Jüdisches Leben >

Das Kaddisch-Gebet neue Einsichten
von Wolfgang Sunderbrink

Das Kaddisch ist nach Kol Nidrej das wohl bekannteste jüdische Gebet. Es diente als Titelvorlage für zahlreiche Filme und Bücher, unter google finden sich nach dem Suchwort Kaddisch 10 Seiten mit Verweisen nur auf deutschsprachige Seiten, bei denen das gesuchte Wort auftaucht.

Es ist zu beobachten, daß das Kaddisch in liberalen Gemeinden immer seltener gesprochen wird. Die Begründungen hierfür sind relativ monoton: zu oft, verlängert den G-ttesdienst unnötig. Bestimmte Formen des Kaddisch tauchen nicht mehr auf (Kaddisch tikabel) oder werden verpönt.

Mitunter kommt in Diskussionen das Gefühl auf, daß die Diskutanten gar nicht so recht wissen, worüber sie denn eigentlich so abfällig urteilen. Daher folgt hier eine Zusammenstellung der im aschkenasischen Sprachraum gesprochenen Formen des Kaddisch (transliteriert), wobei eine deutsche Übersetzung nur für das Kaddisch bei der Beerdigung erfolgte, damit sich der Leser ein Bild machen kann, ob es wirklich angebracht ist, dieses Gebet wegen eines Halbsatzes, der auch noch dazu verschieden interpretiert werden kann, aus der Gebetswirklichkeit des liberalen Judentums zu streichen.

Bei den Transliterationen musste auf Sefat emet und Sch'ma Kolenu zurückgegriffen werden, weil im Seder Hateffilot die Druckfehler noch immer nicht beseitigt sind.

Im Anschluß sind Texte zum Kaddisch wiedergegeben, die die Spannbreite der Interpretationen des Kaddisch andeuten, aber auch die abergläubischen Vorstellungen und die frauenfeindlichen Tendenzen, die mit dem Sagen des Kaddisch verbunden sind, nicht unterschlagen.

Transliteration

Chazi Kaddisch

Jit'gadal wejitkadasch sch'me rabba,
(Gemeinde : Amen)

bealma diw'ra chir'ute, we'jamlich malchutej,
be'chajechon uw'jomechon uw'chaje d'chol bejt
Jisrael, ba'agala uwisman kariw, w'imru: Amen.

(Gemeinde):
Je'he sche'me rabba me'worach lealam ul' almej almaja.

Jitbarach we'jischtabach we'jitpaar we'jitromam,
we'jitnasse, we'jithadar we'jitale we'jithallal sch'mej
d'kudscha,
(Gemeinde): brich hu.

Le'ela min kol bir'chata we'schirata tusch'bechata
we'nechemata da'amiran be'alma, we'imru: Amen


Kaddisch jatom

Jit'gadal wejitkadasch sch'me rabba,
(Gemeinde : Amen)

bealma diw'ra chir'ute, we'jamlich malchutej,
be'chajechon uw'jomechon uw'chaje d'chol bejt
Jisrael, ba'agala uwisman kariw, w'imru: Amen.

(Gemeinde):
Je'he sche'me rabba me'worach lealam ul' almej almaja.

Jitbarach we'jischtabach we'jitpaar we'jitromam,
we'jitnasse, we'jithadar we'jitale we'jithallal sch'mej
d'kudscha,
(Gemeinde): brich hu.

Le'ela min kol bir'chata we'schirata tusch'bechata
we'nechemata da'amiran be'alma, we'imru: Amen

Je'hej sche'lama rabba min sche'maja w'chajim alenu
w'al kol Jisrael, we'imru: Amen.

Osse shalom bim'romaw, hu ja'asse shalom alejnu
we'al kol Jisrael we'imru: Amen.

Kaddisch derabbanan

Jit'gadal wejitkadasch sch'me rabba,
(Gemeinde : Amen)

bealma diw'ra chir'ute, we'jamlich malchutej,
be'chajechon uw'jomechon uw'chaje d'chol bejt
Jisrael, ba'agala uwisman kariw, w'imru: Amen.

(Gemeinde):
Je'he sche'me rabba me'worach lealam ul' almej almaja.

Jitbarach we'jischtabach we'jitpaar we'jitromam,
we'jitnasse, we'jithadar we'jitale we'jithallal sch'mej
d'kudscha,
(Gemeinde): brich hu.

Le'ela min kol bir'chata we'schirata tusch'bechata
we'nechemata da'amiran be'alma, we'imru: Amen

Al Jisrael weal rabbanan weal talmidehon weal kol tamidej
talmidehon weal kolman d'askin beoraijta di beatra haden
wedi b'chol atar we'atar. Jehe lehon alchon schlama raba
chino we'chisdo we'rachmamin wechajin arichin
umsona r'wicha ufarkana min kadam awuchon
diwischmaja weara we'imru: Amen.

Je'hej sche'lama rabba min sche'maja w'chajim alenu
w'al kol Jisrael, we'imru: Amen.

Osse shalom bim'romaw, hu ja'asse shalom alejnu
we'al kol Jisrael we'imru: Amen.

Kaddisch Titkabel

Jit'gadal wejitkadasch sch'me rabba,
(Gemeinde : Amen)

bealma diw'ra chir'ute, we'jamlich malchutej,
be'chajechon uw'jomechon uw'chaje d'chol bejt
Jisrael, ba'agala uwisman kariw, w'imru: Amen.

(Gemeinde):
Je'he sche'me rabba me'worach lealam ul' almej almaja.

Jitbarach we'jischtabach we'jitpaar we'jitromam,
we'jitnasse, we'jithadar we'jitale we'jithallal sch'mej
d'kudscha,
(Gemeinde): brich hu.

Le'ela min kol bir'chata we'schirata tusch'bechata
we'nechemata da'amiran be'alma, we'imru: Amen

Titkabal z'lot'hon u'waot'hon d'kolisrael kadam awuhon
di bischmaja w'imru: Amen

Je'hej sche'lama rabba min sche'maja w'chajim alenu
w'al kol Jisrael, we'imru: Amen.

Osse shalom bim'romaw, hu ja'asse shalom alejnu
we'al kol Jisrael we'imru: Amen.


