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In ihrem beruflichen
Leben ist Dr. Sue Levy Elwell ein Rabbi, der 60 Gemeinden der Reformbewegung
an der Ostküste der Vereinigten Staaten beaufsichtigt. Ihr
Privatleben teilt sie mit einer Frau, die ein ehemaliger Oberleutnant
von Israels Verteidigungsarmee ist. Kompliziert? Überhaupt
nicht.
Rabbi
Sue Levy Elwell gingen zweimal während des Gesprächs die
Augen über. Einmal, als sie über Judentum sprach, das
zweite Mal als sie über ihre Partnerin Nurit Shine sprach.
Sie gerät nicht in Verlegenheit, wenn sie über die zwei
Themen spricht,die für sie am kostbarsten sind.
"Wie könnte ich den Umstand verheimlichen, daß ich
eine Lesbe bin, daß ich
will, daß jeder über meine schöne Nurit Bescheid
weiß."
Nurit senkt ihre Augen und lächelt, während Levy Elwell,
die darauf besteht ein "Rav" (Rabbi) zu sein und nicht
eine "Rabbanit" ("Eine Rabbanit ist die
Frau eine Rabbis, in meinem Fall ist dies Nurit"), ihre Hand
streichelt.
Levy Elwell war letzte Woche mit 300 Reform-Rabbinern anläßlich
der Versammlung der Central Conference ofAmerican Rabbis (Zentralkonferenz
amerikanischer Rabbiner) in Jerusalem, die alljährlich in verschiedenen
Orten tagt und jedes siebte Jahr in Jerusalem abgehalten wird.
Levy Elwells äußerliche Erscheinung entspricht keinerlei
Stereotypen. "Wie sollte ein Rabbiner aussehen? Müssen
Bart und Schläfenlocken sein? Und wie
meint man sieht eine Lesbe aus?", fragt sie in der Lobby des
Inbal Hotels, in dem die Rabbiner untergebracht sind.
Die Frage hört sich fast rhetorisch an, als Levy Elwell fröhlich
auf einige der Reform-rabbiner deutet, die sich auch in der Lobby
befinden.
"Hier ist noch einer und dort ist ein weiterer", sagt
sie, anspielend auf einen schwulen oder einen lesbischen Rabbi.
"Gemäß der Statistik sind ungefähr 10 Prozent
der Bevölkerung schwul und lesbisch, und in der Reform-Gemeinde
ist deren Anteil sogar noch ein bißchen höher."
Spielt diese Tatsache nicht dem orthodoxen Establishment in deren
Kritik an der Reformbewegung in die Hand, frage ich. Levy Elwells
Tonfall wird scharf:
"Ich bin ein Rabbiner, die vierte Generation von Reformjuden,
und muß meine Ordination nicht von den Orthodoxen erhalten."
Sie ist 54, Tochter einer reformjüdischen Familie aus Buffalo,
New York, Nachkommen der deutschen emanzipatorischen Bewegung, die
die Weltunion für
Progressives Judentum (so die offizielle Bezeichnung der Reformbewegung
) in New England und Philadelphia gründeten und festigten.
Einige wenige Monate zuvor wurde ein Buch veröffentlicht, das
das erste seiner Art ist: Lesbische Rabbiner: Die erste Generation,
herausgegeben von Levy Elwell und zwei anderen weiblichen Rabbinern.
Das Buch ist eine Sammlung von Beiträgen, die von 18 Lesben
geschrieben sind, die rabbinische Ämter innehaben, und die
die
Schwierigkeiten und Konflikte in dem Leben beschreiben, das sie
zu führen gewählt haben. Levy Elwell hat gerade erst ein
Buch veröffentlicht, eine moderne Pessach-Haggada auf Hebräisch
und Englisch, die alternative Interpretationen des traditionellen
Texts anbietet, die in der traditionellen Haggada nicht berücksichtigt
werden, und die, ganz im Geist des Feiertags, die Seder-Gäste
herausfordern. Hier findet sich ein gesondertes Gebet für die
Sicherheit Jugendlicher, die Indien bereisen und nicht rechtzeitig
zum Seder nach Hause kommen können. Sie ist sehr stolz auf
die Haggada, erläuternd, dass sie den Kern des Reformjudentums
mit seinem menschlichen, liebevollen und sich wandelnden Äußeren
beinhalte.
