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Hintergründe zum Streit zwischen "Zentralrat" und "Union"
von Chajm Guski
Ein scheinbar "innerjüdischer" Streit wird von der Öffentlichkeit entdeckt: Die Auseinandersetzung zwischen dem "Zentralrat der Juden in Deutschland" und der "Union für Progressives Judentum in Deutschland" ist nicht nur ein finanzielles Reizthema, sondern wirft auch ein Licht auf die religiöse Zusammensetzung des Judentums in Deutschland.

 

"DER SPIEGEL", die Süddeutsche, die FAZ, der Tagesspiegel und die TAZ. Kaum eine große deutsche Tageszeitung hat noch nicht darüber berichtet: Die "Union Progressiver Juden in Deutschland" möchte am Staatsvertrag der Bundesregierung mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland teilhaben. Schon im Jahr 2003 wurde durch Vertreter der Bundesregierung der Eindruck erweckt man habe die Sachlage verstanden und würde versuchen, die Union nicht benachteiligen. Anlässlich einer Festveranstaltung der "World Union for Progressive Judaism" im jüdischen Gemeindezentrum zu Berlin, zu der auch Bundesminister Otto Schily als Redner geladen war, machte dieser klar: "So wie Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat dabei die gesamte deutsche Gesellschaft repräsentieren, so erwarten wir umgekehrt, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland die gesamte jüdische Gemeinschaft in Deutschland in die Praxis dieses Vertrags mit einbezieht." Diese Worte waren übrigens so klar, dass ein Journalist der TAZ wahltaktisches Kalkül vermutet. Phillip Gessler wird in seinem Artikel schreiben: "Die Bundesregierung dagegen, allen voran der für Religion zuständige Minister Schily, fördert die "Union" - nicht zuletzt, weil das liberale Judentum in den USA recht einflussreich sei und viele liberale jüdische Gemeinden im Kanzler-Heimatland Niedersachsen lägen, so Kenner der Szene".
Zur gleichen Veranstaltung sandte Paul Spiegel, der Zentralratsvorsitzende, damals noch versöhnliche Grußworte: "Das neuerliche Wachstum der Strömung des progressiven Judentums ist für mich ein positives Zeichen."?, dennoch fügt Spiegel einige Zeilen später hinzu "Ich bin zuversichtlich, dass wir hinsichtlich der institutionellen Umsetzung dieses pluralistischen Anspruchs in der gemeinsamen Vertretung der Juden in Deutschland nach Aufklärung sachlicher Missverständnisse einen gemeinsamen Konsens finden werden.".

Klarere Worte fand der Vorsitzende des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden in Hessen. Er forderte eine andere Haltung des Zentralrates: "Jetzt sehen die häufig selbsternannten Vertreter des ‚progressiven Judentums' eine neue Zielgruppe vor Augen - und zudem den süßen Nektar staatlicher Förderung. Wenn der Zentralrat nicht beharrlich, klug und verantwortungsvoll Position bezieht und den unverzichtbaren Wert des Festhaltens an den jüdischen Traditionen zu vermitteln versteht, könnte die wahrlich unvernünftige Spaltung des Judentums in Deutschland vorprogrammiert sein.". Es geht also nicht nur um Geld, sondern auch um die Frage ob in Deutschland Platz für ein pluralistisches Judentum ist.

