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Die feministische
Revolution klopft an die Türen der halakhischen [religionsgesetzlichen]
Welt: Haviva Ner David, eine orthodoxe Religiöse, ist im Begriff
das Studium "Rabbinatsdiplom" zu beenden, um orthodoxer
Rabbiner zu werden, und kann keinen Grund ausmachen, nicht als Rabbi
ordiniert zu werden. Es fällt nicht schwer, die Reaktion des
rabbinischen Establishments vorauszusehen - es sei "schade
um die Zeit"
Haviva Ner David,
eine 32jährige orthodoxe Frau mit vier Kindern, Doktorandin
der Universität Bar Ilan, will Rabbiner werden. Wäre Ner
David reformjüdisch oder konservativ, würde sie keinerlei
besonderes Aufsehen erregen. Aber Ner David ist eine orthodoxe Frau,
Tochter einer orthodoxen Familie. Sie hegt keine Absicht, sich der
liberalen Strömung zuzuwenden, die ihre feministischen Ideen
mit Verständnis annehmen würde. Und was noch mehr überrascht:
Sie fand einen
orthodoxen Rabbiner, Ariyeh Strikovski, ein Mann des rabbinischen
Establishments, der sie anleitet als sei sie ein Mann, seitdem sie
vor sechs Jahren aus den USA nach Israel einwanderte, um ihr Rabbinerdiplom
auf den Weg zu bringen. Aber warum tut sie sich diese Sorgen an?
"Ich will Rabbiner werden, und es gehört sich nicht, mir
dies vorzuenthalten", sagt sie. "Es gibt keinen halakhischen
Grund, daß eine Frau kein Rabbiner werden darf. Ich bin Teil
von etwas größerem in der orthodoxen Welt - Frauen, die
Frustration empfinden
und die gleichberechtigter sein wollen. Das erzürnt Menschen,
aber es gibt keine Auslese. Manchmal muß man Menschen erzürnen,
um vorwärts zu kommen und eine Änderung zu erreichen."
Was hat dich bewogen, Rabbi zu werden?
"Ich habe immer geliebt, Texte zu lernen. Die Religion lehrte
mich, dem Leben eine Bedeutung zu geben. Nun will ich anderen helfen,
dem Leben Bedeutung zu geben. Den Weg meiner rabbinischen Autorisation
betrachte ich als Tikkun olam [Verbesserung der Welt]. Die Welt
ist nicht vollständig erschaffen und es ist unsere Aufgabe,
sie zu vervollständigen. Meine Verbesserung liegt darin, die
Beteiligung der Frauen am Judentum zu vergrößern. Wenn
ich nicht lernen würde, Rabbinerin zu sein, würde es niemand
an meiner Stelle tun. Viele Frauen sagten mir: Wir können es
nicht selbst tun, aber wir sind glücklich, daß du es
für uns tust. Ich könnte die Menschen auch ohne (akademischen)
Titel beraten. Der Titel ist nur eine symbolische Sache. Aber der
Weg, den ich eingeschlagen habe, verleiht mir Selbstsicherheit.
Letzten Endes gibt er mir auch das Bewußtsein, daß ich
mich auf die Aufgabe ausrichte."
Das Establishment
wird dich doch nicht anerkennen. Warum wirst Du keine Reform- oder
konservative Rabbinerin?
"Ich mache mir keine Illusionen. Ich weiß, daß
mich das Establishment nicht akzeptieren wird. Aber es gibt Menschen,
die mich akzeptieren werden, und jeder
Prozeß beginnt mit irgend etwas. Das Reform- oder konservative
Judentum sind keine Mode. Was die Reformer betrifft - ich bin davke
in dieser halakhischen Bewegung, ich halte alle Gebote ein, das
ist doch unmöglich. Was die Konservativen anbelangt - ich schließe
mich nicht dem Separatismus an. Die Halakha [das jüdische Gesetz]
ist dieselbe Halakha, die Bücher sind dieselben Bücher,
ich verstehe nicht, warum man eine abgesonderte konservative Strömung
errichten mußte."