Kaddish bei der Beerdigung

Jitgadal w'jitkadasch, Sch'meh rabah, b'Alma di hu Atid l'it'chadata..
Uleachaja Metaja, uleasaka jatehon leChajej Alma,
ulemiwnej Karta diJeruschelejm
uleschachelaja Hejcheleh beGawah,
ulemäakar Pachalna nucheratah minAreaa,
welaatawa Palchana di Schmaja leAtra,
wejamlich Kudesch berich hu beMalchuteh Wikraeh
beChajejchon uweJomejchon
ubeChajej dechalBejt Jisrael
baAgala uwoSeman kariw,
weimeru Amejnl
Jehe Schemeh raba rnewarach, leAlam uleAlmej Almaja!
Jitbarach wejischtabach
Wejitromam wejitnasej
Wijithadar wejitealeh
wejitehalal Schemeh deKudescha berich hu,
leajla minkal Birchata weSchlrata,
Tuschbechata weNechämata
daamiran beAlma,
weimeru Amejn.
Jehe Schem Adonaj Meworach meAtah wead Olam!
Jehe Schelama raba min Schemaja,
weChajim,
alejnu wealkolJiserael
weimeru Amejn,
Aeseri me'im Adonaj, Oseh Schamajim waArez.
Oseh Schalom biMeromaw,
hu jaaeseh Schalom alejnu wealkalJiserael,
weimeru Amejn!

Erhoben und geheiligt, sein großer Name, in der Welt die er erneuern wird.
Er belebt die Toten, und führt sie empor zu ewigem Leben,
Er erbaut die Stadt Jiruschalajim
und errichtet seinen Tempel auf ihren Höhen,
Er tilgt die Götzendienerei von der Erde
und bringt den Dienst des Himmels wieder an seine Stelle,
und regieren wird der Heilige, gelobt sei er, in seinem Reiche und in seiner Herrlichkeit,
in eurem Leben und in euren Tagen
und im Leben des ganzen Hauses Israel
schnell und in naher Zeit,
und sprechet: Amejn
Sein großer Name sei gelobt, in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten!
Es sei gelobt und verherrlicht
und erhoben und gefeiert
und hocherhoben und erhöht
und gepriesen der Name des Heiligen, gelobt sei er,
hoch hinaus über jede Lobpreisung und jedes Lied,
jede Verherrlichung und jedes Trostwort,
welche jemals in der Welt gesprochen,
Und sprechet: Amejn
Es sei der Name des EWIGEN gelobt, von nun an bis in Ewigkeit!
Es sei Fülle des Friedens vom Himmel herab,
und Leben,
über uns und über ganz Israel,
Und sprechet. Amejn!
Meine Hilfe kommt vom EWIGEN, dem Schöpfer des Himmels und der Erde.
Der Frieden schafft in seinen Höhen, er schaffe Frieden unter uns und über ganz Israel,
Und sprechet. Amejn

Aus "Chajim Halevi Donin: Jüdisches Leben":
Ein Sohn ist verpflichtet, täglich beim öffentlichen G-ttesdienst Kaddisch zu sagen, und zwar für eine Periode von 11 Monaten, beginnend mit dem Tag der Beerdigung. Dies wird als eine die Eltern ehrende Handlung angesehen.

Zum KaddischSagen braucht man ein minjan, ein Quorum von zehn männlichen Erwachsenen. Wenn man alleine betet, kann man es nicht sagen.

Beim KaddischSagen steht man mit geschlossenen Füßen, in respektvoller Haltung. In mancher Gemeinde sagt nur eine Person Kaddisch, aber in vielen sprechen es alle Trauernden zusammen. Die Gemeinde antwortet mit "j'he schme rabba m'warach l'alam ul'almej almaja" (Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten) und mit "Amen".

Die Sprache des Kaddisch ist nicht hebräisch, sonder aramäisch, was seinerzeit die Sprache des Volkes war. So konnten ungelehrte Menschen den Inhalt besser verstehen.

Der Kaddisch ist kein Gebet für die Toten. Es gibt spezielle Gebete für die Toten, wie etwa El male rachamim oder jiskor, aber der Kaddisch gehört nicht zu denselben. Weder Tod noch Trauer werden in ihm erwähnt. Es ist ein Gebet zum Preise G-ttes, eine Erklärung tiefen Glaubens an die ungeheure Größe des Allmächtigen und eine Bitte um endgültige Erlösung und Rettung.

Das Wort kaddisch bedeutet "heilig" und ähnelt dem Wort kiddusch, dem Gebet zur Heiligung von Sabbat und Festtag.

Kaddisch ist eines der ältesten Gebete unserer Liturgie und geht auf die Zeit des zweiten Tempels zurück.

Ursprünglich wurde nur nach Beendigung einer Periode des Torastudiums Kaddisch gesagt, und auch jetzt wird nach solchen Gelegenheiten der rabbinische Kaddisch, kaddisch d'rabbanan, rezitiert. Es sind dies wirklich die passenden Worte und Gedanken, um eine Lernstunde des Wortes G-ttes zu beschließen. Irgendwann im frühen Mittelalter begann man, den Kaddisch mit Trauernden zu identifizieren.

Wenn mitten im Schmerz und persönlichen Verlust wo die Neigung, G-tt anzuklagen oder gar abzulehnen, aufkommen mag ein Mann trotzdem aufsteht und öffentlich diese Worte des Glaubens und des G-ttvertrauens ausdrückt, so ist das sicherlich eine Handlung großen Verdiensts für die Seele des Verstorbenen, das dieser ein Kind großgezogen hat, das solchen G-ttvertrauens fähig ist. Nur in diesem Sinn kann der Kaddisch als "indirektes" Gebet für den Toten angesehen werden. Seine Rezitation durch den Sohn fügt zu den Verdiensten der Seele hinzu, wenn sie in der kommenden Welt gerichtet wird.

Obzwar eine Tochter nicht zu täglichem KaddischSagen verpflichtet ist, darf sie beim G-ttesdienst aufstehen und Kaddisch sagen, aber nicht alle religiösen Gelehrten teilen diese Ansicht.

Es ist erlaubt und sogar angebracht, daß auch ein Kind unter dreizehn Jahren für seine Eltern Kaddisch sagt.

