sitte, am Schabbat zwei ganze Brote (Challot) anzuschneiden, hat hier in der doppelten Portion Manna ihren Ursprung.Der Talmud erklärt nun aufgrund einer alten Überlieferung den zweiten Teil der angeführten Stelle, wonach niemand sich am Schabbat von seinem Platz entfernen darf, dahin, daß es verboten sei, sich am Schabbat mehr als 2000 Ellen = 1100 m von seinem Wohnort zu entfernen, und zwar vom letzten Haus seiner Stadt oder seines Dorfes an gerechnet (T'chum Schabbat =Schabbatgrenze). Nach der Torah selbst liegt diese Grenze viel weiter, nämlich ca. 14 km, denn es ging darum, daß niemand weiter gehen sollte als das Lager der Kinder Israels in der Wüste lang war. Vom ersten bis zum letzten Zelt waren es über12 Meilen = ca. 14 km. Es gibt auch heute noch die Möglichkeit, den Sabbatweg um weitere 2000 Ellen = 1100 m zu erweitern, indem man die Prozedur des "Eruw T'chumin" macht.Dabei macht man am Ende der ersten 1100 m sybolisch durch Niederlegung von Speisen und Getränken ein neues Haus, von dem man dann weitere 1100 m am Sabbat gehen darf. Dies dürfte aber wohl als Ausnahmeregelung zu betrachten sein, denn in den meisten Fällen bleibt ein religiöser Jude über Schabbat in dem Ort, an dem er sich momentan befindet.Interessant ist vielmehr, daß die rabbinische Antwort (1100 m bzw. 2200m) und die biblische Anschauung (14 km) dem Wortlaut der Torah an dieser Stelle nicht entsprechen zu scheinen:

"Es bleibe jeder an seiner Stelle, niemand gehe von seinem Platz weg am siebenten Tage"... Unter "Platz" versteht der Talmud einen Raum von zwei mal zwei Metern (4 Quadratellen), und in der Tat gilt das heute noch für ein anderes Verbot, nämlich das Verbot, Gegenstände am Schabbat außerhalb der Wohnung zu bewegen, bzw. zu tragen. Allerdings besteht auch hier wieder eine Ausnahme, dann nämlich wenn ein ganzes Dorf oder eine ganze Stadt durch einen "Eruw Chazeroth" zu einem gemeinsamen Wohngebiet erklärt wurde.So darf man z.B. in Jerusalem und in anderen größeren Städten mit einer größeren Anzahl von Juden auch am Schabbat außerhalb des eigenen Hauses tragen, weil dort ein "Eruw Chazeroth" besteht.

Beide "Erleichterungen", die dem Text im Grunde nicht gerecht werden, sind "Halachoth leMosche Missinai", d.h. durch eine uralte mündliche Überlieferung bereits am Sinai gegeben worden. Natürlich gab es auch Gegner, die dieser Interpration des Geh- und Trageverbotes am Schabbat nicht zustimmten. Einer der bekanntesten, der dies kritisiert hatte, war Jehuda Halevi. Die Sadduzäer und die Karäer, die ja die mündliche Tradition ablehnten, gingen in der Tat am Schabbat nicht spazieren.

Die Erkenntnis der Phärisäer, daß das Wort der Torah ohne seine Erläuterung durch das mündlich überlieferte Traditionsgut vom Sinai ins Absurde führt, war von Anfang an die Basis für das rabbinische Judentum.

Ohne die talmudische Tradition, ohne den Talmud als Mammutkommentar zur Torah, wäre die Torah nicht nur unverständlich, sondern müßte uns an vielen Stellen auch sinnlos erscheinen. Um es auf den Punkt zu bringen: Torah verstehen, heißt Gemara lernen ! Das wird allzu oft von Nichtjuden bewußt oder unbewußt übersehen.

Es kann der Torah nicht unterstellt werden, vom Menschen Dinge zu verlangen, die der Mensch, weil er Mensch ist , nicht erfüllen kann. Die Schabbatgrenze wurde von den Weisen des Talmuds angeordnet, damit der Mensch seinen Körper und Geist am Schabbat erhebe, daß er zum Beten und Lernen gehen kann, daß er aber auch Verwandte und Freunde besuchen soll und sich durch Spaziergänge an der g'ttlichen Natur erfreuen kann. Dies alles dient dem "Oneg Schabbat" der Schabbatfreude, die uns die Torah ebenfalls befiehlt.



In diesem Sinne

Schabbat Schalom

Benjamin Pickel

e-mail: rbpickel@rz-online.de

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