Wie gelangtest
Du zu Rabbi Strikovski?
"Ich setzte mich mit ihm in Verbindung und sagte zu ihm: "Ich
habe gehört, daß Sie vielleicht bereit wären, eine
Frau in Richtung Rabbinerdiplom zu unterrichten." Er sagte:
"Warum nicht?" Er wollte nicht viel reden. Er ist kein
Schwätzer. Er sagte mir: "Komm". Die Studien sind
immer sehr sachbezogen, denn wir sind beide involvierte Menschen.
Das ist ein Erlebnis. In den letzten Wochen beschäftige ich
mich mit den Speisegesetzen. Rabbi Strikovski ist ein Zaddik [ein
Gerechter], ein besonderer Mensch, immer will er gute Taten vollbringen.
Er war nicht einziges Mal bereit, eine Bezahlung von mir zu einzukassieren."
Was ist sein Beweggrund, dich zu unterrichten? "Er denkt einfach,
daß die Zeit gekommen ist."
Der Präzedenzfall
Rabbi Ariye Strikovski sitzt in einer der Unterrichtsklassen von
"Pardes", einer
gemeinschaftlichen Yeshivah [religiöses Studienzentrum] für
Jungen und Mädchen in Jerusalem. Der winterliche Abend ist
kalt und stürmisch, und Strikovski, ein älterer Mann mit
angenehmer Stimme, ist in einen Pullover eingehüllt. Als Mitarbeiter
der Abteilung für jüdische Kultur im Erziehungsministerium
mit dem Rang eines Inspektors mit halber Stelle, redigiert er ein
Bulletin über Themen des Judentums, das "Blatt für
jüdische Kultur", das im 18. Jahrgang einmal in anderthalb
Monaten erscheint. Dem äußerlichen Aussehen nach sieht
er nicht wie ein Revolutionär aus, und wahrlich - so einer
ist er nicht. Das heißt, absolut nicht.
Eine Frau
kann Rabbiner sein?
"Ich glaube, daß die Tora nicht nur den Männern
zugehörig ist, sondern auch den Frauen. Ich beziehe mich auf
das Wissen, nicht auf das Geschlecht. Jede Frau, die sich selbst
beweist und Tora im Geist der Tradition Israels lernt - ihr gegenüber
verhalte ich mich wie gegenüber einem Mann. Man muß doch
fragen, warum die heiligen Studien in der religiösen Gemeinschaft
nicht immer Begeisterung erwecken. Es scheint mir, daß einer
der Gründe darin liegt, daß sie die Frauen vernachlässigten.
Die Frauen lernten die "Limudej HaKodesch" [Erlernen der
klassisch-jüdischen Texte]nicht im erzieherischen Rahmen wie
die Männer, insbesondere nicht die mündliche Lehre [Talmud],
und deshalb gaben sie den Kindern, die sie unterrichteten, nicht
genügend Inspiration. Wir verloren wegen dieser Vernachlässigung
nicht nur die Frauen, sondern auch die nachfolgende Generation."
Das Rabbinerdiplom selbst, so sagt er, ist nicht wichtig. "Mein
Lehrer und Rabbiner, Rabbi Josef Dov Halevi Soloveitchik, der Weise,
der in Boston wohnte, und in der Yeshiva University lehrte, sagte:
"Wenn Du Wissen besitzt, dann benötigst Du kein Rabbinerdiplom,
wenn Du aber kein Wissen besitzt, wird Dir auch das Rabbinerdiplom
nicht weiterhelfen." Genauso denke auch ich. Aber ich sehe,
daß das Verleihen eines Titels wie ein Bonbon ist, das die
Frauen anspornt, Tora zu lernen. Man muß bedenken, daß
wir in einer Gesellschaft leben, die Titel wertschätzt."
