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Es
ist sicher verdienstvoll, wenn die JVB das vorerwähnte Werk neu
auflegt. Allerdings kann dieses Werk nicht unkommentiert bleiben.
Da nicht etwa deswegen, weil es zeitbedingt "überholt" ist., seine
Fragestellungen sind heute ebenso aktuell wie 1935, allerdings sind
nicht alle Punkte Konsens, über die Dienemann schreibt. Hier muß
erst noch diskutiert und Konsens hergestellt werden. Diese Diskussion
sollen die nachfolgenden Zeilen fördern.
Auf zwei "Schwachstellen" weist bereits der Herausgeber in seinem
Vorwort hin: er- stens die Frage der religiösen Gleichstellung der
Frauen im liberalen Judentum, zweitens die Ausführungen Dienemanns
zur "Epoche der Gebundenheit". Zur Epoche der Gebundenheit hat Mühlstein
gesagt, was zu sagen war, zur Frage der Gleichstellung der Frauen
wird noch zu schreiben sein. Hier sei nur angemerkt, dass es D.
aufgrund seiner Kenntnisse leicht gewesen wäre, herauszuarbeiten,
dass sich aus der Tora keine Begründung für eine Diskriminierung
der Frauen im G'ttesdienst ableiten läßt. Schade, daß das unterblieben
ist.
Ansonsten müssen einige Sätze dieses Buches kommentiert werden,
wobei dieser "Kommentar" nicht den Rang einer wissenschaftlichen
Auseinandersetzung beansprucht und auf Fußnoten mit Angaben der
Quellen verzichtet, aber die Besitzer eines gutsortierten Bücherschrankes
werden die folgenden Ausführungen in dem ihnen vorliegenden Material
wiederfinden.
Zur Sprache soll noch angemerkt werden, dass immer dann, wenn von
"Juden" die Rede ist, selbstverständlich Jüdinnen und Juden gleicherweise
gemeint sind. Es ist also keine Diskriminierung der Frauen beabsichtigt,
aber Sprachgewohnheiten schleifen sich nun einmal nicht so schnell
ab.
Die nachstehenden Ausführungen sind polemisch, das sollen sie auch
sein, weil die Diskussion gefördert werden soll, was denn nun eigentlich
"liberal" sei.
Dienemanns "Idee" ist zu hoch (und daneben) gegriffen, wenn er unreflektiert
den Begriff "orthodox" benutzt. Soll wirklich den nicht-progressiven
Teilen des Judentums die Ehre angetan werden, Ihnen zuzugestehen,
daß sie die "rechte Lehre" haben?
Daß das liberale bzw. progressive Judentum "von dem Bewußtsein getragen"
ist, "Judentum in der Fülle seiner Idee und Aufgabe zu verwirklichen",
ändert nichts daran, daß das progressive Judentum ein Teil des Judentums
ist, wenn man will, also, "Partei", wie Dienemann es formuliert.
Wenn der erste Absatz für sich so wörtlich und ernst genommen werden
soll, erhebt das liberale Judentum hier einen ihm nicht zustehenden
Absolutheitsanspruch.
Diesen Absolutheitsanspruch kann kein progressiver Jude gutheißen.
Selbst wenn in den Einheitsgemeinden Gebete gesprochen werden, die
ich nicht mehr beten kann, kann doch diesen Betern ihr (Auch-)Jude-sein
nicht abgesprochen werden.
Es
ist bedauerlich, wenn D. feststellt, daß das Sabbatgebot der Auslegung
bedarf, aber keinen Versuch unternimmt, den "consensus omnium" herbeizuführen
oder wenigstens eine Diskussion zu diesem Thema anzustoßen. Es gibt
heute die Meinung, das Judentum lebe in einem nach-halachischem
Zeitalter. Das kann so nicht stehen bleiben. Aus meiner Sicht ist
es zwingend erforderlich, auch heute Halacha zu haben. Ich denke
hier nur an die Frage, die unlängst Thema eines Responsums (in den
USA!) wurde, ob ein "gemischtreligiöser Chor" im G'ttesdienst singen
könne, oder an Pessach, wenn wir uns der nichtjüdischen Bevölkerung
bedienen, um unsere ureigenen religiösen Pflichten zu erfüllen,
statt Chamez zu herrenlosem Gut zu erklären.
(Selbstverständlich
kann ein gemischtreligiöser Chor singen, aber nicht im G'ttesdienst
mit der Intention, den Gemeindegesang zu ersetzen und so stellvertretend
für die Gemeinde zu beten).
