bsd.JPG (1005 bytes)

Jüdisches Leben > Aktuell>
Eine Fremde in ihrer Mitte

Von Uriyah Shavit, Ha´aretz vom 28.12.01, aus dem Hebräischen übersetzt
von Jehonatan Grünfeld

Die feministische Revolution klopft an die Türen der halakhischen [religionsgesetzlichen] Welt: Haviva Ner David, eine orthodoxe Religiöse, ist im Begriff das Studium "Rabbinatsdiplom" zu beenden, um orthodoxer Rabbiner zu werden, und kann keinen Grund ausmachen, nicht als Rabbi ordiniert zu werden. Es fällt nicht schwer, die Reaktion des rabbinischen Establishments vorauszusehen - es sei "schade um die Zeit"

Haviva Ner David, eine 32jährige orthodoxe Frau mit vier Kindern, Doktorandin der Universität Bar Ilan, will Rabbiner werden. Wäre Ner David reformjüdisch oder konservativ, würde sie keinerlei besonderes Aufsehen erregen. Aber Ner David ist eine orthodoxe Frau, Tochter einer orthodoxen Familie. Sie hegt keine Absicht, sich der liberalen Strömung zuzuwenden, die ihre feministischen Ideen mit Verständnis annehmen würde. Und was noch mehr überrascht: Sie fand einen
orthodoxen Rabbiner, Ariyeh Strikovski, ein Mann des rabbinischen Establishments, der sie anleitet als sei sie ein Mann, seitdem sie vor sechs Jahren aus den USA nach Israel einwanderte, um ihr Rabbinerdiplom auf den Weg zu bringen. Aber warum tut sie sich diese Sorgen an? "Ich will Rabbiner werden, und es gehört sich nicht, mir dies vorzuenthalten", sagt sie. "Es gibt keinen halakhischen Grund, daß eine Frau kein Rabbiner werden darf. Ich bin Teil von etwas größerem in der orthodoxen Welt - Frauen, die Frustration empfinden
und die gleichberechtigter sein wollen. Das erzürnt Menschen, aber es gibt keine Auslese. Manchmal muß man Menschen erzürnen, um vorwärts zu kommen und eine Änderung zu erreichen."


Was hat dich bewogen, Rabbi zu werden?
"Ich habe immer geliebt, Texte zu lernen. Die Religion lehrte mich, dem Leben eine Bedeutung zu geben. Nun will ich anderen helfen, dem Leben Bedeutung zu geben. Den Weg meiner rabbinischen Autorisation betrachte ich als Tikkun olam [Verbesserung der Welt]. Die Welt ist nicht vollständig erschaffen und es ist unsere Aufgabe, sie zu vervollständigen. Meine Verbesserung liegt darin, die Beteiligung der Frauen am Judentum zu vergrößern. Wenn ich nicht lernen würde, Rabbinerin zu sein, würde es niemand an meiner Stelle tun. Viele Frauen sagten mir: Wir können es nicht selbst tun, aber wir sind glücklich, daß du es für uns tust. Ich könnte die Menschen auch ohne (akademischen) Titel beraten. Der Titel ist nur eine symbolische Sache. Aber der Weg, den ich eingeschlagen habe, verleiht mir Selbstsicherheit. Letzten Endes gibt er mir auch das Bewußtsein, daß ich mich auf die Aufgabe ausrichte."

Das Establishment wird dich doch nicht anerkennen. Warum wirst Du keine Reform- oder konservative Rabbinerin?
"Ich mache mir keine Illusionen. Ich weiß, daß mich das Establishment nicht akzeptieren wird. Aber es gibt Menschen, die mich akzeptieren werden, und jeder
Prozeß beginnt mit irgend etwas. Das Reform- oder konservative Judentum sind keine Mode. Was die Reformer betrifft - ich bin davke in dieser halakhischen Bewegung, ich halte alle Gebote ein, das ist doch unmöglich. Was die Konservativen anbelangt - ich schließe mich nicht dem Separatismus an. Die Halakha [das jüdische Gesetz] ist dieselbe Halakha, die Bücher sind dieselben Bücher, ich verstehe nicht, warum man eine abgesonderte konservative Strömung
errichten mußte."