Gibt es denn aber keinen halakhischen Hinderungsgrund, daß
eine Frau Rabbiner wird?
"Darin besteht kein halakhisches Problem. Der Verfasser des
Sefer HaChinuch [ein mittelalterliches klassisches Erziehungsbuch]sagt,
daß eine Frau [religiöse] Fragen entscheiden kann, und
Rabbiner Usiel neigte dazu, daß man Frauen das Rabbinerdiplom
geben könne, obwohl seine Worte durchblicken lassen, daß
er sich zurückhielt, dies in die Tat umzusetzen. Zusätzlich
dazu hat es hier bereits einen Präzendenzfall gegeben. In Kurdistan.
Es gab eine Rabbinerin namens Asnat Barasani im 17. oder 18. Jahrhundert.
Ihr Vater war der Rabbiner der Gemeinde, und nachdem er starb nahm
sie seinen Platz ein. In halakhischer Hinsicht war es auch kein
Problem, daßsie andere Rabbiner ernennt."
Asnat bat Schmuel Barasani wurde ungefähr 1590 in Kurdistan
geboren. Die Encyclopaedia Judaica weiß zu berichten, daß
sie wahrlich als Expertin der Halakha-Literatur bekannt war, und
das Haupt der Yeshiva Mozol war.
Gibt es hinsichtlich des Studiums einen Unterschied zwischen Frauen
und Männern?
"In der Klasse von Haviva gab es männliche Studenten,
und ich konnte keinen prinzipiellen Unterschied zwischen ihr und
ihnen ausmachen. Was die Frauen anbelangt, die Tora lernen, so kommt
hier eine Frage auf, die ebenso hinsichtlich vieler ba´alej
teshuva [Menschen, die zum religiösen Judentum "zurückkehren"]
erwacht. Um "gadol beTora" [ein Schriftgelehrter sein;
wörtlich: in der Tora "groß sein"] zu sein
muß man lernen und sich in die mächtige Quantität
von Texten vertiefen. Dies baut sich langsam auf, dem muß
man das Leben von jungem Alter an widmen. Wenn man im Alter von
20 Jahren anfängt zu lernen, wie es im Regelfall bei Frauen
geschieht, ist dies ein Problem."
Warum verstehen andere Rabbiner nicht, was Sie verstehen, und
warum fördern sie Frauen nicht?
"Viele von ihnen verstehen sehr wohl. Es gibt heute rabbinische
Rechtsanwältinnen, und sie sind zu Examina verpflichtet, die
nicht weniger schwer sind als
diejenigen von Haviva. Es gibt Institute, die zig Frauen die Inhalte
vermitteln, die Rabbiner lernen."
Er sagt, daß er nicht weiß, wann Ner David ihre Studien
vervollständigen wird. Sie, mit den Kindern und ihrer Doktorarbeit,
erklärt er mit einem ergänzendem Seufzer. Er sagt, daß
Ner David nach seiner Ansicht Entscheidungen der Halakha treffen
und andere Männer und Frauen bis zum Rabbinerdiplom unterrichten
kann, wenn sie ihre Studien vervollständigt hat. Dabei wird
er ihr nicht den Titel "Rav" [Rabbiner] erteilen, sondern
einen anderen Titel - etwa "Eshet chaiyl" [tüchtige
Frau]. Es ist scheint, daß er zwischen den Stühlen sitzt.
Auf der einen Seite, die Tür zu einem zukünftigen Bewußtsein
des religiösen Establishments bei dem Ernennen von Frauen als
Rabbinerinnen aufstoßen; auf der anderen Seite jetzt nicht
dieses Establishment in die Verantwortung nehmen, da die Zeit nicht
dafür spricht. "Was wichtig bleibt, ist ihr Wissen, und
nicht der Titel", sagt er. Er wird nicht derjenige sein, der
den Zaun einreißt.
Warum ausschließlich
Jungen?