Eines von fünf Kindern der wohlhabenden Levy Familie, besuchte
Levy Elwell ein privates Gymnasium und war aktiv in der Jugendbewegung
des Progressiven
Judentums. Anschließend studierte sie an einer kleinen Hochschule
in Michigan. Der Lehrplan sah einen Studienaufenthalt in einem anderen
Land vor. Sie wählte Israel. Es war die Zeit sozialer Unruhen
in den Vereinigten Staaten, merkt sie an, und die Wahl Israels leitete
sich von Fragen ab, die wegen ihrer Identität als jüdisch-amerikanische
Frau aufkamen. Ihr erster Besuch in Israel fand 1968 statt. Sie
verbrachte neun Monate im Jerusalemer Hiatt Institute der Brandeis
Universität und verliebte sich in das Land, das noch immer
hoch im Kielwasser des Sechs-Tage-Kriegs schwamm. Der Zuckerguss
ihres Kuchens war ihr Gruppenleiter: Yonatan Netanyahu.
"Er war göttlich", erinnert sich Levy Elwell. "Er
machte mit uns Ausflüge und zeigte uns das Land. Natürlich
verliebten sich alle Mädchen in ihn. Wir lernten in einem Ulpan
(Sprachschule) Hebräisch und besuchten Vorträge von Professoren
an der Universität. Ich lebte in Rehavia bei einer älteren
Witwe und machte wunderbare Erfahrungen. Ich hatte hohe Ziele und
war mir sicher, dass ich nach Hause zurückkehre, meine Studien
beende und hierher auswandere. Aber das Leben
erwies sich als komplizierter als angenommen. Ich traf Steven Elwell
und verliebte mich in ihn, und ein Jahr nach unserer B.A.-Abschlußprüfung
konvertierte er zum
Judentum und wir heirateten. Dann tauchten wir in das Leben und
unsere Studien ein. Ich belegte einen Magisterstudiengang in Jüdischen
Studien in Brandeis, aber mein ständiger Wunsch war es, nach
Israel zurückzugehen. Nachdem mein Ehemann sein Examen abschloss,
kamen wir nach Israel, um hier zu leben."
Der romantische Traum der Einwanderung zerbrach am harten Felsen
der Realität. Nach einem halben Jahr im Kibbutz Ma´agan
Michael am Mittelmeer kehrten sie in
die Vereinigten Staaten zurück, um zu promovieren, obwohl auch
Steven das Land liebte. "Als ich an der Universität von
Indiana an meiner Doktorarbeit in Erwachsenenbildung arbeitete,
wurde mir deutlich, dass ich nicht genug über Judentum wußte.
Völlig zufällig lag das Archiv, in dem ich die Recherche
für meine
Doktorarbeit machte, am Hebrew Union College (HUC), einem rabbinischen
Institut in Cincinnati, Ohio. Hierkam mir zum ersten Mal der Gedanke
auf, ordinierter
Rabbiner zu werden."
Nachdem sie ihre Doktorarbeit beendete, schloss Levy Elwell ein
fünfjähriges rabbinisches Studium am HUC ab. Sie hatte
eine fünf Jahre alte Tochter, Hannah,
und ein neugeborenes Baby, Mira, aber ihre vermeintlich perfekte
Ehe war in Nöten: "Ich sah plötzlich ein, dass ich
all die Jahre versuchte, jemand zu sein, die ich eigentlich nicht
war, und ich wollte ein Leben unter falscher Identität nicht
fortsetzen."
Wo
warst du bis zu diesem Zeitpunkt?
Levy Elwell: "Ich heiratete aus Liebe - er ist eine wunderbare
Person, wir wollten eine Familie gründen, und der Gedanke,
ich sei eine Lesbe, kam mir nie in den Sinn. Die Schwierigkeit bestand
darin, dass ich kein Rollenvorbild hatte. Für alles, was wir
im Leben machen, gibt es jemanden, der uns als Spiegelbild dient.
Bist du als Jude geboren, hast du jüdische Eltern. Lesben und
Schwule haben keinen Mentor, den sie als Vorbild nehmen können,
weil Lesben keine lesbischen Eltern haben."
Wie erklärst du dir, daß du für so viele Jahre verheiratet
sein konntest?
