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Heute ist der

Orthodoxie auf dem Weg in die Moderne



von Mirjam Lübke

Frauen an der Bima, das wird in Deutschland immer noch in die Schublade "Reformjudentum" gesteckt. In der Vorstellung der meisten Gemeindemitglieder vertragen sich traditionelles Judentum und Gleichberechtigung von Betern und Beterinnen nicht miteinander. Eine aktive Teilnahme im G'ttesdienst wird Mädchen - etwa in Form eines gesungenen Gebetes oder einer kleinen Ansprache in einer traditionellen Gemeinde - nur bis zur Bat Mitzwa gestattet, danach müssen sie sich mit einer Zuschauerrolle begnügen. Oder wollen es vielleicht sogar auch, da der Widerstand gegen diese Rolle in den meisten Gemeinden sehr gering ist oder die Frauen sogar eifersüchtig darüber wachen, dass sich nichts daran ändert. Wie Landesrabbiner Joel Berger einmal zu einer Bekannten von mir sagte: "Die Synagoge ist ein Spielplatz für Männer".

Doch es geht auch anders. In den USA zum Beispiel hat die moderne Orthodoxie mit der Homepage EDAH.org seit einigen Jahren ein Portal für halachische Diskussionen geschaffen. Hier wird auch heftig über die Rolle der Frau im orthodoxen Judentum debattiert, es kommen verschiedene Positionen zu Wort. Einig ist man sich aber in einem Punkt: Die Rolle der Frau in der modernen Orthodoxie soll weiter ausgebaut werden, nur über den Weg hierhin wird noch - im positiven Sinne - gestritten. Es geht zum Beispiel darum, welche Gebete und Segenssprüche eine Frau öffentlich sprechen kann (Kaddisch, Gomel) oder wie eine Synagoge gestaltet werden kann, die zwar den Ansprüchen der orthodoxen Halacha entspricht, in der Frauen sich aber trotzdem nicht an den Rand gedrängt fühlen (Die in einer orthodoxen Synagoge geforderte Mechitza, eine undurchsichtige Trennwand zwischen Männer und Frauenbereich, kann auch in der Mitte des Gebetsraums gebaut werden, so dass Männer und Frauen sich zwar einander nicht sehen, beide aber mitbekommen, was an der Bima geschieht). Auch werden Frauen dazu ermutigt, sich halachisch weiterzubilden und es kommen orthodoxe Feministinnen wie Blu Greenberg zu Wort, die offen ansprechen, was es bedeutet, eine moderne Frau UND orthodox zu sein.

Unvermeidlicherweise wurde irgendwann auch einmal das Thema "Frauen und öffentliche Toralesung" aufgenommen. Gelehrte wie Mendel Shapiro und Daniel Sperber kamen zu Wort und recherchierten in Talmud und verschiedenen Kommentaren nach den Argumenten für und wider eine Beteiligung von Frauen am Minjan und der Lesung. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass diese Beteiligung auf dem Boden der traditionellen Halacha durchaus möglich sei.

Die Reaktionen auf diese Stellungnahmen müssen recht heftig gewesen sein, denn Rabbi Saul Berman, der führende Rabbiner von EDAH, sah sich genötigt zu versichern, dass es sich selbstverständlich nur um theoretische Darlegung handele, deren Umsetzung innerhalb der bestehenden Orthodoxie so bald nicht zu erwarten sei.

Ob sich die Herausgeber von Edah vorstellen konnten, dass eine orthodoxe Gemeinde diese Diskussion zum Anlass für eine radikale Veränderung in ihrer G'ttesdienstgestaltung nehmen könnte? Während es in der modernen amerikanischen Orthodoxie schon relativ selbstverständlich geworden ist, dass Frauen eigene G'ttesdienste mit Toralesung abhalten (ohne Tallit und mit Schejtel statt Kippa -Leider ist der sehr spannende Artikel "Towards a meaningful Bat Mitzwa" von der Seite verschwunden. Hier wird die Bat Mitzwa eines Mädchens beschrieben, das einen G'ttesdienst mit vertauschten Rollen bei seiner Bat Mitzwa organisierte - die Frauen hielten einen G'ttesdienst, während die Männer hinter einer Trennwand teilnahmen. Die Sefer Tora hiefür wurde von einer konservativen Gemeinde bereitgestellt. Der Vater des Mädchen berichtet, wie stolz er auf seine Tochter war und merkt gleichzeitig an, dass es wohl kaum anstößig sein könne, wenn ein Mädchen mit soviel Andacht einen G'ttesdienst leitet. Auf Wunsch werden wir versuchen, eine Kopie des Artikels zur Verfügung zu stellen.) , schien ein egalitärer G'ttesdienst noch weit entfernt.