Wie gelangtest Du zu Rabbi Strikovski?
"Ich setzte mich mit ihm in Verbindung und sagte zu ihm: "Ich habe gehört, daß Sie vielleicht bereit wären, eine Frau in Richtung Rabbinerdiplom zu unterrichten." Er sagte: "Warum nicht?" Er wollte nicht viel reden. Er ist kein Schwätzer. Er sagte mir: "Komm". Die Studien sind immer sehr sachbezogen, denn wir sind beide involvierte Menschen. Das ist ein Erlebnis. In den letzten Wochen beschäftige ich mich mit den Speisegesetzen. Rabbi Strikovski ist ein Zaddik [ein Gerechter], ein besonderer Mensch, immer will er gute Taten vollbringen. Er war nicht einziges Mal bereit, eine Bezahlung von mir zu einzukassieren." Was ist sein Beweggrund, dich zu unterrichten? "Er denkt einfach, daß die Zeit gekommen ist."

Der Präzedenzfall
Rabbi Ariye Strikovski sitzt in einer der Unterrichtsklassen von "Pardes", einer
gemeinschaftlichen Yeshivah [religiöses Studienzentrum] für Jungen und Mädchen in Jerusalem. Der winterliche Abend ist kalt und stürmisch, und Strikovski, ein älterer Mann mit angenehmer Stimme, ist in einen Pullover eingehüllt. Als Mitarbeiter der Abteilung für jüdische Kultur im Erziehungsministerium mit dem Rang eines Inspektors mit halber Stelle, redigiert er ein Bulletin über Themen des Judentums, das "Blatt für jüdische Kultur", das im 18. Jahrgang einmal in anderthalb Monaten erscheint. Dem äußerlichen Aussehen nach sieht er nicht wie ein Revolutionär aus, und wahrlich - so einer ist er nicht. Das heißt, absolut nicht.

Eine Frau kann Rabbiner sein?
"Ich glaube, daß die Tora nicht nur den Männern zugehörig ist, sondern auch den Frauen. Ich beziehe mich auf das Wissen, nicht auf das Geschlecht. Jede Frau, die sich selbst beweist und Tora im Geist der Tradition Israels lernt - ihr gegenüber verhalte ich mich wie gegenüber einem Mann. Man muß doch fragen, warum die heiligen Studien in der religiösen Gemeinschaft nicht immer Begeisterung erwecken. Es scheint mir, daß einer der Gründe darin liegt, daß sie die Frauen vernachlässigten. Die Frauen lernten die "Limudej HaKodesch" [Erlernen der klassisch-jüdischen Texte]nicht im erzieherischen Rahmen wie die Männer, insbesondere nicht die mündliche Lehre [Talmud], und deshalb gaben sie den Kindern, die sie unterrichteten, nicht genügend Inspiration. Wir verloren wegen dieser Vernachlässigung nicht nur die Frauen, sondern auch die nachfolgende Generation."

