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Als
ich zum ersten Mal von der Verleihung des Abraham Geiger Preises
erfuhr, war ich schockiert über den Titel des ausgezeichneten Werkes:
"Der jüdische Jesus und das Christentum". Schon wieder ein Buch
über Jesus? Was hat das Neugegründete Abraham Geiger Kolleg mit
Jesus und dem Christentum zu tun?
Schon
aber das, im Programm zur Preisverleihung abgedruckte, Schlußkapitel
belehrte mich eines besseren. In Susannah Heschels Buch geht es
weniger um die Beschreibung eines jüdischen Jesus, sondern um dessen
"Dejudaisierung" wie Dr. Ludwig Ehrlich in seiner Laudatio sagte.
Das heute stark strapazierte "Jesus war auch Jude" war zur Zeit
von Abraham Geiger offenbar nicht sehr beliebt unter christlichen
Theologen. An dieser Stelle setzte Abraham Geiger mit seinen Forschungen
an, ein Kampf den Susannah Heschel in ihrem Buch beschreibt, das
bereits 1998 in den USA den National Jewish Book Award erhielt.
Susannah
Heschel ist Tochter von Abraham Joschua Heschel der lange am Jewish
Theological Seminary in New York gelehrt hat. Susannah Heschel promovierte
1989 an der University of Pennsylvania in Religious Studies. Bereits
aber 1983 veröffentlichte sie ein wegweisendes Buch im Schocken-Verlag:
"On Being a Jewish Feminist", welches sich auch mit einer Neudeutung
der Halachah im Bezug auf die Situation der Frau in der Moderne
beschäftigt. Heute ist Susannah Heschel Professorin für jüdische
Studien am Dartmouth College in den USA.
Heschels Werk
leistet mehr als das es das wissenschaftliche Werk eines der Gründungsväter
des Reformjudentums beschreibt, Heschels Werk ist vor allem ein
tiefer Einblick in die deutsche Geistesgeschichte und die christliche
Sicht auf das Judentum.
Sie zeigt, dass Abraham Geiger eine Art "Gegengeschichte" Jesu entwarf,
die sich völlig von dem der christlichen Gelehrten unterschied.
Geiger unternahm erhebliche Anstrengungen die Zeit anhand von geschichtlichen
Quellen auszuforschen und zu untersuchen. Die christliche Wissenschaft
war bis zu diesem Zeitpunkt an den Evangelien orientiert und zeichnete
ein durch sie gefärbtes Bild der ‚geschichtlichen' Figur Jesus.
Den gleichen Ansatz hatte Geiger auch bei seiner Erforschung der
Entstehung des Islams in seinem Buch "Was hat Mohammed aus dem Judenthume
aufgenommen?", in dessen ersten Seiten Geiger die These aufstellt,
die wichtigsten theologischen und ethischen Ideen des Islam, die
im Koran ihren Ausdruck finden, habe Mohammed bewusst aus dem Judentum
übernommen. Geiger entdeckte im Koran vierzehn zentrale Motive,
die nach seiner Auffassung direkt aus der rabbinischen Literatur
kamen oder aus dem Tanach.
Geigers Deutung ist wiederum zentral für das Selbstverständnis des
Judentums, sie ist nämlich eine Studie über das Judentum und den
Koran gleichermaßen. Der Islam sei keine originelle Religion, sondern
eine abgeleitete, künstliche Konstruktion aus Bausteinen jüdischer
Ideen und religiöser Bräuche. Im Gegensatz dazu sei das Judentum
ein kraftvoller, origineller religiöser Impuls, der auch für primitive
kulturelle Kontexte geeignete Ausläufer hervorzubringen vermochte,
ohne seine wesentlichen Merkmale und die Reinheit seiner Lehren
einzubüßen. Geiger machte deutlich, das Talmud und Midrasch den
"Schlüssel" zum Verständnis des Islam darstellten. Und dies obwohl
sie, wie Geiger feststellt, zu den am meisten verachteten Literaturen
der westlichen Zivilisation gehören. Diese Arbeit Geigers wurde
begeistert gelesen und fand unter dem christlichen Publikum breite
Anerkennung.
