bsd.JPG (1005 bytes)

Jüdisches Leben > Aktuell>
Bemidbar?

Zum zweitenmal trafen sich junge Erwachsene im Rahmen von "Jung und Jüdisch" - diesmal in Köln

von Hannah Reese

Vom 10. bis zum 12. Mai fand das zweite bundesweite Treffen für junge jüdische Erwachsene in der Altersgruppe von achtzehn bis fünfunddreißig statt. Nach einem fulminanten Start in Hannover hatten die Organisatoren dieses Jahr nach Köln eingeladen. Der Andrang war gewaltig; zum Schluss lagen so viele Anmeldungen vor, so dass nicht einmal alle Interessierten teilnehmen konnten. Der Bedarf nach einem selbstorganisierten Forum für diese Altergruppe ist also offensichtlich drückend. Die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichsten Hintergründen. Neben Mitgliedern der liberalen Gemeinden und der Einheitsgemeinden fühlten sich erneut auch Juden angesprochen, die momentan in keine Gemeinde eingebunden sind. Ermöglicht wurde die Veranstaltung auch durch großzügige Spenden von Privatpersonen, jüdischen Institutionen sowie aus der Wirtschaft. Wo noch vor einem Jahr nicht mehr als eine Idee war, schauen die Beteiligten beinahe erstaunt auf die rasch gewachsene Struktur.

Der feierliche Kabalat Schabat G'ttesdienst wurde unter der Leitung von den Rabbinatasassesoren Daniel Alter (Abraham Geiger Kolleg, Berlin) und Andreas Hinz (Leo Baeck College, London) gemeinsam mit Mitgliedern der Liberalen Jüdischen Gemeinde Köln Gescher LaMassoret gefeiert. Michael Lawton, Vorstandsmitglied der Liberalen Gemeinde Köln, betete in der bekannt souveränen, der Kavana sehr förderlichen Weise vor, verstärkt durch die erfreulicher- und überraschenderweise noch angereiste Kantorin der Berliner Gemeinde Oranienburger Straße Avitall Gerstetter.

Am 10. Mai, auf den dieses Jahr der 28. Ijar fiel, hatte der Nachmittag mit einem Workshop zum Thema Yom Yerushalaim begonnen, unter der wie üblich lebhaften Leitung von Andreas Hinz, dem selbst demnächst einen längeren Aufenthalt im Heiligen Land bevorsteht. Aus der Jahrtausende alten Geschichte Jerusalems wurde Kleingruppen jeweils ein Zeitraum zugeteilt, der zu gestalten war: Aus Texten wurden Informationen in Bild, Wort oder Gesang den anderen Teilnehmern vermittelt. Wie Abraham zu seiner geliebten Frau Sarah kam, erfuhr man sogar im Rahmen eines Sketsches.

Schacharit Schabat wurde in den Räumen der Liberalen Gemeinde Köln gebetet. Die Ehre einer Aliya erhielten diesmal insbesondere die, die sie sich mühsam verdient hatten: Die Organisatorinnen und Organisatoren des Treffens, die völlig erschöpft, aber auch überwältigt von der Resonanz der Teilnehmer waren. Vor den wichtigsten Gebeten erklärten die Rabbinatsassessoren Daniel Alter, Andreas Hinz und - neu in der langersehnten Profession - Konstantin Pal (Berlin) kurz die Hintergründe der jeweiligen Liturgie. Die feierliche Torahlesung gefiel auch den alteingesessenen Kölner Juden. "Es hat mir Spaß gemacht mit so vielen jungen Leuten." sagte ein älteres Gemeindemitglied. Das Dvar Torah von Daniel Alter griff ein bereits von Andreas Hinz am Vorabend angeschnittenes Topos auf und sprach von der Durchquerung der Wüste. Die Initiierung eines selbstorganisierten jüdischen Treffens für junge jüdische Erwachsene, die chaotische Frühzeit, schließlich die Etablierung von "Jung & Jüdisch" - eine mühsame Durststrecke. Sie dürfte durch diese - sehr professionell organisierte - zweite Tagung und das ungebrochene Interesse der Teilnehmer überwunden sein.

In der Wüste fühlten nicht wenige teilnehmende Jüdinnen und Juden sich dieses Mal aber aus ganz anderen Gründen: Durch die stark antiisraelische - und zunehmend auch antisemitische - Stimmung in Deutschland. Vielleicht war die Wiedersehensfreude auch deshalb derart groß, die Begeisterung, so vielen anderen jungen Juden zu begegnen, derart verzweifelt. Immerhin war dies auch ein Forum, sich über kürzlich erlebte negative Erfahrungen auszutauschen. Wie grob der Ton inzwischen geworden ist, hatten einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer nämlich bereits am eigenen Leib erfahren müssen. Nicht wenige waren angepöbelt worden, sobald sie in der Öffentlichkeit als Jüdinnen und Juden in Erscheinung getreten waren. Bei Solidaritätskundgebungen für Israel hatten sich einige sogar mit den Worten beschimpfen lassen müssen "Ihr gehört doch alle ins Gas"!