Das Rabbinerdiplom selbst, so sagt er, ist nicht wichtig. "Mein Lehrer und Rabbiner, Rabbi Josef Dov Halevi Soloveitchik, der Weise, der in Boston wohnte, und in der Yeshiva University lehrte, sagte: "Wenn Du Wissen besitzt, dann benötigst Du kein Rabbinerdiplom, wenn Du aber kein Wissen besitzt, wird Dir auch das Rabbinerdiplom nicht weiterhelfen." Genauso denke auch ich. Aber ich sehe, daß das Verleihen eines Titels wie ein Bonbon ist, das die Frauen anspornt, Tora zu lernen. Man muß bedenken, daß wir in einer Gesellschaft leben, die Titel wertschätzt."
Gibt es denn aber keinen halakhischen Hinderungsgrund, daß eine Frau Rabbiner wird?
"Darin besteht kein halakhisches Problem. Der Verfasser des Sefer HaChinuch [ein mittelalterliches klassisches Erziehungsbuch]sagt, daß eine Frau [religiöse] Fragen entscheiden kann, und Rabbiner Usiel neigte dazu, daß man Frauen das Rabbinerdiplom geben könne, obwohl seine Worte durchblicken lassen, daß er sich zurückhielt, dies in die Tat umzusetzen. Zusätzlich dazu hat es hier bereits einen Präzendenzfall gegeben. In Kurdistan. Es gab eine Rabbinerin namens Asnat Barasani im 17. oder 18. Jahrhundert. Ihr Vater war der Rabbiner der Gemeinde, und nachdem er starb nahm sie seinen Platz ein. In halakhischer Hinsicht war es auch kein Problem, daßsie andere Rabbiner ernennt."

Asnat bat Schmuel Barasani wurde ungefähr 1590 in Kurdistan geboren. Die Encyclopaedia Judaica weiß zu berichten, daß sie wahrlich als Expertin der Halakha-Literatur bekannt war, und das Haupt der Yeshiva Mozol war.

Gibt es hinsichtlich des Studiums einen Unterschied zwischen Frauen und Männern?

"In der Klasse von Haviva gab es männliche Studenten, und ich konnte keinen prinzipiellen Unterschied zwischen ihr und ihnen ausmachen. Was die Frauen anbelangt, die Tora lernen, so kommt hier eine Frage auf, die ebenso hinsichtlich vieler ba´alej teshuva [Menschen, die zum religiösen Judentum "zurückkehren"] erwacht. Um "gadol beTora" [ein Schriftgelehrter sein; wörtlich: in der Tora "groß sein"] zu sein muß man lernen und sich in die mächtige Quantität von Texten vertiefen. Dies baut sich langsam auf, dem muß man das Leben von jungem Alter an widmen. Wenn man im Alter von 20 Jahren anfängt zu lernen, wie es im Regelfall bei Frauen geschieht, ist dies ein Problem."

Warum verstehen andere Rabbiner nicht, was Sie verstehen, und warum fördern sie Frauen nicht?
"Viele von ihnen verstehen sehr wohl. Es gibt heute rabbinische Rechtsanwältinnen, und sie sind zu Examina verpflichtet, die nicht weniger schwer sind als
diejenigen von Haviva. Es gibt Institute, die zig Frauen die Inhalte vermitteln, die Rabbiner lernen."

Er sagt, daß er nicht weiß, wann Ner David ihre Studien vervollständigen wird. Sie, mit den Kindern und ihrer Doktorarbeit, erklärt er mit einem ergänzendem Seufzer. Er sagt, daß Ner David nach seiner Ansicht Entscheidungen der Halakha treffen und andere Männer und Frauen bis zum Rabbinerdiplom unterrichten kann, wenn sie ihre Studien vervollständigt hat. Dabei wird er ihr nicht den Titel "Rav" [Rabbiner] erteilen, sondern einen anderen Titel - etwa "Eshet chaiyl" [tüchtige Frau]. Es ist scheint, daß er zwischen den Stühlen sitzt. Auf der einen Seite, die Tür zu einem zukünftigen Bewußtsein des religiösen Establishments bei dem Ernennen von Frauen als Rabbinerinnen aufstoßen; auf der anderen Seite jetzt nicht dieses Establishment in die Verantwortung nehmen, da die Zeit nicht dafür spricht. "Was wichtig bleibt, ist ihr Wissen, und nicht der Titel", sagt er. Er wird nicht derjenige sein, der den Zaun einreißt.