Ner David wohnt zeitweilig in einem sehr schönen Steinhaus
im Viertel Baka in Jerusalem. Ihr Mann Jakob ist ein wohlhabender
High-Tech-Unternehmer, der Unterstützer ihrer Ideen. Sie leben
in großem wirtschaftlichen Wohlstand, der es ihr ermöglicht,
sich ihren Studien und ihren Kindern zu widmen. Im Wohnzimmer ihres
Hauses liegen Spielzeug und Kleidungsstücke verteilt auf dem
Boden, und es gibt keinen Fernseher. Der Bücherschrank ist
überfüllt mit einer Mischung aus heiligen Büchern,
Büchern der amerikanischen neuzeitlichen Geschichte und einigen
wenigen Büchern hebräischen Ursprungs. Ihr Traum ist es,
ihre Doktorarbeit und die Studien zum Rabbinerdiplom am selben Tag
abzuschließen, aber zur Zeit verzögert ein Projekt das
andere und bewirkt einen sehr ausgefüllten Tag. "Manchmal
bin ich etwas müde davon. Dank meinem Mann haben wir keine
wirtschaftlichen Sorgen. Aber manchmal denke ich, daß wenn
ich einen anderen Weg eingeschlagen hätte - etwa ein Studium
der Sozialarbeit - wäre alles einfacher gewesen. Heute ist
mein Leben etwas durcheinander. Ich weiß nicht, wie meine
Zukunft sein wird."
Sie ist kein Spaßvogel: Auch diejenigen, die über ihr
Bestreben, Rabbiner zu sein, spotten, heben hervor, daß Ner
David ein bahnbrechendes Zeichen eines Phänomens ist, dem im
Regelfall keine öffentliche Aufmerksamkeit vergönnt ist
- die Bemühung, die mehr und mehr orthodoxe Frauen in Israel
aufbringen, sich einen Platz in der Welt der Tora zu erobern. Die
Frage bleibt offen, ob es ihr gelingen wird, Aufmerksamkeit für
die Herausforderung zu wecken, die sie dem Rabbinat gegenüber
darstellt. Sie beherrscht Hebräisch nur begrenzt. Ihre Begriffswelt
ist amerikanisch. Bislang erregte ihre Geschichte in der Hauptsache
Aufmerksamkeit in den USA und in der angelsächsischen Gemeinde
in Israel: Die
"New Yorks Times" und die "Washington Post"
schrieben über sie auf der ersten Seite, und die israelische
Ausgabe der "Herold Tribune" widmete ihr einen Zeitungsbericht
in Form eines Portraits. Sie veröffentlicht auch ein Buch ("Life
on the Fringes", herausgegeben von JFL). Es kommt einem autobiographischen
Dokument mit einem sehr persönlichen und offenen Unterton nahe,
das vielleicht das später Folgende vorwegnimmt, indem es ihre
Lebensgeschichte zu früh offenlegt. Sie wuchs in New York auf.
Ihr Vater ist ein Rechtsanwalt, ihre Mutter eine vielbeschäftigte
Therapeutin. Beide sind streng orthodox, amerikanische Juden, die
sich in die Gesellschaft einfügen wollen ohne ihre religiöse
Identität zu verlieren. Ner David wurde in die orthodoxe Schule
geschickt und von jungem Alter an zu den Studien des Judentums herangezogen.
Es gelang ihr nicht zu verstehen, warum das, was für die Jungen
erlaubt ist, für die Mädchen verboten ist. Als sie ihren
großen Bruder Jonathan beim Einhüllen in den Tallit [Gebetsmantel]
und Anlegen der Tefillin [Gebetskapseln] sah, wollte sie es ihm
nachtun.
