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Im November dieses Jahres gründeten sich die
traditionell/konservativ jüdischen Gemeinden Elmshorn und Ahrensburg.
Beide Gemeinden haben etwas gemeinsam: Sie waren als Gruppierung seit
längerer Zeit vorhanden und wollten ganz bewusst im November gründen.
Es soll ein Zeichen des Neuanfanges nach einem geschichtsträchtigen
Datum sein und beide Gemeinden möchten an einem historischen Ort
anknüpfen. In Elmshorn und Ahrensburg haben Juden gebetet, es gab
eine kleine Synagoge bzw. einen Betsaal und es gibt noch heute jeweils
einen jüdischen Friedhof. Die Gemeinden wurden also wieder -gegründet.
Es war der Wunsch, in der Nähe seines Wohnortes zu einem Gottesdienst
gehen zu können.
Es sind noch kleine Gemeinden, doch sie werden wachsen, das ist sicher.
Beide entstehende Gemeinden haben Kontakte zu den jewiligen Städten
aufgenommen, welche die Gründungen herzlich begrüßten.
Die erste in Schleswig-Holstein gegründete Jüdische
Gemeinde nach der Shoah war die (orthodox-ausgerichtete) Jüdische
Gemeinde Lübeck im September 2001 die prinzipiell eine "Zweigstelle"
der Jüdischen Gemeinde Hamburg ist.
Bad Segeberg
Völlig losgelöst von einer anderen Gemeinde oder Organisation
gründete sich die Jüdische Gemeinde Bad Segeberg im Februar
2002. Keine Erreichbarkeit zur nächsten Gemeinde, notgedrungene Beerdigungen
von Juden auf christlichen Friedhöfen, Wunsch nach gemeinsamen Shabbatgottesdiensten
und jüdischen Festen waren ausschlaggebend für die Gründung
und Selbständigkeit.
Die Gemeinde entwickelte sich unerwartet schnell und ist heute bereits
Eigentümer eines über 1000 qm großen Gebäudekomplexes,
das zum Gemeindezentrum mit Synagoge und Mikwe (rituelles Reinigungsbad)
ausgebaut werden soll. Sogar ein neuer Jüdischer Friedhof wurde mit
Hilfe der Stadt und der Kirche eingerichtet. Die klare Aussage der Kirche
"Friedliches Nebeneinander ohne Ängste vor Missionierung oder
Assimilation, Unterstützung und Freundschaft" gaben den Gemeindemitgliedern
und Familien Mut und Sicherheit.
Mit der Hilfe eines Rabbiners und Rabbinerstudentinnen und -Studenten
des Abraham-Geiger-Kollegs in Berlin wurden die religiösen Bedürfnisse
der Gemeinde versorgt.
Der NDR begleitet die Gemeinde für eine 2-jährige Langzeitreportage.
Dabei werden alle Themen berührt, die Erfolge der Gemeinde, aber
auch die Hindernisse und Probleme bei der Etablierung.
So war es denn eine Frage der Zeit, bis auch eine Gruppe in Elmshorn sich
als Jüdische Gemeinde gründete. Der eigentlich unhaltbare Zustand,
dass sich diese Menschen seit vielen Monaten heimlich in einem Keller
trafen um zu beten, konnte dadurch beendet werden.
Aus dieser Gruppe ist nach 1 Jahr eine stolze und selbstbewusste Gemeinde
geworden, deren Mitgliederanzahl sich mittlerweile verdreifacht hat. Musiker
und Köche, Lehrer und mehrsprachig aufgewachsene Schüler sorgen
für einen einzigartigen Mix bei den Aktivitäten. Da auch hier
mit einem Anwachsen zu rechnen ist, wird bereits zum zweiten Mal über
die Suche nach größeren Räumlichkeiten nachgedacht.
Um die Interessen vor übergeordneten Institutionen vertreten zu wissen,
traten beide Gemeinden der Union Progressiver Juden in Deutschland (http://www.liberale-juden.de)bei,
einer Vereinigung nichtorthodoxer Gemeinden. Ausschlaggebend war, dass
die weiblichen Gemeindemitglieder entschieden, in jeder Hinsicht gleichberechtigt
sein zu wollen. Die Union versorgt die Gemeinden mit allem, was für
ein religiöses und soziales Gemeindeleben erforderlich ist. Ob es
sich um Gebetsbücher, rechtliche Unterstützung, Gemeindesatzungen,
Lehrgänge für Sozialarbeit, Gottesdienstleitungen/Liturgielehrgänge,
Teilnahme an Jahrestagungen oder jüdische Ferienlager für Kinder
und Jugendliche im Sommer und Winter handelt, die Angebotspalette der
Union ist nahezu unbegrenzt.