Warum ausschließlich Jungen?
Ner David wohnt zeitweilig in einem sehr schönen Steinhaus im Viertel Baka in Jerusalem. Ihr Mann Jakob ist ein wohlhabender High-Tech-Unternehmer, der Unterstützer ihrer Ideen. Sie leben in großem wirtschaftlichen Wohlstand, der es ihr ermöglicht, sich ihren Studien und ihren Kindern zu widmen. Im Wohnzimmer ihres Hauses liegen Spielzeug und Kleidungsstücke verteilt auf dem Boden, und es gibt keinen Fernseher. Der Bücherschrank ist überfüllt mit einer Mischung aus heiligen Büchern, Büchern der amerikanischen neuzeitlichen Geschichte und einigen wenigen Büchern hebräischen Ursprungs. Ihr Traum ist es, ihre Doktorarbeit und die Studien zum Rabbinerdiplom am selben Tag abzuschließen, aber zur Zeit verzögert ein Projekt das andere und bewirkt einen sehr ausgefüllten Tag. "Manchmal bin ich etwas müde davon. Dank meinem Mann haben wir keine wirtschaftlichen Sorgen. Aber manchmal denke ich, daß wenn ich einen anderen Weg eingeschlagen hätte - etwa ein Studium der Sozialarbeit - wäre alles einfacher gewesen. Heute ist mein Leben etwas durcheinander. Ich weiß nicht, wie meine Zukunft sein wird."
Sie ist kein Spaßvogel: Auch diejenigen, die über ihr Bestreben, Rabbiner zu sein, spotten, heben hervor, daß Ner David ein bahnbrechendes Zeichen eines Phänomens ist, dem im Regelfall keine öffentliche Aufmerksamkeit vergönnt ist - die Bemühung, die mehr und mehr orthodoxe Frauen in Israel aufbringen, sich einen Platz in der Welt der Tora zu erobern. Die Frage bleibt offen, ob es ihr gelingen wird, Aufmerksamkeit für die Herausforderung zu wecken, die sie dem Rabbinat gegenüber darstellt. Sie beherrscht Hebräisch nur begrenzt. Ihre Begriffswelt ist amerikanisch. Bislang erregte ihre Geschichte in der Hauptsache Aufmerksamkeit in den USA und in der angelsächsischen Gemeinde in Israel: Die
"New Yorks Times" und die "Washington Post" schrieben über sie auf der ersten Seite, und die israelische Ausgabe der "Herold Tribune" widmete ihr einen Zeitungsbericht in Form eines Portraits. Sie veröffentlicht auch ein Buch ("Life on the Fringes", herausgegeben von JFL). Es kommt einem autobiographischen Dokument mit einem sehr persönlichen und offenen Unterton nahe, das vielleicht das später Folgende vorwegnimmt, indem es ihre Lebensgeschichte zu früh offenlegt. Sie wuchs in New York auf. Ihr Vater ist ein Rechtsanwalt, ihre Mutter eine vielbeschäftigte Therapeutin. Beide sind streng orthodox, amerikanische Juden, die sich in die Gesellschaft einfügen wollen ohne ihre religiöse Identität zu verlieren. Ner David wurde in die orthodoxe Schule geschickt und von jungem Alter an zu den Studien des Judentums herangezogen. Es gelang ihr nicht zu verstehen, warum das, was für die Jungen erlaubt ist, für die Mädchen verboten ist. Als sie ihren großen Bruder Jonathan beim Einhüllen in den Tallit [Gebetsmantel] und Anlegen der Tefillin [Gebetskapseln] sah, wollte sie es ihm nachtun.
In ihrem Buch skizziert sie den Tag, an dem Jonathan das Haus wegen der Brandeis University verließ. Sie war ein heranwachsendes Mädchen. Sie belauschte ein Gespräch, das nicht für ihre Ohren bestimmt war. Die Eltern waren besorgt, daß das Campusleben ihren erstgeborenen Sohn dazu verführt, die Religion zu verlassen. Nachdem die Koffer gepackt waren forderten sie von ihm einige Verpflichtungen ein, und unter ihnen war, daß er jeden Morgen Tefillin [Gebetskapseln] lege. Ner David konnte nicht verstehen, warum die Mutter etwas von ihrem Bruder einforderte, das sie ihrer Meinung nach nicht selbst tun mußte. Diese Ungleichheit erschien ihr ungerecht. Ihre direkte Reaktion war, sich vom Judentum zu distanzieren. In den letzten beiden Jahren des Gymnasiums und während des ersten Jahres ihres Studiums an der Columbia University, als Studentin der englischen Literaturwissenschaften, rebellierte Ner David gegen ihre Eltern und gegen die Religion. Sie machte am Schabbat das Licht an, aß nicht-koscheres Essen, verbrachte ihre Zeit in Pubs und rauchte sogar Marihuana.
Die Rebellion fand statt als sie 19 war. "Es machte Spaß, aber ich kam zu dem Entschluß, daß dies sinnlos ist, daß dieses Leben keinen Sinn hat", sagt sie. Als
sie beschloß, zur Religion zurückzukehren, begann sie sich mit Ernst mit dem zu beschäftigen, was ihr Mühe abverlangte als sie ein Mädchen war, und sie versuchte, Judentum und Feminismus miteinander zu verflechten. Ihre Studien brachten ihr die Schlußfolgerung ein, daß es kein Hindernis gibt, eine Orthodoxe zu sein und Tefillin zu legen und den Tallit um sich zu hüllen - und sie begann, dies zu tun. "Die Tefillin sind eine zentrale Sache im Judentum. Sie verwandeln das Gebet von etwas abstraktem zu etwas mehr physischem. Als ich verstand, daß es keinen
Hinderungsgrund gibt, daß ich Tefillin lege, dachte ich - warum auf eine dermaßen gehaltvolle Sache verzichten?"