Genau diesen Ansatz hatte Geiger auch bei dem Christentum, die Betrachtung
des Islam wurde zu einem Vorbild, geradezu zu einem Modell, für
seine Betrachtung der christlichen Religion. Geiger zeigt auf, dass
auch das Christentum seine zentralen Prinzipien aus dem Judentum
übernommen habe.
Die Einschätzung Mohammeds übernahm Geiger auch für Paulus. Beide
waren kreative Umdeuter jüdischer Texte und Glaubenssausagen. In
dem Kapitel in dem Heschel diesen Vorgang Geigers beschreibt, kommt
sie auch zu dem Warum von Geigers Texten, der sich ja nicht nur
aus neugierigem Interesse mit Islam und Christentum beschäftigte:
"[…] nahm Geiger eine Umdeutung des Islam und des Christentums vor,
um die von ihm geschaffene religiöse Tradition zu untermauern. Geigers
Ansatz war alles andere als assimilationistisch. Anstatt den Versuch
zu unternehmen, das Judentum nach dem Vorbild der herrschenden Religion,
des Christentums, umzubilden, präsentierte er eine radikale Neudeutung
von Islam und Christentum. Anstatt einfach zu versuchen, dem Studium
des Judentums einen Ort innerhalb der Forschung seiner Zeit zu verschaffen,
führte er jüdische Quellen ein, um die Geschichte und die Lehren
von Christentum und Islam neu zu interpretieren. Keine der beiden
Religionen war, was sie zu sein schien, vielmehr stammten beide
ausgerechnet von der Religion ab, die sie verachteten."
Es ist nicht verwunderlich, dass diese Darstellung des Christentums
bei den protestantischen Theologen (und mit deren Reaktion befasst
sich Heschel ausschließlich) nicht auf Beifall stieß. Er wurde vielmehr
überhaupt nicht mehr beachtet, denn das Bild des Judentums zur Zeit
des Tempels, das Geiger entwarf, entsprach ebenfalls nicht das Bild,
das christliche Theologen über Jahrhunderte konstruiert hatten.
Christliches Judentumsverständis wurde durch diese Sichtweisen bis
in die heutige Zeit geprägt.
Heschels Buch kann auf verschiedene Arten gelesen werden: als eine
Einführung in das Werk von Abraham Geiger, als eine Einführung in
frühes Reformjüdisches Denken, als Betrachtung eines Fundamentes
des Antisemitismus oder auch als "Entzauberung" des Christentums.
Gerade aus letzteren Gründen ist die Beschäftigung mit Heschels
Buch auch heute für Nicht-Theologen interessant. Viele der heute
gängigen Antijudaismen wurden auch von Abraham Geiger aufgegriffen
und nicht nur widerlegt, sondern auch ihre Entstehungsgeschichte
wurde von Geiger kommentiert und die Absichten, die man damit verband,
enttarnt. Heschels Werk über Abraham Geigers Herausforderung an
die christliche Theologie hat ein breites Publikum verdient, dem
es sicher gerecht werden kann, denn übrigens ist das Buch auch in
einem recht angenehmen Stil geschrieben.
Lesen
Sie auch die christliche Rezension zu diesem Buch auf talmud.de!
Susannah
Heschel: Der jüdische Jesus und das Christentum - Abraham Geigers
Herausforderung an die christliche Theologie; 2001 Berlin - Jüdische
Verlagsanstalt Berlin
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Susannah
Heschel: Der jüdische Jesus und das Christentum - Abraham Geigers
Herausforderung an die christliche Theologie; 2001 Berlin - Jüdische
Verlagsanstalt Berlin
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