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Laschon ha-Ra - das Erdbeben im Hühnerstall? von Mirjam Leah Lübke |
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Um eines gleich vorwegzunehmen, wir tun es alle gern, ob Juden oder Nichtjuden, Frauen oder Männer - wobei letztere es angeblich als "Austausch sozialer Informationen" bezeichnen: die Rede ist vom Verbreiten von Klatsch und Gerüchten. Unsere Lehre ist voll von Warnungen gegen diese Art
von Informationsverbreitung, angefangen von dem Gebot "du sollst
nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten", was auch
die gerichtsrelevante Seite betrifft, bis zur Warnung unserer Weisen,
dass die Kränkung eines Menschen durch die Verbreitung unwahrer Geschichte
dem Mord gleichzusetzen ist, da die Scham ihn dastehen lässt "wie
von Blut übergossen". Auch das Maimonides geht im Buch der Erkenntnis gar so weit, dass sogar das Verbreiten von Lob über einen Menschen in diese Kategorie einzuordnen ist, da man nie wissen könne, wie sich eine überschwänglich positive Bemerkung im Nachhinein auswirken könne. Auch das ohne böse Absicht verbreitete Gerücht verurteilt er scharf, es ist, als habe man "zum Scherz brennende Pfeile auf eine Stadt abgeschossen". Trotz dieser klaren Haltung der Halachah tun wir es irgendwie alle. Hin und wieder überfällt uns die Reue und wir beten - vor allem auch an Jom Kippur - um Vergebung für die Sünde der bösen Zunge oder in der Amidah, dass wir selbst davor geschützt werden sollen. Die Gründe für das Interesse an Tratsch sind manchmal verständlich. Einerseits wertet es einen im Kreise der Bekannten scheinbar auf, dass man etwas weiß, was den anderen noch nicht bekannt ist und somit offensichtlich mit Geheimnissen vertraut, die der breiten Allgemeinheit nicht zugänglich sind. Ein Gerücht, das man von einer sogenannten Autorität erfahren hat, wirkt doch gleich viel bedeutsamer und macht einen somit ebenfalls zu einer interessanten Person. Hier mal ein illustrierendes Beispiel: Person A sagt zu Person B: "Rabbiner X hat angedeutet, dass Rabbiner Y überhaupt keine richtige Smichah hat!" - "Nein wirklich? Ich hatte ja schon immer Zweifel daran, weil er ja so liberal ist. Wahrscheinlich ist er noch nicht mal richtiger Jude!" Für unsere nichtjüdischen Leser zur Erklärung: Rabbiner X hat hier die Cruise Missile unter den Gerüchten abgeschossen. Sie müssen sich das ungefähr so vorstellen, als hätte jemand über ihren bevorzugten Automechaniker gesagt, er habe seinen Meisterbrief mit Photoshop gefälscht und in Wirklichkeit nur einen Abendkurs "Selbst ist der Mann" an der VHS besucht. Nur hat der KFZ-Meister die Chance, den Gegenbeweis über die IHK anzutreten... Wir haben hier vielleicht folgende Konstellation (oder Zutaten zur Gerüchteküche) vor uns: 1. Rabbiner X ist Gemeinderabbiner einer typischen deutschen Einheitsgemeinde mit ca. 800 Mitgliedern. Letztens hat er von einem Mitglied gehört, dass der G-ttesdienst bei Rabbiner Y immer so feierlich sei und sogar die Jugendlichen seiner Gemeinde dorthin gehen würden. Der G-ttesdienst bei Rabbiner X war letztens nur mäßig besucht, und die Jugendgruppe geht am Schabbat lieber ins Einkaufszentrum als in die Synagoge. X konnte Y noch nie leiden. Als A, die aus der Gemeinde von Y kommt, bei ihm in einer wichtigen Angelegenheit um Rat fragt, freut er sich heimlich, dass seine Fachkompetenz anscheinend höhergeschätzt wird als die von Y. X sagt natürlich nicht offen, dass er der Meinung sei, die Smichah von Y sei nicht in Ordnung, sondern äußert sich besorgt, dass die Angelegenheit bei ihm in besseren Händen sei, weil man ja so einiges höre von Y...natürlich will er nicht selber als der Urheber der Gerüchte gelten. Gleichzeitig sind von jetzt an der Fantasie keine Grenzen mehr gesetzt, was wohl noch alles mit Y nicht stimme. X hat vielleicht selbst keine ordentliche Smichah und ist froh, dass die jüdische Öffentlichkeit demnächst von dieser Tatsache abgelenkt sein wird. Schließlich kennt er die Effektivität der "Jüdischen Buschtrommel", die mindestens so gut arbeitet wie die BILD-Zeitung oder eine durchschnittliche deutsche Büroetage. 