Es gibt viele Frauen, die sich sicher sind, nie mit einem Mann zusammenleben
zu werden, und es gibt viele Frauen, die sich sicher sind, nie mit
einer Frau zusammen leben zu werden. Aber es gibt umso mehr Frauen
und Männer in der Mitte, die mit einer Frau oder einem Mann
zusammenlebten und danach fühlen, dass alles, was sie wirklich
wollten, war, ihr Coming Out zu haben. Mein Fall war ein klassische
Beispiel. Ich war jung und unerfahren, und eine Frau hatte in der
damaligen Zeit keine Wahl-Möglichkeiten. Dies ist heute anders.
Meine Töchter können entscheiden. Sie können mit
einer Frau oder mit einem Mann zusammensein und dann entscheiden,
was ihre Vorlieben sind, und wie sie sich selbst verwirklichen wollen.
Nach der Abschlußprüfung
am HUC fand Levy Elwell Arbeit als stellvertretender Rabbi in einer
Gemeinde in Los Angeles, aber sie litt innerlich Qualen.
"Ich war 38. Meine Töchter waren zehn und fünf, und
ich fühlte mich bei meiner Arbeit so glücklich, aber miserabel
in meiner Ehe. Ich lebte in Selbstverleugnung. Ich wusste, dass
etwas falsch war, dass etwas in mir vor sich ging. Aber ich konnte
es immer noch nicht benennen. Ich wusste, dass ich dabei war, eine
Änderung in meinem Leben durchzumachen."
Die Änderung
war dramatisch.
"Ich
wusste bereits, dass wenn ich überhaupt mit irgendjemandem
zusammenleben
würde, wäre dies mit einer Frau. Meine Anziehung zu Frauen
begann auf einer intellektuellen Ebene, während meines Studiums,
und stand in Bezug zu meinem
feministischen Bewußtsein und zu deren Nöten. Ich besprach
dies mit meinem Ehemann und wir begaben uns sogar in Therapie. Über
eine lange Zeit hindurch
versuchten wir, ohne Sex zu leben. Ich sagte zu mir selbst, er ist
so ein guter Kerl, und dieser Versuch war es mir wegen der Kinder
wert, aber es hat nicht funktioniert. Er verließ mich und
ich ging ein zweites Mal in meinem Leben in die Mikveh (rituelles
Bad). Das erste Mal war, als ich als Rabbiner ordiniert wurde und
nun erneut als Steven das Haus verließ. Ich wusste, das war
es. Es war wie ein Zeichen, von den Männern abgeschnitten zu
werden, und eine offizielle, emotionale Erklärung unserer Trennung.
Ich wusste, ich würde nie wieder mit einem Mann zusammen sein."
Nurit
Shine, die mit Levy Elwell zur Konferenz in Israel kam, sagt, dass
es unmöglich sei zu wählen, eine Lesbe zu werden, denn
es sei ein genetisches Merkmal. Es sei aber möglich, ein lesbisches
Leben zu führen, merkt sie an. Levy Elwell stimmt zu. "Ich
bin glücklich, daß die Kultur, in der ich lebe, mir erlaubt
zu wählen, mein wahres Leben zu führen. Genauso einfach
könnte ich wählen, mich in irgendein kleines Nest zu verkriechen
und mich dort zu verstecken, aber ich entschied, nicht versteckt
zu leben."
Als
Levy Elwell erkannte, dass sie eine Lesbe war, zog ihr Ehemann nach
Philadelphia. Es blieb ihr überlassen, ihren Töchtern
und Eltern zu erklären, dass die perfekte Familie plötzlich
auseinanderbrach, und wer Nurit Shine war.
"Ich traf Nurit in Los Angeles kurz nachdem Steven ging. Sie
war noch ein
Oberleutnant in der israelischen Verteidigungsarmee, der der Jewish
Agency als Emissär entliehen wurde. Sie hatte ihr Coming Out,
als sie noch in der Armee war, und dachte nie daran, in Amerika
zu bleiben, bis wir uns trafen. Meine Töchter waren auf mich
und Nurit wütend, aber sie waren zu sanft um unhöflich
zu werden. Sie übertrugen ihren Zorn auf ihren armen Hund.
Meine jüngere Tochter sagte mir, sie wolle mit ihrem Vater
leben, und meine ältere Tochter meinte, Mutti, wenn sie mit
uns leben wird gehe ich. Es war ihr Abschlussjahr in der High School
und ich sagte ihr, dass ich bei ihr bleiben würde und Nurit
in ihrer eigenen Wohnung leben würde. Es ging um ein Jahr und
ich wollte ihr ermöglichen, Freunde nach Hause zu bringen und
sich behaglich zu fühlen."
