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Das vergessene Verbrechen

Ein bewegender Film kam am 03. Juli 2003 in die deutschen Kinos.

'Großmütterchenschlucht' heißt in deutscher Übersetzung der Ort eines der bekanntesten und zugleich unfassbarsten Verbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Die Schlucht 'Babij Jar' liegt etwas außerhalb der ukrainischen Stadt Kiew und ist eines der mahnenden Symbole für Massaker an Zivilisten durch die deutschen Nationalsozialisten - gleichbedeutend mit Guernica in Spanien oder Oradour in Frankreich.

Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang - der eine, unbehauene Grabstein

So lauten die ersten Zeilen des Gedichtes von Jewgenij Jewtuschenko - hier in der Übersetzung von Paul Celan - mit dem Jewtuschenko 1961 gegen das staatliche Vertuschen und Vergessen dieses Massakers ein Zeichen des Protestes setzen wollte.

Nachdem die Deutsche Armee am 22. Juni 1941 - knapp zwei Jahre nach dem zynischen Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin vom 23. August 1939 - die Sowjetunion angegriffen hatte, drang sie mit schnellen militärischen Erfolgen tief in das Landesinnere ein und stand bereits am 10. Juli mit zwei Divisionen vor der Stadt Kiew. Doch erst Ende August entschied Hitler den sich hier erstmals vehement regenden Widerstand zu brechen und die Stadt einzunehmen. Anfang September begannen die Kämpfe - damals eine der fürchterlichsten Kesselschlachten - bis die deutsche Armee am 19. September die Stadt einnahm. In den ersten Tagen - so berichten es Zeitzeugen, wie beispielsweise Anatoli Kusnezow in seinem dokumentarischen Roman 'Babij Jar' - sah die jüdische Bevölkerung in den deutschen Soldaten fast Befreier von den Verfolgungen unter Stalins Regime, obwohl damals bereits Berichte über die Massaker an der jüdischen Bevölkerung in den zuvor besetzten Gebieten bekannt wurden.

Nach den Berechnungen des Nürnberger Militärgerichtshofes hatte allein das Sonderkommando 4a unter Standartenführer Paul Blobel - einer der Hauptverantwortlichen für das Massaker von Babij Jar - bis zum 6. September 1941 in Städten wie Riga, Minsk, Brest, Lemberg und anderen Orten 11.328 Juden ermordet.

Die berüchtigte Wannseekonferenz in Berlin fand erst mehrere Monate später, am 20. Januar 1942 statt. Die Ermordung der europäischen Juden war bereits vor dieser Konferenz beschlossen, in Berlin suchte man die logistischen Probleme eines solchen Massenmordes zu organisieren.

Mit der Einnahme der Stadt Kiew am 19. September 1941 endeten allerdings noch nicht die Kämpfe. Fünf Tage später, am 24. September zerstörten Angriffe der Partisanen auch das Etappenquartier der Deutschen und legten in der Stadt ein verheerendes Feuer, bei dem viele Soldaten ums Leben kamen. Das in den folgenden Tagen ausgeführte Massaker an den Juden Kiews war allerdings keine - wie später behauptet wurde - kurzfristig veranlasste und notwendige (!) Bestrafung, sondern war seit langem geplant und in die Wege geleitet.

Am 28. September 1941 wurden 2.000 Plakate mit folgendem Text in der Stadt angeschlagen:

Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September 1941 bis 8 Uhr; Ecke der Melnik- und Dokteriwski-Strasse (an den Friedhöfen) einzufinden.

Mitzunehmen sind Dokumente, Geld und Wertsachen, sowie warme Bekleidung, Waesche usw.

Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschossen.

Wer in verlassenen Wohnungen von Juden eindringt oder sich Gegenstände daraus aneignet, wird erschossen.

