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von Mirjam Lübke
Gerade vor wenigen Tagen schickte die ARD wieder eine neue Fernsehserie an den Start, in der eine Gruppe motivierter Bürger sich freiwillig durch eine „Zeitschleuse“ in die Lebensumstände längst vergangener Zeiten zurückschicken lässt, diesmal ins Jahr 1419. Obwohl das Fernsehteam stets dabei ist und in Fällen von Lebensmittelknappheit und ernsthafter Erkrankung jederzeit eingreifen kann, stellen viele der Freiwilligen schnell fest, dass ein Leben im Mittelalter sehr wenig mit der Romantik von Ritterfilmen gemein hat. Eine Aussicht bleibt ihnen allerdings: Wenn der Rücken zu sehr vom Wasserschleppen schmerzt und die Kleidung kratzt, ist ein Rückzug aus dem Experiment jederzeit möglich. Nicht jeder kann halt ein Graf oder ein Burgfräulein sein...
Was treibt die Menschen dazu, an solchen Experimenten teilzunehmen? Die Sehnsucht nach der heilen Welt oder Abenteuerlust? In Zeiten von Wirtschaftskrise, Hartz IV und andererseits sich immer schneller fortentwickelnder Technologie ist es nur verständlich, dass Fluchtgedanken aus der Realität aufkommen, wenn es auch nur ein zeitlich begrenztes Aussteigen ist. Auch ich sehe mir diese Serien gern an, ist doch von vorneherein klar, dass sie irgendwann beendet sind und die Teilnehmer zur Realität zurückfinden (müssen).
Was mir mehr Sorge bereitet, ist die Vergangenheitsverklärung, die sich vermehrt in unseren Gemeinden ausbreitet. Gab es in den neunziger Jahren so etwas wie eine Reformstimmung, scheint sich nun in einigen Gemeinden eine Art Gegenbewegung herauszubilden und die Zeitschleuse ist schon aufgebaut. Während wir dieses Phänomen bisher nur bei Klezmer-Konzerten in Form von „Jidl mit dem Fidl“ in allen Varianten beobachten konnten, wo es immerhin auch auf einen Abend oder Nachmittag beschränkt war, so wird jetzt in mancher Kehille Ernst gemacht und die Chassidismus- oder wahlweise Shtetl-Nostalgie soll Programm werden. Geschichten von weisen chassidischen Rebben, die selbstverständlich immer warmherziger als ihre mitnagidischen Kollegen sind, wurden schon immer gern zum Besten gegeben und der böse, aufgeklärte Litwak gerät zur Witzfigur. Während der Litwak noch über den verschiedenen Theorien von Derech Eretz und Zeddaka brütet, hat der Rebbe der armen Witwe schon längst das Holz gehackt!
Als nächstes muss dann eine möglichst gute Kopie eines solchen Rebben her. Selbstverständlich muss er authentisch aussehen, einen schwarzen Hut tragen und einen möglichst langen, struppigen Bart. Wenn er dann noch auf jiddisch predigen kann und einige einfache Lebensweisheiten zum Besten gibt, z.B. dass Homosexualität und Emanzipation unweigerlich zu furchtbaren Strafen durch den Ewigen führen, so ist die Shtetl-Nostalgie perfekt. Eine solide Ausbildung durch eine Jeshiwa oder ein Rabbinerseminar ist da eher nebensächlich. Wozu sollen wir uns noch mit der jüdischen Rechtstradition auseinandersetzen, wenn diese uns als halachischer Instantbrühwürfel auf dem Tablett präsentiert wird? Wozu sich mit den Gründen auseinandersetzen, warum ein Mensch eine bestimmte Handlung begangen hat – eine große juristische Errungenschaft des rabbinischen Rechts – wenn es doch einfacher ist, die Welt in gut (pseudochassidisch orthodox) und böse (alle anderen Juden) zu unterteilen?
Zudem hat das Ganze den Vorteil, dass wir uns keineswegs den unangenehmen Nebenwirkungen des authentischen Shtetl-Lebens stellen müssen, denn niemand wird ernsthaft auf die Idee kommen, seine Zentralheizung zugunsten eines Holzöfchens aufzugeben oder auf die Segnungen des modernen Gesundheitssystems zu verzichten. Auch gefilte Fish – auf hejmische Art natürlich – gibt es dankenswerterweise fertig im Glas zu kaufen. Zur zeit zumindest droht uns auch kein Pogrom und wir müssen uns nach Sonnenuntergang nicht ins Ghetto einsperren lassen. Wir sehen nur die schönen Seiten, wie in jenen jiddischen Musicals, die den aus Osteuropa ausgewanderten Juden in Amerika so etwas wie Hejmischkeit vermittelten.