Wenn ein Verstorbener keinen Sohn hat, wurde es Sitte, einen frommen Mann für ihn Kaddisch sagen zu lassen. Wo aber ein Sohn da ist, hat dieser Brauch überhaupt kein Verdienst. im Gegenteil: die Verdienste des Verstorbenen, die die Hinterbliebenen mit der Erfüllung ihrer Pflicht des KaddischSagens vergrößern, werden geschmälert, wenn man einen Ersatzmann anstellt. Es ist besser, daß ein Sohn einmal täglich Kaddisch sagt, als ein Fremder hundert Mal.

Es wird auch als verdienstlich für die Seele des Verstorbenen angesehen, wenn der Sohn beim G-ttesdienst nicht nur den Kaddisch rezitiert, sondern auch vorbetet und am MischnaStudium teilnimmt.

Obgleich man nicht dazu verpflichtet ist, darf man auch für andere Verstorbene Kaddisch sagen. Wenn aber beide Eltern noch leben, sollte man dies nicht tun.

Die wichtigste Art, für verstorbene Eltern G-ttes Gnade zu verdienen und ihr Andenken zu ehren, besteht im Lebensweg, den die Kinder beschreiten: ein Leben der Gerechtigkeit zu führen, gute Werke zu vollbringen und in G-ttes Wegen zu wandeln. Wenn man das Leben von Eltern beurteilt, erwägt man auch, was für einen Einfluß sie auf ihre Kinder hatten. Die Lebensweise der Kinder bildet daher den endgültigen Beweis für den Wert der Lebensjahre ihrer Eltern auf dieser Erde.

Wie der Sohar sagt: "Wenn ein Sohn krumme Wege geht, bringt er Unfriede und Schande über seinen Vater. Wenn er aber auf geraden Wegen wandelt und seine Taten aufrecht sind, so bringt er ihm Ehre sowohl bei den Menschen dieser Welt als auch bei G-tt in der nächsten."

Aus "Thieberger: Jüdisches Fest Jüdischer Brauch":
Den Abschluß aller öffentlichen, vor einem minjan verrichteten Gebete sowie auch der Toravorlesung bildet das Kaddisch; es wird auch von Trauernden am Schluß des G-ttesdienstes gesprochen.

Gerade diese letzte Verwendung ist nicht die ursprüngliche und nicht die älteste. Sie hat sich in ganz Israel auf der ganzen Welt so tief eingelebt, daß es den Anschein hat, als wäre Kaddisch ein Ursprungsgebet für Trauernde gewesen. Hauptgedanke dieses Gebetes ist. "Sein großer Name sei gepriesen immer und in ewigen Zeiten." Diese Worte gelten als Hymnus aller Hymnen. Nach öffentlichen Belehrungs und Erbauungsvorträgen, die mit einem messianischen, hoffnungsvollen Ausblick schlossen, wurde Kaddisch gesagt aber gerade darin liegt die tiefe Bedeutung des Kaddisch als Gebetes für Trauernde.

In der Trauer um Vater und Mutter und nächster Verwandter wendet sich der Trauernde in seinem Schmerz dem Ewigen zu und preist die Güte des Allmächtigen, der die Schicksale der Menschen bestimmt. Wieder ist es die Verbundenheit mit dem Göttlichen, welche den Einzelnen über alles nur ihm Eigene und Bewegende hinweg und hinaushebt in das Universale, Große, Geheime. Im Getriebe des Lebens würden vielleicht die meisten Menschen bald des Teuersten vergessen; Kaddisch ist Mahnruf für sie.

Das Gebet Kaddisch (wörtlich "Heilige") enthält keine Anspielung auf den Tod, sondern ist ein Preis G-ttes. Bis auf den Schlußsatz ist es fast ganz in aramäischer Sprache abgefaßt. Es hat verschiedene Formen: eine vollständige (Kaddisch schalem) und eine, die man als Halbkaddisch bezeichnet, weil hier die letzten Verse nicht mehr gesagt werden (Chazi kaddisch). Weiter besteht eine Form, bei der vom vollständigen Kaddisch nur ein Vers fortgelassen, wird, der mit dem Wort "tiskabbel" (d. h. "empfangen werde") beginnt. Dieser Kaddisch wird von den Trauernden gesprochen und heißt darum Kaddisch jatom (Waisenkaddisch). Das vollständige Kadddischgebet wird als Abschluß einer ganzen Gebetsfolge gesprochen, das Halbkaddisch am Ende bestimmter Abschnitte, das Waisenkaddisch gewöhnlich nach Schluß aller Gebete, denen noch ein Psalm oder ein besonderes Gebet angefügt ist. Das Kaddischgebet, das die Leidtragenden nach der Beerdigung sprechen, enthält in den meisten Gegenden noch einige Zusätze, die sich auf die Wiederbelebung der Toten und die Erneuerung Jerusalems und des Tempels beziehen. Außer den genannten Kaddeschim gibt es noch den Kaddisch de rabbanan (Rabbinenkaddisch), der nach dem Studium eine Abschnittes aus dem Talmud gesagt zu werden pflegt, und eine Einschaltung enthält, die für alle Torabeflissenen Heil erbittet. Im Trauerjahr und am Jahrzeittag wird nach dem "Lernen" eines Stückes aus der Mischna ein Gebet mit der Namenseinfügung des Verstorbenen gesprochen und dann der Kaddisch de rabbanan gesagt. Es gibt Stiftungen, deren Erträge zum Lernen am Jahrzeittage und dem Rezitieren eines derartigen Kaddisch bestimmt sind. Das Kaddischgebet ist responsenartig gehalten und verlangt sonach die Anwesenheit einer Gemeinde, also mindestens eines minjan.

Im Waisenkaddisch wird die Stelle "Empfangen werde das Gebet ..." deshalb fortgelassen, weil beim Abschluß der Gebete dieser Satz bereits im Kaddisch des Vorbeters vorkam.

Aus "Trepp: Der jüdische G-ttesdienst":
Das Kaddisch ist universalistisch. Es verkündet das Kommen des Reiches G-ttes. Sein Thema bezieht es aus Ez. 38,23. "Ich will Mich groß erzeigen, ich will Mich heiligen."

Die Form des Kaddisch
Die Form des Kaddisch bezeugt es als freie Schöpfung aus dem Lehrhaus. Der erste Absatz ist Aramäisch, die damalige Umgangssprache (neben dem Griechischen). Statt "G-tt" wird "der Name" angeredet, und zwar in der dritten Person.

