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Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran
von Kirsten Groß

Ein allseits gelobtes Buch verdient eine genauere Betrachtung

Manchmal möchte man als Autor Großes leisten. Zum Beispiel einen Roman schreiben, in dem am Anfang Gegensätze aufeinander prallen und sich am Ende alles in allgemeines Wohlgefallen auflöst. Eric-Emmanuel Schmitt ist mit seinem Buch "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" genau das nicht gelungen.

Die Geschichte des knapp 100seitigen Buches ist leicht erzählt: Moses, ein elfjähriger Junge lebt alleine mit seinem Vater in Paris. Die Mutter hat beide vor langer Zeit verlassen, was das Leben des Heranwachsenden nicht leichter macht. Er wird zu einer Art Hausmädchen degradiert, muss den Vater bekochen und den Haushalt erledigen. Der Vater lebt währenddessen in seiner eigenen Welt aus Bitterkeit und Erinnerungen und so ist Moses gezwungen, die fehlende Liebe des Elternhauses an anderen Orten zu finden. Er muss nicht lange suchen, denn sowohl die freundlichen Prostituierten am Ende der Straße als auch der alternde Einzelhandelskaufmann Monsieur Ibrahim nehmen sich seiner gerne an. Der alte Mann schenkt dem Jungen Aufmerksamkeit, zeigt ihm eine Welt jenseits des bisher tristen Alltags, regt ihn zum Nachdenken an und ersetzt ihm den Vater noch bevor dieser tatsächlich verschwindet und sich anschließend umbringt.
Nach dem Tod des Vaters adoptiert Monsieur Ibrahim den Jungen kurzerhand. Gemeinsam, als Vater und Sohn, kaufen sie ein Auto, das der Junge quer durch Südeuropa in Richtung Türkei lenkt, da Monsieur Ibrahim ihm seinen Geburtsort zeigen will. In der Türkei angekommen, weiht er Moses in die Tradition der Derwische ein, die der Junge sofort begeistert adaptiert und mit Hilfe dieser getanzten Gebete auf wundersame Art und Weise binnen kürzester Zeit den jahrelangen Hass gegen seinen Vater überwindet. Der neugefundene inneren Frieden hält allerdings nicht lange an, denn kurze Zeit nach der Ankunft im "Land des Halbmondes" stirbt Monsieur Ibrahim an den Folgen eines Autounfalls.
In der Stunde seines Todes hat der alte Mann allerdings noch die Kraft, dem Jungen die positiven Seiten seines Ablebens zu erklären. Wie sein Koran ihn lehrte, braucht er den Tod nicht zu fürchten und so stirbt er in Frieden und hinterlässt Moses nicht nur seinen Koran, sondern auch sein Geld, seinen Laden in Paris und vor allem die Weisheiten, die er selber aus dem Koran gelernt hat und nun an seinen Schützling weitergeben kann. Moses beherzigt all das und führt sein Leben im Sinne von Monsieur Ibrahim weiter. Er übernimmt den Laden und ist fortan selber der "Araber an der Ecke". Seine Vergangenheit taucht allein in Form seiner Mutter auf, die weiter sporadischen Kontakt zu ihm hält. Ansonsten lebt er das, was ihm in Form von Monsieur Ibrahim die Wende in seinem Leben brachte.

Es wäre eine harmlose, für manchen sogar eine herzerwärmende Geschichte, wenn der Autor nicht seine fragwürdige Sicht auf das Judentum und das jüdische Familienleben auf praktisch jeder Seite seines Machwerkes verbreiten würde. In seiner Familienkonstellation hat die Mutter Moses und seinen Vater verlassen, weil sie den Mann einfach nicht liebte und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem eigenen Kind offenbar nicht groß genug war. Der zurückgelassene Vater setzt nichts daran, dem Jungen die Mutter zu ersetzen, sondern straft ihn mit Missachtung und konsequenter Kälte. Wärme hat keinen Platz in dieser jüdischen Familie - zumindest nicht im Kopf von Eric-Emmanuel Schmitt. Moses geht immer wieder auf den Vater zu und versucht, seine Herkunft und seine Religion zu verstehen, wird aber mit Sätzen wie "Jude zu sein bedeutet, Erinnerungen zu haben. Schlechte Erinnerungen." abgefertigt und alleine gelassen. Das Problem des Romans ist, dass nicht nur Moses mit solchen Sätzen allein gelassen wird, sondern auch der Leser.

Nun könnte man einräumen, dass es sicherlich genug zerrüttete jüdische Familien gibt, um den Roman halbwegs authentisch wirken zu lassen, aber der Unterschied zu dieser Sichtweise und der des Buches ist die zu simple Einteilung in schwarz und weiß. Es wird ein sehr subjektiver und minimaler Ausschnitt des Lebens präsentiert, was sicherlich nicht jeder Leser sofort begreift und in der Konsequenz mit einem Bild der lieblosen jüdischen Familie zurück bleibt.
Schmitt setzt der ewig präsenten Kälte des jüdischen Vaters mit Monsieur Ibrahim einen konkurrenzlosen Gegenpol. Der alte Mann ist genau das, was dem Jungen fehlt. Er ist nett, charmant, er redet mit Moses (der im Laufe des Buches im übrigen in "Momo" umbenannt wird, weil das für Ibrahim "nicht so bedeutend" klingt) und zeigt ihm eine Welt, die ihm bisher verschlossen blieb. Sein Leben ändert sich durch die Freundschaft zu dem alten Mann komplett. Aus Schweigen wird Lachen, aus Einsamkeit Freundschaft, aus dunkel hell und so weiter.

Darüber hinaus verkommt Religion in dem Buch zur Randerscheinung und zu einer Art rhetorischem Mittel. Man fragt sich, warum dieses heikle Thema überhaupt erwähnt wird. Gerade das Judentum, das aktiv im Alltag gelebt wird und sich nicht nur auf Erinnerungen und Bücher beschränkt, wird verzerrt dargestellt.
Auch die Darstellung des Islam und der Aussage des Korans sind mehr als dürftig. Der Leser erfährt zwar, dass Monsieur Ibrahim seine Lebensweisheiten und Maxime aus dem Koran entnimmt, aber welche dies nun genau sind, bleibt weitgehend verschleiert.

Man ist versucht, dem Autor zu unterstellen, dass er von beiden Religionen wenig weiß und das Konstrukt "Judentum - Islam" nur benutzt, um eine gewisse Brisanz in seine Geschichte zu bringen, die so oder anders sicherlich schon unzählige Male erzählt wurde.
Ungeachtet dessen wirkt sein Roman durchgehend wie ein großangelegter Werbefeldzug für den Islam. Leider sind seine Bemühungen, so sie ernstgemeint sind, wenig subtil und so gerät seine Geschichte recht schnell zu einer Geduldsprobe für den Leser.

Der Autor entwickelt die Gegensätze und die Wendung zum Guten in seinem Buch so auffällig, dass man sich fragt, was er eigentlich wirklich mit seiner Geschichte bezwecken will. Sollte Schmitt tatsächlich nur die Geschichte eines einsamen jüdischen Jungen erzählen wollen, dem das Leben plötzlich und unerwartet durch das Auftauchen eines alten Mannes Glück zu Teil werden lässt, sollte er seine eigene Geschichte genau lesen und überdenken, denn so wirkt er einfach nur wie ein Autor, dem jedes Mittel recht ist, Aufmerksamkeit und vor allem Leser auf seine dürftig konstruierten Geschichten zu ziehen.

 

© talmud.de 2005

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