Ihren Mann Jakob traf sie auf dem Korridor des Studentenwohnheims der Columbia. So wie sie verließ auch er die Religion für eine kurze Zeitspanne. Es war Liebe auf den ersten Blick. Was sie bestärkte war das starke politische und zionistische Bewußtsein der beiden. Ihre erste Verabredung war eine Demonstration für Jonathan Pollard, und seitdem trennten sie sich nicht mehr voneinander.
Noch bevor sie nach Israel einwanderten beschloß sie, daß sie Rabbiner werden will. 1994 reichte sie eine Bitte um ein Rabbinatsstudium an der Yeshiva University ein, aber nach ihren Worten war ihr überhaupt keine Antwort gegönnt. Kurze Zeit darauf wandte sich ein Freund an sie, der Anwalt der jüdischen Zeitschrift "Moment" war, und er schlug ihr vor, einen Artikel zu schreiben über ihr Bestreben,
Rabbiner zu werden. Ich erfülle nicht die Gebote, die im Regelfall nur Männer erfüllen, um irgendeinen Punkt zu beweisen", schrieb sie im Artikel, der unter Überschrift "Warum ich meinen Immatrikulationsgesuch an der Yeshiva University einreichte", und erregte großen Widerhall. "Es ist nicht richtig zu sagen, daß der Feminismus keinerlei Bezug zu meiner Stellung hat, aber die Kraft, die mich antreibt, ist die Liebe zum Judentum und zu G-tt".
Als das Paar zwei Jahre später nach Israel einwanderte, im Sommer `96, beeilte sie sich, eine Verbindung zu Rabbi Strikovski zu schaffen, und begann mit ihrem Rabbinatsstudium. Die Frage, warum sich die Familie für eine Einwanderung entschied, klingt für Ner David seltsam. "Ich weiß nicht, ob es heute noch so ist, aber als wir in den USA Kinder waren, war der Geist der modern-orthodoxen Schulen zionistisch. Als Mädchen war ich dreimal in Israel, und ich mochte es sehr - die Geschichte, das Wetter. Wenn ein Mensch in Jerusalem wohnen kann, der heiligen Stadt, warum sollte er an einem anderen Ort wohnen?"