Der Vortragende lädt die Versammlung ein, mit Amen zu antworten und wendet sich an sie in der zweiten Person.

In dem Gebet für die Lehrer und Schüler, das ebenfalls in aramäischer Sprache gehalten ist, wird "ihr Vater im Himmel" angerufen. Das Kaddisch erlaubt mehrere Zusätze, sei es am Ende eines Pflichtgebets, sei es nach einem Lehrvortrag, die der Gelegenheit entsprechen.

Entstehung und Bedeutung
Dem Kaddisch, entstanden zur Zeit der Tannaim, wurde von allem Anfang eine tiefe Bedeutung zugesprochen, vor allem, wenn es eine Predigt abschloß. Der Amoräer Rav erklärte, jehe schemeh rabba de'aggada, die Antwort der Versammlung Sein großer Name sei gesegnet, wenn sie dem Lehrvortrag folge, sei eine Kraft, welche die Welt erhalte (bSot49b). Die Ähnlichkeit mit dem Vaterunser weist ebenfalls darauf hin, daß das Gebet schon im 1. Jh. entstanden sein muß.

Das Halb und das ganze Kaddisch
Ursprünglich dürfte das Kaddisch nur aus dem ersten Teil bestanden haben, d. h. dem Teil bis zur Antwort der Gemeinde Sein großer Name, was auch erklären würde, warum nur dieser Teil nach der Toralesung und als Auftakt der Amida und anderer Teile des G-ttesdienstes vorgetragen wird. Heute heißt dies Halbkaddisch. Wird der ganze Text gesungen, spricht man von vollem kaddisch. Der Schlußsatz des Kaddisch beendet jede leise Amida und auch das Tischgebet.

Verwandtschaft mit anderen Gebeten und mutmaßliche Verfasser
Das Thema des Kaddisch, die Verkündigung des Reiches G-ttes, weist Ähnlichkeiten mit uvechen ten pachdecha in der dritten Beracha der Rosch haschana und der Jom kippurAmida auf. Die Antwort der Gemeinde Sein großer Name klingt an Baruch schem Gesegnet der Name des Ehreschreins Seines Reiches an, welches heute auf das Sch'ma folgt und im Tempel von der Gemeinde nach jeder Beracha (statt des Amens in der Synagoge) gesprochen worden ist. Das Kaddisch weist gleichfalls Parallelen zur Keduscha Heilig, heilig, heilig auf, die in jeder Amida von Vorbeter und Gemeinde im Wechsel gesungen wird. Daher wird das Kaddisch von der Gruppe der Mystiker geschaffen worden sein, von der auch die Keduscha stammt.

Mystische Elemente
Mystischer Einfluß kommt auch in den sieben Lobpreisungen zum Vorschein, die der Vorbeter im zweiten Absatz spricht. Sie spiegeln G-tt auf seinem Thron im siebten Himmel. An sich sind es acht, doch sprach ursprünglich die Gemeinde Amen. Sein großer Name sei gesegnet durch Weltzeit und Weltzeiten der Weltzeit Gesegnet. Der Vorbeter fuhr dann auf hebräisch mit den übrigen sieben Lobpreisungen fort.

Die Verwandtschaft des Kaddisch mit der Keduscha, in welcher sich Israel dem Chor der Engel beim Lobpreis G-ttes anschließt, wird aus einem Midrasch deutlich: "Wenn das Volk Israel sich im Lehrhaus versammelt, die Tora in der Deutung eines Gelehrten hört und dann spricht: Amen, sein großer Name sei gesegnet, dann freut sich G-tt, denn er wird in der Welt verherrlicht. Er spricht dann zu den dienenden Engeln: Kommt und seht, wie dieses Volk, das ich in meiner Welt gebildet habe, mich lobt" (Midrasch Mischle 14,28).

Amram sieht im Kaddisch ein mystisches Element. Wenn G-tt es hört, freut er sich so sehr über das Lob, das aus dem Mund seines Volkes Israel emporsteigt, daß er es in seiner Gegenwart wohnen läßt uns vor jedem Unheil bewahrt: "... groß ist die Kraft des Kaddisch, es schützt vor jedem Unheil und macht den Heiligen, gesegnet sei er, glücklich" (Amram, S. 3b4a).

Möglicher christlicher Einfluß
In der Antwort der Gemeinde Sein großer Name sei gesegnet durch Weltzeit uns Weltzeiten der Weltzeit fällt die Wiederholung der letzten Worte auf. Einige Forscher haben vermutet, daß eine ursprünglich kürzere Formulierung im Blick auf die christliche Lehre verlängert worden sei. Für die Christen war die Weltzeit mit dem Kommen Christi zu Ende. Um zu betonen, daß die Juden damit nicht übereinstimmten, habe man Weltzeit nach Weltzeit gesagt.

Kaddisch als Gemeindegebet
Kein Gebet begegnet so oft im G-ttesdienst wie das Kaddisch. Es ist heilig, da seine Bedeutung in der Verkündigung der Heiligkeit G-ttes liegt, welche die Gemeinde mit ihrer Antwort auf den Ruf des Vorbeters bestätigt. Daher kann das Kaddisch nur in einem GemeindeG-ttesdienst vorgetragen werden, d. h. wenn sich die vorgeschriebene Zahl der Beter versammelt hat. Es dien als Einleitung zum Gebet, vor allem in der Amida, wird nach der Toralesung wie zurBeendigung der Hauptteile der Gebete gesprochen und nach einem Lehrvortrag oder einer Lesung aus dem Talmud
vorgetragen.

Kaddisch als Gebet der Trauernden
Außerdem wird es von den Trauernden am Grab, während der Trauerwoche und, für die Eltern, während des Trauerjahrs und am Jahrzeittag gesprochen. Die Toten kommen im Kaddisch überhaupt nicht vor. Die Hinterbliebenen verkünden das Lob G-ttes und ehren damit ihre Verstorbenen und die Erziehung, die sie von ihnen genossen haben, daß sie selbst im größten Schmerz G-ttes Größe und seine Gerechtigkeit öffentlich bekennen.