Schließlich wurden die Mitglieder des orthodoxen Minjans Kehilat Orach Eliezer in Manhattan auf die Diskussion aufmerksam. Diese Gemeinde ging aus dem Privatminjan von Louis Finkelstein hervor, der lange Jahre am Jewish Theological Seminary in New York lehrte, dem konservativen Rabbinerseminar. Sein privater Kreis hielt sich allerdings an den orthodoxen Ritus und begreift sich auch heute noch als orthodoxe Gemeinde.

Vor allem die Position von Mendel Shapiro wurde zur Grundlage einer Umstellung der Gemeinde. Mendel Shapiro, der in Jerusalem ebenfalls schon G'ttesdienste mit Beteiligung von Frauen an der Toralesung organisierte, befürwortet ausdrücklich die Gleichberechtigung der Frauen an der Bima. Es folgten hitzige Diskussionen im Gemeinderat, in denen auch die Position vertreten wurde, dass so etwas nicht in eine orthodoxe Gemeinde gehörte, Synagogen, in denen Frauen zur Tora gerufen werden, gäbe es schließlich genug.

Aber es ging der Gemeinde ja nicht darum, liberal oder konservativ zu werden, sondern auf dem Boden der Orthodoxie etwas zu bewirken. Mit der Mehrheit von zwei Dritteln des Gemeinderates einigte man sich schließlich auf einen Kompromiss: Egalitäre G'ttesdienste sollten nicht die Regel sein, aber dennoch unter bestimmten Umständen möglich sein:

  • Frauen äußern den ausdrücklichen Wunsch, an der Lesung teilzunehmen und bereiten sich entsprechend vor, z.B. bei besonderen Anlässen in ihrem Leben
  • Die getrennte Sitzordnung wird beibehalten
  • Der erste und der zweite Aufruf bleiben einem männlichen Cohen bzw. Levi vorbehalten
  • Mindestens 21 Verse des wöchentlichen Abschnittes werden von Männern gelesen, d.h. es wird für jede Aliya das Mindestmaß von 3 Versen erfüllt (es bleibt dennoch genug übrig)
  • Die Tora wird nach der Lesung entweder von 2 Männern oder 2 Frauen hochgehoben und gerollt

Außerdem wird weiterhin ein reiner Frauenminjan angeboten und die Lesung wird von einer Frau koordiniert.

Einem Mitglied in einer liberalen oder konservativen Gemeinde wird dies nicht revolutionär erscheinen bzw. es wird erstaunt über die vielen Einschränkungen sein, aber die New Yorker Gemeinde hat damit dennoch einen riesigen Schritt nach vorne gemacht und Veränderungen eine Chance gegeben. Man hat sich nicht auf Phrasen von Tradition ausgeruht, sondern den Mut gehabt, sich der Diskussion zu stellen. Eines ist jedoch auch deutlich: Die Frauen müssen hierzu auch selbst die Initiative ergreifen und Veränderungen dieser Art wollen. Das bedeutet den Auszug aus der molligen Gemütlichkeit der Frauengalerie und dem Synagogenplausch hin zu aktivem Lernen und Beten, kurz der Übernahme von Eigenverantwortung und Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde. Sind die Frauen in den deutschen Einheitsgemeinden noch zu bequem dazu und schieben deshalb die Tradition vor?

Es heißt oft, dass Trends aus Amerika immer den Weg nach Deutschland finden, wir wollen hoffen, dass dies in diesem Falle auch so ist.

Siehe auch:

www.thejewishweek.com/news/newscontent.php3

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