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Auslegung ohne Kontext - wie falsche Schlussfolgerungen entstehen...

Rabbiner Dr. S. Kaatz beschreibt anhand von Psalm 115 wie die Auslegung eines Textes auch funktionieren kann:

von Rabbiner Dr. S. Kaatz

 

"Nicht die Toten loben G-tt, nicht die alle, die in Grabesstille hinabsteigen" Wir aber preisen G-tt von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja." Ps. 115, 17, 18.

Wenn die Toten G-tt nicht loben, wie kann da der G-tt-erleuchtete Sänger, dessen Seele dieses Bekenntnis entströmt, sagen, dass er G-tt von nun an bis in Ewigkeit preisen werde? Bis in Ewigkeit? Aber er wird doch sterben, zu den Toten, zu den in Grabesstille Hinabgestiegenen gehören und dann G-tt nicht mehr preisen können? Oder wenn er glaubt, dass er G-tt bis in Ewigkeit, also über seinen Tod hinaus preisen werde, wie stimmt das zu dem Satze, dass die Toten G-tt nicht loben? Eine Bibelwissenschaft voll von Gelehrsamkeit und Logik hat aus dem Vordersatz gefolgert, dass sein Verfasser nicht an die Unsterblichkeit des Menschen glaube. Aber sie hätte konsequenterweise aus dem Nachsatz folgern müssen, dass er nicht an den Tod des Menschen, an sein Hinabsteigen in Grabesstille glaube.


Die beiden Sätze scheinen nicht nur miteinander, sondern auch mit Sätzen anderer Psalmen in Widerspruch zu stehen. So wird, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, in Psalm 148 gesungen, dass G-tt gelobt wird von Sonne, Mond und Sternen, von Himmel und Wasser, von Erde, Ungeheuern und Fluten, von Feuer, Hagel, Schnee und Rauch, von Fruchtbaum und Zeder, von wilden Tieren und allen Vieh, von Gewürm und Geflügel . . ., also von allem Lebenden und Leblosen. Wird das von unserm Vordersatz bestritten? Wird von ihm nicht anerkannt, was Psalm 22, 30 von G-tt rühmt: "Vor ihm beugen sich alle, die in den Staub hinabsteigen" ? Ähnliches gilt für den Nachsatz: Stellt er die in zahllosen Variationen wiederholte Wahrheit in Abrede, dass "der Mensch einem Hauche gleicht und seine Tage einem schwindenden Schatten" (Ps. 144,4) "wenn sein Geist ausgeht, kehrt er zur Erde zurück" (Ps. 146, 4)? Es bedarf keiner Hervorhebung, dass diese Fragen nur rhetorische Fragen sind und dass das, was vom Standpunkt der abstrakten Logik ein Widerspruch scheint, vom Psalmisten nicht als Widerepruch empfunden wurde.

Ich halte es für gut, zur besseren Veranschaulichung das Problem an einem historischen Beispiel zu beleuchten. In den "Sprüchen der Väter" (1,3) heisst es: "Antigonus aus Socho Sagte: Seid nicht wie die Knechte, die ihrem Herrn dienen in der Absicht Lohn zu empfangen, sondern seid wie die Knechte, die ihrem Herrn dienen nicht in der Absicht Lohn zu empfangen G-ttesfurcht sei über euch". Der Satz, der voraussetzt, dass G-tt lohne und strafe, gipfelt in der Mahnung, nicht aus knechtischem Lohndienst, sondern aus G-ttesfürchtigem Gehorsam 'zu handeln. Im Anschluss daran heisst es nun in Abot des R. Nathan 5: "Antigonus aus Socho hatte zwei Schüler, welche Seine Aussprüche lernten und ihre Schüler lehrten und die Schüler wiederum ihre Schüler. Und es erstanden solche, die folgerten: Was meinten unsere Lehrer, als sie diesen Satz aussprachen? Ist es möglich, dass ein Arbeiter den ganzen Tag arbeite und abends keinen Lohn erhalte? Hätten unsere Lehrer das ewige Leben und die Auferstehung der Toten anerkannt, dann hätten sie einen solchen Ausspruch nicht getan. Da standen sie auf und sonderten sich von der Tora ab, und so bildeten sich zwei Sekten, Sadduzäer und Boethusäer, Sadduzäer nach ihrem Stifter Sadduk und Boethusäer nach ihrem Stifter Boethus". Was war nach diesem Bericht also die Ursache der Sektenbildung? Eine logische Schlussfolgerung. Antigonus hatte gelehrt, man dürfe bei seinen Handlungen nur an die von G-tt gesetzte Pflicht und nicht an Lohn und Strafe denken. Dieser Satz wurde von den Sadduzäern mit einer so radikalen Logik fortgeführt, dass als sein Ergebnis das Verneinen der Tatsache von Lohn und Strafe und daher des ewigen Lebens erstand. Und es kann nur gesagt werden, dass, wenn der Gedanke des Antigonus, losgelöst vom Gesamtgeist der Lehre, rein theoretisch zu Ende gedacht wird, ea in der Tat das höchste wäre, Lohn und Strafe zu verneinen und dennoch das Gute zu tun. Die Sadduzäer fanden es widerspruchsvoll, an die Tatsache eines Lohnes zu glauben und sie dennoch unberücksichtigt zu lassen, und sie folgerten daher, Antigonus könne sich dieses Widerspruches nicht schuldig gemacht haben, habe vielmehr Lohn und Strafe geleugnet. Sie urgierten also den Ausspruch des Lehrers so einseitig, dass sie die Voraussetzung, von der er ausging, dass es nämlich Lohn und Strafe gebe, auf Grund logischer Folgerungen eliminierten. Die sadduzäische Lehre war eine Irrlehre, nicht weil sie der Logik, sondern weil sie dem Wesen der jüdischen Religion widersprach. Das, was den Sadduzäern ein logischer Widerspruch schien, löste sich in der Seele des Antigonus zu einer inneren Harmonie.