Ihre Doktorarbeit beschäftigt sich mit den Entwicklungen der Unreinheitsgesetze. Unter ihren übrigen Beschäftigungen wäre ihre Tätigkeit in der Organisation "Die Frauen der Westmauer" zu erwähnen, in dessen Rahmen orthodoxe und reformjüdische Frauen aktiv sind, um Frauen, die im Tallit eingehüllt sind, das Gebet in der Frauenabteilung der Westmauer zu ermöglichen. "Dieses Jahr reichten strenge fromme Gruppierungen den Gesetzesvorschlag ein, laut dem sich eine siebenjährigen Freiheitsstrafe für solche Frauen ableitet, die im Tallit gehüllt beten, oder die an der Klagemauer zur Tora aufgerufen werden, oder die den Schofar [Widderhorn, das an bestimmten Tagen während des Gebets geblasen wird] blasen", sagt sie in großer Erregung. "Wenn dieses Gesetz eines Tages durchgesetzt wird - und zu meinem Bedauern besteht Aussicht darauf, daß dies geschehen wird - werde ich bereit sein, sieben Jahre im Gefängnis zu sitzen, aber ich werde nicht schweigen. Es wäre eine Schande und eine Schmach. Eine Frau ins Gefängnis zu werfen, nur weil sei die Gebote erfüllen will, die sie nicht zu erfüllen verpflichtet ist?"
Als jemand, der danach strebt, religionsgesetzliche Entscheidungen zu verfassen, was würdest Du einem jungen Paar antworten, das Dich nach sexuellen Beziehungen vor der Ehe fragt?
"Es gab bereits einige Paare, die mit dieser Frage an mich herantraten. Das Alter der Eheschließungen ist heutzutage höher, und das Phänomen tritt bei religiösen Paaren auf. Ich würde nicht sagen, daß es sich ausbreitet, aber es kommt vor. Im Alter von 30 Jahren ist es bereits schwierig, sich zurückzuhalten. Einem solchen Pärchen würde ich sagen, daß wenn sie bereits sexuelle Beziehungen vor der Ehe pflegen, dann sollte die Frau in die Mikva [Tauchbad, in dem sich u.a. Frauen nach Beendigung ihrer Periode untertauchen, um rituelle Reinheit zu erlangen]. Das Verbot, sexuelle Beziehungen vor der Eheschliessung zu pflegen, ist miderabbanan [von den Rabbinen erlassen], wobei das Verbot, diese zu pflegen ohne daß die Frau in die Mikva geht, mid´orayta [ein direkt auf die Tora zurückzuführendes Verbot, das somit strenger zu handhaben ist als das von den Rabbinen erlassene Verbot] ist. Also, wenn die Frau wenigstens in die Mikva ginge, wäre es weniger schlimm."
Was ist Deine Meinung zu Abtreibungen?
"Ohne in dieses verzwickte Themengebiet tief eindringen zu können kann ich sagen, daß die Abtreibung eine sehr private Entscheidung der Frau darstellt. Wenn eine Frau eine Abtreibung vornehmen will - dann ist es ihre eigene Wahl. Vom halakhischen Standpunkt her gesehen, ist eine Abtreibung erlaubt, wenn eine Gefahr für das Leben der Frau in Aussicht steht. Um eine Abtreibung zu ermöglichen, muß es möglich sein diese Gefahr in bezug zu seinem weiteren Ausmaß zu definieren, z.B. der Auswirkung auf das Leben der Frau. Die Definition muß so weit wie möglich gefaßt werden. Aber es ist wichtig zu betonen, daß die Entscheidung über eine Abtreibung eine sehr schwere Entscheidung darstellt, und die Frau muß mit klarem Kopf darüber nachdenken, bevor sie sich entscheidet. Wenn mich eine Frau über eine Abtreibung befragte, würde ich ihr sagen, wie wunderbar es ist, ein Kind auf die Welt zu bringen."
Was ist Deine Meinung über Homosexualität?
"Das Verbot in der Tora bezieht sich nicht darauf, daß zwischen zwei Männern Liebe existiert, oder daß sie gemeinsam eine Familie gründen - sondern, daß sie eine sexuelle Beziehung begründen. Deshalb ist es nicht verpflichtend ein homosexuelles Paar darüber zu befragen, was in ihrem Schlafzimmer vor sich geht. Es ist möglich, sie in eine Synagoge aufzunehmen ohne zu fragen, was sie genau tun."
