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Die bunte Welt der Proselyten
von Mirjam Lübke

Über die Befindlichkeiten deutscher Proselyten

Was waren das noch für Zeiten, als wir Proselyten weinend neben dem Telefon saßen und auf unseren Gijurtermin warteten...Rabbiner nicht da, Rabbiner hat keine Zeit, Sie sind noch nicht so weit... Die Jahre vergingen, die Sitznachbarn in der Gemeinde fragten immer mitleidiger, ob es denn jetzt nicht langsam mal soweit sei und hielten für spontane Weinkrämpfe eine Familienpackung Taschentücher bereit. Man wurde mit guten Ratschlägen bedacht ("Werd' schwanger von einem Israeli, dann geht es am schnellsten" oder "Auf den Färöer-Inseln gibt es Übertritte schon für 10.000 Mark, DM versteht sich"). Gerüchteweise wurde erzählt, dass es X aus Frankfurt gelungen sei, nach 12 Jahren nun endlich vor das Bet Din zu kommen und sie dann kurz vor der Mikwe umgedreht sei, weil sie es sich schließlich anders überlegt hätte. Jeder kannte jemanden, der jemanden kannte, der dann schließlich doch noch an die begehrte Bescheinigung gekommen sei.

Wir ackerten uns durch endlose Checklisten mit orthodoxen Fragen, lernten die Brachot für jede exotische Frucht in der Obsttheke des Supermarktes und versuchten uns im richtigen Moment an die Bananenfangfrage zu erinnern - nein, Bananen sind keine Baumfrucht, leider durchgefallen... Unsere Küchen waren koscher wie die des Obberrabbiners von Mea Shearim, mit doppelt vorhandenen Eierschneidern und Geschirr für alle Fälle - bei mir zu Hause gab es sogar einen Satz für Rückfälle in nichtkoschere Zeiten. Die Wartezeit war schließlich lang! Wenn wir nicht so meshugge wären, wie uns nachgesagt wird, würden wir das gar nicht aushalten!

Wenn wir es dann aber geschafft hatten, dass uns unsere Gemeinde nicht für verrückt hielt und uns sogar mochte, was dadurch um Ausdruck gebracht wurde, dass man uns bescheinigte, auch ohne Zettel für "richtige Juden" gehalten zu werden oder uns versicherte, wir sähen so jüdisch aus, dass wir 1942 "von der Strasse weg verhaftet worden wären", dann waren wir irgendwie glücklich. Mit viel Glück lag dann irgendwann das begehrte Einladungsschreiben des Rabbiners im Briefkasten, dass man sich mit Badehandtuch und Shampoo in der Gemeinde Y einfinden sollte. Nach schweißtreibender Prüfung wussten wir dann genau, warum Proselyten nach ihrem Auftritt vor dem Rabbinatsgericht in die Mikwe müssen, so viel Angstschweiß war der Umwelt einfach nicht zuzumuten. Ja, ab heute bin ich Jüdin!

Mit festen Vorsätzen, nie einen Christen zu heiraten und sich nie so meshugge und fanatisch zu verhalten, wie all die anderen Proselyten, die man kannte, wurde man dann in das Gemeindeleben entlassen. Spätestens ein Jahr später kam dann die Erkenntnis, dass sich so viel nun auch nicht im Leben geändert hatte, außer einem anderen Eintrag in der Lohnsteuerkarte.

Auf einer Homepage von Chabad steht zu lesen, dass jeder Proselyt schon als Kind den jüdischen Funken in sich getragen hätte...eine beruhigende Neuigkeit, sollte in einem der Gedanke aufkeimen, jetzt doch noch nicht ganz dazuzugehören. Machen Sie als Frau jetzt aber nicht den Fehler, sich in einen Mann zu verlieben, der Kuhn, Cohen, Kagan oder Katzmann heißt, auch wenn sie bestimmt glauben, dass Ihr Baschert vor Ihnen steht. Jedwede Chuppa-Planung ist vergebens, denn - auch das weiß Chabad - Sie kommen immer noch aus einem anderen Genpool, was immer das auch ist - hierzu müssen wir wahrscheinlich die Rassentheoretiker der Gegenseite befragen. Jedenfalls muss es etwas Übles sein, das Ihrem Angebeten nachhaltigen Schaden beibringen könnte und ihm - sollte der Maschiach morgen um die Ecke reiten - die Aussicht auf einen oberen Managementposten im wiederaufgebauten Tempel für immer vermasselt, wenn er denn seinen Genpool mit Ihrem vereint. Aber seien Sie getröstet, jede geschiedene jüdische Frau hat das selbe Schicksal wie Sie.