Das Oberkommando erwartete, dass sich auf diesen Befehl maximal 5.000 Personen jüdischer Abstammung melden würden, letztlich versammelten sich aber über 30.000 Menschen, deren weiteres Schicksal bereits verhängt war. In dem Glauben, dass sie 'nur' aus ihrer Heimat vertrieben und umgesiedelt werden sollten, ahnte keiner von ihnen das Ausmaß der Verbrechen.

Unmittelbar am Morgen des 29. September 1941 wurden die Juden in Lastwagen zu der Schlucht Babij Jar gefahren. Dort mussten sie in kleineren Gruppen in die Schlucht gehen und - darüber gibt es mehrere Berichte von Tätern, überlebenden Opfern und zufälligen Zeugen - sich in Reihen aufstellen und wurden sofort erschossen.

Der spätere Bericht eines Täters schildert diese Tat:

Dort waren unzählige Juden versammelt, und dort war auch eine Stelle eingerichtet, wo die Juden ihre Kleidung und ihr Gepäck ablegen mussten. Nach einem Kilometer sah ich eine große natürliche Schlucht. Es war sandiges Gelände. Die Schlucht war ca. zehn Meter tief, etwa 400 Meter lang, oben etwa 80 Meter breit und unten etwa 10 Meter breit. Die Juden mussten sich mit dem Gesicht zur Erde an die Muldenwände hinlegen. In der Mulde befanden sich drei Gruppen mit Schützen, insgesamt 12 Schützen. Gleichzeitig sind diesen Erschießungsgruppen von oben her laufend Juden zugeführt worden. Die nachfolgenden Juden mussten sich auf die Leichen der zuvor erschossenen Juden legen.

Und ein anderer Täter fasst zusammen:

Es wurden Tausende und Abertausende von Juden erschossen. Sie gingen alle gefasst in den Tod. Kaum welche, die geschrieen oder gejammert haben.

Insgesamt wurden an diesem und am folgenden Tag 33.771 Juden erschossen - diese Zahl wird in mehreren Berichten der Deutschen Truppen übereinstimmend angeführt. Einige wenige Opfer konnten noch auf dem Transport entkommen, anderen gelang schwerverletzt die Flucht. Sie konnten später davon berichten.

Bis zur Befreiung Kiews am 5. November 1943 durch die sowjetische Armee wurden in der Schlucht Babij Jar mehr als 200.000 Menschen ermordet: Russen, Ukrainer, Weißrussen, weitere Juden.

Wenige der Täter - wie der bereits erwähnte Standartenführer Paul Blobel, im bürgerlichen Beruf Architekt - wurden später vor dem Nürnberger Kriegsgericht angeklagt und verurteilt.

Der Film

September 1941. Die beiden ukrainischen Familien Lerner und Onufrienko sind seit 20 Jahren eng befreundet und wohnen zusammen in einem Zwei-Familien-Haus am ländlichen Rand von Kiew. Nur die Lerners sind Juden, und Die Onufrienkos nicht. So lange die Familien zurückdenken können, leben in Kiew Juden und Nicht-Juden friedlich nebeneinander. Aber jetzt, da die Nazis kurz vor der Stadt stehen, wird es wichtig, kein Jude zu sein.

Nachdem das deutsche Militär unter Führung von Oberst Blobel (Axel Milberg) die Verwaltung der Stadt übernommen hat und die Deportation aller Juden vorbereitet, erwacht in Lena Onufrienko (Katrin Saß) ein aus Angst, aber auch aus Gier gespeister Anti-Semitismus. Plötzlich träumt sie gar von den guten Seiten, die es hätte, wenn ihre Nachbarin Natalja Lerner (Barbara de Rossi) und ihre jüdische Familie demnächst fliehen müssten oder sterben würden und sie die andere Haushälfte für die künftige Familie ihrer Tochter Helena (Marina Densiova) in Besitz nehmen könnten.

Als die Deutschen öffentlich zur Umsiedlung der Juden aufrufen und zum Sammelpunkt Myelnikov, Ecke Doktura am 29. September, sieben Uhr ordern, schenken die Lerners endlich den Berichten der drei jüdischen Flüchtlinge Glauben, die sich im Schuppen neben ihrem Haus versteckt hatten. Mit der Hilfe des Nachbarjungen Stepan (Gleb Porschnew) begeben sie sich in der nächsten Nacht gemeinsam auf die Flucht gen Osten.