Auch dieser Brauch, der in Deutschland im 13. Jh. eingeführt worden ist, hat mystische Wurzeln. Eine Legende erzählt, R. Akiva habe einen Mann vor den Strafen der Hölle befreit, indem er seinen Sohn das Kaddisch gelehrt habe. Wer im Kaddisch mit aller Kraft sage: Sein großer Name werde gesegnet, dem werde jedes Urteil zerrissen, und die Pforten des Paradieses würden ihm geöffnet (bSchab 119b).

Auch die Überlebenden können das Schicksal der Verstorbenen beeinflussen. Wenn die Gerechten im Garten Eden G-ttes Toravortrag gehört haben, dann preisen sie G-tt und rufen aus: Amen, Sein großer Name sei gesegnet, und die Sünder Israels, die im Gehinnam wohnen müssen, schließen sich ihnen an. Sofort fragt G-tt die Engel: Wer sind die, die aus der Hölle Amen rufen? Die Engel antworten: Herr der Weltzeit, dies sind die Sünder Israels. Selbst inmitten ihrer Leiden finden sie die Kraft, Amen zu sagen. Sofort sagt der Heilige, gesegnet sei Er, zu den Engeln: Geht und öffnet ihnen die Tore des Garte Eden, damit sie hereinkommen und vor Mir singen (Amram, S. 13b).

Aus "Ganzfried: Kizzur Schulchan Aruch":
Manche sagen, man brauch bei Kaddisch nicht aufzustehen, nur bei einem Kaddisch, der einem bei Stehen träfe, wie z. B. nach Hallel solle man bis nach "amen jehe schme raba" stehen bleiben; aber manche sagen, man solle immer zu Kaddisch und jeder anderen heiligen Sache aufstehen; das kann man durch den Schluß vom Leichten zum Schweren von Eglon, dem König von Moab, lernen, so heißt es (Richt. 3,20), Ehud trat bei ihm ein ... und Ehud sprach, ich habe ein göttliches Wort an dich; da stand er vom Throne auf; wenn schon Eglon, der König von Moab, ein Heide, für das Wort des Ewigen aufstand, umsomehr müssen wir, Sein Volk, es tun; und so soll man erschweren.

Es finden sich in Midraschim viele Begebenheiten, daß dadurch, daß der Sohn für seinen Vater oder seine Mutter Kaddisch sagt, diese von der Strafe befreit wurden; darum hat man den Brauch, Kaddisch zu sagen; ebenso zu Maftir aufgerufen zu werden und vor der heiligen Lade vorzubeten, besonders an den SabbatAusgängen; ebenso bei jedem MaarivGebet, denn da ist die Strafe stark. Bezüglich der Kaddeschim gibt es aufgrund der Minhagim verschiedene Vorschriften.

In der Trauerwoche hat der Betreffende alle Kaddeschim, ob es ein Kind oder Erwachsener, ein Ansässiger oder ein Fremder ist, und verdrängt alle sonstigen Trauernden.

Es ist Gebrauch, Kaddisch nur elf Monate zu sagen, um seinen Vater oder seine Mutter nicht wie Bösewichter zu betrachten; denn die Strafe der Bösewichte dauert zwölf Monate.

Eine Tochter sage in der Synagoge keinen Kaddisch. Jedoch sagen manche, wenn man in ihrem Haus Minjan machen wolle, daß sie dort Kaddisch sage, dürfe man es tun (Knes. Jech.), manche sagen, auch das tue man nicht (Chaw. Jair 222).

Wenn auch das KaddischSagen und das Vorbeten zum Seelenheil der Eltern beiträgt, so sind sie doch nicht die Hauptsache. Vielmehr ist die Hauptsache, daß die Kinder einen frommen Lebenswandel führen, damit machen sie ihre Eltern selig. So heißt es im heiligen Buche Sohar (Ende Leviticus). Ein Kind ehre den Vater(Mal. 1,6), wie geboten (Ex. 20,12), ehre deinen Vater und deine Mutter, und das deutet man durch Speis und Trank, und zu all dem ist man zu ihren Lebzeiten verpflichtet; nach ihrem Tode aber, meinst du vielleicht, sei man frei, so ist es aber nicht; auch wenn sie gestorben sind, ist man, und zwar noch mehr, zu ihrer Ehre verpflichtet; denn es heißt, mache deinem Vater Ehre; wenn ein Sohn aber einen unfrommen Lebenswandel führt, so schätzt er bestimmt seinen Vater gering und bereitet ihm bestimmt Unehre. Geht aber ein Sohn den guten Weg und bessert seine Handlungen, so ehr er ganz gewiß damit seinen Vater, er ehr ihn in dieser Welt bei den Menschen und ehrt ihn in der anderen Welt bei dem Heiligen, gelobt sei Er, der Heilige, gelobt sei Er, erbarmt sich über ihn und läßt ihn gewiß bei dem Thron Seiner Herrlichkeit verweilen... Der Mensch verfüge letztwillig seinen Kindern, irgendein Gebot ganz besonders eifrig zu erfüllen, und wenn sie dies halten, wird es höher als das KaddischGebet angerechnet. Das ist eine gute Anordnung auch für solche, die keine Söhne, sondern Töchter haben.

Aus "Lau: Wie Juden leben":
Nach den Lobpreisungen ... spricht der .. Vorbeter das Kaddisch, das "Heiligkeitsgebet." Im Gebetbuch wird dieses Kaddisch als "Halbes Kaddisch" bezeichnet. ... Dieser Ausdruck ist irreführend, denn es gibt ja nichts Halbheiliges. Das sogenannte "Halbe Kaddisch" ist tatsächlich das Kaddisch ohne jeden Zusatz, es ist das ursprüngliche Kaddisch.
Entsprechend der Überlieferung müssen wir zehnmal täglich das Kaddisch hören ...Die Pflicht, das Kaddisch zehnmal täglich zu sprechen, haben die Kabbalisten aus dem Zahlenwert der Buchstaben des Wortes Zadik (Gerechter) abgeleitet.