Wahrgenommen wird durch die nichtjüdische Öffentlichkeit nur das orthodoxe Gesicht des Judentums. Auf Synagogenführungen, bei öffentlichen Einführungen in das Judentum, zu G-ttesdienstbesuchen wird in der Regel das orthodoxe Gesicht vermittelt. In vielen deutschen Gemeinden ist der Ritus der Gebete tatsächlich orthodox, tatsächlich orthodox leben jedoch wenige Menschen. Das die Synagogen nach dem Krieg einer orthodoxen Tradition folgten, hing mit der demographischen Zusammensetzung der Gemeinden zusammen. Die jüdischen Gemeinden setzten sich direkt nach Kriegsende meist aus den so genannten "Displaced Persons" zusammen, die nicht mit dem deutschen liberalen Judentum aufwuchsen, sondern meist aus den orthodoxen Milieus Osteuropas verwurzelt waren. Sie waren dann auch die treibenden Kräfte beim Wiederaufbau der Gemeinden in Deutschland. Das liberale deutsche Judentum, dem sich ein Großteil der jüdischen Gemeinden verpflichtet fühlte, wurde durch die Schoah nahezu ausgelöscht. Es wurde schon lange vor Beginn der Vernichtung des europäischen Judentums durch Auswanderer mit in die Vereinigten Staaten und nach England gebracht. Beim Aufbau der neuen Gemeinden einigte man sich schließlich auf das Modell der "Einheitsgemeinde", die alle Strömungen des Judentums unter ihrem Dach vereinigen sollte. In den meisten Gemeinden ist dies auch in den Statuten festgelegt worden. Tatsächlich orthodox praktiziert haben immer nur kleine Teile der Gemeindemitglieder.

Im Jahre 5764/2004 ist die Situation eine andere: Die jüdische Gemeinschaft ist mit rasanter Geschwindigkeit gewachsen. Der Kontakt mit dem Ausland hat den Nachfolgegenerationen der Gemeinde(wieder)- Begründer gezeigt, das die jüdische Welt facettenreich ist und das offensichtlich die Orthodoxie gar nicht "Mainstream-Judaism" ist, die einzig mögliche Wahl jüdische zu leben, sondern vielleicht eine unter anderen. Tatsächlich sind 75 Prozent aller Synagogen der Welt nicht-orthodox. Nun gab es in einige Gemeinden Deutschlands Initiativen zugunsten eines liberalen (oder auch nur egalitären) G-ttesdienstes und Möglichkeiten aktiv jüdisch-liberal zu praktizieren. In manchen Fällen scheiterte dies am Widerstand der örtlichen Gemeindevorsitzenden die keine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen wollten oder die Bestrebungen schlichtweg verbieten wollten. Folge dieser Auseinandersetzung war mancherorts die Begründung einer liberalen ‚Gemeinde' oder Gruppierung. Die Entstehungsgeschichte der ‚eigenen' liberalen Gruppierungen sollte erklären, warum liberale Juden nicht einfach nur Mitglieder lokalen Einheitsgemeinde bleiben, sondern darüber hinaus auch Netzwerke schaffen, die ein Praktizieren des liberalen-jüdischen Lebens zu ermöglichen. Ein "gleichberechtigtes Nebeneinander", von dem Spiegel spricht und wie es eigentliche Ziel der Einheitsgemeinde sein sollte - gibt es in manchen Gemeinden. In Berlin etwa können sich Juden aussuchen, ob sie einen orthodoxen oder liberalen Gottesdienst besuchen möchten.

Der Zentralrat lehnt heute eine Beteiligung liberaler Juden an Fördergeldern ab (übrigens gibt es aber auch einige orthodoxe Initiativen die ebenfalls nicht finanziert werden). Das Direktorium des Zentralrats bekräftigte nicht nur einmal den Alleinvertretungsanspruch für alle in Deutschland lebenden rund 100.000 Juden, der vorliegende Text sollte zeigen, dass dies so einfach nicht ist. Die heutige Konfiguration "Zentralrat" - "Union" ist deshalb ein klein wenig "hausgemacht". Hätte man den Wunsch nach liberaler Religionsausübung ernst genommen, wäre die heutige Situation vielleicht gar nicht erst entstanden. Verschwiegen werden sollte an dieser Stelle nicht, dass es auch orthodoxe Gemeindemitglieder gibt, denen in einer Einheitsgemeinde nicht mit gegebenem Respekt entgegengetreten wird. Es bleibt also schwierig…

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© April 2004

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