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Nachdenken über die Propheten
von Wolfgang Sunderbrink

Dieser Artikel befaßt sich nicht direkt mit den Propheten, sondern mit einem Teil der Literatur über die Propheten. Ziel ist es, die Leser neugierig auf die Botschaft der Propheten und deren Bedeutung für uns zu machen. Vielleicht wird trotz des stellenweise ironisch/sarkastischen Tons Neugierde geweckt, was uns denn die Botschaft der Propheten heute zu sagen hat.

Hier sei darauf hingewiesen, daß die Einteilung des Tanach sich von der der christlichen Bibel unterscheidet. Zu den Prophetenschriften gehören auch Josua, Richter und 1. und 2. Könige.

Wer sich näher über die Propheten informieren will, ist von dem überragenden Informationsgehalt etwa des von Dr. Julius Schoeps herausgegebenen neuen „Lexikon des Judentums“ überrascht:

Eine Suche etwa unter der Stichwort „Jesaja“ (hieß der nicht irgendwie anders?) führt zu dem Querverweis „Hebräische Bibel“. Dieser Artikel, gezeichnet mit dem Autoren-Sigel RED = Redaktion) befaßt sich auf 11 Zeilen einer Spalte mit den Propheten. Hoffentlich ist es erlaubt, diese Zeilen ohne Verletzung des Urheberrechts abzuschreiben und sie wegen des ungeheuren Informationsgehalts dem staunenden Publikum zur Kenntnis zu geben:

„Die prophetischen Bücher: a) die älteren prophetischen Schriften (Newiim Rischonim) Josua, Richter, Samuel I und II, Könige I und II; b) die jüngeren prophetischen Schriften (Newiim Acharonim) Jesaja, Jeremia, Ezechiel (oft auch Hesekiel geschrieben); c) die zwölf kleineren prophetischen Schriften Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nachum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharcha, Maleachi.“

Dieser Text ist deswegen im Druck jetzt stark reduziert, weil die Zahlen der Numerierung weggelassen wurden.

Ein erstaunlicher Informationsgehalt, der neugierig macht auf das nächste, logische Stichwort „Propheten“. Dieser Artikel umfaßt nahezu eine und eine dreiviertel Druckspalte. Verantwortlich zeichnet „Döpp, Heinz Martin, MA, Heidelberg“. Dieser Artikel wird hier nicht wiedergegeben, weil es nicht heißen soll, daß der Autor nur abschreibt. Zunächst wird die bekannte Aufteilung in frühere und spätere Propheten wiederholt, nachdem darauf hingewiesen wurde, daß die Propheten auch Seher oder „Mann G-ttes“ genannt wurde und die Propheten wie folgt definiert wurden: „Personen, die aufgrund göttlicher Offenbarung oder Berufung Willen und Wahrheiten G-ttes verkündeten“.“ Zunächst verwundert die Schreibweise. Normal wäre für mich „G’ttes“ und „g’ttlicher“ gewesen, und den durch „oder“ hergestellten Gegensatz zwischen Offenbarung und Berufung erkenne ich nicht. Über die früheren Propheten weiß HMD zu berichten, daß diese vorrangig kennzeichnet, daß „sie in Gruppen lebten und als Ekstatiker auftraten“, wovon „allerdings Samuel, Elischa und Micha ben Jimla teilweise ausgenommen“ sind. Danach habe ich die Lust am Lesen erst einmal verloren, bezweifle aber, in diesem Lexikon etwas inhaltliches finden zu können, was mir die Propheten nahebringt.

Für die Leser, die sich über den ausgeschriebenen G’ttesnamen wundern, sei darauf hingewiesen, daß es sich um ein Zitat handelt, so dass keine Korrekturmöglichkeit besteht. Andererseits wundert die Schreibweise doch. Ist diese Verwunderung vielleicht ein Zeichen „frommer Rückständigkeit“?

Möglicherweise tut dieser Sarkasmus Schoeps und seinen Mitstreitern Unrecht, sind Juden auch nicht die richtige Zielgruppe. Auf jeden Fall bleibt die Erkenntnis, daß dieses Werk dann nicht weiterhilft, wenn es um die Botschaft der Propheten geht.

W.Homolka/A. Friedländer haben gemeinsam „Von der Sintflut ins Paradies“ über „Friede als Schlüsselbegriff jüdischer Theologie“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, veröffentlicht.

Die Autoren weisen zunächst darauf hin, daß in der Phase nach der Zerstörung des Tempels das Auftreten von Propheten neben dem Tempel ein entscheidender Faktor für das Überleben der israelitischen Religion war und behandeln danach, kurz aber lesenswert den aus ihrer Sicht wesentlichen Inhalt der prophetische Bücher, immer mit dem Blick auf den Schlüsselbegriff „Frieden“. Gerade jetzt ein brennendes Thema. Im übrigen ist auch die Bibliographie lesens- und beachtenswert.

Jörg Jeremias hat 1995 „Der Prophet Amos“ (ATD 24,2, Vandenhoeck & Rupprecht“ veröffentlicht. Ein lesenswertes Buch für christliche Theologen und Judaisten!