Aber Lena Onufrienko, die nicht wußte, dass ihr Sohn die Lerners begleitet, hat in der Zwischenzeit ihre Nachbarn bei den Deutschen als Partisanen denunziert. Eine SS-Patrouille macht sich sofort auf den Weg und kann die Lerners kurz vor dem Fluss aufspüren. Gerade hatten Stepan und das jüdische Mädchen Franca (Olga Erokhovets) das rettende Boot besorgt, als sie aus der Ferne sehen können, wie die Familie Lerner auf den SS-Wagen gestoßen wird und der alte Genadij (Michael Degen) bereits tot am Boden liegt.

Nun müssen sich auch die Lerners in den langen Zug von über 30.000 Juden Richtung Babij Jar einreihen. Immer noch sind die meisten in dem Glauben, dass dieser Weg zum Bahnhof und damit in eine sichere Zukunft führt...
Unterdessen verhaftet die SS Lena Onufrienko wegen grober Irreführung. Die Lerners sind keine Partisanen, sie sind Juden. Lena wird nun das Schicksal mit ihren Nachbarn teilen.
Nur Stepan und Franca entkommen mit dem Boot in die Freiheit...

Interview mit Michael Degen - Der deutsche Schauspieler spielt Gendaij Lerner

Herr Degen, wie sind Sie mit diesem Projekt in Berührung gekommen?

hIch bekam vor drei Jahren von Herrn Brauner ein englischsprachiges Drehbuch für einen Film "Babij Jar" zugeschickt, und das hat mich ziemlich aus den Schuhen geworfen. Das ist zwar damals noch nicht die endgültige Fassung gewesen, aber es war trotzdem schon sehr erschütternd.

Was hat Sie am meisten bewegt?

Das Schicksal, das hier geschildert wird, ist mir ja bekannt. Ich bin bis heute dankbar, dass ich nicht dort gelebt habe, wo solche Dinge geschehen sind, sondern dass ich stattdessen während der Nazizeit in Berlin untertauchen konnte.


Michael Degen als Genadij Lerner

Wussten Sie bereits vor diesem Film um Babij Jar und das Massaker?

Ja, das war mir schon ein Begriff. Es gibt ja auch dieses große Poem eines russischen Autoren, Jewgeni Jewtuschenko, mit dem Titel Babij Jar. Aber es ist ein großer Unterschied, ob Sie irgendwie aus der Ferne von solchen Dingen wissen oder ob eine Zahl, hier über 30.000, plötzlich ganz in Ihre Nähe gerückt wird, indem einzelne aus dieser Menge ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte und Persönlichkeit bekommen. Diese Zahlen, die kann man ja gar nicht fassen oder verarbeiten, das lässt der menschliche Geist oder die Phantasie - Gott sei dank! - nicht zu. Das würde kein Herz und kein Kreislauf aushalten.


Wie haben Sie sich Ihrer Figur genähert? Haben Sie nur die Zeilen des Drehbuchs umgesetzt oder was haben Sie noch 'mitgebracht'?

Natürlich habe ich meine eigenen Gedanken mitgebracht. Auch Gesichter von Menschen, die ich kannte und die aus dieser Gegend stammten sind da sicherlich mit eingeflossen. Wie da eine ganze Bevölkerung kaputt gemacht, ausgelöscht, weg geschlachtet worden ist, das wurde hier teilweise so intensiv geschildert, dass es einem doch sehr an die Nieren ging. Und wenn ich an den Menschen denke, den ich dargestellt habe, dann habe ich natürlich auch einen ganz bestimmten Menschen vor mir. Ich wusste, wer er war.


Sie haben ihn also aus realen Personen kombiniert?

