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Ende
Dezember 2001, wurde in der etwa 36.000 Einwohner zählenden
Stadt Alamogordo in New Mexiko Bücher verbrannt. Was erzürnte
den ausführenden Pastor der "Christ Community Church"
so? Zu große Freizügigkeit, der häufigste Auslöser
von Protesten in den prüderen Teilen Amerikas? Nein, Opfer
der Verbrennung wurde die Kinderbücher über Harry Potter,
das Waisenkind, das gegen dunkle Mächte ankämpfen muss,
während es die Hogwarts Hochschule für Zauberei besucht.
Die Geschichte ist beliebt und verfilmt, ironisch, manchmal düster
- und magischen Inhalts. Letzteres ist das Problem für die
strengen Christen aus der Provinz. Diese hatten jedoch nicht die
Unterstützung der Bevölkerung: Gegen die Bücherverbrennung
wurde unter anderem mit Adolf-Hitler-Verkleidung protestiert.
Grund
genug, einen kritischen jüdischen Blick auf das Geschehen zu
werfen. Dabei sind zwei Fragen zentral. Erstens - was hält
das Judentum von Magie? Zweitens: Was hält das Judentum von
Bücherverbrennungen?
Das
Judentum und die Magie - dies ist eine nicht unproblematische Konstellation.
Die Torah verbietet sie nämlich strenger (Deut. 18, 9-12) als
der Volksglaube. Einerseits steht auf magische Praktiken die Todesstrafe.
Teilweise wurde auch das Verbot der Hexerei als eines der noachidischen
Gebote eingeordnet. Andererseits ist die jüdische Tradition
voller magischer Elemente: Amulette, die Mezuza, das rituelle Händewaschen
mit dem anschließenden Ausgießen des Wassers. Ganze
Denkrichtungen wie die Kabbala speisen sich aus mythischen, nicht
selten magischen Vorstellungen. Große Rabbiner waren für
ihre magischen Fähigkeiten bekannt, etwa für die Erschaffung
eines Golems, und es gab jüdische Bücher mit Zaubersprüchen
für alle Gelegenheiten. Das Judentum kennt Dämonen, ja
sogar Halb-Dämonen (die entstehen, wenn Lilith einen allein
lebenden Mann zum Samenerguss zwingt), es kennt den "bösen
Blick" und allerlei Riten magischen Ursprungs, namentlich bei
Geburt und Tod, wo der Mensch diesen Einflüssen am stärksten
ausgesetzt sein soll. Soll man nun, in übermäßiger
Strenge und auf die Quelle der Torah pochend, den Kranken nicht
umbenennen, den Namen eines Sohnes vor der Beschneidung erzählen
und die Trauerriten rationalisieren? Eine vertrackte Situation:
Die Ausmerzung aller magischen Elemente - auch aus dem heute gelebten,
aufgeklärten Judentum - wäre schlicht gegen die Halacha!
Auch
wenn mutige Rabbiner mit großer Autorität gelegentlich
so weit gingen, die Existenz von Dämonen anzuzweifeln - so
etwa, wer könnte es anders gewesen sein, Maimonides - so blieb
doch noch genug Magie in der jüdischen Praxis zurück,
um in einem gewissen Widerspruch zur oben genannten Textstelle der
Torah zu stehen. Die Lösung: Man trennte die erlaubte volkstümliche
Magie von der verbotenen "dunklen"; als Zentrum der letzteren
galt Ägypten. Nun ist aber, um auf das verbrannte Kinderbuch
zurückzukommen, Harry Potter gerade dafür bekannt, die
dunklen Magier eifrig und meist erfolgreich zu bekämpfen.
Man
sprach statt von dunkler oder verbotener Magie allerdings auch von
den "Wegen der Ammoniter", womit ein weiterer problematischer
Punkt anklingt: Magischer Riten dienten oft als Beiwerk zu heidnischen
Kulten, und sind Jüdinnen und Juden insofern unbestreitbar
verboten. Es mag auch hukkat ha-goi sein, auf einem Besen zu fliegen.
Dies zu versuchen werden wir unseren Kindern allerdings schon aus
naheliegenden, mit Religion nicht zusammenhängenden Gründen
verweigern wollen.
Das
Verhältnis von Magie und Judentum ist also gespalten; strengste
Verbote auf der einen, halachische Traditionen auf der anderen Seite.
Der Konflikt ist seit der Aufklärung sicher entschärft,
allerdings keineswegs ausgeräumt. Es bleibt also die zweite
Frage: Was hält das Judentum von Bücherverbrennungen?
Streng
religiöse Juden lehnen viele Bücher ab. Jeder hat wohl
ein paar Bände im Regal stehen, denen eine Unbedenklichkeits-Bescheinigung
eines orthodoxen Rabbinats vorangestellt ist. Und auch Autoren konnten
angesichts der Reaktion rabbinischer Autoritäten Pech haben:
Man denke etwa an Spinoza, oder wiederum an Maimonides. Frei von
jeder Zensur war das Judentum nicht. Doch lehrt uns gerade die Torah,
durch ihre schlichte Existenz, aber auch durch die uralte Tradition,
sie öffentlich zu lesen, letztlich auch durch die nachlesbaren
und damit nachvollziehbaren Beschreibungen der Tempelriten, wie
wichtig der freie Zugang zum Text für das Judentum war und
ist.
Was
hält das Judentum von Bücherverbrennungen? Neben den damit
assoziierten Verfolgungserlebnissen - durchaus nicht nur unter den
Nationalsozialisten, bereits im Mittelalter wurde der Talmud verbrannt
- ist es auch die besondere Beziehung zur Schriftlichkeit, die dem
Judentum zu eigen ist, die eine Antwort erleichtert. Was hält
das Judentum von Bücherverbrennungen? Nichts.

Bitte
lesen Sie die Hinweise zur Weiterverwendung der Texte (Zum Urheberrecht)
Bei halachischen Unsicherheiten seitens der Leser bezüglich der
hier veröffentlichen Texte, ist der örtliche Rabbiner anzusprechen.
©2001
Jüdisches Leben / talmud.de
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