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Judentum in der Nußschale?
von Elisabeth Berkes-Grosser

Deutschland ist in gewisser Hinsicht immer noch "jüdisches Entwicklungsland" und deshalb werden gute "How To"s dringenst benötigt. Das "Kleine1x1 jüdischen Lebens" will ein solches Buch sein. Elisabeth Berkes-Grosser hat sich umgeschaut und eine Empfehlung mitgebracht.

Es gibt Bücher, deren Titel in die Augen springen und eine umgehende Kaufentscheidung veranlassen. Um so ein Buch geht es in meiner Besprechung:

K.M.Olitzkay/ R.H.Isaacs

Kleines 1x1 jüdischen Lebens
Aus dem Amerikanischen von Annette Böckler
Berlin 2001

Ein faszinierender Titel zu einem großen Themenkreis, klingt anregend, interessant, motivierend.

Natürlich habe ich das Buch gekauft und gleich gelesen. Daß ich nicht sofort meine Meinung dazu geäußert habe liegt daran, daß ich mir reichlich Zeit nehmen wollte und das Buch mehrfach studieren musste, bevor ich mir darüber eine abschließende Meinung bilden konnte, die ich eindeutig vertreten kann; schließlich muß eine Buchkritik überlegt und gut begründet sein. Auch wenn es sich um ein Werk handelt, das nicht mehr verlegt (jedoch immer noch beworben) wird, Standartwerke und Einführungen sind stets aktuell und interessant.

Besonders erwähnenswert ist, daß es sich bei dieser Übersetzung um eine Auswahl aus einem umfassenden Handbuch (The How-To Handbook für Jewish Living, New Yersey, 1993) handelt. Die Kriterien für die Auswahl, die hier zugrunde gelegt wurden, haben sich mir - leider - nicht erschlossen.

Zunächst habe ich mich gefragt, für wen das Buch geschrieben wurde und habe darauf keine schlüssige Antwort erhalten. Die Originalausgabe richtet sich an Juden, die sich näher mit ihrer Religion beschäftigen wollen. Nach meinem Eindruck ist hier von der ursprünglichen Intention von Olitzky und Isaacs nur wenig übrig geblieben. Deshalb habe ich versucht, das Buch möglichen Zielgruppen zuzuordnen.

Richtet sich das Buch an Leser, die sich einen ersten Überblick über das Judentum verschaffen wollen?

Diese Leser müssen enttäuscht sein, denn die hier vorgestellten Fakten haben nichts mit dem Wesen des Judentums zu tun. Sicher, einige Sitten und Gebräuche werden vorgestellt, focussiert werden aber Formalien. Es werden einige Begriffe eingeführt, Lieder, Gebete, Gesten, der G'ttesdienstablauf vage und unzureichend gestreift (Das Morgengebet wird aufgeführt, jedoch nicht die anderen G'ttesdienste, es fehlt der Hinweis bei Schabbat Schachrit auf Mussaf, was in nicht-reform G'ttesdiensten immer noch üblich ist). Interessante, spannende und populäre Sitten und Gebräuche stehen im Vordergrund. Ich bezweifle, ob es wichiger ist zu wissen, um hier nur ein Beispiel zu geben, wie Challot gebacken werden, als die Bedeutung der beiden "Zöpfe". Ich bedauere, aber daß allein die "Zöpfe der Schabbatbraut" (Was ist das, Schabbatbraut? Ist hier Lecha Dodi gemeint?) als Erklärung herangezogen wird, ist eine unzulässige Verkürzung.

Es gibt eine Fülle von Informationen, die den Leser sicher fasziniert, die das Judentum aber sträflich vereinfacht und reduziert. Eine wunderbare Fremdartigkeit erschließt sich, die man sicher einmal erleben muß und die anregt, Kontakt zu Juden zu suchen und an jüdischen Festen teilzunehmen. Aber war das die Intention des Buches? Wohl kaum.

Ist das Buch für Juden geschrieben, die sich mit ihrer Religion näher beschäftigen wollen?

Natürlich!!!

Aber ist es das, was sie aus dem Buch erfahren das wichtigste, was ihnen bisher nicht klar war?

Ja, jetzt wissen sie endlich, welche Gebetsgesten ihre Vorfahren spontan und selbstverständlich machten. Sie haben eine hilfreiche Tabelle vor den Augen, damit sie im G'ttesdienst nicht ungelenk und unbeteiligt wirken (S. 46 ff, besonders zu beachten S. 50). Aber müssen sie nun während des ganzen G'ttesdienstes schaukeln? (S. 46) Und was passiert, wenn sie das versäumen? Gilt ihr Gebet, ihre Teilnahme dann nicht? Anschließend, wenn alles richtig gemacht wurde, gibt es als Belohnung eine Anweisung wie Hora getanzt wird (S.71)! Aber eigentlich brauchen sie nur einmal zu einer jüdischen Hochzeit eingeladen zu werden oder an einem christlichen Ferienlager teilzunehmen, um Hora tanzen zu lernen, dafür brauchen sie dieses Buch nicht. Und was hat Horatanzen mit "all den Dingen, die uns als jüdisches Volk einzigartig machen" (S.7) zu tun?