Demnach zerfällt die tägliche Gebetsordnung in vier Pflichten:

Z (Zahlenwert: 90) Zahl der Amenrufe nach den Segenssprüchen eines Tages.
D (Zahlenwert: 4) Zahl der Male, wie oft der Vers "Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere.
Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt" (Jesaja 6,3) tagsübergesprochen wird.
I (Zahlenwert: 10) Zahl der täglichen KaddischGebete
K (Zahlenwert: 100) Zahl der Segenssprüche eines Tages. Einen weiteren Hinweis finden wir in dem Satz:
"Und nun, Israel, was verlangt G-tt von dir?" Dazu sagen die Weisen: Lies nicht "was (mah), sondern
hundert (meah) das ist es, was G-tt von Dir verlangt."
Die Weisen haben die Bedeutung des täglichen Sprechens des Kaddisch hervorgehoben, bedeutet es doch, daß der Gläubige seiner Aufgabe nachkommt, den Namen des Schöpfers zu rühmen und den Glauben an ihn in aller Welt zu verkünden.


Aus ,,Wagner: The Synagogue Survival Kit"

Das Kaddisch ist ein kurzes mystisches Gebet, das mehrfach innerhalb eines G-ttesdienstes rezitiert wird. Es funktioniert wie ein Vorhang, der geschlossen und wieder geöffnet wird, um Teile des G-ttesdienstes von einander abzutrennen. Es gibt verschiedene Melodien, so daß es nicht jedesmal gleich klingt. Kaddisch verlangt einen minjan. Es gibt fünf verschiedene Formen, die mit einer Ausnahme alle im ,,normalen" G-ttesdienst gebetet werden.

Die liturgischen Gebräuche/Zwecke des Kaddisch

Das HaIbKaddisch wird vom Vorbeter zwischen den Hauptabschnitten des G-ttesdienstes gelesen. Der Ausdruck ,,HaIbKaddisch" ist irreführend, denn es ist das ,,OriginalKaddisch". Alle anderen Formen bestehen aus dem HaIbKaddisch mit Zusätzen. Die Gemeinde steht bei dem HaIbKaddisch.

Auf die Amida muß sofort ein HalbKaddisch folgen, außer im MorgenG-ttesdienst, wenn auf das untrennbare Paar Shema/Amidah sofort das Kaddisch folgen muß. Diese Regel kann nicht durchbrochen werden, sie ist gut für jeden G-ttesdienst zu jeder Gelegenheit.


Das ganze Kaddisch (Kaddisch Schalem) wird durch den Vorbeter am Ende des G-ttesdienstes gesprochen. Es enthält drei Bitten, für die Erhörung des Gebets, für Frieden (in Aramäisch) und für Frieden (in Hebräisch). Die letzte Bitte ist nur eine Paraphrase der vorhergehenden aramäischen Bitte. Die Bitte für die Erhörung des Gebetes kommt nur in dieser Form des Kaddisch vor. Es beginnt mit den Worten ,,Titkabeil". Als Ergebnis davon, wird es auch KaddischTitkabel genannt. Wenigstens das KaddischSchalem muß bei Ende des G-ttesdienstes gesprochen werden. Die Gemeinde steht dabei.

Kaddisch derabbanan fügt eine Bitte für die Gelehrten anstelle der Bitte um die Erhörung des Gebets ein. Es wird gesagt nach dem Studium von TalmudStellen. Es erscheint daher innerhalb und außerhalb des SynagogenG-ttesdienstes. In SynagogenG-ttesdiensten, beten Trauernde, anders als der Vorbeter, das Kaddisch derabbanan. Lokale Bräuche variieren aber. In einigen Gemeinden stehen alle mit den Beter. In einigen wenigen beten alle mit den Trauernden.

Das Kaddisch der Trauernden (Kaddisch jatom) wird nach der Rezitation bestimmter Psalmen und Hymnen gesagt. Es fügt zu dem HaIbKaddisch nur die zwei Bitten um Frieden hinzu. Bei dem Tod eines Elternteils beten Einzelne das Kaddisch 11 (jüdische Kalender) Monate minus einen Tag (d. h. dreissig Tage weniger als ein Jahr). Das Kaddisch der Trauernden wird auch dreissig Tage nach dem Tode eines Kindes, Verwandten oder Ehegatten gesagt, und von denen, die die Jahrzeit beachten. Die Tradition hält es für verpflichtend, unter diesen Umständen Kaddisch zu beten.

Es ist möglich, daß Kaddisch jatom zu beten für enge Freunde, Lehrer, gerechte Nichtjuden und für Jene, die für die Heiligung des göttlichen Namens starben (so wie die Ermordeten des Holocaust) aber nur, wenn man ein Elternteil verloren hat. Wenn beide Eltern noch leben, spricht man das Kaddisch jatom nicht.

Die Trauernden erheben sich und sprechen das Kaddisch jatom, während alle anderen entweder sitzen bleiben, wenn sie sitzen, oder eben stehenbleiben, wenn sie (ohnehin schon) stehen. Der Vorbeter rezitiert das Kaddisch nur dann, wenn er selbst ein Trauernder ist.

Die letzte Form des Kaddisch ist die erweiterte Form des Kaddisch jatom. Es wird nur auf dem Friedhof nach der Beerdigung gesprochen, erscheint also nicht im G-ttesdienst.

In ReformSynagogen wird nur das HaIbKaddisch und das Kaddisch der Trauernden gebetet, es gibt kein Kaddisch derabbanan oder KaddischTitkabel.

Wie in der Amida und in dem Abschnitt der Toralesung, ist der Höhepunkt aller Bitten im Kaddisch die Bitte um Frieden. (Frieden ist auch der letzte Gedanke des gemeinsamen Tischgebets.)

Formen des Kaddisch

  Bitte um Erhörung
des Gebetes
Einschub für Lehrer

2 Bitten um Frieden Wer betet? Wer steht?
Chazi Kaddisch Nein Nein Nein Vorbeter Gemeinde (nicht
bei Sephardim)
Kadisch jatom Nein Nein Ja Trauernde Trauernde + die
Gemeinde
"Voll-Kaddisch" Ja Nein Ja Vorbeter Gemeinde (nicht
bei Sephardim
K-de-rabbanan Nein Ja Ja Trauernde (übl.) Alle oder nur
Trauernde

Gelehrte spekulieren, daß in der Periode des ersten Tempels dann, wenn die Priester den göttlichen Namen erwähnten, die Gemeinde respondierte, angelehnt an Daniel 2,20. Zum Ende des zweiten Tempels war die ,,Antwort" wahrscheinlich diese: Jehe schme raba m'vorach l'alam, L'almei ul'almaia jitbarach.