"Was ich einem homosexuellen Paar antworten würde, das mich über das Bestehen einer sexuellen Beziehung befragen würde? Ich habe ein Problem damit zu sagen, daß dies eine völlig schlimme Sache ist, denn G-tt hat sie so erschaffen und ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung ist so. Ich ringe mit dieser Problematik.
So wie es die Halakha jetzt betrachtet, gibt es ein halakhisches Problem mit homosexuellen Beziehungen. Aber jeder ist verpflichtet, seine eigenen Überlegungen anzustellen. Einem homosexuellen Paar würde ich antworten, daß man nicht das gesamte Judentum wegen des Verbots der homosexuellen Beziehungen verwerfen muß. Wenn sie die Religion anzieht, haben sie keinen Grund sich selbst zu sagen, daß sie nicht die übrigen Gebote erfüllen können, nur weil sie homosexuell sind. Stets gibt es die Möglichkeit, daß sich die Halakha ändert. Es ist sehr wichtig, daß die Homosexuellen nicht fühlen, daß sie keinen Platz in der halakhischen und religiösen Welt besitzen."
Was würdest Du einer Frau sagen, die mittels einer Operation ihre Brust vergrößern lassen will?
"Ich würde ihr sagen, daß wir verstehen müssen uns selbst anzunehmen wie wir erschaffen wurden. Aber eine Frau, dessen Brustgröße sie in einer störenden Weise davon abhält, glücklich zu sein - es gibt Quellen, die eine solche Operation empfehlen, natürlich nach viel Nachdenken."
Was würdest Du einem Paar entgegnen, das behauptet, daß Pornofilme ihr Liebesleben entfacht?
"Ich sage ihnen, schaut keine Pornofilme. In Pornofilmen ist eine Verletzung anderer Menschen vermischt, derjenigen, die im Film auftauchen, und deshalb ist es im jeden Fall nicht erlaubt."
In welchem Alter ist Deine Tochter berechtigt, mit Jungen auszugehen?
"Ich habe nicht über ein bestimmtes Alter nachgedacht. Ich dachte, wenn sie darin ein Interesse entdeckt, wird sie zu mir kommen - und dann sehen wir weiter. Ich weiß, daß dies heutzutage in einem jüngeren Alter geschieht."
Was ist Deine Meinung über Rabbi Ovadja Josef?
"Ich weiß nicht, was mit ihm zu tun wäre. Was seine Wissen in Halakha angeht, ist er sehr angesehen, aber ich habe ein Problem mit seinen Äußerungen. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, sein Wissen von seinen Äußerungen zu trennen."
Shulamit Aloni?
"Ich verehre all das sehr, was sie bezogen auf die Menschenrechte getan hat. Ich habe ein kleines Problem damit, daß sie so sehr gegen die Religion ist."
Du hast keinen Fernseher im Wohnzimmer. Was ist deine Anschauung über das Fernsehen?
"Ich denke, daß fernsehen eine Zeitverschwendung ist. Es gibt so viele Dinge zu tun, weshalb also fernsehen, eine dermaßen passive Tätigkeit? Als ich Israel während meiner Kindheit besuchte, erschien es mir immer, daß dies gegenüber den USA ein besserer Staat sei, denn es gab hier nur einen Fernsehkanal. Trotz der Kabel und der Beerdigungen denke ich, daß Israel auch heutzutage weniger materialistisch ist. Wir haben in einem Zimmer einen Fernseher, aber nur für Videofilme. Der letzte Videofilm, den wir gesehen haben, war "Billy Elliot", und wir haben ihn sehr genossen. Der letzte Film, den wir im Kino gesehen haben, war "Harry Potter". Wir haben ihn genossen,aber die Kinder haben sich etwas gefürchtet."
Weißt Du, daß Deine Anschauungen sehr viel lieber sind als die des durchschnittlichen orthodoxen Juden?
"Ja, ich bin sehr liberal. Orthodox, aber liberal."