Wenn das Buch schon die schöne Anweisung für den Bau der Sukka gibt (S.112ff), warum werden nicht, zum Zwecke der Vollständigkeit, die halachischen Vorschriften genannt? Die Sukka zu bauen ist ein biblisches Gebot. Gab es in der Wüste schon Zement? Hilfreich wäre auch der Hinweis, wo es in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz die erwähnten Judaica-Läden gibt (oder muß ich alles in den USA bestellen? Ist mir zu teuer!), die vorgefertigtes Material anbieten. Ich kenne auch keine jüdische Gemeinde, die diese Dinge verkauft. Über entsprechende Hinweise würde ich mich deshalb sehr freuen.

Endlich wird jeder Jude seine Mazzot (Sing. Mazza) selber backen können, es gibt eine hervorragende Anweisung! Nur ein kleiner, entscheidender, fataler Fehler hat sich eingeschlichen: vielleicht muß bei diesem Rezept der Teig 18 Minuten in dem Ofen sein...wichtiger ist es aber, daß vom Teigansatz bis zum Backen 18 Minuten nicht überschritten werden dürfen, weil sonst die Säuerung beginnt. Und dann haben wir nur einen Teigfladen und können das biblische Gebot nicht befolgen.

Will das Buch eine Handreichung für Besucher jüdscher G'ttesdienste sein?

Das könnte schon eher passen.
Ein jüdischer G'ttesdienst wird leider in Hebräisch durchgeführt, da kommt man ja nicht mit. Obwohl, auch da gibt es Abhilfen, in manchen liberalen und reform-liberalen G'ttesdiensten ist die Landessprache vorherrschend, das ist für Gäste sicher hilfreich. Und nun hat man ein Handbuch, in dem in kurzen, knappen, übersichtlichen Kapiteln kleine Handreichungen gegeben werden, um auch selber aktiv mitmachen zu können.

Ist das ein Lehrbuch für Bar/Bat-Mitzwa Unterricht?

Nein, ich werde diesen Begriff nicht erklären und der Leser wird diesen zentralen Begriff in dem besprochenen Buch nicht finden. Wahrscheinlich meinen die Autoren, das sei überflüssig. Entweder ist das unwichtig, oder das Buch richtet sich in der Tat an diejenigen, die ohnehin schon wissen, was das bedeutet, weil ihre Eltern sie zu einem entsprechenden Unterricht angemeldet haben.
Die Schüler werden auf jeden Fall erst einmal lernen, was es auf hebräisch heisst "Wie spät ist es?" (S. 168), können im Schlaf die einzelnen Wochenabschnitte(S.152) benennen (in der Hoffnung, daß sie überhaupt darüber unterrichtet wurden, was das ist), kennen die Bedeutung von hebäischen Namen (S.68 ff) und brillieren mit dem Kenntnis der "antiken Handzeichen der Leviten, wie sie ausgesehen haben könnten" (S. 130). Ein zentrales Gebet, die Amida, wird hingegen nur als ein Teil des Morgengebets (was so nicht stehen gelassen werden darf!!!) kurz erwähnt (S. 46).
Vielleicht ist das Buch nur an Jugendliche gerichtet. Die streckenweise betuliche Sprache könnte ein Hinweis sein. Und ich möchte nicht ungefragt von fremden Autoren, auch wenn wir dieselbe Religion haben, geduzt werden.

Zusammenfassend kann ich sagen, daß ich zwar einige Informationen über Verhaltensregeln und -formen im G'ttesdienst bekam, mich aber mehr darüber ärgerte, daß das Judentum auf das willkürliche, subjektive und sehr "kleine 1x1" der Gesten und Rituale reduziert wurde, sozusagen "Judentum in der Nußschale".

Spannende Titel, kurze und prägnante Inhalte, umfassende Informationen und ein schlüssiger Aufbau sind nun einmal sehr schwer, in 189 umsatzbringende Seiten zu pressen.

Ich empfehle also, die englische Neuauflage zu lesen (THE COMPLETE HOW TO HANDBOOK FOR JEWISH LIVING 2004 Kostenpunkt $ 25,--) zu lesen (und zu nutzen), und nicht auf eine antiquarische Ausgabe oder auf eine Neuauflage zu warten.

 

© talmud.de - Mai 2005

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