Ich kehre nun zu den beiden Psalmenversen unseres Themas zurück. Sie sind der überströmende Ausdruck von Bitte und Dank für die Erhaltung des Lebens. Kehrt doch der Satz: "Nicht die Toten loben G-tt ..." in den Psalmen in mannigfachen Variationen wieder und zwar immer in gedanklicher Beziehung zu Dank oder Bitte für die Erhaltung des Lebens, und er darf aus dieser Verbindung nicht gelöst werden. Er dient zur gesteigerten Betonung des Wertes des Gutes, dem Dank und Bitte gilt. Das Gefühl des Psalmisten für das von ihm erbetene oder das ihm gewährte Gnadengeschenk ist ein so überschwengliches, dass es zu der Vorstellung erwächst, niemand könne daa gleiche Dankgefuhl aufbringen und G-tt so aus Herzensgrund loben, der ihm nicht die Rettung des Lebens verdanke. Kein Dank und Lob komme diesem Dank und Lob gleich. Dank und Lob, das anderem gelte, sei überhaupt kein Dank und Lob. Da nun auf die Toten Dank und Lob für die Erhaltung des Lebens Dicht anzuwenden sei, so könne ihr Danken und Loben kein Danken und Loben sein. Daher: "Nicht die Toten loben G-tt und nicht die alle, die in Grabesstille hinabsteigen". Das gleiche gilt für den Nachsatz: "Wir aber preisen G-tt von nun an bis in Ewigkeit". Derselbe gipfelt in dem Willen G-tt bis in alle Ewigkeit zu preisen. Der Sänger weiss, dass das Leben etwas vergängliches ist, und dass er sterben wird Aber er lässt das in seinem glühenden Dankgefühl ausser Ansatz und steigert den Wert und die Grosse der göttlichen Gnade durch die Hervorhebung, dass sie nicht anders als durch einen ewig währenden Lobgesang gefeiert werden kann. Es bedarf nicht erst des Ausgleichs, dass sich die ewige Lobpreisung auf die Gesamtheit, auf das ewige Volk Israel beziehe, obwohl auch dieser Gedanke mit dahinter schlummert. Sprechen doch zahlreiche Psalmenstellen z. B. 145, l von dem ewigen Lobpreisen des Einzelnen. Der Psalmist leugnet nicht die Tatsache des Todes. Aber er lässt sie in seinem überströmenden Gefühl völlig ohne Berücksichtigung, um hierdurch die Bedeutung der göttlichen Gnade auf das höchste zu erheben.

Die Welt des Denkens und der Kritik, die Welt der "reinen Vernunft" beruht auf Gedankenkonstruktionen, die den strengen Anforderungen formalistischer Logik entsprechen müssen. Aber die Welt des Glaubens und der Seele, die Welt der "praktischen Vernunft" umfasst die Wahrheiten des Willens und der Gefühle, die ihre eigene Logik aufweisen. Wie die sadduzäische, so entstanden auch die anderen Irrlehren durch Schlussfolgerungen, die man aus vereinzelten Sätzen des überlieferten Glaubens zog, ohne dessen lebendigen, eigengesetzlichen Organismus zu berücksichtigen. Der Bibel, der Schöpfung göttlicher Offenbarung, kann man nicht lediglich durch eine rein kritische Methode gerecht werden. Man wird sie nur dann in rechter Weise erforschen und begreifen, wenn man sich in die Tiefe ihres Eigenlebens versenkt. Seele kann nur von Seele erfasst werden.

Aus: Jeschurun - Monatsschrift für Leben und Lehre im Judentum Heft 7/8 5687


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