Heute sind die Gemeinden Bad Segeberg und Pinneberg geprüfte und
anerkannte Religionsgemeinschaften und Mitglieder der weltgrößten
Vereinigung jüdischer Gemeinden, der World Union For Progressive
Judaism (http://www.wupj.org)
mit Sitz in Jerusalem.
Es existieren nunmehr in Schleswig-Holstein die 5
offiziellen Jüdischen Gemeinden Bad Segeberg, Pinneberg, Elmshorn,
Ahrensburg und Lübeck.
Zur orthodoxen Gemeinde Lübeck bestehen freundschaftliche und kooperative
Kontakte. So war es eine Selbstverständlichkeit, dass zum Gedenkgottesdienst
des 9. Novembers Mitglieder der Gemeinden des Landesverbandes in der Lübecker
Synagoge beteten.
Toleranz möchte man zeigen und besonderen Respekt vor dem Mut eines
Überlebenden des Warschauer Ghettos; der 2. Vorsitzende der Gemeinde
hielt dort eine bewegende Rede seines tragischen Lebensweges.
Zu allen Gemeinden gibt es Förderkreise oder
nahe stehende Kulturvereine, die allen Bürgern des Landes die Möglichkeit
geben sollen, ihre jüdischen Nachbarn kennen zulernen. So sollen
mögliche Vorbehalte gar nicht erst entstehen und die Gemeinden von
ihren Freunden und Fördern unterstützt werden.
Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein
Vor Jahren übernahm die Jüdische Gemeinde
in Hamburg Verwaltungs- und Betreuungsaufgaben für die Juden in Schleswig-Holstein.
Dass es mit der bisherigen alleinigen Zuständigkeit der Großgemeinde
Hamburg ein Ende hat, ist unausweichlich geworden und mehrfach begründet
meint der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Schlewsig-Holstein:
Durch den Zustrom von Immigranten aus den GUS-Staaten bildeten sich Gruppen,
die ihre Geschicke selber in die Hand nehmen wollten. Ferner waren die
Entfernungen nach Hamburg aus allen Orten Schleswig-Holsteins zu groß.
Es ist für die Masse der finanziell schwach gestellten Familien nicht
möglich gewesen, religiöse Betreuung in Anspruch nehmen zu können.
Improvisierte Schabbatabende in Kellern, nicht-jüdische Beerdigungen,
kulturelle Entwurzelung, aber auch massive Kritik vieler jüdisch/russischer
Immigranten an der mangelhaften Betreuung durch die Hamburger Gemeinde
gaben den Ausschlag.
So war es ausschließlich eine Frage der Zeit
geworden, dass Gruppen in diesem förmlichen "Vakuumzustand"
ihre Geschicke selber in die Hand nahmen. Nach der Gründung des Landesverbandes
der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein vor fast einem Jahr
durch die Gemeinden Bad Segeberg und Pinneberg, traten die Gemeinden Elmshorn
und Ahrensburg diesem sofort bei.
Eine Anfrage der Gruppierung aus Flensburg zeigt das Interesse an dieser
neuen Struktur.
Eine Kontaktaufnahme mit der Kieler Gruppierung scheiterte; vor dem Gemeindezentrum
stand auf russisch "Vorübergehend geschlossen". Doch sind
mittlerweile auch Kieler Juden Gast in den Gemeinden des neuen Landesverbandes.
Bei der Satzung des Landesverbandes sind mehrere
Angebote sorgfältig geprüft worden. Den Zuschlag erhielt die
Satzung eines jüdischen Rechtsanwaltes der Gemeinde Hannover. Diese
Satzung betont die Autonomie der Mitgliedsgemeinden und garantiert jeder
Jüdischen Gemeinde (orthodox oder liberal) den Beitritt. Der Landesverband
hat bereits jetzt den Charakter der "Einheitsgemeinde" und wird
ihn ausdrücklich bewahren.