Die Anpassungsphase ist Thema genug für einen weiteren Artikel "Wie falle ich nicht als Proselyt auf" - Tipp: Behaupten Sie in der Öffentlichkeit, Sie fänden Hendryk Broders Artikel zum Thema Proselyten ganz treffend und hervorragend. Oder outen Sie sich gleich - die Leute kriegen's eh raus. Sie gehören jetzt in die Kategorie derjenigen, die es geschafft haben und deren Erfolgsgeschichte den anderen auf der Warteliste erzählt wird. Irgendwann kommt auch von anderen Gemeindemitgliedern die obligatorische Frage: Sind Sie richtiger Jude oder übergetreten? Machen Sie jetzt nicht den Fehler, den Fragenden zu belehren, dass derartige Fragen von der Halacha her strikt verboten sind, Proselyten nicht diskriminiert werden dürfen etc., sondern nehmen Sie es mit Humor.

Es gibt allerdings auch ein paar Verhaltensweisen, die outen Sie unter Garantie so gut, als trügen Sie ein T-Shirt mit der Aufschrift "Getovelter Goi":

  • - Lassen Sie jeden in der Gemeinde wissen, dass Sie besser beten, koscherer kochen und am Jom Kippur mindestens zehn Minuten länger fasten
  • Machen Sie auch den russischen Gemeindemitgliedern klar, dass sich bei Annahme von fünf Nebenjobs auch Sozialhilfeempfänger streng koscher ernähren können
  • Lernen Sie 350 Rezepte für gefilte Fish auswendig
  • Schaukeln und wippen Sie beim Beten, als wollten Sie den Miss Fitness-Wettbewerb auf Eurosport gewinnen und sichern Sie sich notfalls unter Einsatz Ihrer Ellbogen den dafür nötigen Freiraum
  • Sollte der Vorbeter einen Fehler machen, so leiden Sie ganz fürchterliche Qualen und lassen Ihre Umgebung durch laute Seufzer und laute "Oywawoy"-Rufe wissen, dass Sie sich fühlen, als sei eben vor Ihren Augen der Tempel nochmals zerstört worden
  • Beten Sie immer alles, wirklich ALLES im Siddur, sogar das Inhaltsverzeichnis
  • Besuchen Sie einen Jiddisch-Kurs an der Volkshochschule oder gucken Sie alle Folgen der Nanny, um sich einen ausreichenden Vorrat "jüdisches" Vokabular anzulegen
  • Machen Sie sich zum Sittenwächter der Gemeinde und prüfen Sie die Rocklänge der anwesenden Frauen und Mädchen gewissenhaft auf die halachisch korrekte Länge - was immer die ist
  • Untersuchen Sie selbst beim Einkauf im orthodoxen Viertel von Antwerpen alle Lebensmittel vom kleinsten Kaugummi an auf strengste Einhaltung von Kaschrut und lassen Sie den ganzen Laden durch empörte Ausrufe wissen, wenn Sie eine Abweichung - etwa einen Apfel ohne "Koscher li Pessach" Stempel - gefunden haben
  • Sie - nur Sie allein - sind für den Erhalt der Gemeinde zuständig, notfalls putzen Sie die Toiletten und die Synagogenfenster, weil es außer Ihnen ja ohnehin niemand halachisch richtig macht
  • Sie sind die einzige in der Gemeinde, die einen Schejtl UND einen Hut trägt bzw. als Mann werden Sie wegen Ihrer Bartlänge auf der Straße immer mit "Herr Ayatollah" angesprochen
  • Wenn der Rabbiner oder die Gemeindeleitung eine Liberalisierung einführen, bekommen Sie einen mittelschweren Herzinfarkt und schreiben Protestbriefe an das israelische Oberrabbinat
  • Sie essen schon mindestens 12 Monate vor Tischa b'Aw kein Fleisch mehr und enthalten sich auch sonst aller Vergnügungen
  • Wenn ordentliche Juden - sprich Lubawitscher oder sonstige in osteuropäische schwarze Trachten des 17. Jahrhunderts gewandete Menschen - Ihre Gemeinde aufsuchen, zeigen Sie eifrig Ihr Engagement für die jüdische Sache und reagieren entsetzt, wenn diese das als selbstverständlich erachten und lieber mit den liberalen Besuchern ein Schwätzchen halten

Spätestens jetzt dürften Sie den Gegnern von Übertritten in Ihrer Gemeinde alle notwendigen Argumente geliefert haben, nie wieder einen Gijurkandidaten einen Fuß in die Gemeinde setzen zu lassen.

So weit die traditionelle Seite der Geschichte - nun gibt es aber inzwischen auch das andere Extrem im progressiven Judentum, denn dort haben einige Verantwortliche offensichtlich beschlossen, dass jeder in unseren bisher geschlossenen Verein darf, schließlich ist man demokratisch und will sich bei den Goj...äh Nichtjuden nicht als intolerant verstanden wissen. Interessierte evangelische Pfarrer, Kirchentagsbewegte, Besucher von christlich-jüdischen Friedensgebeten, sie alle sind eingeladen, ohne viel Aufwand bei uns mitzumachen. Das beschert uns dann bald das Gegenteil der oben beschriebenen Phänomene, wir dürfen Adon Olam auf die Melodie von "Welch ein Freund ist unser Jesus" singen und der progressive Rabbiner schnorrt uns am Schabbes unsere Zigaretten weg.