Schade um die Zeit
Im rabbinischen Establishment nimmt man das Rabbinatsstudium von Ner David mit einer Mischung aus Erstaunen und Verachtung auf. Der sephardische Oberrabbiner Israels ("Ha Rischon leZion"), Eliyahu Bakshi Doron, ist nicht einverstanden, sich zu diesem Thema interviewen zu lassen. In seinem Büro sagte man, daß die Angelegenheit sonderbar klinge. Der aschkenasische Oberrabbiner, Israel Meir Lau, befand sich nicht in Israel und konnte nicht interviewt werden. Sein Sprecher empfahl, über das Thema mit dem Oberrabbiner von Ramat Gan zu sprechen, Rabbi Jakob Ariel.
Ariel: "Ich schätze sehr meine Frau, sie ist weiser als viele andere Menschen. Ich habe bei Nechama Leibowitz Tora gelernt, eine sehr weise Frau. Ich freue mich über jede Frau, die Tora lernt und die beim Lernen der Tora erfolgreich ist. Aber die Frage ist, wozu sie dies braucht. Ich denke nicht, daß sie dies im Namen des Himmels tut [d.h. er bezweifelt, daß esihr ernst mit ihren Studien ist]."
"Der Grund, warum Ner David nicht als Rabbiner amtieren können wird, ist technischer Natur: Sie kann nicht seine Aufgabe erfüllen. Die Aufgabe des Rabbinats, so wie wir sie heute sehen, ist eine genau abgegrenzte Aufgabe, die in einer bestimmten Form liegt, in einer bestimmten Weise, in der Gemeinde. Die Synagoge ist der zentrale Ort, in dem der Rabbiner tätig ist. Die Gemeinde erwartet sein Gebet, die Worte aus seinem Munde [d.h., sie erwartet z.B. halakhische Entscheidungen von ihm]. Dies sind Tätigkeiten der Männer, aber die Frauen haben daran in einer anderen Form Anteil."
"Was wird sie mit dem Rabbinerdiplom machen? In den Yeshivot macht man ein Rabbinerdiplom nicht im Schnelldurchlauf, das ist nicht von Interesse. Wer eine Halakha entscheiden will, benötigt kein Rabbinerdiplom. Das Rabbinerdiplom ist für das Establishment, für eine Aufgabe innerhalb des Rabbinats. Die Frage ist doch, ob die Frau überhaupt eine solche Aufgabe braucht, denn sie hat doch viele
Möglichkeiten, Aufgaben der Tora zu erfüllen? Ich würde sie überzeugen, von dieser Sache abzuspringen. Es heißt doch: Schade um die Zeit."

 

Links zu anderen jüdischen Seiten

Bücher zum Judentum
Siddurim
Talmud-
Ausgaben

navgt.gif (10906 bytes)

Bitte lesen Sie die Hinweise zur Weiterverwendung der Texte (Zum Urheberrecht) Bei halachischen Unsicherheiten seitens der Leser bezüglich der hier veröffentlichen Texte, ist der örtliche Rabbiner anzusprechen.

©2002 Jüdisches Leben / talmud.de