Zitat: „Mit 3,12-15 folgen zwei Worte, in denen die Möglichkeiten für die Bewahrung der Schuldigen vor ihrem Untergang durchdacht werden. Beide kommen zu völlig verschiedenem Ergebnis. Das hängt damit zusammen, daß das jüngere Wort (V.13f.) das ältere Amoswort (V.12.15) in eine grundlegend veränderte geschichtliche Situation nach Ablauf von ca. 2 Jahrhunderten übertragen will: die Zeit nach dem Fall Jerusalems. Es ist in das ältere Wort hineingestellt worden und wird von ihm umklammert; die Stellung verdeutlicht, daß es trotz des zeitlichen Abstands ganz von der prophetischen Autorität des Amos begriffen werden will. Das alte Amoswort hatte seinen Adressaten im Auftrag HaSchems die Möglichkeit rundweg abgestritten, dem angekündigten Unheil zu entrinnen. .... Ganz anders ist die Intention der Verse 13f, .. Eine ungenannte Gruppe von Menschen wird aufgefordert, das „Haus Jakobs“ zu „warnen“. ... Wie neuere Untersuchungen nachgewiesen haben, heißt das Verb ’wd hif. (mit der Präposition b) nicht „bezeugen“, wie man es früher zumeist übersetzt hat, sondern einschärfen“, „vermahnen“ bzw. „(drohend) warnen“. Es ist ein Verb, das in der überwiegenden Mehrzahl der Belege spezifisch für die dtr und später, davon abgeleitet, für die chronistische Theologie ist.“

Vers 13, um den es hier geht, lautet bei J. Jeremias wie folgt: „Hört zu und warnt das Haus Jakob ...“ Zunz übersetzt wie folgt: „Höret und verwarnet das Haus Jaakob’s....“.

Abgesehen davon, daß nicht verständlich gemacht wird, wieso die verschiedenen Ergebnisse der Worte davon abhängen, daß sie in unterschiedlichen Zeiten gesprochen wurden, kommt es hierauf auch gar nicht an. Die Pointe liegt darin, daß J. Jeremias erst noch ausführlich die „richtige Bedeutung des Wortes „warnen“ erläutern muß, wohingegen Zunz (1794-1886), der Mitbegründer der Wissenschaft des Judentums, bereits mehr als ein Jahrhundert vor dem Erscheinen des Amos-Kommentars „w’haidu“ mit „und verwarnet“ übersetzt hat. Dieses „verwarnet“ hat aber genau den Sinn, den Jeremias erst lange herausfiltern und begründen muß.

Leser mit Sinn für Sprach- und Stiluntersuchungen werden dieses Buch genießen, inhaltlich sagt es mehr über den Stand der Forschung eines Alttestamentlers als über den Inhalt des Amosbuches.

In den Omertagen 5692, also vor nunmehr fast 70 Jahren erschien „Jesajas,Jirmija, Jecheskel – die drei großen Propheten“ von Joseph Carlebach. Dieses Buch ist bei Feldheim Publishers, Jerusalem gedruckt und im Vertrieb des Morascha Verlags in Zürich.

Josef Carlebach war der Sohn des Rabbiners Salomon Carlebach. J.Carlebach war Rabbiner und Pädagoge, letzter Oberrabbiner der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg und starb im März 1942, drei Monate nach seiner Deportation nach Riga.

Der Autor nennt sein Werk eine Studie, die die Bücher der drei großen Propheten jedesmal als einheitliches Ganzes, als die religiöse Beleuchtung und Antwort für eine typische Geschichtslage erfaßt. Samuel Hugo Bergmann (1883-1975, Pionier der neuhebräischen Philosophie) schrieb 1932/33 über dieses Buch wie folgt: „Mit diesem Buch will der Verfasser uns die drei großen Propheten vorstellen, und ihre Prophetie als Antwort auf die jeweils besonderen historischen Zeitzustände erklären. Charakterisiert durch Tief-Analyse der geschichtlichen Probleme, mit denen jeder Prophet konfrontiert war, wie auch durch den kraftvollen Sprachstil des Verfassers, kann das Buch zweifellos als eines der besten bezeichnet werden, das auf diesem Gebiet erschienen ist.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Carlebach befaßt sich zunächst mit dem Kernproblem der Prophetie. In diesem ersten Teil des Buches setzt er sich daneben kritisch und mit deutlichen Worten mit der literar-kritischen Analyse auseinander. In seiner entschiedenen Ablehnung dieser Versuche erinnert er an Benno Jacob. Zu Einzelheiten zu dessen Kritik sei auf die Ausführungen in „Das Buch Exodus“, Calwer Verlag Stuttgart, 1997 verwiesen.