In ihrem Buch skizziert sie den Tag, an dem Jonathan das Haus wegen
der Brandeis University verließ. Sie war ein heranwachsendes
Mädchen. Sie belauschte ein Gespräch, das nicht für
ihre Ohren bestimmt war. Die Eltern waren besorgt, daß das
Campusleben ihren erstgeborenen Sohn dazu verführt, die Religion
zu verlassen. Nachdem die Koffer gepackt waren forderten sie von
ihm einige Verpflichtungen ein, und unter ihnen war, daß er
jeden Morgen Tefillin [Gebetskapseln] lege. Ner David konnte nicht
verstehen, warum die Mutter etwas von ihrem Bruder einforderte,
das sie ihrer Meinung nach nicht selbst tun mußte. Diese Ungleichheit
erschien ihr ungerecht. Ihre direkte Reaktion war, sich vom Judentum
zu distanzieren. In den letzten beiden Jahren des Gymnasiums und
während des ersten Jahres ihres Studiums an der Columbia University,
als Studentin der englischen Literaturwissenschaften, rebellierte
Ner David gegen ihre Eltern und gegen die Religion. Sie machte am
Schabbat das Licht an, aß nicht-koscheres Essen, verbrachte
ihre Zeit in Pubs und rauchte sogar Marihuana.
Die Rebellion fand statt als sie 19 war. "Es machte Spaß,
aber ich kam zu dem Entschluß, daß dies sinnlos ist,
daß dieses Leben keinen Sinn hat", sagt sie. Als
sie beschloß, zur Religion zurückzukehren, begann sie
sich mit Ernst mit dem zu beschäftigen, was ihr Mühe abverlangte
als sie ein Mädchen war, und sie versuchte, Judentum und Feminismus
miteinander zu verflechten. Ihre Studien brachten ihr die Schlußfolgerung
ein, daß es kein Hindernis gibt, eine Orthodoxe zu sein und
Tefillin zu legen und den Tallit um sich zu hüllen - und sie
begann, dies zu tun. "Die Tefillin sind eine zentrale Sache
im Judentum. Sie verwandeln das Gebet von etwas abstraktem zu etwas
mehr physischem. Als ich verstand, daß es keinen
Hinderungsgrund gibt, daß ich Tefillin lege, dachte ich -
warum auf eine dermaßen gehaltvolle Sache verzichten?"
Ihren Mann Jakob traf sie auf dem Korridor des Studentenwohnheims
der Columbia. So wie sie verließ auch er die Religion für
eine kurze Zeitspanne. Es war Liebe auf den ersten Blick. Was sie
bestärkte war das starke politische und zionistische Bewußtsein
der beiden. Ihre erste Verabredung war eine Demonstration für
Jonathan Pollard, und seitdem trennten sie sich nicht mehr voneinander.
Noch bevor sie nach Israel einwanderten beschloß sie, daß
sie Rabbiner werden will. 1994 reichte sie eine Bitte um ein Rabbinatsstudium
an der Yeshiva University ein, aber nach ihren Worten war ihr überhaupt
keine Antwort gegönnt. Kurze Zeit darauf wandte sich ein Freund
an sie, der Anwalt der jüdischen Zeitschrift "Moment"
war, und er schlug ihr vor, einen Artikel zu schreiben über
ihr Bestreben,
Rabbiner zu werden. Ich erfülle nicht die Gebote, die im Regelfall
nur Männer erfüllen, um irgendeinen Punkt zu beweisen",
schrieb sie im Artikel, der unter Überschrift "Warum ich
meinen Immatrikulationsgesuch an der Yeshiva University einreichte",
und erregte großen Widerhall. "Es ist nicht richtig zu
sagen, daß der Feminismus keinerlei Bezug zu meiner Stellung
hat, aber die Kraft, die mich antreibt, ist die Liebe zum Judentum
und zu G-tt".
Als das Paar zwei Jahre später nach Israel einwanderte, im
Sommer `96, beeilte sie sich, eine Verbindung zu Rabbi Strikovski
zu schaffen, und begann mit ihrem Rabbinatsstudium. Die Frage, warum
sich die Familie für eine Einwanderung entschied, klingt für
Ner David seltsam. "Ich weiß nicht, ob es heute noch
so ist, aber als wir in den USA Kinder waren, war der Geist der
modern-orthodoxen Schulen zionistisch. Als Mädchen war ich
dreimal in Israel, und ich mochte es sehr - die Geschichte, das
Wetter. Wenn ein Mensch in Jerusalem wohnen kann, der heiligen Stadt,
warum sollte er an einem anderen Ort wohnen?"
