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"Nicht
die Toten loben G-tt, nicht die alle, die in Grabesstille hinabsteigen"
Wir aber preisen G-tt von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja." Ps.
115, 17, 18.
Wenn
die Toten G-tt nicht loben, wie kann da der G-tt-erleuchtete Sänger,
dessen Seele dieses Bekenntnis entströmt, sagen, dass er G-tt von
nun an bis in Ewigkeit preisen werde? Bis in Ewigkeit? Aber er wird
doch sterben, zu den Toten, zu den in Grabesstille Hinabgestiegenen
gehören und dann G-tt nicht mehr preisen können? Oder wenn er glaubt,
dass er G-tt bis in Ewigkeit, also über seinen Tod hinaus preisen
werde, wie stimmt das zu dem Satze, dass die Toten G-tt nicht loben?
Eine Bibelwissenschaft voll von Gelehrsamkeit und Logik hat aus
dem Vordersatz gefolgert, dass sein Verfasser nicht an die Unsterblichkeit
des Menschen glaube. Aber sie hätte konsequenterweise aus dem Nachsatz
folgern müssen, dass er nicht an den Tod des Menschen, an sein Hinabsteigen
in Grabesstille glaube.
Die beiden Sätze scheinen nicht nur miteinander, sondern auch mit
Sätzen anderer Psalmen in Widerspruch zu stehen. So wird, um nur
ein Beispiel von vielen zu nennen, in Psalm 148 gesungen, dass G-tt
gelobt wird von Sonne, Mond und Sternen, von Himmel und Wasser,
von Erde, Ungeheuern und Fluten, von Feuer, Hagel, Schnee und Rauch,
von Fruchtbaum und Zeder, von wilden Tieren und allen Vieh, von
Gewürm und Geflügel . . ., also von allem Lebenden und Leblosen.
Wird das von unserm Vordersatz bestritten? Wird von ihm nicht anerkannt,
was Psalm 22, 30 von G-tt rühmt: "Vor ihm beugen sich alle, die
in den Staub hinabsteigen" ? Ähnliches gilt für den Nachsatz: Stellt
er die in zahllosen Variationen wiederholte Wahrheit in Abrede,
dass "der Mensch einem Hauche gleicht und seine Tage einem schwindenden
Schatten" (Ps. 144,4) "wenn sein Geist ausgeht, kehrt er zur Erde
zurück" (Ps. 146, 4)? Es bedarf keiner Hervorhebung, dass diese
Fragen nur rhetorische Fragen sind und dass das, was vom Standpunkt
der abstrakten Logik ein Widerspruch scheint, vom Psalmisten nicht
als Widerepruch empfunden wurde.
Ich halte es für gut, zur besseren Veranschaulichung das Problem
an einem historischen Beispiel zu beleuchten. In den "Sprüchen der
Väter" (1,3) heisst es: "Antigonus aus Socho Sagte: Seid nicht wie
die Knechte, die ihrem Herrn dienen in der Absicht Lohn zu empfangen,
sondern seid wie die Knechte, die ihrem Herrn dienen nicht in der
Absicht Lohn zu empfangen G-ttesfurcht sei über euch". Der Satz,
der voraussetzt, dass G-tt lohne und strafe, gipfelt in der Mahnung,
nicht aus knechtischem Lohndienst, sondern aus G-ttesfürchtigem
Gehorsam 'zu handeln. Im Anschluss daran heisst es nun in Abot des
R. Nathan 5: "Antigonus aus Socho hatte zwei Schüler, welche Seine
Aussprüche lernten und ihre Schüler lehrten und die Schüler wiederum
ihre Schüler. Und es erstanden solche, die folgerten: Was meinten
unsere Lehrer, als sie diesen Satz aussprachen? Ist es möglich,
dass ein Arbeiter den ganzen Tag arbeite und abends keinen Lohn
erhalte? Hätten unsere Lehrer das ewige Leben und die Auferstehung
der Toten anerkannt, dann hätten sie einen solchen Ausspruch nicht
getan. Da standen sie auf und sonderten sich von der Tora ab, und
so bildeten sich zwei Sekten, Sadduzäer und Boethusäer, Sadduzäer
nach ihrem Stifter Sadduk und Boethusäer nach ihrem Stifter Boethus".
Was war nach diesem Bericht also die Ursache der Sektenbildung?