Problematisch empfinde ich, daß die Sprache des G'ttesdienstes relativ
unreflektiert zur Disposition gestellt wird, weil "der Inhalt des
Gebetes und seine Form" verstanden werden müssen. Der "seder hateffilot"
belegt neben anderen, daß mehrere Möglichkeiten gibt, einen Text
zu übersetzen und zu verstehen. Daher erscheint es angemessen, die
hebräischen Texte zu belassen, damit jeder, der mag, sich damit
auseinandersetzen kann, wie er in der konkreten Situation seines
Gebetes den Text versteht/interpretiert. Eine Übertragung des Gebetes
in die Landessprache wird von Zeit zu Zeit sprachlich überarbeitet
werden müssen. Gebete nur in der Landessprache führen nicht zu der
angestrebten Wiederbelebung der hebräischen Sprache im Gottesdienst.
Daher kann es nach meinem Verständnis keinen G'ttesdienst geben,
der nur in der jeweiligen Landessprache abgehalten wird.
Unklar ist mir auch die Ablehnung der im Mittelalter hinzugekommenen
Gebete. Kann der Sinn dieser Gebete uns heute nicht genau so ansprechen
wie er die ersten Beter angesprochen hat? Im übrigen stellt sich
die Frage, warum in liberalen Gemeinden noch das "lecha dodi" gesungen
wird, wenn alle mittelalterlichen Texte verschwinden müssen weil
"jenes Hinzugekommene .... allzu oft eine künstliche Anpassung an
die Kunstform der damaligen fremden Poesie" ist. Wird dadurch ein
Gebet unakzeptabel? Auch die Ausführungen zur "wunderbaren Einfachheit
und Schlichtheit der Sprache" der "alten Stammgebete" kann ich nur
begrenzt nachvollziehen. Nebenbei, wer normiert, was ein liberales
Stammgebet ist?
Ein weiterer Punkt ist die Frage der Speisegesetze, von denen sich
nach Dienemann viele liberale Juden abgekehrt haben, weil im "liberalen
Judentum die Vernunft und das Recht, die eigene Vernunft zu befragen,
zur Geltung" kommt.
Natürlich kann man nicht sagen, daß z. B. Schweinefleisch ungesund
sei, weil bereits im Mittelalter (sic!) festgestellt wurde, daß
man so nicht argumentieren könne, weil die Christen eben dieses
Fleisch essen und auch leben. Darum geht es aber nicht.
Abgesehen davon, daß die Kaschrut einen Großteil der lebenden Tiere
als Nahrung eliminiert, stellt sie immer die Frage an uns, ob wir
wirklich alles in den Mund stecken müssen, was wir in die Hand nehmen
können. Es geht hier also unter anderem, um dieses Thema nicht zu
sehr auszuweiten, um Selbstdisziplin. Natürlich sind die rabbinischen
"Zäune" nicht immer rational nachvollziehbar, das sollen und wollen
sie aber auch gar nicht sein Auch ist die Beachtung der Kaschrut
eine Belastung des "normalen gesellschaftlichen Umgangs mit Nichtjuden",
aber soll ich, um nicht "anzuecken", alle 3000 Jahre meinen Speisezettel
ändern (Gronemann)?
Wenn Kaschrut eingebunden ist in ein jüdisches Leben, macht sie
Sinn. Wer nicht religiös lebt, wird sich in der Frage der Kaschrut
ohnehin so verhalten, wie er es für richtig hält. Daher sollte die
Frage der Beachtung der Kaschrut dem Einzelnen anheim gestellt und
nicht unterschwellig suggeriert werden, daß es "liberal" sei, nicht
koscher zu leben.
Dienemann wirft die spannende Frage auf, wie das Judentum sich darstellt,
wenn jeder in jeder Beziehung seine Vernunft und sein Recht, die
eigene Vernunft zu befragen, über den "consensus omnium" stellt?
Ist dieser dann überhaupt noch möglich?
Wer nun meint, ich sei mit diesem Buch nicht einverstanden, irrt.
Es ist gut, daß dieses Buch jetzt neu erschienen ist, kann es doch
eine Diskussion beflügeln, der wir uns stellen müssen.
Einige meiner Ausführungen sind aus diesem Grund auch überzogen,
weil ich Widerspruch provozieren will, damit nicht nur in Arnoldshain
oder Halberstadt über die Zukunft auch der Formen des liberalen
Judentums nachgedacht und gesprochen wird. Die ernsthaft zu führende
Diskussion,
- wie
gestalten wir unseren G'ttesdienst,
- warum werden welche Gebete in welcher Sprache gesprochen,
- welche Gebete können wir aufgrund unserer Überzeugung nicht mehr
beten, gehört in die Gemeinden.
Dem Buch wünsche ich eine große Leserschaft, die sich mit den dort
enthaltenen Thesen kritisch auseinandersetzt - und daß es weiterwirken
möge in die Gemeinden und private Diskussionszirkel hinein.
Max
Dienemann: Liberales Judentum; Hg. von Jan Mühlstein JVB- Berlin
DM 24,80 (EUR 12,90)
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Max
Dienemann: Liberales Judentum; Hg. von Jan Mühlstein JVB- Berlin
DM 24,80 (EUR 12,90)
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