Levy Elwell schrieb
ihren Eltern einen langen Brief:
"Ich dachte, daß es möglich wäre, in einem
Brief Gefühle auszudrücken und Dinge in ordentlicher Form
zu sagen. Der Brief war in Langschrift verfasst, um ihnen zu zeigen,
wie ernst die Angelegenheit von meinem Standpunkt aus war. Als einem
religiösen Menschen waren diese Worte, mit denen ich die Wahrheit
erzählte, sehr bedeutsam für mich. Ich schrieb meinen
Eltern, wie sehr die jüdische Tradition von uns verlangt, aufrichtig
zu sein. Nachdem sie den Brief erhielten riefen sie mich an und
sagten, wie sehr sie mich liebten, daß ich immer ihre Tochter
bliebe und
dass wir lernen und gemeinsam daran arbeiten würden. Ich hatte
einen Bruder, der mit 37 an Krebs verstarb, und dies half meinen
Eltern zu verstehen, dass es
größere Katastrophen gibt, als eine Lesbe zu sein. Sie
würdigten die Wichtigkeit ehrlicher zwischenmenschlicher Beziehungen.
Danach berichtete mir meine Mutter, dass sie es vermutete und mich
sogar gefragt hatte, aber dass ich es verneint hätte... Sie
akzeptierten mich tatsächlich, als sie Nurit trafen.
Es ist unmöglich, sie nicht zu mögen. Sie ist sehr realistisch
und ernsthaft. Der israelische Teil in ihr war zunächst etwas
hart, aber als sie sahen, wie glücklich ich war, wie frei und
entspannt, akzeptierten sie mich vollständig."
Levy Elwell erklärt
den hohen Anteil an Lesben und Schwulen in der Reformbewegung durch
einen Hinweis auf die große Offenheit der Bewegung. Für
das völlige Verbot der Homosexualität im orthodoxen Judentum
hat sie eine eigene Interpretation parat:
"Das religiöse Gesetz ist eine menschliche Erfindung und
kann deshalb
erneut erfunden werden. Dies ist, was Rabbiner über Generationen
unternommen haben und dies ist mein Verständnis des Judentums.
Die Halacha (das jüdische
religiöse Gesetz) ... ist mit Macht und Kontrolle verbunden.
Es verbietet einem Mann über einen anderen Mann gewaltsam mittels
Homosexualität zu herrschen, und dies ist nicht eine Frage
der Liebe oder sexueller Beziehungen. Abgesehen davon sind wir nicht
eine halachische Bewegung. Wir respektieren sie, sie findet
hier Ausdruck, aber sie hat kein Vetorecht über das Judentum.
Zum Beispiel halten nicht alle von uns koscher. Einige von uns reisen
am Schabbat. Einige Frauen tragen Hosen. Es gibt einige Leute, die
eine Synagoge besuchen und andere Leute, die dies nicht tun. Bevor
ich Vegetarierin wurde, aßen wir zu Hause Schweinefleisch.
Am Schabbat benutze ich kein Telefon, gehe nicht einkaufen und vermeide
jegliche Form von Arbeit. Wir haben ein sehr reichhaltiges jüdisches
Leben. Ich vollziehe jüdische Zeremonien mit einer Kopfbedeckung
und einem Tallit (Gebetsschal). Als ein Symbol. Der Text selbst
ist traditionell und betrachtet Mann und Frau als gleichberechtigt.
Während der Hochzeitszeremonie sprechen beide, Bräutigam
und Braut (und nicht nur der Bräutigam), Du bist mir anverlobt,
beide zerbrechen das Glas, wenn sie es wünschen. Die Ketubah
(Heiratsvertrag), ist von beiden gemeinsam aufgesetzt, und ich schlage
vor, dass sie sich einige persönliche Worte sagen, wenn sei
wollen, und eine partnerschaftliche und finanzielle Übereinkunft
aufsetzen."
Levy Elwell und Shine, die in Philadelphia leben, heirateten 1998
in Anwesenheit von vier Rabbinern - zwei Frauen und zwei Männern
- in einer Reform-Zeremonie.
"Nurits Vater kam aus Israel und meine Eltern und meine beiden
Töchter waren dort. Wir erhielten die Hochzeitsringe von meinem
Vater. Sie gehörten seinen Großeltern, die 1880 heirateten."