Früher gingen wir davon aus, dass ein Proselyt eine gewisse Zeit benötigt, um sich vernünftig in das Gemeindeleben zu integrieren, die neuen Spielregeln zu lernen und der christlichen Umwelt beizubringen, dass es mit Weihnachtsfeiern und gemeinsamen Grillabenden am Freitagabend jetzt vorbei ist. Die Familie sollte schonend darauf vorbereitet werden, dass das Kind jetzt den Sonntagsschweinebraten nicht mehr mitisst, schon gar nicht, wenn Jom Kippur auf Sonntag fällt. Auch die Gemeinde sollte die Chance erhalten, sich an den "Neujuden" zu gewöhnen und sich ein Bild von seinen Motiven zu machen ("Papa war der persönliche Schäferhundzüchter des Führers, ich will das am jüdischen Volk wieder gutmachen" oder "in Cosmopolitan stand letztens ein Artikel, dass es Sex and the City schick ist, jüdisch zu sein"). Oder auch von den vernünftigen Motiven, von denen es so viele gibt.

Wir sehen jetzt auch die Seite des Rabbiners, bei dem jeden Tag einige Verrückte an die Tür klopfen - zu denen wir ja NIE gehört haben - und zum Judentum übertreten wollen. Er beschloss mit den Vernünftigsten unter den Verrückten zu arbeiten, sorgte für die Erteilung des nötigen Unterrichts, und bat den Kandidaten um Geduld, um die obenerwähnten Phasen zu durchlaufen, schließlich hatte er schon einige Erfahrung im Thema und wollte, dass seine "Prosys" ordentlich vorbereitet in ihr jüdisches Leben eintraten und sich erst mal umschauten, ob Judesein denn auch das Richtige für sie sei oder sie vielleicht doch besser auf dem katholischen Kirchentag aufgehoben waren. Nach etwa zwei Jahren war es dann soweit, man konnte sich dann um die Organisation des Bet Din kümmern. Nun gut, im Normalfall stöhnte der arme Kandidat dann, weil ihm die Zeit ja doch arg lang vorkam und fügte sich in sein Schicksal.

Der zuständige Rabbiner organisierte also wie versprochen den zukünftigen Gijur, versorgte den Kandidaten mit Lesestoff, ließ nervige Fragen über sich ergehen, ob Vegetarier nicht doch die besseren Juden seien und überlegte in der Zwischenzeit, ob die Halacha es wohl erlaube, einen lästigen Proselyten in Notwehr in der Mikwe zu ersäufen. Das Bet Din musste auch zusammengestellt werden, denn die Kollegen hatten auch nicht immer Lust darauf, sich die ewig gleichen Geschichten vom Schlüsselerlebnis bei der Pauschalreise nach Israel oder den jüdischen Nachbarn anzuhören, mit denen der Kandidat schon als Kind immer vollkommen vorurteilsfrei gespielt hat. Es soll auch schon Kandidaten gegeben haben, die das Bet Din fragten, ob sie ihren Beruf als Pfarrer jetzt noch weiterhin ausüben dürften...aber Zusage ist Zusage und man wusste ja nie, ob der Kandidat vielleicht noch vernünftig wird und den Blödsinn des Übertritts sein lässt. Die Zeit wird es zeigen.

Nun wurde es aber einigen ungeduldigen Kandidaten zu lang - zwei Jahre sind ja eine verdammt lange Zeit, um dem eigenen Lebensglück ein Stück näher zu kommen. Wie schön, dass es im progressiven Judentum mittlerweile eine Strömung gibt, die es als ihre Aufgabe ansieht, den liberalen Gemeinden möglichst viele Schäflein zuzuführen, wie weiland schon einmal ein Rabbiner, dessen Bewegung die unsere inzwischen längst zahlenmäßig überrollt hat. Viele der Nachkommen seiner Schäfchen wollen dann ja auch heute gerne wissen, wie Rabbi Jesus früher gelebt hat und suchen in der Synagoge Antwort auf ihre Frage. Nun, wenn schon Kabbala Light in Mode gekommen ist, warum dann nicht gleich Judentum light anbieten, 50% ritualreduziert und garantiert ohne Konservierungsstoffe? Mit Orgel und evangelischen Kirchenliedern, die einen hebräischen Text verpasst bekommen? Kirchentagsbewegte Protestanten werden sich hier sicher ebenso wohl fühlen, wie Katholiken, denen Kardinal Meisner noch zu liberal ist, in der Pseudo-Orthodoxie.

Nein, irgendwie macht das so alles keinen Spaß mehr. Da gehe ich doch lieber in eine Einheitsgemeinde und genieße, dass ich nicht so irre bin ... oder? Vielleicht liegt das Potential dazu ja irgendwo in meinem Genpool...

© talmud.de 2005

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