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Die Geschichte einer BekehrungVon Julius Goldstein, 1928 In den ersten Märztagen dieses Jahres nahm ich Sonntags an einem Gottesdienst der jüdischen liberalen Gemeinde in Paris teil. Die Predigt hielt ein schlank gewachsener, dunkelblonder Mann mit feingeschnittenem Gesicht. Er sprach über ein Buch von Edmond Fleg, „L'Enfant prophete“. Es war das Thema des jüdischen Kindes, das in einem dem Judentum entfremdeten Hause aufwächst und nach schmerzvollen Erfahrungen zum Bewusstsein seines Judentums und seiner religiösen Bestimmung erwacht. Die Predigt fesselte, der Mensch noch mehr. Die schlichte eindringliche Art, die dogmatische Unbefangenheit, die persönliche Ergriffenheit, mit der das Thema behandelt wurde, die von aller Kanzelroutine freie Sprache, all das machte mich begierig, näheres über die Persönlichkeit des Redners zu erfahren. Der Rabbiner Louis-Germain Levy gab mir liebenswürdig Auskunft: Der Redner, Aime Pailliere, sei eia zum Judentum übergetretener Katholik, der alle vierzehn Tage das Amt des Predigers ausübe, und der in Frankreich und den französischen Kolonien vielfach Predigten und Vorträge halte. Dr. Levy riet mir, für weitere Einzelheiten eine Schrift zu lesen, die Pailliere vor Jahresfrist herausgegeben hat. Sie führt den Titel: « Le Sanctuaire inconnu, Ma Konversion' au Judaisme ». (F. Rieder & Co., Editeur, Paris 1926.) Ich habe dieses Buch nunmehr gelesen. Ein Menschenschicksal hat sich mir erschlossen, dem man in unsern Tagen selten begegnet. Die Religionsstatistik weist zwar jedes Jahr eine Reihe von Übertritten zum Judentum auf. Die Motive dieses Übertritts gibt die Statistik nicht an; sie sind aber meistens durch außerreligiöse Umstände bestimmt. Da das Judentum, ungleich dem Christentum, seit Jahrtausenden keine aktive Mission mehr treibt, da es ferner an die herrschende Staatsreligion häufig seine Besten verliert, so hat der Fall, dass ein gläubiger Katholik, der sich berufen fühlt, Priester zu werden, vom Judentum innerlich ergriffen wird und sich schließlich seinem Dienste weiht — ein solcher Fall hat mehr als nur persönliches Interesse. Denn was sich in dem Leben dieses Mannes vollzieht, ist die seit Jahrtausenden fortgeführte geistige Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum, aher weder mit den dialektischen Mitteln einer Religionsdisputation noch mit den verbrauchten Argumenten der üblichen Apologetik. Hier ist etwas anderes geschehen. Die seelische Gewalt des Judentums ergreift einen tief religiösen Menschen, der im Katholizismus aufgewachsen ist und wandelt ihn mählich auf allerlei Wegen und Umwegen zu einem gläubigen Juden. Es ist keine Bekehrung, wie sie sonst die Geschichte der Konvertiten zeigt: plötzlich, überwältigend, alles frühere hinwegreißend, alle bisherigen Bindungen lösend. Nichts dergleichen geschieht hier. Es ist ein langsames Hinreifen zum Judentum; der Weg zu ihm führt über zufällige Begegnungen mit Menschen und Büchern, führt über Studien und intellektuelle Krisen, in denen die letzten Fragen des Christentums mit aller Redlichkeit eines suchenden Geistes und aller Ehrfurcht eines gläubigen Herzens durchgefühlt und durchgedacht werden. Am Anfang dieser ganzen Ent-' wicklung, deren Phasen das Buch schlicht und eindringlich schildert, steht ein überwältigendes Erlebnis: In seinem siebzehnten Jahr geht Pailliere ganz zufällig mit einem Freund in die Synagoge seiner Vaterstadt Lyon. Es ist Jom Kip-pur. Das Neila-Gebet wird gesagt. Was Pailliere hier ergreift und nicht wieder losläßt, ist nicht die Predigt, nicht die ihm damals noch unverständlichen Gebete: Es sind, die in ihre Sterbemäntel gehüllten, von der Weihe des Tages erfaßten Menschen, das Ganze dieser uralten Liturgien, in denen er die Jahrtausende des Judentums aufblitzend erschaut. „Les rites, les symboles, constituent souvent un langage plus expressive que les meilleurs discours. Les pratiques qui ont recus la consecration des siecles nous arrivent toutes chargees des pensees accumulees par les generations croyantes. Elles conservent une poesie, une puissance d'evocations