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Annette Böckler: Jüdischer G-ttesdienst, Wesen und Struktur - einige Anmerkungen
von Wolfgang Sunderbrink


Zu dem neuen Buch von Annette sind einige Ergänzungen und Anmerkungen zu machen.

Es ist gut, dass es ein solches Werk nun auch für den liberalen Raum gibt, allerdings fordert die teilweise autoritäre Sprache Widerspruch heraus, ebenso wie die mehrfach betonte Wichtigkeit der "Kürze" des liberalen Gottesdienst.

Zur Kürze können die Erfahrungen wohl nur aus Europa stammen, in den USA ist die Entwicklung längst wieder gegenläufig. Gottesdienste mit einer Dauer von mehr als zwei Stunden sind am Schabbat durchaus wieder "normal".

Hier sei in Erinnerung zurückgerufen, dass im traditionellen Judentum die Gottesdienste am Schabbat eben deswegen länger sind als an Werktagen, weil mehr Zeit für Gott da ist.

Zur Sprache ist anzumerken, dass Formulierungen wie "Dürfen auch Nicht-Juden die Amida beten? Die halachische Antwort ist "Nein!"" in ihrer lakonischen Kürze an etwas ungehaltene Kurzresponsen des Rambam erinnern, zugleich auch neugierig machen, welcher Quelle die Antwort entnommen ist.

Ein liberale Quelle kann es kaum sein, weil es wohl keinem liberalen Juden in den Sinn kommen dürfte, denen, die sich auf den Übertritt vorbereiten, das Beten der Amida zu verbieten, bis sie halachisch Juden sind.

Weiter ist die Aussage bedenklich, dass "El Adon" "in dem ersten ursprünglich kurzen und prägnant formulierten ersten Lobspruch vor dem Schma stilistisch stört". Ein jüdischer Gottesdienst kann nicht von (auch durchaus unterschiedlichen) "Stilfragen" bestimmt werden. Entscheidend ist im liberalen Judentum der Inhalt der Gebete.

Bedenklich ist auch das Reden von der "orthodoxen Tradition". Weite Teile des progressiven Judentums ziehen die Bezeichnung "traditionelles Judentum" vor, weil "orthodox" rechtgläubig bedeutet und damit durch den Gebrauch dieser Vokabel eingestanden wird, dass das liberale Judentum nicht rechtgläubig ist. Das hat die Autorin sicher so nicht gemeint, aber leider mißverständlich formuliert.

Die Graphiken sollten bei einer Neuauflage des Buches großzügiger ausfallen.

Zu einigen Gebeten ist der Text etwas zu flach ausgefallen, so dass noch Ergänzungen nachzutragen sind:

En Kelohenu ist nicht nur ein Lied über die Aussage "Amen. Baruch ata".

Jeder der drei hebräischen Buchstaben, die das Wort "Amen" bilden, wird viermal wiederholt, so dass 12 "Verse" Amen entstehen. Da nun En Kelohenu traditionell nur bei den Gelegenheiten gesungen wurde, bei denen die Amida nur sieben "Bitten" hat, ging Raschi davon aus, dass das 12malige "Amen" als Ergänzung der Amida verstanden werden kann, um doch wieder 19 "Bitten" zu haben.

"Baruch ata" sind die ersten Worte jedes Segensspruchs, zugleich auch die ersten Worte des "verpflichtenden" Gemeidegebets. Wenn wir also das mehrfache "Amen" gesprochen haben", befinden wir uns wieder am Anfang des Gebetes oder der zu sprechenden Bracha. So ist die wahre Bedeutung von En Kelohenu, dass der Jüdische Gottesdienst nie endet. Sobald eine Form des Gottesdienstes beendet ist, sind wir bereit für einen neuen Gottesdienst, für eine neue Form der Verehrung oder Danksagung.

Zum Kaddisch

Zu den "Wiederholungen" im Kaddisch sei drauf verwiesen, dass es sich bei diesem Gebet um ein mystisches Gebet handelt, bei dem nichts dem Zufall überlassen wurde. Erinnern wir uns daran, dass "koach" einen numerischen Wert von 28 hat. Die "Einleitung" des Kaddisch einschließlich der Antwort der Gemeinde umfaßt 28 Wörter. Diesem Teil folgt ein mystischer Schlußteil, der zusammen mit der Gemeindeantwort wiederum 28 Wörter umfaßt. Somit bleibt festzuhalten, dass das Kaddisch aus zwei mal 28 Wörtern besteht, deren "Schnittpunkt" 28 Buchstaben umfaßt. So ist die Struktur des Kaddisch ein Mantra über "koach"

Der Schußteil wird weitergeführt mit sieben Synonymen von "Jitbarach", also einer siebenfachen "Vegrößerung" des Namens. Das wiederum ist eine Merkavah-Technik. Hierzu sei kurz angemerkt, dass es sich hier um ein Strömung handelte, die dem Hellenismus die Idee der Sieben Himmel "entliehen" hatte und sich um "Aufstieg" durch Lobmantras in Verbindung mit Körpersprache mühte. Die Idee war, den Geist von der "normalen Funktion" auf eine höhere Ebene der Wahrnehmung zu heben. Der Text des Kaddisch ist nun nicht dazu gedacht, unseren Verstand zu schärfen, sondern Heiligkeit zu erfahren.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass der Name aus vier Buchstaben besteht. Der siebenfache Lobpreis von "vier Buchstaben" ergibt nun wiederum 28, also ein weiteres Mantra zu "koach".


Weitere Merkavah-Einflüsse lassen sich, das sei der Vollständigkeit halber angemerkt, auch in der K'duschah nachweisen, ferner im "ga-al jisrael".

Dr. Annette Böckler: Jüdischer G-ttesdienst Wesen und Struktur; Berlin 2002

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