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Pluralität, Normalität oder was?
von Elisabeth Berkes-Grosser

Wollen Sie wirklich wissen, was sich im jüdischen Deutschland tut, dann haben Sie mehrere Möglichkeiten. Sie können die allgemeine und die jüdische Presse lesen, sich am Gemeindeleben beteiligen und die gesicherten und ungesicherten Informationen austauschen. Sie können aber auch den KKL-Kalender gründlich studieren, vielleicht haben Sie das alte Exemplar noch nicht entsorgt. Schauen Sie unter dem Verzeichnis: Jüdische Gemeinden in Deutschland nach und vergleichen Sie doch einmal die Zahl mit der aktuellen Ausgabe.

Ja, etliche neue Gemeinden haben sich gegründet, auffallend, mit dem Zusatz „Liberal“.

Ist das nun für uns gut oder schlecht“, ist die altbekannte Standardfrage bei uns Juden. Na ja, man kann das so oder so sehen, würden sicher einige sagen, um sich nicht festzulegen, schließlich handelt es sich um eine unaufhaltsame Entwicklung, deren Ausgang noch nicht klar ist.

Fest steht, die Landschaft hat sich bewegt und ich wage mich vor und nehme zu den neuen Tatsachen Stellung.

Viele Jahre standen die jüdischen Gemeinden auf bleiernen Füssen und beharrten auf dem, was sich nach den ersten Aufbaujahren aufgrund der damaligen Situation ergeben hat. Die Gemeinden waren klein und übersichtlich, man kannte sich und fand einen Minimalkonsens für die Grundsätze; die Einheitsgemeinde, eine deutsche Ausnahmeerscheinung, wurde institutionalisiert und gepflegt. Eher als Kompromiss, denn aus Überzeugung der zurückgekehrten deutschen Juden, wurde ein orthodoxer Ritus üblich, um den osteuropäischen Mitgliedern in ihren Wünschen entgegenzukommen. Es gab - außer in Berlin - in jeder Stadt, in jeder Gemeinde nur eine Synagoge, einen G’ttesdienst für alle. Damals bestand noch die Meinung, es sei für konservative und liberale Juden einfacher, sich in der Orthodoxie einzufinden als umgekehrt.

Das, was vor fünfzig Jahren noch richtig und sinnvoll war, hat sich spätestens mit der Zuwanderung der Mitglieder aus den GUS – Staaten überholt. Die Gemeinden wurden größer, neue Mitglieder mit einem anderen Anspruch stellten veränderte Anforderungen und die Kinder und Enkel der Gründungsgeneration brachten neue Aspekte in die Gemeindediskussion. So wurde es folgerichtig, daß Veränderungen eingefordert wurden, die leider von den Einheitsgemeinden völlig negiert wurden.

Die logische Konsequenz war, daß sich etwa vor zehn Jahren alternative Gruppen bildeten, die mit neuen Ideen neue Wege gingen, es bildeten sich sog. Liberale Gemeinden, die sich der Union progressiver Juden in Deutschland e.V. anschlossen, mit demokratischen Strukturen (aber einem von der World Union for Progressiv Judaism - WUPJ - eingesetzen Gouverneur an der Spitze), einem Vorstand und klaren und eindeutigen Grundsätzen für die Gemeinden.

Diese Entwicklung hat zu zahlreichen unschönen Kontroversen geführt, wobei beide Parteien gute und weniger gute Argumente hatten und immer noch haben.

Aber worum geht es eigentlich?

Geht es dabei darum, wie Judentum gesehen wird? Wie die Gesetze ausgelegt werden? Geht es dabei noch um Jüdischkeit?

Ich fürchte, nein. Es geht um Prestige, Anerkennung, Macht, finanzielle Sicherheit, die Mitglieder werden zum Spielball der Politik. Zentralrat gegen Union, Jan Mühlstein gegen Paul Spiegel oder umgekehrt, wer weiß?

Und es geht weiter.

Demnächst entscheiden deutsche Richter in Karlsruhe über die Verteilung von Geldern und es ist wahrscheinlich, daß sie – warum auch immer – ein Verteilen befürworten werden.
Nun wird die Union Auftrieb bekommen und ihre Verdrängungspolitik ausweiten, denn Marktanteile schaffen Tatsachen und zementieren Positionen.

Die Einheitsgemeinden werden, um dem Entstehen neuer liberaler Gemeinden entgegenzutreten, liberale G’ttesdienste einführen, liberale Rabbiner einstellen und versuchen, die bestehenden liberalen Gemeinden zu integrieren, wie es schon zu beobachten ist.

Dabei ist nur zu wünschen, daß die Mitglieder ihren Nutzen davon haben, daß sie wachsam und aufmerksam die Zeichen beobachten, sie könnten von der Vielfalt profitieren. Es gibt - glücklicherweise - eine neue und sehr interessante deutschsprachige Zeitung als Konkurrenz zu der etwas behäbigen Jüdischen Allgemeine. Es gibt in den Einheitsgemeinden die Möglichkeit, alternative G’ttesdienste durchzuführen, wie z.B.in Düsseldorf und Köln. Es gibt sogar eine konservative Gemeinde, deren Vorstand sich nun verstärkt der Orthodoxie zuwendet, dort müssen die Frauen seit einigen Wochen hinter der Mechiza beten. Alles wird auf einmal möglich, alles ist offen.

Es ist also spannend in Deutschland und es bleibt spannend. Das ist Normalität, das ist Pluralität, das ist jüdische Vielfalt, so war das schon immer. Oder kennen Sie nicht den folgenden Witz:

Ein jüdischer Schiffsbrüchiger wird nach langen Jahren gerettet. Er freut sich sehr, daß er endlich seiner einsamen Insel den Rücken kehren kann, zeigt aber vor seiner Abfahrt erst einmal der Schiffsbesatzung voller Stolz sein kleines Reich. Er nimmt Anschied von seinem kleinen Garten, lässt seine Tiere frei und packt die wenigen Dinge, die er hergestellt hat, als Erinnerung zusammen. Zum Abschluß führt er die Mannschaft zu zwei Gebäuden. Er zeigt wehmütig auf das erste Gebäude und sagt „Das ist meine Synagoge“, um dann gleich auf den zweiten, weniger schönen Bau hinzuweisen mit dem wütenden Gesichtsausdruck: „Und das ist die Synagoge, in die ich nie gehe“

Ich habe auch so eine Synagoge

© talmud.de 2005

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