In
ihrer rabbinischen Karriere hat Levy Elwell beinahe die Spitze der
Pyramide erreicht. Sie ist ein regionaler Leiter und verantwortlich
für 60 Synagogen der Reformbewegung an der Ostküste. Sie
kann sich an keinerlei Begegnung mit Diskriminierung erinnern, weder
wegen ihres Berufs noch weil sei eine Frau und eine Lesbe ist.
"In dem Vorstellungsgespräch für die Tätigkeit
fragte mich der Vize-Präsident der Reformbewegung, wie sich
Nurit angesichts meiner vielen Reisen fühle. Dies war
die einzige Frage, die mir gestellt wurde: wie dies mein Familienleben
beeinflussen würde. Leute beklagen sich ständig über
ihren Rabbiner :
er ist nie da, wenn man ihn braucht, er ist zu intellektuell, er
ist nicht intellektuell genug."
Ist es bezogen auf Frauen schlimmer?
"Ich weiß nicht. Wir sind die erste Generation"
Ein Rabbiner zu sein, sagt Levy Elwell, ist nicht ein Beruf, es
ist ein way of life.
"Das ist, was mich an den Orthodoxen so ärgert. Ihren
Gesetzen zufolge ist alles, was ich tat und alles, was ich erreichte,
nicht mir selbst zuzuschreiben. Mein früherer Ehemann konvertierte
zum Judentum, und als er sich erneut verheiratete, trat seine neue
Frau ebenfalls über, und ihre Tochter, die jetzt fünf
Jahre alt ist, konvertierte auch, weil sie geboren war, bevor sie
heirateten, und sie sind alle gute Juden. Warum sollten die Orthodoxen
kommen und sagen dürfen, sie seien nicht jüdisch genug?
Wir sind alle eine große Familie. Ich will diejenige respektieren,
die einen Streimel (der von chassidischen Männern getragene
Hut), aber sie sollten mich auch respektieren."
Ist Gott eine
Frau?
"Nein. Und ich glaube nicht, Gott sei ein Mann. Für mich
existiert Gott, wie Buber sagte, überall dort, wo sich zwei
Menschen in Ehrbarkeit und Lauterkeit treffen. Ich glaube, Gott
verleiht mir Kraft, wenn ich Schwäche verspüre. Im Gebet
sprechen wir, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, und ich füge
Gott Saras, Rivkas, Leas und Rachels hinzu. Offensichtlich hatte
jeder von ihnen eine eigene Vorstellung von
Gott, und ich fühle mich als Teil dieser Kette."
Levy Elwell nimmt
die schrecklichen Vorhersagen vom Ende des amerikanischen Judentums
wegen der hohen Rate an Assimilation nicht ernst.
"Mit all dieser Assimilation gehen sehr viele neue großartige
Konvertiten einher. Leute ... wollen Juden werden. Sie suchen nach
spiritueller Bedeutsamkeit. Oftmals ist es ein Ersatz dafür,
in den Fernen Osten zu gehen, oder nachdem sie von dort zurückkehren
und entdecken, dass im Judentum Generationen spiritueller Kultur
begründet liegen. Ich betrachte die neuen Studenten am HUC,
die nächste Generation von Rabbinern, die darauf brennen, der
Gemeinschaft zu dienen."
Was entgegnest
du dem orthodoxen Ansatz, dass durch wachsames Aufrechterhalten
der Gebote das Judentum erhalten bleibt ?
"Das ist ihre Interpretation. Es gibt andere Möglichkeiten,
dies zu betrachten."
Levy Elwell glaubt, daß die Westmauer (Klagemauer) allen gehört:
"Die Mauer kann nicht zwischen Männern und Frauen getrennt
werden. Sie muss von allen geteilt werden. Ich muss die Möglichkeit
des Gebets ... mit meinem Bruder und meinem Sohn oder mit einem
anderen Rabbiner, der zufällig ein Mann ist, haben. Diese Trennung
ist töricht."
Was wird geschehen,
wenn Juden nach einer politischen Übereinkunft mit den Palästinensern
ein Gebet an den heiligen Stätten nicht ermöglicht wird?
"Ich glaube an einen Kompromiss und sehe mit Freude dem Tag
entgegen, an dem wir Juden einen echten Partner haben mit dem es
uns möglich ist, zusammen zu sitzen und das Problem zu diskutieren...
Was bedeutet es, im Ebenbild Gottes erschaffen zu sein? Bezieht
sich das nur auf mich? Nicht auf sie? Man wird unter den Reformjuden
keine Verfechter eines Groß-Israel finden."
© Ha'aretz Newspaper - Israel
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