Solch einen Charakter kann man nicht einfach 'zusammenbauen'. Er springt einen an oder man lässt es. Mit intellektueller Akribie ran zu gehen, das wird nichts. Entweder man ist da ganz involviert, mit Hirn, Herz und Seele oder man schafft das nicht.


Ihre Erinnerungen tragen den Titel "Nicht alle waren Mörder"? Gibt es Momente, in denen Sie an der Bestimmtheit, die in diesem Titel liegt, zweifeln - auch im Zusammenhang mit dem, was "Babij Jar" erzählt?

Keinerlei Abstriche, was den Titel meines Buches betrifft! Allein die Tatsache, dass wir heute miteinander reden, ist der beste Beweis dafür. Wäre es tatsächlich so gewesen, dass alle Mörder gewesen sind, würden wir dieses Gespräch nicht führen können. Denken Sie an die 1.500 Juden, die in Berlin durchgekommen sind! Sicher, das ist verschwindend gering gegenüber den 190.000, die mal in der Stadt gelebt haben, aber 1.500 von ihnen sind durchgekommen, weil sie versteckt wurden von Menschen, die weiß Gott keine Mörder waren und die sogar ein großes Risiko auf sich genommen haben. Auf diesen Teil der Geschichte darf man doch zum Beispiel stolz sein. Stattdessen gehen viele Leute immer wieder mit diesem überzogenen Mea Culpa hausieren, das geht mir fürchterlich auf den Keks!


Die Güte, Naivität und Gutherzigkeit dieses Genadij hat ja etwas geradezu Selbstzerstörerisches. Hat das in Ihnen, der Sie immer wieder andere Positionen in Fragen des Holocaust vertreten haben, nicht Widerstand ausgelöst?

Widerstand? Nein. Ich kenne sie zu gut und ich habe ein maßloses Mitgefühl für diese Menschen. Gerade diese Blauäugigkeit, die sie auch so anfällig gemacht hat für die Vernichtungsambitionen der Nazis, das tut mir so fürchterlich weh. Ich hätte mir gewünscht, und ich wünsche mir auch heute noch, dass es mehr von diesen naiven, gutherzigen Menschen geben könnte. Wir verlieren sie ja immer mehr. Das ist leider Teil einer schleichenden Verrohung, die nicht aufzuhalten ist.


Gab es Unterschiede zwischen den einzelnen Nationalitäten am Set, wie mit dem Thema des Films umgegangen wurde?

Ich habe vorher gedacht, dass es das gäbe, und war sehr neugierig darauf. Aber ich habe keine wesentlichen Unterschiede festgestellten können. Eigentlich waren alle, die an diesem Film mitgearbeitet haben, extrem pro-semitisch. Besonders die Weißrussen und Ukrainer. Sie waren alle gegen den Krieg, sie waren alle für Versöhnung, sie waren alle guten Menschen. Statistisch gesehen, ist aber der Antisemitismus dort, wo wir gedreht haben, sehr verbreitet. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich mir das zusammenreimen soll.


Wie hat sich Jeff Kanew als Amerikaner diesem Thema genähert?

Er stammt ja selber aus einer jüdischen Familie, kannte also den Holocaust aus Erzählungen in seiner Familie. Allerdings aus gehörigem Abstand. Eigene Erfahrungen hatte er keine, aber er war natürlich dafür sensibilisiert, und er war sehr neugierig.


Wie hat sich der Drehalltag in Minsk abgespielt? War es angesichts des ernsten Stoffes, mit dem Sie sich tagtäglich auseinander gesetzt haben, überhaupt möglich, am Set zu Lachen?

Ja natürlich haben wir gelacht. Das ist ja fast so etwas wie ein Selbstschutz, der da einsetzt. Eine Art Trotz. Im Hintergrund allerdings war das Thema immer präsent, um so mehr, als wir in einer Region gedreht haben, in der sich diese und ähnliche Horrorgeschichten tatsächlich abgespielt haben. Das hat mich immer wieder sehr angegriffen.

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