2. Rabbiner Y - ebenfalls Gemeinderabbiner in einer typischen deutschen Einheitsgemeinde - ist vorläufig noch vollkommen ahnungslos und bereitet seine Draschah für den nächsten Schabbat vor. Vor etwa einer Woche bekam er nachts plötzlich Hunger und stieß sich im Dunkeln auf dem Weg zum Kühlschrank den großen Fußzeh an. Am nächsten Tag in der Stadt auf dem Weg zur Buchhandlung überlegt er, ob er nicht doch lieber zum Arzt gehen solle, weil sein Zeh eventuell gebrochen sein könnte und höllisch schmerzt. Aus dem Augenwinkel bemerkt er zu spät, dass B grüßend an ihm vorbeigegangen ist und nimmt sich vor, sich bei Gelegenheit für seine Unhöflichkeit zu entschuldigen. Rabbiner Y hat seine Ausbildung irgendwo westlich von Deutschland gemacht und ist guten Mutes, seine Gemeinde in Zukunft zur Weiterentwicklung bewegen zu können. Bei den meisten Gemeindemitgliedern ist er beliebt, weil er auch mal "Fünfe gerade sein lässt" und die Dinge lockerer sieht als sein orthodoxer Vorgänger. Seine Smichah ist vollkommen in Ordnung (solange er sich nicht als Chefrabbiner bei den Satmarer Chassidim bewerben sollte). Y kann wegen einer Allergie gegen schwarze Textilfarbe keine dunklen Socken tragen. 3. A steht im Moment vor einer wichtigen Entscheidung, sei es ein Gijur oder die Erlangung eines Gets. Vielleicht hat sich der endlich gefundene jüdische Traummann als statistischer deutscher Durchschnittsmann herausgestellt, dessen einzige jüdische Identität darin besteht, dass er sich lieber die Spiele von Maccabi Tel Aviv anstatt die von Schalke oder Borussia ansieht. Das Geld für die dafür angeschaffte Spezialsatellitenschüssel hätte A lieber für einen Kurzurlaub in der Toskana ausgegeben. A ist enttäuscht und will sich scheiden lassen. Selbstverständlich will A alles richtig machen, denn die halachisch ordnungsgemäße Ausführung hat bekanntlich Folgen auch für die Nachkommenschaft. Sollten sich die Enkel von A in dreißig Jahren entschließen, nach Mea Schearim zu ziehen, sollen sie schließlich keine Nachteile davon haben, dass A damals zum falschen Rabbiner gegangen ist. Als A Rabbiner Y darauf ansprechen will, hat dieser gerade einen Arzttermin wegen seines Zehs und ist telefonisch nicht zu erreichen. Da A von Freunden gehört hat, dass Rabbiner X auch nicht schlecht sein soll und eine orthodoxe Smichah hat, vertraut A sich ihm an. Was dort passiert, siehe 1. A ist froh, dass sie noch rechtzeitig vorgewarnt wurde und so einer orthodoxen Chuppe ihrer Enkel in dreißig Jahren nicht im Wege steht. Gegen Rabbiner Y hat sie nichts, findet ihn sogar ganz nett, aber sicher ist sicher! 4. B mag Rabbiner Y nicht besonders, weil er B irgendwie zu modern ist - Y hat noch nicht mal einen ordentlichen Bart. B hat gehört, dass Y in einer seiner früheren Gemeinde schon einmal Frauen zur Torah gerufen haben soll und findet das ungehörig - wo kommen wir denn da hin!. Letztens ist Y in der Stadt an B vorbeigelaufen ohne zu grüßen, mit so einem grimmigen Gesicht. Die Frau C grüßt er immer, obwohl die in der Synagoge ständig so laut singt und im letzten Jahr sogar bei einer jüdischen Frauenkonferenz gewesen sein soll. Außerdem hat Y immer bunte Socken an, obwohl doch jedes jüdische Kind weiß, dass ein Rabbiner gemäß Tradition schwarze Socken tragen muss. B hält sich für außerordentlich religiös, sie ist so fromm, dass ihre Kinder an Pessach noch nicht einmal "Bernd das Brot" gucken dürfen. Als B rein zufällig mit A telefoniert um abzusprechen, wer am nächsten Schabbat den Fahrdienst übernimmt, erzählt A vollkommen erschüttert das von Rabbiner X Gehörte. B ist außerordentlich aufnahmebereit für das Gerücht, da sie schon lange auf diese Gelegenheit gewartet hat. Natürlich dauert es nicht lange, bis die halbe Gemeinde Bescheid weiß. Rabbiner Y wundert sich derweil, warum die Leute die Köpfe zusammenstecken und bei der Drascha nicht richtig zuhören, die er mit viel Mühe ausgearbeitet hat. Fünf Jahre später sucht sich Rabbiner Y genervt eine andere Gemeinde. Er gilt in der Szene inzwischen als "Liberaler" und Sympathisant von Walter Homolka. Wenn er Glück hat - was wir ihm wünschen, denn er ist ja der "Gute" in unserem Beispiel - kommt er in eine nette Gemeinde, die sein Engagement zu schätzen weiß und ihn mit offenen Armen aufnimmt. Hat er Pech, dann greift Henryk M. Broder auch noch das zweite Gerücht auf und schreibt im SPIEGEL ein Feuilleton "Erbarmen mit uns Juden - von verrückten Proselyten, die erst Rabbiner werden und dann bunte Socken tragen." Er outet Rabbiner Y als latenten Antisemiten und vermutet eine Verbindung zu Al-Qaida. Aber keine Sorge, Rabbiner X trifft es wahrscheinlich auch noch. Frau D hat ihn in der Stadt mit einer blonden Schickse gesehen! Zwar hatte Frau D ihre Brille nicht dabei, aber sie ist sich ganz sicher! Auch als sich nachher herausstellt, dass die Dame Rabbiner X nur nach der Uhrzeit gefragt hat, so ist sein Ruf nachhaltig ruiniert. Auch Rabbiner X verlässt seine Gemeinde. Er lässt sich von seiner Frau scheiden, um die Witwe eines amerikanischen Fernsehpredigers zu heiraten und moderiert im Nachtprogramm "The Holy Spirit", eine Sendung, die uns Juden davon überzeugen soll, dass auch wir von Jesus geliebt werden. Die Einschaltquoten sind allerdings eher mäßig. Jürgen Fliege lädt ihn als Beispiel für jüdisch-christlichen Dialog in seine Talk-Show ein. Hier kommen wir also in einen Bereich hinein, in dem Menschen ernsthaft in ihrer beruflichen Existenz geschädigt werden, bzw. zumindest in ihrer Glaubwürdigkeit erschüttert werden. Gerne geschieht das, wenn das Opfer das Gerüchts nicht in der breiten Masse mitschwimmt, sondern neue Ideen hat oder sonst "irgendwie anders ist". Das Beispiel lässt sich auch auf das Berufsleben anwenden, wenn etwa über den kreativen, beliebten Kollegen in Umlauf gebracht wird, dass er keine richtige Ausbildung habe, nicht ordentlich Englisch spräche oder generell inkompetent wäre. Irgendwas wird schon kleben bleiben, auch wenn das Gerücht durch das Vorbringen gegenteiliger Beweise widerlegt wird. Für unsere Person A diente der Gerüchtehühnerstall aber auch als "Gefahrenfrühwarnsystem", ähnlich wie ein realer Hühnerstall in einem Erdbebengebiet, in dem das Verhalten der Tiere sorgsam auf Anomalien geprüft wird, um im Notfall schnell evakuieren zu können. Egal, ob nun tatsächlich ein Erdbeben droht oder die Tiere nur durch ein lautes Geräusch aufgeschreckt werden, wir Menschen suchen solche Frühwarnsysteme, um uns rechtzeitig auf Ausweichmöglichkeiten vorzubereiten. Dass A auf die Warnung von Rabbiner X gehört hat, ist menschlich auf Grund der Umstände verständlich, sie hat wahrscheinlich auch nicht die Folgen abgesehen und eigentlich keine Absicht Y zu schaden. Besser wäre es dennoch gewesen, das Gehörte für sich zu behalten und einfach entsprechend zu handeln. Wir können uns alle nicht davon freisprechen, so etwas schon einmal selbst verbreitet oder geglaubt zu haben, sei es auch nur, weil wir von der entsprechenden Person gekränkt wurden und unser verletztes Ego wieder aufpolstern wollen. Da wir nicht in einer perfekten Welt leben, wird es uns auch immer wieder passieren und wir können nur hoffen, dass wir es nicht selbst einmal sind, die einem Menschen durch die Verbreitung eines Gerüchts einen materiellen oder psychischen Schaden zufügen, der gar nicht oder sehr schwer wieder auszubügeln ist. In uns allen sitzt halt ein Stückchen Jetzer Ra (böser Trieb)... Triebfeder ist oft bloßer Neid auf irgendetwas, was der andere kann oder hat. Maimonides und inzwischen auch eine ganze Reihe von Frauenzeitschriften raten uns, diesen Neid in positive Energie umzuwandeln, was sicher der bessere Weg ist. Nachzuprüfen, was uns am anderen neidisch macht und dann danach zu streben, uns entsprechend weiterzuentwickeln, anstatt dem anderen seine Fähigkeiten abzusprechen. In diesem Sinne: Auch wenn Sie sich den Zeh
gebrochen haben, sollten Sie immer alle Menschen grüßen, die
Ihnen bekannt vorkommen, weil man Ihnen sonst vorwerfen könnte, ein
Liberaler zu sein! talmud.de © April 2004 Der Text ist geistiges Eigentum des Autors. Wenn Sie diesen Artikel weiterverwenden möchten, beachten Sie bitte die Hinweise unter folgendem Link: Bitte lesen Sie die Hinweise zur Weiterverwendung der Texte (Zum Urheberrecht)
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