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Monsieur
Ibrahim und die Blumen des Koran von Kirsten Groß |
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Ein allseits gelobtes Buch verdient eine genauere Betrachtung Manchmal möchte man als Autor Großes leisten. Zum Beispiel einen Roman schreiben, in dem am Anfang Gegensätze aufeinander prallen und sich am Ende alles in allgemeines Wohlgefallen auflöst. Eric-Emmanuel Schmitt ist mit seinem Buch "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" genau das nicht gelungen. Die Geschichte des knapp 100seitigen Buches ist leicht
erzählt: Moses, ein elfjähriger Junge lebt alleine mit seinem
Vater in Paris. Die Mutter hat beide vor langer Zeit verlassen, was das
Leben des Heranwachsenden nicht leichter macht. Er wird zu einer Art Hausmädchen
degradiert, muss den Vater bekochen und den Haushalt erledigen. Der Vater
lebt währenddessen in seiner eigenen Welt aus Bitterkeit und Erinnerungen
und so ist Moses gezwungen, die fehlende Liebe des Elternhauses an anderen
Orten zu finden. Er muss nicht lange suchen, denn sowohl die freundlichen
Prostituierten am Ende der Straße als auch der alternde Einzelhandelskaufmann
Monsieur Ibrahim nehmen sich seiner gerne an. Der alte Mann schenkt dem
Jungen Aufmerksamkeit, zeigt ihm eine Welt jenseits des bisher tristen
Alltags, regt ihn zum Nachdenken an und ersetzt ihm den Vater noch bevor
dieser tatsächlich verschwindet und sich anschließend umbringt.
Es wäre eine harmlose, für manchen sogar eine herzerwärmende Geschichte, wenn der Autor nicht seine fragwürdige Sicht auf das Judentum und das jüdische Familienleben auf praktisch jeder Seite seines Machwerkes verbreiten würde. In seiner Familienkonstellation hat die Mutter Moses und seinen Vater verlassen, weil sie den Mann einfach nicht liebte und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem eigenen Kind offenbar nicht groß genug war. Der zurückgelassene Vater setzt nichts daran, dem Jungen die Mutter zu ersetzen, sondern straft ihn mit Missachtung und konsequenter Kälte. Wärme hat keinen Platz in dieser jüdischen Familie - zumindest nicht im Kopf von Eric-Emmanuel Schmitt. Moses geht immer wieder auf den Vater zu und versucht, seine Herkunft und seine Religion zu verstehen, wird aber mit Sätzen wie "Jude zu sein bedeutet, Erinnerungen zu haben. Schlechte Erinnerungen." abgefertigt und alleine gelassen. Das Problem des Romans ist, dass nicht nur Moses mit solchen Sätzen allein gelassen wird, sondern auch der Leser. Nun könnte man einräumen, dass es sicherlich
genug zerrüttete jüdische Familien gibt, um den Roman halbwegs
authentisch wirken zu lassen, aber der Unterschied zu dieser Sichtweise
und der des Buches ist die zu simple Einteilung in schwarz und weiß.
Es wird ein sehr subjektiver und minimaler Ausschnitt des Lebens präsentiert,
was sicherlich nicht jeder Leser sofort begreift und in der Konsequenz
mit einem Bild der lieblosen jüdischen Familie zurück bleibt. Darüber hinaus verkommt Religion in dem Buch
zur Randerscheinung und zu einer Art rhetorischem Mittel. Man fragt sich,
warum dieses heikle Thema überhaupt erwähnt wird. Gerade das
Judentum, das aktiv im Alltag gelebt wird und sich nicht nur auf Erinnerungen
und Bücher beschränkt, wird verzerrt dargestellt. Man ist versucht, dem Autor zu unterstellen, dass
er von beiden Religionen wenig weiß und das Konstrukt "Judentum
- Islam" nur benutzt, um eine gewisse Brisanz in seine Geschichte
zu bringen, die so oder anders sicherlich schon unzählige Male erzählt
wurde. Der Autor entwickelt die Gegensätze und die Wendung zum Guten in seinem Buch so auffällig, dass man sich fragt, was er eigentlich wirklich mit seiner Geschichte bezwecken will. Sollte Schmitt tatsächlich nur die Geschichte eines einsamen jüdischen Jungen erzählen wollen, dem das Leben plötzlich und unerwartet durch das Auftauchen eines alten Mannes Glück zu Teil werden lässt, sollte er seine eigene Geschichte genau lesen und überdenken, denn so wirkt er einfach nur wie ein Autor, dem jedes Mittel recht ist, Aufmerksamkeit und vor allem Leser auf seine dürftig konstruierten Geschichten zu ziehen.
© talmud.de 2005 |
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