Carlebach schreibt. „Wir teilen diese literar-kritischen Ansichten nicht. Wir halten deren Vertreter als viel zu fremd und unbekannt mit dem Geist der hebräischen Sprache – jede ihrer Textkonjekturen verrät dem jüdischen Ohr völlige Naivität und Unbeholfenheit -, als daß sie über Stilfragen zu urteilen die Kompetenz besäßen; ... Was alle Targumim .. als literarische Einheit empfanden und behandelten, kann nicht aus inneren Gründen, aus sich selbst zerfallen; es kann nur aus äußeren, dem rein Literarischen fremden Motiven zerrissen, zerschlagen werden.“

Die drei folgenden Teile sind den drei Propheten in der Reihenfolge des Titels gewidmet. C. überschreibt mit „Jesajas, der Prophet der Tröstungen“, „Jirmija, der Prophet der Tränen“ und „Jecheskel, der Prophet des Exils.

Jesaja ist für Carlebach der „König unter den 15 newiim acharonim“, Jirmija ist ihm „der einzig Hellsichtige unter tausend trunkenen Illusionisten, Jecheskel der „große Erzieher der Galuthgemeinde“. Mehr Zitate sollen hier nicht gebraucht werden, um nicht gegen Verlagsrechte zu verstoßen.

Das Nachwort schließlich widmet C. der Unhaltbarkeit der Deuterojesaja Theorie. Nachdem er bereits in dem Jesajas gewidmeten Teil geschlossen hat: “Israel ist der Zeuge der Einheitlichkeit des Jesajas, unsre Geschichte der Beweis der Echtheit seiner G-ttesoffenbarung, der Wahrheit seines Wortes. Dieses Wort ist aber durch und durch Trostwort. Aus ihm schöpfen wir den mut heroischen Lebens, den glauben an die Möglichkeit und die Zukunft jüdischer Existenz“, resumiert er, daß „das Kolorit des Trostbuches ... unwiderlegbar“ beweist, „daß kein babylonischer Prophet das Trostbuch des Jejasas gesprochen haben kann“.

Eine aus heutiger Sicht „Schwachstelle“ dieses Buches ist die gewöhnungsbedürftige Sprache, die so gar nicht die Diktion unserer Zeit ist. Gerade hierin liegt aber die an den heutigen Leser gerichtete Herausforderung, sich mit dem Inhalt des Buches auseinander zu setzen.

Einen anderen Weg als Carlebach wählt Martin Buber in seinem 1950 erschienenen Buch „Der Glaube der Propheten“, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg. Buber weist einleitend darauf hin, daß er sich „eher eine spezielle glaubensgeschichtliche als eine umfassende religionsgeschichtliche „ Aufgabe gesetzt habe. Weiter weist er drauf hin, daß „der Glaube Israels nur dann in seiner Wirklichkeit begriffen werden kann, wenn man sich die doppelte G-tteserfahrung dieses Volkes in aller Konkretheit vergewärtigt.“ Die zwei G-tteserfahrungen sind ihm die des Volkes in seiner Gesamtheit, da es dem vorangehenden G-tt folgt, und die in den Einzelnen des Volkes, den Propheten, gemachten.

In der Einleitung führt er dann konkret aus, was Ziel dieses Buches ist: nach Erfüllung der ersten Teilaufgabe, der Suche nach dem Ursprung des Glaubens Israels, „eine Glaubenslehre, die zu ihrer vollendeten Gestalt bei einigen Schriftpropheten von den letzten Jahrzehnten des Nordreichs bis zum Ende des babylonischen Exils gelangt ist, sowohl im Gang ihrer Geschichte als auch in ihrer Vorgeschichte darzustellen.“.

Auch Buber weist auf die Problematik der christlichen sprach- und literaturwissenschaftlichen „Textuntersuchungen“ hin. Im Gegensatz zu Carlebach sieht er aber im Jesajabuch die Werke zweier Propheten, und er sieht im Deuterojesaja den „Begründer einer Theologie der Weltgeschichte“.

Es ist nicht möglich, Buber mit einigen Zeilen beschreibender Art gerecht zu werden. Buber und Carlebach müssen gelesen, nicht im internet besprochen werden. Trotzdem soll das Ende des Buches hier wiedergegeben werden:

„Zu dem G-tt, der in der Urzeit den Erzvater aus seinem Vaterhause „abirren machte“, und auf der Wanderschaft zum gesetzten Ziel ihm als treuer Hirt voranging, bekennen sich die Geschlechter der Leidenden auf ihrem Weg, dem Weg des Exils, als „zu ihrem Hirten“ (Jes 40,11). Sie tun es in der Kraft des prophetischen Glaubens: „HaSchemgeht vor ihnen einher“ (Jes 52,12). Er, den der „Prophet“ Abraham in den Tagen der Frühe als den G-tt des Wegs erkannte, ist in der Botschaft des anonymen Propheten (48,17) die die Geschlechter der Leidenden auf ihrer Wanderschaft mit sich trugen, der Führer auf dem Weg geblieben“.

Für diejenigen, die nun neugierig auf die Propheten geworden sind, sei noch zum Schluß auf die encyclopedia judaica verwiesen, die noch eine Vielzahl weiterführender Literatur enthält.

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