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Gedanken zu "Max Dienemann: Liberales Judentum
ein polemischer Denkanstoß

Dienemanns Essay aus dem Jahr 1935 ist eine zentrale Schrift des liberalen deutschen Judentums. Doch was soll das heute zu bedeuten? Mit welchen Fragestellungen muss man sich heute auseinandersetzen?
von Wolfgang Sunderbrink

Es ist sicher verdienstvoll, wenn die JVB das vorerwähnte Werk neu auflegt. Allerdings kann dieses Werk nicht unkommentiert bleiben. Da nicht etwa deswegen, weil es zeitbedingt "überholt" ist., seine Fragestellungen sind heute ebenso aktuell wie 1935, allerdings sind nicht alle Punkte Konsens, über die Dienemann schreibt. Hier muß erst noch diskutiert und Konsens hergestellt werden. Diese Diskussion sollen die nachfolgenden Zeilen fördern.

Auf zwei "Schwachstellen" weist bereits der Herausgeber in seinem Vorwort hin: er- stens die Frage der religiösen Gleichstellung der Frauen im liberalen Judentum, zweitens die Ausführungen Dienemanns zur "Epoche der Gebundenheit". Zur Epoche der Gebundenheit hat Mühlstein gesagt, was zu sagen war, zur Frage der Gleichstellung der Frauen wird noch zu schreiben sein. Hier sei nur angemerkt, dass es D. aufgrund seiner Kenntnisse leicht gewesen wäre, herauszuarbeiten, dass sich aus der Tora keine Begründung für eine Diskriminierung der Frauen im G'ttesdienst ableiten läßt. Schade, daß das unterblieben ist.

Ansonsten müssen einige Sätze dieses Buches kommentiert werden, wobei dieser "Kommentar" nicht den Rang einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung beansprucht und auf Fußnoten mit Angaben der Quellen verzichtet, aber die Besitzer eines gutsortierten Bücherschrankes werden die folgenden Ausführungen in dem ihnen vorliegenden Material wiederfinden.

Zur Sprache soll noch angemerkt werden, dass immer dann, wenn von "Juden" die Rede ist, selbstverständlich Jüdinnen und Juden gleicherweise gemeint sind. Es ist also keine Diskriminierung der Frauen beabsichtigt, aber Sprachgewohnheiten schleifen sich nun einmal nicht so schnell ab.

Die nachstehenden Ausführungen sind polemisch, das sollen sie auch sein, weil die Diskussion gefördert werden soll, was denn nun eigentlich "liberal" sei.

Dienemanns "Idee" ist zu hoch (und daneben) gegriffen, wenn er unreflektiert den Begriff "orthodox" benutzt. Soll wirklich den nicht-progressiven Teilen des Judentums die Ehre angetan werden, Ihnen zuzugestehen, daß sie die "rechte Lehre" haben?

Daß das liberale bzw. progressive Judentum "von dem Bewußtsein getragen" ist, "Judentum in der Fülle seiner Idee und Aufgabe zu verwirklichen", ändert nichts daran, daß das progressive Judentum ein Teil des Judentums ist, wenn man will, also, "Partei", wie Dienemann es formuliert. Wenn der erste Absatz für sich so wörtlich und ernst genommen werden soll, erhebt das liberale Judentum hier einen ihm nicht zustehenden Absolutheitsanspruch.

Diesen Absolutheitsanspruch kann kein progressiver Jude gutheißen. Selbst wenn in den Einheitsgemeinden Gebete gesprochen werden, die ich nicht mehr beten kann, kann doch diesen Betern ihr (Auch-)Jude-sein nicht abgesprochen werden.

Es ist bedauerlich, wenn D. feststellt, daß das Sabbatgebot der Auslegung bedarf, aber keinen Versuch unternimmt, den "consensus omnium" herbeizuführen oder wenigstens eine Diskussion zu diesem Thema anzustoßen. Es gibt heute die Meinung, das Judentum lebe in einem nach-halachischem Zeitalter. Das kann so nicht stehen bleiben. Aus meiner Sicht ist es zwingend erforderlich, auch heute Halacha zu haben. Ich denke hier nur an die Frage, die unlängst Thema eines Responsums (in den USA!) wurde, ob ein "gemischtreligiöser Chor" im G'ttesdienst singen könne, oder an Pessach, wenn wir uns der nichtjüdischen Bevölkerung bedienen, um unsere ureigenen religiösen Pflichten zu erfüllen, statt Chamez zu herrenlosem Gut zu erklären.
(Selbstverständlich kann ein gemischtreligiöser Chor singen, aber nicht im G'ttesdienst mit der Intention, den Gemeindegesang zu ersetzen und so stellvertretend für die Gemeinde zu beten).

