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Die Synagogen-Gemeinde Köln wagt einen liberalen G'ttesdienst
von Mirjam Lübke

Das Bürgerzentrum Köln war am letzten Februar-Wochenende Schauplatz eines ungewöhnlichen Ereignisses. Nachdem die liberale Gemeinde Gescher la Massoret schon seit einigen Jahren liberale G'ttesdienste in Köln anbietet, schien auch in der Einheitsgemeinde orthodoxer Prägung der Wunsch nach einer Alternative so groß gewesen zu sein, dass die Gemeinde sich entschloss, einen eigenen liberalen Weg einzuschlagen. Warum dies nicht in den Räumen der Gemeinde in der Roonstraße stattfand, obwohl dort doch ausreichend Platz vorhanden ist, können wir nur spekulieren. Was feststeht, ist dass die G'ttesdienste im Bürgerzentrum großes Interesse fanden, denn nicht nur zu Kabbalat Schabbat erschienen anstatt der 50 erwarteten Gäste nahezu hundert Menschen, auch zum Schacharit ließ die Besucherzahl nicht nach.

Positiv fiel als erstes der freundliche Empfang im Bürgerzentrum auf, der Geschäftsführer der Synagogengemeinde, Benzion Wieber, begrüßte soweit es ihm möglich war, jeden Besucher persönlich und gab so auch den Gästen von außerhalb - die deutlich in der Minderheit waren - das Gefühl herzlich willkommen zu sein. Auch der Sicherheitsdienst verhielt sich außerordentlich zuvorkommend. Es war auch dafür gesorgt worden, dass genügend Siddurim mit Lautschrift für diejenigen Besucher vorhanden waren, denen die hebräische Sprache noch nicht geläufig ist, die sich aber dennoch am Gebet beteiligen wollten. Dazu diente das bekannte blaue Heft der Zentralen Wohlfahrtsstelle, das neben dem hebräischen Text auch eine Umschrift und eine deutsche Übersetzung enthält.

Schon der "Aufbau" des Gebetsraums ließ ahnen, dass es sich bei den G'ttesdiensten um "klassisch-liberale" handeln würde, Ammud in Richtung der Gemeinde und der Tisch für die morgendliche Toralesung befanden sich auf einer Bühne des Bürgerzentrums anstatt im Gebetsraum selbst. Rabbiner William Wolff, neben Rabbiner Brandt der einzige liberale Rabbiner, der noch die deutschen Gemeinden vor der Shoah erleben durfte und vor wenigen Jahren dauerhaft nach Deutschland als Landesrabbiner von Mecklenburg Vorpommern zurückkehrte, leitete dann auch den G'ttesdienst nach der Tradition der Vorkriegsgemeinden.

Mit seiner sympathischen, lebhaften Art konnte er die Gemeinde schnell für sich gewinnen und ließ sie in seinen Predigten an der klassischen Tradition teilhaben. Er erzählte aus der Geschichte seiner Familie und auch aus der Entwicklung der liberalen Gemeinden in Großbritannien, wohin er mit seiner Familie in den dreißiger Jahren emigriert war. Beim Schacharit sprach er zum Toraabschnitt Tezawe über das Spannungsfeld der Eigenverantwortung des Menschen und den Plänen G'ttes für die Schöpfung und über die Bedeutung des Schabbat für uns. Er erinnerte auch daran, dass der liberale Ritus durchaus keine "moderne Erfindung" ist, sondern bereits seit über 200 Jahren in Deutschland praktiziert wird.

Hervorzuheben ist auch die Beteiligung des gemischten Synagogenchores an der Gestaltung des Kabbalat Schabbat und des Schacharit G'ttesdienstes. Der Chor sang nicht nur ausgezeichnet, sondern es war auch deutlich, dass nicht nur die traditionellen Melodien wichtig waren, sondern auch die Bedeutung der Gebetstexte, die nicht hinter der Musik zurückstanden.

Ein paar Wermutstropfen gab es aber dennoch, denn liberal wurden die G'ttesdienste hauptsächlich deshalb genannt, weil ein Teil der Gebete gekürzt war und ein großer Teil wegen der Verständlichkeit in deutscher Sprache gebetet wurde. Wer einen traditionell geprägten liberalen G'ttesdienst oder einen konservativen gewohnt ist, wird sich nur schwer an den vollkommenen Wegfall des Mussafgebetes und den damit verbundenen nahtlosen Übergang zum Schlussgebet und an eine Kürzung der Kerngebete wie dem Schma gewöhnen können.

Ein weiterer Punkt ist, dass der G'ttesdienst zwar im klassischen Sinne liberal, aber wie in den Anfangszeiten der liberalen Gemeinden keineswegs egalitär war. Männer und Frauen saßen zwar nicht getrennt, aber die Frauen wurden nicht an der Toralesung beteiligt. Es wurde zudem darum gebeten - es war ausdrücklich kein Verbot - dass die Frauen auf das Tragen eines Tallit oder einer Kippa verzichten sollten. Begründet wurde dies damit, dass sich die Gemeinde erst an den liberalen Ritus gewöhnen müsse und von daher keine zu großen Schritte gemacht werden sollten. Einige Frauen trugen dann auch dennoch ihren Tallit - unbehelligt und ohne böse Blicke.

Dies regte dann auch zum Schluss nach Havdala eine lebhafte Diskussion an, die allerdings nicht von der üblichen Aggressivität dieser Gespräche geprägt war. Rabbiner Wolff unterstützte dann auch den Wunsch einiger Frauen, voll am Gebet beteiligt zu werden und machte deutlich, dass der Ausschluss der Frauen vom Gebet im Judentum ursprünglich nicht üblich war, sondern eine spätere Entwicklung. Er verwies dabei auch auf das Schma, das schließlich von Männern und Frauen gebetet würde und ausdrücklich das Gebot an alle Kinder Israel enthielte, die Zizit zu tragen.

Insgesamt ist es daher zu begrüßen, dass die Synagogengemeinde Köln diesen Schritt unternommen hat und den Mut bewies, eine Alternative zum orthodoxen G'ttesdienst in einer eigenen Initiative zu anzubieten. Dies ist sicherlich entwicklungsfähig und die Organisatoren verschlossen sich auch keiner Weiterentwicklung. Die freundliche, entspannte Atmosphäre sprach zudem für sich, die Menschen freuten sich, dabei zu sein.

Schon das große Interesse der Gemeindemitglieder an der Veranstaltung zeigt, dass es einen offensichtlichen Bedarf an Wiederholung oder sogar einer regelmäßigen Einrichtung gibt. Vielleicht auch unter dem Dach der Roonstraße mit anschließendem gemeinsamen Kiddusch und regem Gedankenaustausch der verschiedenen Richtungen untereinander? Es wäre zu wünschen.

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