Eine logische Schlussfolgerung. Antigonus hatte gelehrt, man dürfe
bei seinen Handlungen nur an die von G-tt gesetzte Pflicht und nicht
an Lohn und Strafe denken. Dieser Satz wurde von den Sadduzäern
mit einer so radikalen Logik fortgeführt, dass als sein Ergebnis
das Verneinen der Tatsache von Lohn und Strafe und daher des ewigen
Lebens erstand. Und es kann nur gesagt werden, dass, wenn der Gedanke
des Antigonus, losgelöst vom Gesamtgeist der Lehre, rein theoretisch
zu Ende gedacht wird, ea in der Tat das höchste wäre, Lohn und Strafe
zu verneinen und dennoch das Gute zu tun. Die Sadduzäer fanden es
widerspruchsvoll, an die Tatsache eines Lohnes zu glauben und sie
dennoch unberücksichtigt zu lassen, und sie folgerten daher, Antigonus
könne sich dieses Widerspruches nicht schuldig gemacht haben, habe
vielmehr Lohn und Strafe geleugnet. Sie urgierten also den Ausspruch
des Lehrers so einseitig, dass sie die Voraussetzung, von der er
ausging, dass es nämlich Lohn und Strafe gebe, auf Grund logischer
Folgerungen eliminierten. Die sadduzäische Lehre war eine Irrlehre,
nicht weil sie der Logik, sondern weil sie dem Wesen der jüdischen
Religion widersprach. Das, was den Sadduzäern ein logischer Widerspruch
schien, löste sich in der Seele des Antigonus zu einer inneren Harmonie.
Ich
kehre nun zu den beiden Psalmenversen unseres Themas zurück. Sie
sind der überströmende Ausdruck von Bitte und Dank für die Erhaltung
des Lebens. Kehrt doch der Satz: "Nicht die Toten loben G-tt ..."
in den Psalmen in mannigfachen Variationen wieder und zwar immer
in gedanklicher Beziehung zu Dank oder Bitte für die Erhaltung des
Lebens, und er darf aus dieser Verbindung nicht gelöst werden. Er
dient zur gesteigerten Betonung des Wertes des Gutes, dem Dank und
Bitte gilt. Das Gefühl des Psalmisten für das von ihm erbetene oder
das ihm gewährte Gnadengeschenk ist ein so überschwengliches, dass
es zu der Vorstellung erwächst, niemand könne daa gleiche Dankgefuhl
aufbringen und G-tt so aus Herzensgrund loben, der ihm nicht die
Rettung des Lebens verdanke. Kein Dank und Lob komme diesem Dank
und Lob gleich. Dank und Lob, das anderem gelte, sei überhaupt kein
Dank und Lob. Da nun auf die Toten Dank und Lob für die Erhaltung
des Lebens Dicht anzuwenden sei, so könne ihr Danken und Loben kein
Danken und Loben sein. Daher: "Nicht die Toten loben G-tt und nicht
die alle, die in Grabesstille hinabsteigen". Das gleiche gilt für
den Nachsatz: "Wir aber preisen G-tt von nun an bis in Ewigkeit".
Derselbe gipfelt in dem Willen G-tt bis in alle Ewigkeit zu preisen.
Der Sänger weiss, dass das Leben etwas vergängliches ist, und dass
er sterben wird Aber er lässt das in seinem glühenden Dankgefühl
ausser Ansatz und steigert den Wert und die Grosse der göttlichen
Gnade durch die Hervorhebung, dass sie nicht anders als durch einen
ewig währenden Lobgesang gefeiert werden kann. Es bedarf nicht erst
des Ausgleichs, dass sich die ewige Lobpreisung auf die Gesamtheit,
auf das ewige Volk Israel beziehe, obwohl auch dieser Gedanke mit
dahinter schlummert. Sprechen doch zahlreiche Psalmenstellen z.
B. 145, l von dem ewigen Lobpreisen des Einzelnen. Der Psalmist
leugnet nicht die Tatsache des Todes. Aber er lässt sie in seinem
überströmenden Gefühl völlig ohne Berücksichtigung, um hierdurch
die Bedeutung der göttlichen Gnade auf das höchste zu erheben.
Die
Welt des Denkens und der Kritik, die Welt der "reinen Vernunft"
beruht auf Gedankenkonstruktionen, die den strengen Anforderungen
formalistischer Logik entsprechen müssen. Aber die Welt des Glaubens
und der Seele, die Welt der "praktischen Vernunft" umfasst die Wahrheiten
des Willens und der Gefühle, die ihre eigene Logik aufweisen. Wie
die sadduzäische, so entstanden auch die anderen Irrlehren durch
Schlussfolgerungen, die man aus vereinzelten Sätzen des überlieferten
Glaubens zog, ohne dessen lebendigen, eigengesetzlichen Organismus
zu berücksichtigen. Der Bibel, der Schöpfung göttlicher Offenbarung,
kann man nicht lediglich durch eine rein kritische Methode gerecht
werden. Man wird sie nur dann in rechter Weise erforschen und begreifen,
wenn man sich in die Tiefe ihres Eigenlebens versenkt. Seele kann
nur von Seele erfasst werden.
Aus:
Jeschurun - Monatsschrift für Leben und Lehre im Judentum Heft
7/8 5687
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