Ihre Doktorarbeit beschäftigt sich mit den Entwicklungen der
Unreinheitsgesetze. Unter ihren übrigen Beschäftigungen
wäre ihre Tätigkeit in der Organisation "Die Frauen
der Westmauer" zu erwähnen, in dessen Rahmen orthodoxe
und reformjüdische Frauen aktiv sind, um Frauen, die im Tallit
eingehüllt sind, das Gebet in der Frauenabteilung der Westmauer
zu ermöglichen. "Dieses Jahr reichten strenge fromme Gruppierungen
den Gesetzesvorschlag ein, laut dem sich eine siebenjährigen
Freiheitsstrafe für solche Frauen ableitet, die im Tallit gehüllt
beten, oder die an der Klagemauer zur Tora aufgerufen werden, oder
die den Schofar [Widderhorn, das an bestimmten Tagen während
des Gebets geblasen wird] blasen", sagt sie in großer
Erregung. "Wenn dieses Gesetz eines Tages durchgesetzt wird
- und zu meinem Bedauern besteht Aussicht darauf, daß dies
geschehen wird - werde ich bereit sein, sieben Jahre im Gefängnis
zu sitzen, aber ich werde nicht schweigen. Es wäre eine Schande
und eine Schmach. Eine Frau ins Gefängnis zu werfen, nur weil
sei die Gebote erfüllen will, die sie nicht zu erfüllen
verpflichtet ist?"
Als jemand, der danach strebt, religionsgesetzliche Entscheidungen
zu verfassen, was würdest Du einem jungen Paar antworten, das
Dich nach sexuellen Beziehungen vor der Ehe fragt?
"Es gab bereits einige Paare, die mit dieser Frage an mich
herantraten. Das Alter der Eheschließungen ist heutzutage
höher, und das Phänomen tritt bei religiösen Paaren
auf. Ich würde nicht sagen, daß es sich ausbreitet, aber
es kommt vor. Im Alter von 30 Jahren ist es bereits schwierig, sich
zurückzuhalten. Einem solchen Pärchen würde ich sagen,
daß wenn sie bereits sexuelle Beziehungen vor der Ehe pflegen,
dann sollte die Frau in die Mikva [Tauchbad, in dem sich u.a. Frauen
nach Beendigung ihrer Periode untertauchen, um rituelle Reinheit
zu erlangen]. Das Verbot, sexuelle Beziehungen vor der Eheschliessung
zu pflegen, ist miderabbanan [von den Rabbinen erlassen], wobei
das Verbot, diese zu pflegen ohne daß die Frau in die Mikva
geht, mid´orayta [ein direkt auf die Tora zurückzuführendes
Verbot, das somit strenger zu handhaben ist als das von den Rabbinen
erlassene Verbot] ist. Also, wenn die Frau wenigstens in die Mikva
ginge, wäre es weniger schlimm."
Was ist Deine Meinung zu Abtreibungen?
"Ohne in dieses verzwickte Themengebiet tief eindringen zu
können kann ich sagen, daß die Abtreibung eine sehr private
Entscheidung der Frau darstellt. Wenn eine Frau eine Abtreibung
vornehmen will - dann ist es ihre eigene Wahl. Vom halakhischen
Standpunkt her gesehen, ist eine Abtreibung erlaubt, wenn eine Gefahr
für das Leben der Frau in Aussicht steht. Um eine Abtreibung
zu ermöglichen, muß es möglich sein diese Gefahr
in bezug zu seinem weiteren Ausmaß zu definieren, z.B. der
Auswirkung auf das Leben der Frau. Die Definition muß so weit
wie möglich gefaßt werden. Aber es ist wichtig zu betonen,
daß die Entscheidung über eine Abtreibung eine sehr schwere
Entscheidung darstellt, und die Frau muß mit klarem Kopf darüber
nachdenken, bevor sie sich entscheidet. Wenn mich eine Frau über
eine Abtreibung befragte, würde ich ihr sagen, wie wunderbar
es ist, ein Kind auf die Welt zu bringen."
