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von Dr. Carolin Hannah Reese
Vom 2. bis zum 4. November fand in Hannover das erste Treffen junger jüdischer Erwachsener statt.
Vom 2.-4. November fand in Hannover das erste bundesweite Treffen junger jüdischer Erwachsener statt. Die Veranstaltungen fanden in den Räumen der dortigen Liberalen Gemeinde statt, die mit etwa dreihundert Mitgliedern eine der größten in Deutschland ist. Die sechs Organisatorinnen und Organisatoren aus Hannover, Köln und Bonn sahen sich dennoch vor logistische Probleme gestellt - durch den Ansturm von Interessenten. Das erste "Jung & Jüdisch" - Treffen war ursprünglich für 25 Teilnehmer ausgelegt worden. Neben den rund vierzig festen Anmeldungen gab es noch viele spontane Anfragen vor Ort. Neben der Mundpropaganda in den Gemeinden hatten auch viele Interessenten über das Internet von der Veranstaltung erfahren.
Der Bedarf für ein solches Treffen war also offenbar groß. Der Kostenbeitrag war mit 25,- DM billig; "kein Schicki-Micki-Treffen" meint eine Teilnehmerin, die schon öfter am Programm der Einheitsgemeinden teilgenommen hat. Das Programm in Hannover war von jungen Juden selbst organisiert und die Übernachtung erfolgte bei Familien. Ohne deren Unterstützung und ohne die Hilfe der Liberalen Gemeinde Hannover wäre das Treffen nicht möglich gewesen. Der wesentliche Vorteil wurde aber nicht im finanziellen Bereich, sondern im Programmatischen gesehen: Das Treffen hatte den Anspruch, allen jungen Juden ein Forum zu bieten, ohne ihnen gewisse Ansichten aufzuzwingen. Bei der Begrüßung am Schabateingang betonte Rabbinatsassessor Andreas Hinz (Leo Baeck College, London), dass ganz im Sinne traditioneller jüdischer Gastfreundschaft alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer willkommen seien - unabhängig von Herkunft und religiöser oder säkularer Ausrichtung.
Und dies war ein wichtiger Punkt: Viele Teilnehmer wollten nicht mehr einen religiösen Überbau in Kauf nehmen müssen, um anderen Juden zu begegnen; gleichzeitig bestand aber das Bedürfnis, andere in Deutschland lebende junge Juden kennen zu lernen. Institutionen dafür seien aber orthodox dominiert. Yael aus Köln zeigte sich nach dem Treffen zufrieden: Sie habe das Gefühl, endlich Juden getroffen zu haben, mit denen sie "auf einer Wellenlänge" läge und fügte hinzu: "Das wurde auch Zeit". Bei einigen Treffen der Einheitsgemeinde sei irgendwann ein Rabbiner dazugestoßen, woraufhin die Teilnehmer nach Geschlechtern getrennt tanzen mussten. Dieser Zwang stimmt mit der Lebensrealität der meisten jungen Juden in Deutschland nicht überein. In Hannover wurde denn auch nach Schabat-Ausgang bis weit in den Morgen hinein unter anderem tanzend gefeiert, und das nicht nur mit Billigung, sondern mit aktiver Beteiligung von rabbinischen Autoritäten.
Dem Anspruch gemäß, niemandem eine bestimmte Form von Religiosität aufzwingen zu wollen, gab es auch ein paralleles Angebot von politischer Debatte und religiösem Lernen. Doch war das ehrliche Interesse an den religiösen Elementen groß. Es gab neben zwei gut besuchten Schabat-G' ttesdiensten auch eine Hawdalah -Zeremonie im Freien - am Mahnmal für die deportierten Jüdinnen und Juden Hannovers. Der liberale G'ttesdienst stieß auf reges Interesse. Vera war früher Mitglied der traditionalistischen Einheitsgemeinde in Moskau. Eine geöffnete Torah-Rolle hat sie das erste Mal in Berlin gesehen - als Museumsstück. In Hannover hat sie das erste Mal einen gleichberechtigten G'ttesdienst erlebt. Sie möchte jetzt öfter an einem egalitären Gebet teilnehmen. Positiv wurde auch aufgenommen, dass der Wochenabschnitt erklärt wurde.
Nach dem Schabat-Morgeng'ttesdienst begann der Workshop zur "Gegenwart und Zukunft des deutschen Judentums". Neben den Klassikern der Debatte wie Mischehen und Heimatlosigkeit wurde auch über die Nahost-Berichterstattung in den Medien diskutiert. Diese wurde von mehreren Teilnehmern angesichts der häufigen Terroranschläge in Eretz Israel als zu einseitig empfunden.
Parallel zu diesen Diskussionen legte rund ein Viertel der Teilnehmer die Akedah (Bindung Isaacs) im Rahmen eines Schiurs von Rabbinatsassessor Andreas Hinz aus. Später stieß zur bereits sehr hitzigen Debatte noch Daniel Alter (Abraham-Geiger-Kolleg, Berlin) hinzu. Mehrere TeilnehmerInnen stellten zum ersten Mal begeistert fest, dass religiöses Judentum gerade von Kritik und Kontroverse lebt.
Nach einem Mittagessen, dessen Geschmack in Intensität und Qualität mit den Workshops nicht ganz mitzuhalten vermochte, gab es eine sehr emotionale Gesprächsrunde, in der die Teilnehmer ihren persönlichen Bezug zum Judentum beschrieben. Das Vertrauen war inzwischen da - trotz der Unterschiede in Herkunft und Erziehung, religiösen Vorstellungen und Muttersprachen. Ein wichtiges Ziel haben die Organisatoren damit erreicht: Juden aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten anzusprechen und zusammenzubringen. Es wurden auch solche junge Juden erreicht, die schon lange nicht mehr aktiv am Gemeindeleben teilnehmen: Mehrere Teilnehmer waren seit Jahren nicht mehr in den Einheitsgemeinden, in denen sie formell Mitglied sind. Auch Michelle ist überglücklich, endlich wieder ein jüdisches Umfeld erlebt zu haben: In ihrem Studienort Lüneburg gibt es gar keine Gemeinde.
Einer der Organisatoren betonte während der Abschlussdebatte, am wichtigsten sei gewesen, dass sich die Leute zu hause gefühlt hätten. Dies war offensichtlich der Fall: Die Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer stimmte dafür, die Veranstaltung zweimal jährlich zu Semesteranfang zu wiederholen. Die Strukturdebatte wurde auf das nächste Treffen verschoben. Es könnte zu der Gründung eines Vereins kommen. Doch noch ist nichts entschieden. Denn durch eine Vereinsgründung mit Mitgliedern und satzungsmäßigen Zielen würde ein wesentlicher Pluspunkt des bisherigen Ansatzes zurückgedrängt werden: Zugang und Offenheit.
Das nächste "Jung & Jüdisch" Treffen wird voraussichtlich im Frühjahr stattfinden. Interessenten zwischen 18-35 Jahren sind herzlich willkommen. Nähere Informationen enthält die website www.jungundjuedisch.de
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