Problematisch empfinde ich, daß die Sprache des G'ttesdienstes relativ unreflektiert zur Disposition gestellt wird, weil "der Inhalt des Gebetes und seine Form" verstanden werden müssen. Der "seder hateffilot" belegt neben anderen, daß mehrere Möglichkeiten gibt, einen Text zu übersetzen und zu verstehen. Daher erscheint es angemessen, die hebräischen Texte zu belassen, damit jeder, der mag, sich damit auseinandersetzen kann, wie er in der konkreten Situation seines Gebetes den Text versteht/interpretiert. Eine Übertragung des Gebetes in die Landessprache wird von Zeit zu Zeit sprachlich überarbeitet werden müssen. Gebete nur in der Landessprache führen nicht zu der angestrebten Wiederbelebung der hebräischen Sprache im Gottesdienst. Daher kann es nach meinem Verständnis keinen G'ttesdienst geben, der nur in der jeweiligen Landessprache abgehalten wird.

Unklar ist mir auch die Ablehnung der im Mittelalter hinzugekommenen Gebete. Kann der Sinn dieser Gebete uns heute nicht genau so ansprechen wie er die ersten Beter angesprochen hat? Im übrigen stellt sich die Frage, warum in liberalen Gemeinden noch das "lecha dodi" gesungen wird, wenn alle mittelalterlichen Texte verschwinden müssen weil "jenes Hinzugekommene .... allzu oft eine künstliche Anpassung an die Kunstform der damaligen fremden Poesie" ist. Wird dadurch ein Gebet unakzeptabel? Auch die Ausführungen zur "wunderbaren Einfachheit und Schlichtheit der Sprache" der "alten Stammgebete" kann ich nur begrenzt nachvollziehen. Nebenbei, wer normiert, was ein liberales Stammgebet ist?

Ein weiterer Punkt ist die Frage der Speisegesetze, von denen sich nach Dienemann viele liberale Juden abgekehrt haben, weil im "liberalen Judentum die Vernunft und das Recht, die eigene Vernunft zu befragen, zur Geltung" kommt.
Natürlich kann man nicht sagen, daß z. B. Schweinefleisch ungesund sei, weil bereits im Mittelalter (sic!) festgestellt wurde, daß man so nicht argumentieren könne, weil die Christen eben dieses Fleisch essen und auch leben. Darum geht es aber nicht.

Abgesehen davon, daß die Kaschrut einen Großteil der lebenden Tiere als Nahrung eliminiert, stellt sie immer die Frage an uns, ob wir wirklich alles in den Mund stecken müssen, was wir in die Hand nehmen können. Es geht hier also unter anderem, um dieses Thema nicht zu sehr auszuweiten, um Selbstdisziplin. Natürlich sind die rabbinischen "Zäune" nicht immer rational nachvollziehbar, das sollen und wollen sie aber auch gar nicht sein Auch ist die Beachtung der Kaschrut eine Belastung des "normalen gesellschaftlichen Umgangs mit Nichtjuden", aber soll ich, um nicht "anzuecken", alle 3000 Jahre meinen Speisezettel ändern (Gronemann)?
Wenn Kaschrut eingebunden ist in ein jüdisches Leben, macht sie Sinn. Wer nicht religiös lebt, wird sich in der Frage der Kaschrut ohnehin so verhalten, wie er es für richtig hält. Daher sollte die Frage der Beachtung der Kaschrut dem Einzelnen anheim gestellt und nicht unterschwellig suggeriert werden, daß es "liberal" sei, nicht koscher zu leben.

Dienemann wirft die spannende Frage auf, wie das Judentum sich darstellt, wenn jeder in jeder Beziehung seine Vernunft und sein Recht, die eigene Vernunft zu befragen, über den "consensus omnium" stellt? Ist dieser dann überhaupt noch möglich?
Wer nun meint, ich sei mit diesem Buch nicht einverstanden, irrt. Es ist gut, daß dieses Buch jetzt neu erschienen ist, kann es doch eine Diskussion beflügeln, der wir uns stellen müssen.
Einige meiner Ausführungen sind aus diesem Grund auch überzogen, weil ich Widerspruch provozieren will, damit nicht nur in Arnoldshain oder Halberstadt über die Zukunft auch der Formen des liberalen Judentums nachgedacht und gesprochen wird. Die ernsthaft zu führende Diskussion,
- wie gestalten wir unseren G'ttesdienst,
- warum werden welche Gebete in welcher Sprache gesprochen,
- welche Gebete können wir aufgrund unserer Überzeugung nicht mehr beten, gehört in die Gemeinden.

Dem Buch wünsche ich eine große Leserschaft, die sich mit den dort enthaltenen Thesen kritisch auseinandersetzt - und daß es weiterwirken möge in die Gemeinden und private Diskussionszirkel hinein.

Max Dienemann: Liberales Judentum; Hg. von Jan Mühlstein JVB- Berlin DM 24,80 (EUR 12,90)

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