Was ist Deine Meinung über Homosexualität?
"Das Verbot in der Tora bezieht sich nicht darauf, daß
zwischen zwei Männern Liebe existiert, oder daß sie gemeinsam
eine Familie gründen - sondern, daß sie eine sexuelle
Beziehung begründen. Deshalb ist es nicht verpflichtend ein
homosexuelles Paar darüber zu befragen, was in ihrem Schlafzimmer
vor sich geht. Es ist möglich, sie in eine Synagoge aufzunehmen
ohne zu fragen, was sie genau tun."
"Was ich einem homosexuellen Paar antworten würde, das
mich über das Bestehen einer sexuellen Beziehung befragen würde?
Ich habe ein Problem damit zu sagen, daß dies eine völlig
schlimme Sache ist, denn G-tt hat sie so erschaffen und ein hoher
Prozentsatz der Bevölkerung ist so. Ich ringe mit dieser Problematik.
So wie es die Halakha jetzt betrachtet, gibt es ein halakhisches
Problem mit homosexuellen Beziehungen. Aber jeder ist verpflichtet,
seine eigenen Überlegungen anzustellen. Einem homosexuellen
Paar würde ich antworten, daß man nicht das gesamte Judentum
wegen des Verbots der homosexuellen Beziehungen verwerfen muß.
Wenn sie die Religion anzieht, haben sie keinen Grund sich selbst
zu sagen, daß sie nicht die übrigen Gebote erfüllen
können, nur weil sie homosexuell sind. Stets gibt es die Möglichkeit,
daß sich die Halakha ändert. Es ist sehr wichtig, daß
die Homosexuellen nicht fühlen, daß sie keinen Platz
in der halakhischen und religiösen Welt besitzen."
Was würdest Du einer Frau sagen, die mittels einer Operation
ihre Brust vergrößern lassen will?
"Ich würde ihr sagen, daß wir verstehen müssen
uns selbst anzunehmen wie wir erschaffen wurden. Aber eine Frau,
dessen Brustgröße sie in einer störenden Weise davon
abhält, glücklich zu sein - es gibt Quellen, die eine
solche Operation empfehlen, natürlich nach viel Nachdenken."
Was würdest Du einem Paar entgegnen, das behauptet, daß
Pornofilme ihr Liebesleben entfacht?
"Ich sage ihnen, schaut keine Pornofilme. In Pornofilmen ist
eine Verletzung anderer Menschen vermischt, derjenigen, die im Film
auftauchen, und deshalb ist es im jeden Fall nicht erlaubt."
In welchem Alter ist Deine Tochter berechtigt, mit Jungen auszugehen?
"Ich habe nicht über ein bestimmtes Alter nachgedacht.
Ich dachte, wenn sie darin ein Interesse entdeckt, wird sie zu mir
kommen - und dann sehen wir weiter. Ich weiß, daß dies
heutzutage in einem jüngeren Alter geschieht."
Was ist Deine Meinung über Rabbi Ovadja Josef?
"Ich weiß nicht, was mit ihm zu tun wäre. Was seine
Wissen in Halakha angeht, ist er sehr angesehen, aber ich habe ein
Problem mit seinen Äußerungen. Ich weiß nicht,
ob es möglich ist, sein Wissen von seinen Äußerungen
zu trennen."
Shulamit Aloni?
"Ich verehre all das sehr, was sie bezogen auf die Menschenrechte
getan hat. Ich habe ein kleines Problem damit, daß sie so
sehr gegen die Religion ist."