Aramäisch war die von den Juden über einen Zeitraum vom 1000 Jahren ab der babylonischen Gefangenschaft (586 v. Z.) gesprochene Sprache. Diese ,,Antwort" ist in aramäischer Sprache, Zu Zeiten der Mischna (200 v. Z. 200 n. Z.) wurde dieser Satz von der Versammlung am Schluß von Predigten und zum Abschluß des Torastudiums gesprochen. (Predigten und Torastudium warten nicht Teil des G-ttesdienstes!). Predigten wurden in Aramäisch gesprochen, und religiöse Gespräche wurden in dieser Sprache geführt. Selbst das Kaddisch ist in Aramäisch.

Die Worte ,,m'vorach" und ,,jitbarach" sind verschiedene grammatikalische Formen für ,,baruch". Das Kaddisch entwickelte sich um diese Antwort der Gemeinde, welche (mit einer geringfügigen Veränderung) heute noch der wesentliche Teil des Kaddisch ist.

Als biblische und talmudische Passagen in den G-ttesdienst eingeführt wurden, wurde das Kaddisch eingeführt, um den Abschluß dieser Lesungen zu markieren. Der Beweis durch den Talmud (über Auslassung!), belegt, daß das Kaddisch, obwohl sehr alt, erst spät in die tägliche Liturgie eingefügt wurde.

Kaddisch als Gebet der Trauernden

ToraStudium wurde traditionell ausgeführt, wenn man für einen verstorbenen Gelehrten shiva saß. Um zu verhindern, daß andere dadurch beschämt wurden, wurde es zur Regel in den Häusern aller Trauernden. Als Ergebnis wurde Kaddisch in den Häusern aller Trauernden gesprochen.

Es gibt Beweise dafür, daß das Kaddisch um 1208 n. Z. als Gebet der Trauernden gebräuchlich war. Kaddisch enthält keinen Hinweis auf den Tod, aber poetische Passagen, die Trauernden helfen (können). Das Kaddisch preist die Größe und Heiligkeit des NAMENS. Inmitten von Gefühlen der Trauer, Trennung, Desorientierung und Schuld, erhält der Trauernde die Zusicherung von Leben, Heiligkeit und der Unvermeidlichkeit von shalom (Erfüllung, Friede).

Das Kaddisch zu beten ist eine wichtige Art, das Gedenken an die verstorbenen Eltern zu erhalten und verkörpert das Beste ihrer Werte im eigenen Leben. Das Kaddisch zu beten zeugt von den Verdiensten der Eltern, dieses Verhalten ehrt sie. Der Trauernde verkörpert nun den Namen und Einfluß der Eltern in der Welt. Kaddisch zu beten ist eine wichtige Aufgabe und Pflicht des Sohnes, und ein Mechanismus, Leid auszudrücken und zu heilen. Hinzu kommt, daß die Erfordernis eines minjan die Trauernden und die Gemeinde zusammenführt und sicherstellt, daß die Trauernden nicht alleine sind.

Jeder Tod eines Menschen verringert unsere Wahrnehmung von Heiligkeit. Kaddisch preist nicht nur die Größe des göttlichen Namens, die Rezitierung des Kaddisch macht den NAMEN größer. Der Gedanke, daß der göttliche Name durch den Tod eines Menschen verkleinert wird und die göttliche Heiligkeit verringert wird, und daß die Trauernden G-tt stärken können, indem sie durch das Beten des Kaddisch den Verlust kompensieren, ist ein Trost für die Trauernden.

Ursprünglich sprach nur ein Trauernder Kaddisch für alle Trauernden. Die vielfache Erscheinung des kaddisch der Trauernden im G-ttesdienst ermöglichte die Beteiligung vieler Trauernder. Es gibt eine wohlerwogene ,,Prioritätenliste", um Konflikte zu vermeiden. In vielen Gemeinden wurden zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, indem das Kaddisch derabbanan durch Trauernde gesprochen wurde. Viele Gemeinden folgen dieser Praxis noch, aber in den meisten Gemeinden sagen alle Trauernden gemeinsam und gleichzeitig Kaddisch. Wenn keine Trauernden anwesend sind, werden alle ,,Fälle" des Kaddisch jatom ausgelassen, außer dem Kaddisch nach dem Alenu.

Während das Kaddisch jatom gebeten wird, steht der Trauernde. Der Rest der Gemeinde bleibt sitzen. Wer bereits aus anderem Grund steht, wenn z. B. das vorherige Gebet das Stehen erforderte, bleibt stehen, um seinen Respekt zu bezeugen. Das Kaddisch jatom soll nicht rezitiert werden, wenn man nicht selbst ein Trauernder ist (also ein Elternteil bereits verloren hat).

In einigen weniger traditionellen Synagogen steht jeder mit den Trauernden, und in manchen ReformSynagogen beten alle das Kaddisch jatom. Als Begründung wird manchmal darauf verwiesen, daß das so gemacht wird wegen der Opfer der Shoa, die möglicherweise niemanden mehr haben, der diese Erinnerung durchführt.

Die Inhalte des Kaddisch
Das Kaddisch beginnt mit einer beschwörenden Einführung, die im 2. Jhdt. v. Z eingeführt wurde und auf Ez. 8,23 basiert. Die Eröffnung ist eine Ermahnung: ,,Erhebt und heilig seinen großen Namen in der Welt, die er nach seinem Willen erschaffen hat."

Die Schlüsselzeile ist die Antwort der Gemeinde: ,,Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. jehe sch'me raba meworach l'olam ul'almej almaja)" Im Original sind das sieben Worte, bestehend aus28 Buchstaben. Das entspricht dem 1. Vers der Tora..,, Bereschit bara elohim et ha shamajim we et ha'aretz"

Diese zahlenmäßige Beziehung weist darauf hin, daß ein Beter des Kaddisch Partner in der andauernden Schöpfung wird.

Die Ermahnung am Anfang des Kaddisch wird fortgeführt mit ,,Sein Reich entstehe in eurem Leben und zu euren Tagen." Wenn die Gemeinde die Gelegenheit nutzt, ,,sich zu erheben und G-ttes Namen zu heiligen" (in öffentlicher ,,Deklaration", es das ein anderer Weg, das Göttliche in der Welt manifest zu machen.