incomparables; on peut les supprimer, on ne les remplace pas." (p. 34.) Dieses Neila-Erlebnis ließ ihn nicht wieder los. Er lernte als Autodidakt hebräisch. Die Sprache der Heiligen Schrift faszinierte ihn. Bei einem Antiquar am Rhoneufer entdeckt er eines Tages zufällig ein aus dem Jahre 1682 stammendes Buch, das den Titel führt: „Ceremonies et coustu-mes qui s'observent aujourd'hui panny les Juifs, traduites de L'Italien de Leon de Modene, Rabbin de Venise". Mit heißem Bemühen dringt er in die Welt der jüdischen Ritualien ein. Er verschafft sich einen hebräischen Psalter, ein Gebetbuch und besucht öfters den Gottesdienst der Synagoge, „où le manque de tenue con-trastait fächeusement avec mes habitudes d'enfance". Seine Mutter entdeckt die von ihm selbst angefertigten Gebetsriemen. Es gibt eine schmerzliche Szene. Die gläubige Katholikin ist im tiefsten erschüttert, daß ihr Sohn sich dem Judentum zukehrt. Sie wendet sich an einen ihr bekannten Geistlichen, der ihren Sohn vor dem Abfall retten soll. Pailliere schildert dann die verschiedenen Methoden .und Menschen, mit denen man versuchte, ihn von der Beschäftigung mit dem Judentum abzubringen. Man erreichte das Gegenteil. Immer tiefer dringt er in die theologischen Streitfragen zwischen Judentum und Christentum ein. Er macht die Bekanntschaft eines Schweizer Protestanten, der ihn zu einer Versammlung der Heilsarmee führt. Er wird — allerdings nur vorübergehend — gepackt von der Arbeit und der ernsten Hingabe dieser Menschen. Dann erst reift sein Entschluss, sich an den Rabbiner von Nizza um Rat und Hilfe zu wenden. Zum ersten Mal kommt er mit Juden und einer von religiösem Geiste erfüllten Familie in Lebensberührung und empfängt nachhaltende Einwirkungen. Simon Levy weist ihn an den Grand rabbin Elie Benamozegh von Livorno. Er ist nur einmal mit ihm kurz zusammengetroffen. Die entscheidenden Fragen wurden in langen Briefen erörtert, deren Auszüge im Buche mitgeteilt werden. Die Fragen, die hier behandelt werden, drehen sich um die Stellung der Persönlichkeit Jesu, um die Art, wie das Judentum zum Christentum steht, um das Verhältnis der Universalreligion zum Judentum, um den Messianismus und schließlich um die Entscheidung, ob Pailliere zum Judentum übertreten und als Geistlicher in ihm wirken soll, oder ob er als Noachide der religiösen Idee des Judentums, als freier Schriftsteller und Redner dienen solle. Zu letzterem rät ihm Benamozegh und ähnlich äußern sich gutachtlich eine Reihe anderer Geistlicher, u. a. auch Dr. Jacob-Dortmund. Pailliere hat bis dabin äußerlich nicht mit dem Katholizismus gebrochen. Er ringt mit den Fragen, die der Modernismus aufgeworfen hatte. Er schreibt für
„L'Univers Israelite“ unter einem angenommenen Namen eine Reihe von Aufsätzen mit dem Titel „Elieh Benamozegh et la solution de la crise chretienne"; er begründet mit mehreren freier gerichteten Protestanten und Katholiken — unter ihnen Pere Hyazinthe — eine interkonfessionelle Societe d'etudes religieuses. Da stirbt im Jahre 1908 seine Mutter, mit der ihn innige Liebe verbunden hat; fast gleichzeitig wendet sich die in Paris neugegründete Union liberale israelite an ihn, um ihn für sich zu gewinnen. Palliere ist der Reformbewegung im Judentum abhold. « Liberal en matiere d'exegese bibli-que, j'etais conservateur pour tout ce qui concerne le culte traditionel ». Trotzdem tritt er schließlich in den Dienst der Pariser liberalen Gemeinde. Dieser letzte Schritt ist nur kurz angedeutet; es ist nicht ersichtlich, wie sich seine Überzeugung mit dem Reformprogramm des Liberalismus abgefunden hat. Er hat uns darüber eine eigne Schrift versprochen. — Was ich hier gegeben habe, sind nur die äußeren Linien eines innerlich bewegten Lebens, das jeden Leser deshalb so tief berührt, weil in das individuelle Schicksal das weltgeschichtliche hineinspielt, und weil Pailliere der seltene Typus eines „Konvertiten" ist, der nicht zum Renegaten entartet. Auch darin befolgt er die Lehren des Judentums, daß er keinen Stein in den Brunnen wirft, aus dem er einstens getrunken hat. |
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