Du hast keinen Fernseher im Wohnzimmer. Was ist deine Anschauung
über das Fernsehen?
"Ich denke, daß fernsehen eine Zeitverschwendung ist.
Es gibt so viele Dinge zu tun, weshalb also fernsehen, eine dermaßen
passive Tätigkeit? Als ich Israel während meiner Kindheit
besuchte, erschien es mir immer, daß dies gegenüber den
USA ein besserer Staat sei, denn es gab hier nur einen Fernsehkanal.
Trotz der Kabel und der Beerdigungen denke ich, daß Israel
auch heutzutage weniger materialistisch ist. Wir haben in einem
Zimmer einen Fernseher, aber nur für Videofilme. Der letzte
Videofilm, den wir gesehen haben, war "Billy Elliot",
und wir haben ihn sehr genossen. Der letzte Film, den wir im Kino
gesehen haben, war "Harry Potter". Wir haben ihn genossen,aber
die Kinder haben sich etwas gefürchtet."
Weißt Du, daß Deine Anschauungen sehr viel lieber
sind als die des durchschnittlichen orthodoxen Juden?
"Ja, ich bin sehr liberal. Orthodox, aber liberal."
Schade um
die Zeit
Im rabbinischen Establishment nimmt man das Rabbinatsstudium von
Ner David mit einer Mischung aus Erstaunen und Verachtung auf. Der
sephardische Oberrabbiner Israels ("Ha Rischon leZion"),
Eliyahu Bakshi Doron, ist nicht einverstanden, sich zu diesem Thema
interviewen zu lassen. In seinem Büro sagte man, daß
die Angelegenheit sonderbar klinge. Der aschkenasische Oberrabbiner,
Israel Meir Lau, befand sich nicht in Israel und konnte nicht interviewt
werden. Sein Sprecher empfahl, über das Thema mit dem Oberrabbiner
von Ramat Gan zu sprechen, Rabbi Jakob Ariel.
Ariel: "Ich schätze sehr meine Frau, sie ist weiser als
viele andere Menschen. Ich habe bei Nechama Leibowitz Tora gelernt,
eine sehr weise Frau. Ich freue mich über jede Frau, die Tora
lernt und die beim Lernen der Tora erfolgreich ist. Aber die Frage
ist, wozu sie dies braucht. Ich denke nicht, daß sie dies
im Namen des Himmels tut [d.h. er bezweifelt, daß esihr ernst
mit ihren Studien ist]."
"Der Grund, warum Ner David nicht als Rabbiner amtieren können
wird, ist technischer Natur: Sie kann nicht seine Aufgabe erfüllen.
Die Aufgabe des Rabbinats, so wie wir sie heute sehen, ist eine
genau abgegrenzte Aufgabe, die in einer bestimmten Form liegt, in
einer bestimmten Weise, in der Gemeinde. Die Synagoge ist der zentrale
Ort, in dem der Rabbiner tätig ist. Die Gemeinde erwartet sein
Gebet, die Worte aus seinem Munde [d.h., sie erwartet z.B. halakhische
Entscheidungen von ihm]. Dies sind Tätigkeiten der Männer,
aber die Frauen haben daran in einer anderen Form Anteil."
"Was wird sie mit dem Rabbinerdiplom machen? In den Yeshivot
macht man ein Rabbinerdiplom nicht im Schnelldurchlauf, das ist
nicht von Interesse. Wer eine Halakha entscheiden will, benötigt
kein Rabbinerdiplom. Das Rabbinerdiplom ist für das Establishment,
für eine Aufgabe innerhalb des Rabbinats. Die Frage ist doch,
ob die Frau überhaupt eine solche Aufgabe braucht, denn sie
hat doch viele
Möglichkeiten, Aufgaben der Tora zu erfüllen? Ich würde
sie überzeugen, von dieser Sache abzuspringen. Es heißt
doch: Schade um die Zeit."
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