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Orthodoxes Oberrabbinat vor dem Aus?

Eine bahnbrechende Entscheidung traf das Höchste
Gericht Israels am 21. Februar 2002:
Jehonatan Grünfeld

Das Innenministerium wurde angewiesen, Konvertiten, die durch ein nicht-orthodoxes Bet Din in oder außerhalb Israels zum Judentum übergetreten sind, in ihren israelischen Personalausweisen als jüdisch zu registrieren.
Nicht-orthodoxe Konvertiten befanden und befinden sich in Israel in einer sehr widersprüchlichen Situation:
Einerseits dürfen sie nach den Regeln des sog. Rückkehrgesetzes nach Israel einwandern, andererseits werden sie aber durch den Staat und das orthodoxe Oberrabbinat nicht als jüdisch anerkannt. Praktisch bedeutet(e) dies, daß sich in den Personalausweisen nicht-orthodox Übergetretener unter der Rubrik Religion keinerlei Vermerk und unter Nationalität Eintragungen wie russisch, deutsch o.ä. fanden.
Aber die Problematik ist tiefgreifender. Im Kern geht es um den Wirkungsbereich, ja, um die Macht des orthodoxen Oberrabbinats im jüdischen Staat, die bis in die Zeit der türkischen Herrschaft zurückreicht. Bis heute liegen wichtige zivilrechtliche Bereiche des israelischen Lebens in der Hand es Oberrabbinats: z.B. die Möglichkeit zur Eheschließung und auch die Durchführung von Beerdigungen. Da die Zivilehe in Israel nicht besteht und Eheschließungen nur durch orthodoxe Rabbiner durchgeführt werden dürfen, werden heiratswillige nicht-orthodoxe Konvertiten praktisch gezwungen, ihren Bund fürs Leben außerhalb Israels einzugehen. Eine weitere Schwierigkeit stellen Beerdigungen dar: Da auch dieser Bereich durch das Oberrabbinat geregelt wird, können weder nicht-orthodoxe Konvertiten noch deren Kinder auf öffentlichen jüdischen Friedhöfen beerdigt werden. Bislang wich man in diesen Fällen auf Kibbutz-eigene Friedhöfe aus. Da der Bedarf vor allem durch die Einwanderung aus den Staaten der ehemaligen
Sowjetunion stark gewachsen ist, richtete man vor einiger Zeit einige wenige Friedhöfe eigens für nicht durch das Oberrabbinat anerkannte Personen ein -
jedoch nur sehr widerwillig. Besonders schmerzlich erscheint diese Situation angesichts gefallener Soldaten und Opfer von Terrorakten, die zwar als Juden
für das Vaterland starben, aber nicht als Juden bestattet wurden.

Gerade durch die Zuwanderung aus der GUS sieht sich Israel existentiellen Fragen gegenübergestellt: Wie geht der jüdische Staat mit einer Einwanderung um, die
zu einem beträchtlichen Teil laut jüdischem Gesetz als nicht-jüdisch gilt? Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, daß der prozentuale Anteil von Nichtjuden an der Einwanderung aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den 90er Jahren zu etwa 30%, und in den letzten zwei bis drei Jahren sogar zu etwa 50% aus Nichtjuden bestanden habe. In Rechnung gestellt werden muß, daß diese Einwanderungsgruppe mit insgesamt über 1 Millionen Personen inzwischen gut ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmacht und somit ein gewichtiges Potential darstellt. Der israelischen Presse und Aussagen der Betroffenen zufolge bestehe auf seiten des orthodoxen Oberrabbinats gerade in Fragen von Übertritten eine Unflexibilität, die auf manche Übertrittswillige abschreckend wirkt. Wartezeiten und Anforderungen für Übertritte werden von Betroffenen oftmals als überzogen und zu hoch beurteilt. Von daher kann davon ausgegangen werden, daß ein erheblicher Teil dieses Personenkreises nicht nach orthodoxen Richtlinien zum Judentum übertreten wird. Ein weiterer Punkt macht dieses Urteil brisant: Aufgrund der angespannten innen- und außenpolitischen Lage Israels zeigt dieses Urteil unmißverständliche Signale.

Die amerikanische Judenheit, in ihrer absoluten Mehrheit nicht-orthodox und - beinahe - kritikloser Befürworter israelischer Politik, drängte in letzten Jahren zunehmend auf Anerkennung nicht-orthodoxer Strömungen durch den israelischen
Staat. Hätte das israelische Gericht in der Frage der Personalausweise gegen die Gleichstellung nicht-orthodox Übergetretener entschieden, hätte dies sicherlich zu Spannungen mit der amerikanisch-jüdischen Öffentlichkeit geführt, die sich Israel derzeit sicherlich nicht leisten kann. Durch dieses Urteil wurde - zumindest ein Stück weit - eine Tür geöffnet. Ob dies der Anfang vom Ende der Macht des orthodoxen Oberrabbinats in Israel ist, bleibt zur Zeit noch reine Spekulation. Erste Auswirkungen des Urteils zeigen sich jedoch schon jetzt: Laut israelischem Fernsehen verzeichnen nicht-orthodoxe Bewegungen in Israel seit der Urteilsverkündung einen Anstieg an Anfragen nicht-jüdischer Neu-Einwanderer zu
Übertrittsmöglichkeiten.

 

 

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