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Die Wahl von Charlotte Knobloch am 7. Juni zur Zentralratspräsidentin der Juden in Deutschland war keine Überraschung, nachdem der einzige diskutierte Gegenkandidat Salomon Korn auf eine Kandidatur verzichtete. Sie übernimmt damit das Amt von Paul Spiegel sel. A., der am 30. April 2006 nach schwerer Krankheit gestorben ist. Mit der Wahl von Frau Knobloch, die ebenfalls Vize-Präsidentin des Jüdischen Weltkongresses, Vize-Präsidentin des Europäisch Jüdischen Kongresses und langjährige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist, steht erstmals eine Frau an der Spitze des Dachverbands der jüdischen Gemeinden in Deutschland.
„Schwerpunkt meiner künftigen Arbeit werden die Förderung der Integration der Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und der Kampf gegen wachsenden Antisemitismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sein“, kündigte die neue Präsidentin direkt nach ihrer Wahl an.
Einen Teil ihres „Programmes” umriß sie schon indirekt in ihrer Rede zu Paul Spiegels Andenken am 28. Mai 2006: Paul Spiegel hat den Zentralrat als politische Repräsentanz der Juden in Deutschland aufgestellt für die Zukunft. Mit Weitsicht und klarer Analyse ist es ihm gelungen, diesem Gremium Perspektiven zu eröffnen, die zugleich Perspektiven für unseren jüdischen Alltag sind. Mit seiner Weichenstellung hat es Paul Spiegel dem Zentralrat ermöglicht, das Gespräch mit den drei abrahamitischen Religionen zu suchen: Unser Glaube ist unsere Versicherung im Hier und Heute. Er hilft uns, den stolzen Individualismus mit seiner häufigen Gleichgültigkeit gegenüber moralischen Fragen zu überwinden. Die Religion macht uns unserer humanen Verantwortung bewusst. Diese Ethik basiert in der abendländischen Kultur auf der Thora, der jüdischen Gesetzgebung, die auch der Stifter des Christentums übernommen hat. Deshalb muss die jüdische Gemeinschaft den Dialog mit den christlichen Kirchen intensivieren. Und uns allen muss es gelingen, den Islam einzubinden. Nur wer mit seinem Gegenüber spricht und diskutiert, kann – auch über Trennendes hinweg – Gemeinsamkeiten finden, die das Fundament für eine friedliche Zukunft bilden. Die Zuwanderung unserer Glaubensschwestern und -brüder aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion war ein weiteres Arbeitsfeld, dem sich Paul Spiegel gewidmet hat. Gleichwohl dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen ist, konnte er in diesem Bereich wesentliche Punkte klären und Ausgleich schaffen. Bei allen Debatten und beim Ringen um Formulierungen hat Paul Spiegel nie vergessen, dass wir dabei über Menschen sprechen. Menschen, die in der Hoffnung zu uns kommen, hier ein neues Leben beginnen zu können. Menschen, die in unserem Land – oft zum ersten Mal in ihrem Leben – Grundrechte wie religiöse und persönliche Freiheiten genießen wollen. Letztlich sind es diese Menschen, die mit dafür sorgen, dass unsere Gemeinschaft im Wachsen begriffen ist. Eine Tatsache, die Paul Spiegel mit großer Freude und Stolz erfüllte. Denn dieser Prozess vitalisiert zusätzlich den wachsenden kreativen Austausch zwischen jüdischer und deutscher Kultur – ein Blick in die Geschichte zeigt, wie mannigfaltig und erfolgreich dieser Austausch einmal gewesen ist und wie entscheidend die jüdische Kultur am internationalen Ansehen dieses Landes mitgewirkt hat. Jetzt erhält dieser Austausch durch den Zuzug zahlreicher qualifizierter Fachleute und Akademiker neue, belebende Impulse. Natürlich sind die jüdischen Gemeinden die ersten Anlaufstellen für die Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Den Gemeinden vor Ort obliegt es, die Neuankömmlinge in den Glauben, in die Gemeinschaft und letztlich auch in die bundesdeutsche Gesellschaft zu integrieren. Diese ehrenvolle Aufgabe wird gerne übernommen – ist sie doch eine Investition in unsere Zukunft, eine Wiederbelebung der jüdischen Kultur und des jüdischen Geisteslebens. Paul Spiegels Ziel war es die jüdische Gemeinschaft aus ihrer oft selbst erwählten Zurückgezogenheit in den letzten Jahrzehnten herauszuführen. Juden in Deutschland begreifen sich mehr und mehr als selbstverständlichen Teil dieser Gesellschaft. Diesen Weg müssen wir weitergehen! Deshalb muss sich unsere Gemeinschaft im besten Wortsinne „selbst bewusst" werden. Wir müssen entscheiden, wie wir unser jüdisches Selbstverständnis in diesem Land, unserer Heimat, leben wollen. Paul Spiegel hat mit seinem Leben und Wirken uns hierbei einen wesentlichen Schritt vorwärts gebracht. Wir alle – seine Weggefährten, seine Freunde, seine Familie – profitieren von dieser Entwicklung. Wir wollen daher gemeinsam seinen Weg fortführen. Wir wollen Chancen erkennen und nutzen, wo andere Berge von Problemen sehen. Diese Einstellung zum Leben und zur Arbeit ist Paul Spiegels Vermächtnis.
Charlotte Knobloch ist somit die sechste Amtsträgerin dieses Ehrenamtes nach Heinz Galinski, Herbert Lewin, Werner Nachman, Ignatz Bubis und Paul Spiegel.
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