Vor diesem Hintergrund war es selbstverständlich, dass sich ein Workshop mit der gegenwärtigen Situation im Heiligen Land befasste. Thema war die Medienberichterstattung über Israel. Einige der teilnehmenden Juden engagieren sich bereits in dem Bereich, und nicht wenige fühlten sich durch Fehlinformation oder tendenziöse Berichterstattung verärgert. Die politischen Positionen der Teilnehmer divergierten selbstredend.

Ohne ein wenig Zankerei ist ein richtiges jüdisches Treffen sowieso undenkbar. Dazu kam es spätestens bei dem provokativen Workshop "Kampf der Geschlechter", in dem Stereotypen über jüdische Männer und Frauen diskutiert wurden. Dort ging es ausgesprochen lebhaft zu, nachdem einige Äußerungen als Affront verstanden worden waren - dass jüdische Frauen nach allgemeiner Auffassung der anwesenden Männer breite Hüften haben, war etwas mehr Information, als sich so manche Teilnehmerin gewünscht hatte. Problematisch war auch, dass vereinzelt die ironische jüdische Selbstreflexion als Antisemitismus aufgefasst wurde.

Weniger dramatisch, doch nicht minder produktiv gestalteten sich die religiösen Workshops. Daniel Alter gab einen Überblick über historische Abspaltungen im Judentum. Neben den mehr oder weniger bekannten pseudomessianischen Bewegungen gab er auch einen Einblick in israelitische Gemeinschaften, die nicht den Weg des uns bekannten rabbinischen Judentums eingeschlagen haben. Diese Gemeinden fühlen sich der Torah tief verpflichtet - doch ihre Religiosität ist aus unserer Perspektive von verblüffender Exotik. Dies lief auf die zentrale Frage hinaus: Was ist - noch - jüdisch? Auch darüber gingen die Meinungen auseinander - aber wenn dies nicht so wäre, wären wir noch jüdisch?

Andreas Hinz bot einen zweiten religiösen Workshop zu Pluralismus und Judentum an. Die Fragen sind altbekannt und werden sicherlich niemals abschließend diskutiert werden können: Sollte ein modernes Judentum der Halacha folgen? Und wenn ja - welcher? Die Diskussion gewann durch die unterschiedlichen Hintergründe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Bekennende Orthodoxie traf auf bekennende Reformbewegung, Observanz auf säkulare Juden. Am Schabat Nachmittag fand sich dann ein Minjan, um gemeinsam im Freien das Mincha-Gebet zu sprechen.

Untergebracht und verpflegt wurden die Teilnehmer im "Naturfreundehaus" in Köln-Hürth, wo auch die Tagung stattfand. Eine Wahl mit Vor- und Nachteilen: So war einerseits der Weg in das sehr attraktive Köln etwas weit und umständlich. Andererseits entstand eine fröhliche Campus-Atmosphäre, und die Gebete unter freiem Himmel waren ein erfrischender Kontrast zu der leider wieder notwenig gewordenen Abschottung der Synagogen, die wohl nicht wenige nach dem Terror gegen israelische und jüdische Einrichtungen erlebt haben.

Die israelischen Volkstänze mit dem legendären, aus Argentinien stammenden Tanzlehrer Gustavo, dessen unschätzbare Dienste die Mitglieder der Liberalen Gemeinde Köln schon an Purim genießen durften, sorgten anschließend für ausgelassene Stimmung. Auch die gemeinsame Havdala fand im Freien statt - unter einem tatsächlich einmal sichtbaren Sternenhimmel. Ganz so zahlreich sind die jungen Juden in Deutschland noch nicht. Aber das zweite bundesweite Treffen dieser Gruppe beweist, dass die Richtung stimmt.

navgt.gif (10906 bytes)

Bitte lesen Sie die Hinweise zur Weiterverwendung der Texte (Zum Urheberrecht) Bei halachischen Unsicherheiten seitens der Leser bezüglich der hier veröffentlichen Texte, ist der örtliche Rabbiner anzusprechen.

©2002 Jüdisches Leben / talmud.de

 

Links zu anderen jüdischen Seiten

Bücher zum Judentum
Siddurim
Talmud-
Ausgaben