Das hebräische Wert für ,,Kraft" ist ,,koach". Koach hat einen numerischen Wert von 28. Die einleitende Sequenz des Kaddisch mit der Antwort der Gemeinde hat 28 Wörter. Auf die Antwort der Gemeinde folgt eine mystische Abschlußsequenz, und diese beiden Texte zusammen haben gleichfalls 28 Wörter. So besteht das Kaddisch aus zwei Passagen von jeweils 28 Wörtern, deren ,,Höhepunkt" achtundzwanzig Buchstaben hat. Die Struktur der Form des Kaddisch ist also ein ,,Mantra" über ,, koach" Das drückt die Idee aus, daß wir jetzt dem göttlichen Namen Kraft geben, wenn wir das Kaddisch beten, wir stärken das Göttliche.

Die Abschlußsequenz' die auf die Antwort der Gemeinde folgt, beginnt mit dem Wort ,,jitbarach"(',gepriesen sei" oder ,,verherrlicht sei"). Die Gemeinde wiederholt dieses Wort in ihrer Antwort und führt so die Praxis der Vorzeit fort.

Die Abschlußsequenz fährt dann mit einem weiteren mystischen Mantra fort, das aus sieben Synonymen des Wortes ,,jitbarach" besteht, bevor es dann zu ,,Sh'me dekudscha, brich hu (,,der Name des Heiligen, gelobt sei er") gelangt. Das ist wie eine siebenfache Verstärkung des NAMENS. Der Gesang von sieben Synonymen ist eine MerkavahTechnik. Merkavah war ein alter Zweig der jüdischen Geisteswelt, der mehrere Schlüsselgebete formte. In dieser mystischen Strömung wurde die aus der hellenistischen Geisteswelt stammende Idee der ,,Sieben Himmel" aufgegriffen. Sie versuchten, einen himmlischen Thron durch einen Prozeß des stufenweisen Aufstiegs zu erfahren, durch LobMantras, die begleitet wurden von einer passenden Körpersprache.

In solchen Gebeten ist die Bedeutung der Worte und ihre Reihenfolge möglicherweise nicht von Belang. Die mystische Idee war, den Geist von der normalen kognitiven Funktion auf einen höheren Stand der Wahrnehmung zu heben, und zwar durch die mantraähnliche Sprache und die Körpersprache. Diese langen Passagen von Synonymen wirken in der Übersetzung nicht, wohl aber in hebräischer oder aramäischer Sprache. Die Wörter des Kaddisch dienen nicht dazu, den Denkprozeß zu stimulieren. Sie haben die Kraft, uns Heiligkeit erfahren zu lassen. Den MerkavahEinfluß finden wir übrigen auch in der K'duschah und sporadisch in den auf das Sh'ma folgenden Gebeten, z. B. im Beginn des Morgengebets (Gaal israel).

Rufen wir in unser Gedächtnis zurück, daß die Eröffnung des Kaddisch zur Verherrlichung des Namens aufruft, und daß die Gemeinde erwidert ,,Möge der NAME gesegnet sein", was auch ,,vergrößert/vermehrt" heißen kann. Rufen wir uns weiter ins Gedächtnis zurück, daß der Name, manchmal auch das Tetragram genannt, aus vier Buchstaben besteht. Eine siebenfache ,,Vergrößerung/Vermehrung" von 4 Buchstaben ergibt achtundzwanzig Buchstaben. Die achtundzwanzig Buchstaben der Antwort der Gemeinde können daher verstanden werden als Vorbildung der siebenfachen Verherrlichung/Vergrößerung, nach der in der Einleitung ,,gerufen" wird. So verbindet auf vielfachem Level das Kaddisch den NAMEN mit ,,koach" durch unsere eigene Erklärung der Teilhabe in einem Prozeß des Aufstiegs.

Die Regeln über den Kadisch

  • "Kadisch wird nur in Anwesenheit eines Minjan gesagt. Kadisch wird nur nach einem Psalm oder Gebet, welche mit Minjan gesagt wurden, vorgetragen.
  • "Kadisch wird stehend vorgetragen. Die Anwesenden können sitzen oder stehen, wie es in der jeweiligen Synagoge üblich ist.
  • " Früher wurde der Kadisch nur von einer Person vorgetragen. Waren mehrere Trauernde anwesend. So wurde bei jedem Kadisch einer bestimmt. Heute ist es üblich, daß alle Trauernden den Kadisch gemeinsam sagen
  • " Kadisch wird auch von Kindern unter 13 Jahren gesagt, die Eltern verloren haben.
  • " Eine Tochter ist nicht verpflichtet, den Kadisch zu sagen, doch ist es ihr auch nicht verboten, Manche Rabbiner sind der Meinung, daß Töchter durch die Ausübung anderer guter Taten ihren Eltern Ehre erweisen. Insbesondere wenn Eltern ihnen gewisse Pflichten ans Herz gelegt haben, wird damit mehr erreicht als durch den Kadisch. Auch wen nur Töchter da sind und niemand anderer lebt, der verpflichtet wäre, Kadisch zu sagen, so kann diese Tochter durch andere Taten zu geistigem Verdienst kommen.
  • " Der Kadisch für die Verstorbenen wird 11 Monate vorgetragen, nach dem jüdischen Kalender gerechnet, angefangen am Todestag. So auch in einem Schaltjahr, in dem es statt der 12 Monate 13 gibt. Auch wird der Kadisch jedes Jahr an der "Jahrzeit" gesagt.
  • " Kadisch darf auch für andere Verwandte gesagt werden. Vater für Sohn, Bruder für Geschwister und Schwiegersohn für Schwiegereltern. Auch ein Adoptivkind soll den Kadisch sagen für die Eltern, die es erzogen haben.

Der Kadisch für die Rabbiner, der "Halbe" und der "Ganze Kadisch" dürfen auch von einem Vorbeter vorgetragen werden, der kein Trauernder ist und dessen beide Eltern noch am Leben sind.



nach oben

Der Text ist geistiges Eigentum des Autors. Wenn Sie diesen Artikel weiterverwenden möchten, beachten Sie bitte die Hinweise unter folgendem Link:  Bitte lesen Sie die Hinweise zur Weiterverwendung der Texte (Zum Urheberrecht)

navgt.gif (10906 bytes)

 

Links zu anderen jüdischen Seiten

Bücher zum Judentum
Siddurim
Talmud
Ausgaben