Der Landesverband besteht am 5. Dezember diesen Jahres
erst 1 Jahr und kann lau eigenen Angaben bereits auf erfolgreiche Arbeit
zurückblicken:
Die Gemeinden haben sich vergrößert, alle feiern ihre Gottesdienste
in festen Räumlichkeiten und sind mit hebräisch-deutsch-russischen
Materialien für die Gottesdienste versorgt.
Der Landesverband sorgte für die Möglichkeit der Bestattung
nach jüdischem Ritus auf einem neuen Jüdischen Friedhof in Bad
Segeberg und zukünftig auch in den Orten mit einer Jüdischen
Gemeinde. Für alle Gemeinden ist ein Rabbiner als Ansprechpartner
vorhanden.
Da Bad Segeberg Sitz des Landesverbandes geworden ist, kommt dem Bau des
dortigen Gemeindezentrums mit Synagoge eine besondere Bedeutung zu. Von
hier aus sollen weitere, neu gegründete Gemeinden versorgt werden.
Die Synagoge soll allen Gemeinden für jüdische Hochzeiten, Feste
und die Hohen Feiertage offen stehen.
Der Landesverband steht in direkter Nachfolge zu
seinen Vorläufern, dem
- "Verband Jüdischer Gemeinden von Schleswig-Holstein",
ab 1929
- "Verband der Jüdischen Gemeinden Schleswig-Holstein und den
Hansestädten" und letztlich der
- "Jüdischen Gemeinschaft von Schleswig-Holstein", der
1968 mangels Mitglieder aufgelöst wurde.
Er ist in konstruktiven Gesprächen mit den verantwortlichen
Ministerien des Landes Schleswig-Holstein.
Um auch auf dieser Ebene "Normalität" zu erreichen, sind
die Körperschaftsrechte beim Kultusministerium beantragt, die dem
Landesverband den Weg in den Zentralrat der Juden in Deutschland öffnen.
Dann kann auch Schleswig-Holstein endlich wieder einen Delegierten in
das Direktorium des Zentralrates entsenden und von den Leistungen des
Staatsvertrages partizipieren. Dieser Sitz ist nämlich leider zur
Zeit unbesetzt.
Die Ziele des Landesverbandes sind bereits festgesteckt:
- Vereinigung aller Jüdischen Gemeinden unter einem Dach als ganzheitliche
Lösung
- Allen vorhandenen Gruppierungen bei der Gründung zu einer offiziellen
Jüdischen Gemeinde mit Vorstand und rechtsverbindlicher Satzung zu
verhelfen
- Langfristiges Widerherstellen des flächendeckenden Gemeindelebens,
wie es vor der Shoah in Schleswig-Holstein der Fall war als Definition
von "Normalität" auf dieser Ebene
Landesrabbiner von Schleswig-Holstein
Pünktlich zum 1-jährigen Jubiläum
nimmt jedoch die wichtigste Person des Landesverbandes ihre Arbeit auf:
Herr Rabbiner Walther Rothschild, der neue bestellte "Landesrabbiner
von Schleswig-Holstein".
Seine Aufgabe ist es, die religiöse Grundversorgung der Mitgliedsgemeinden
zu sichern und die Strukturen weiter aufzubauen und zu verstärken.
Auch hier lagen verschiedene Angebote vor. Den Zuschlag erhielt Herr Rabbiner
Rothschild jedoch, weil er gegenüber anderen Bewerbern die klare
Aussage gemacht hat, dass er mit allen Rabbinern und Stellen zusammenarbeiten
werde. Doch ihn kennzeichnet noch mehr: Er gilt als erfahren, kompromissbereit,
äußerst hilfsbereit in jeder Beziehung und er hat Mut. Mut
zum Aufbau, Mut um Probleme zu bewältigen und Mut, sich gegenüber
anderen zu behaupten. Ausschlaggebend ist nicht nur sein eindeutiges Bekenntnis
zum respektvollen Nebeneinander sondern vor allem zur "Einheitsgemeinde
Schleswig-Holstein".
Doch sind die Mitgliedsgemeinden deshalb nicht pauschal an ihn weisungsgebunden,
im Gegenteil: Jede Gemeinde kann sich weiterhin selbst ihren eigenen Rabbiner
und ihre religiöse Ausrichtung (orthodox oder liberal) bestimmen.
Nach einer Presseerklärung des "Landesverbandes
Jüdischer Gemeinden in Schleswig-Holstein".
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