|
Das Innenministerium
wurde angewiesen, Konvertiten, die durch ein nicht-orthodoxes Bet
Din in oder außerhalb Israels zum Judentum übergetreten
sind, in ihren israelischen Personalausweisen als jüdisch zu
registrieren.
Nicht-orthodoxe Konvertiten befanden und befinden sich in Israel
in einer sehr widersprüchlichen Situation:
Einerseits dürfen sie nach den Regeln des sog. Rückkehrgesetzes
nach Israel einwandern, andererseits werden sie aber durch den Staat
und das orthodoxe Oberrabbinat nicht als jüdisch anerkannt.
Praktisch bedeutet(e) dies, daß sich in den Personalausweisen
nicht-orthodox Übergetretener unter der Rubrik Religion
keinerlei Vermerk und unter Nationalität Eintragungen
wie russisch, deutsch o.ä. fanden.
Aber die Problematik ist tiefgreifender. Im Kern geht es um den
Wirkungsbereich, ja, um die Macht des orthodoxen Oberrabbinats im
jüdischen Staat, die bis in die Zeit der türkischen Herrschaft
zurückreicht. Bis heute liegen wichtige zivilrechtliche Bereiche
des israelischen Lebens in der Hand es Oberrabbinats: z.B. die Möglichkeit
zur Eheschließung und auch die Durchführung von Beerdigungen.
Da die Zivilehe in Israel nicht besteht und Eheschließungen
nur durch orthodoxe Rabbiner durchgeführt werden dürfen,
werden heiratswillige nicht-orthodoxe Konvertiten praktisch gezwungen,
ihren Bund fürs Leben außerhalb Israels einzugehen.
Eine weitere Schwierigkeit stellen Beerdigungen dar: Da auch dieser
Bereich durch das Oberrabbinat geregelt wird, können weder
nicht-orthodoxe Konvertiten noch deren Kinder auf öffentlichen
jüdischen Friedhöfen beerdigt werden. Bislang wich man
in diesen Fällen auf Kibbutz-eigene Friedhöfe aus. Da
der Bedarf vor allem durch die Einwanderung aus den Staaten
der ehemaligen
Sowjetunion stark gewachsen ist, richtete man vor einiger Zeit einige
wenige Friedhöfe eigens für nicht durch das Oberrabbinat
anerkannte Personen ein -
jedoch nur sehr widerwillig. Besonders schmerzlich erscheint diese
Situation angesichts gefallener Soldaten und Opfer von Terrorakten,
die zwar als Juden
für das Vaterland starben, aber nicht als Juden bestattet
wurden.
Gerade durch die Zuwanderung aus der GUS sieht sich Israel existentiellen
Fragen gegenübergestellt: Wie geht der jüdische Staat
mit einer Einwanderung um, die
zu einem beträchtlichen Teil laut jüdischem Gesetz als
nicht-jüdisch gilt? Vorsichtige Schätzungen gehen davon
aus, daß der prozentuale Anteil von Nichtjuden an der Einwanderung
aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den 90er Jahren zu etwa
30%, und in den letzten zwei bis drei Jahren sogar zu etwa 50% aus
Nichtjuden bestanden habe. In Rechnung gestellt werden muß,
daß diese Einwanderungsgruppe mit insgesamt über 1 Millionen
Personen inzwischen gut ein Fünftel der Gesamtbevölkerung
ausmacht und somit ein gewichtiges Potential darstellt. Der israelischen
Presse und Aussagen der Betroffenen zufolge bestehe auf seiten des
orthodoxen Oberrabbinats gerade in Fragen von Übertritten eine
Unflexibilität, die auf manche Übertrittswillige abschreckend
wirkt. Wartezeiten und Anforderungen für Übertritte werden
von Betroffenen oftmals als überzogen und zu hoch beurteilt.
Von daher kann davon ausgegangen werden, daß ein erheblicher
Teil dieses Personenkreises nicht nach orthodoxen Richtlinien zum
Judentum übertreten wird. Ein weiterer Punkt macht dieses Urteil
brisant: Aufgrund der angespannten innen- und außenpolitischen
Lage Israels zeigt dieses Urteil unmißverständliche Signale.
Die amerikanische
Judenheit, in ihrer absoluten Mehrheit nicht-orthodox und - beinahe
- kritikloser Befürworter israelischer Politik, drängte
in letzten Jahren zunehmend auf Anerkennung nicht-orthodoxer Strömungen
durch den israelischen
Staat. Hätte das israelische Gericht in der Frage der Personalausweise
gegen die Gleichstellung nicht-orthodox Übergetretener entschieden,
hätte dies sicherlich zu Spannungen mit der amerikanisch-jüdischen
Öffentlichkeit geführt, die sich Israel derzeit sicherlich
nicht leisten kann. Durch dieses Urteil wurde - zumindest ein Stück
weit - eine Tür geöffnet. Ob dies der Anfang vom Ende
der Macht des orthodoxen Oberrabbinats in Israel ist, bleibt zur
Zeit noch reine Spekulation. Erste Auswirkungen des Urteils zeigen
sich jedoch schon jetzt: Laut israelischem Fernsehen verzeichnen
nicht-orthodoxe Bewegungen in Israel seit der Urteilsverkündung
einen Anstieg an Anfragen nicht-jüdischer Neu-Einwanderer
zu
Übertrittsmöglichkeiten.

Bitte
lesen Sie die Hinweise zur Weiterverwendung der Texte (Zum Urheberrecht)
Bei halachischen Unsicherheiten seitens der Leser bezüglich der
hier veröffentlichen Texte, ist der örtliche Rabbiner anzusprechen.
©2002
Jüdisches Leben / talmud.de
|
|