Natürlich sind diese einfachen Weisheiten sehr verführerisch, das Leben ist schon deprimierend genug, wir haben im Alltag jederzeit schwierige Entscheidungen zu treffen, da soll doch die Religion nicht auch noch so anstrengend sein. Das ist kein jüdisches Phänomen, das können auch die christlichen Kirchen bestätigen. Jahrelang wurde auch dort nach neuen Formen des G’ttesdienstes gesucht, um auch junge Menschen wieder für den Glauben zu begeistern. Die Religion sollte aufgeklärter werden, dann würden die Kirchenbesucher schon in die heiligen Hallen strömen. Allerdings erwies sich das als Fehlschluss, aller Orten siedeln sich Freikirchen und Sekten an, die das Bedürfnis nach Spiritualität befriedigen und den Gläubigen auch noch den Rest des kärglichen Hartz IV Geldes aus der Tasche ziehen. Ist man einmal in eine solche Sekte integriert, so kommt man so einfach nicht wieder heraus, weil das Leben draußen sich nicht so einfach strukturiert, wie es der Guru oder Rebbe weismachen will. Ein Gefühl der Hilflosigkeit ohne die weisen Ratschläge des Meisters stellt sich ein.
Und hier kommen wir auch zum Kern des Problems: Ab einem bestimmten Punkt ist kein Aussteigen aus dem Shtetl Experiment mehr möglich. Eins haben nämlich diese einfach strukturierten Systeme gemeinsam, sie isolieren ihre Mitglieder von der real existierenden Welt, indem sie ihnen klar machen, dass dort draußen nur Unheil droht und böse Unholde lauern. Was im Anfang noch ein Ausflug in die Nostalgie war, wird immer mehr Teil des Alltags. Im Anfang ist es das Spitzenhäubchen in der Synagoge, das Frau trägt, um unter den anderen Frauen nicht unangenehm aufzufallen oder auch weil es Spaß macht, sich ein bisschen als orthodoxe Jüdin zu verkleiden. Auch wallende Röcke sind ab und an ganz kleidsam und befriedigen unser Bedürfnis nach dem Prinzessinnenkleid, das wir als Kind zu Purim oder Karneval trugen. Irgendwann sind wir dann überzeugt, dass wir auch im Hochsommer nicht mehr ohne schwarze Strümpfe auf die Straße gehen sollten, weil es irgendwie so richtig ist oder uns sonst der böse Wolf frisst (oder wahlweise der triebgesteuerte Goi uns lüstern auf die Beine schaut).
Bald ist es dann soweit, wir glauben, dass nur in unserer heilen Shtetl Welt ein ordentliches jüdisches Leben möglich ist, schlimmer noch, wie in George Orwells 1984 scheint es irgendwo in unserem Gehirn ein Wahrheitsministerium zu geben, das uns glauben macht, dass unser jetziges Dasein besser ist als alles was wir vorher hatten und unsere Schokoladenration von 60 auf 20 Gramm erhöht worden ist. Traditionen, von denen wir bis vor ein paar Jahren nicht einmal etwas wussten, sind plötzlich Teil unserer Familiengeschichte, und daran zu rütteln wäre so etwas wie Hochverrat an den Vorfahren. Deutsche Emigranten, die jüdisches Leben vor dem Krieg noch kannten, scheinen so etwas wie die Agenten einer feindlichen Macht zu sein, die uns lediglich liberale Propaganda einflüstern wollen, sprich eine Bedrohung unseres friedlichen Shtetl-Lebens.
Da ein Leben in der Ultraorthodoxie dann aber auf Dauer relativ anstrengend und nur für die wirklich Durchhaltewilligen geeignet ist, bietet sich auch die moderne Light-Variante des Chassidismus an, durchgestylt und einen Tick intelligenter aufgemacht als die Schwarz-Weiß Ratschläge unseres Kleinstadtrebben. Die Gut-Böse-Botschaft ist hier nicht mehr so ganz einfach zu erkennen, sondern in bunte Bilder und moderne Sprache verpackt. Statt einer jüdischen Frau einfach zu sagen, dass sie ihr Heil nur im Kindbett und am Kochtopf findet, lesen wir die Lebensbeichte einer jungen Frau, die sich mit einem unbefriedigenden Berufsleben herumplagte, bis ihr Shmuly oder Itzy von Chabad den Weg zur wahren Spiritualität zeigten – als Managerin eines jüdischen Haushalts in dem der Ehemann dann ganz modern auch mal den Kinderwagen schiebt.
Wahlweise ist auch ein reines Sympathisantendasein möglich – irgendwer muss ja in der realen Welt noch arbeiten, um das Shtetl-Experiment zu finanzieren – also ein stundenweiser Aufenthalt im Reservat der Frommen als samstäglicher Familienausflug. Solange während der dortigen Anwesenheit keine Zweifel am System geäußert werden, ist das vollkommen in Ordnung. Judentum als Freizeitbeschäftigung für den nicht-observanten Orthodoxen sozusagen. Das ist immerhin weniger bedrohlich als ein observanter Liberaler, der sich weigert, bei diesem Theaterstück als Statist mitzuspielen.....
Zurück zum bösen Litwak und den Mitnagdim, die in den chassidischen Geschichten so gern geschmäht werden. Ja, sie waren so etwas wie sture Juristen und entschieden ausschließlich auf Basis der Halacha. Aber sie waren auch die Vorväter der modernen Orthodoxie oder eines Samson Rafael Hirsch, der das orthodoxe Judentum der modernen Welt geöffnet hat. Aber gleichgültig, ob man liberal, konservativ oder orthodox observant lebt, so halte ich persönlich immer für den besseren Weg, die eigenen Rechte zu kennen und mir die Halacha mit all ihren spannenden Seitenwegen selbst zu erschließen. Und sei es mit einem sauber recherchierten Aufsatz eines Gelehrten, der alle Möglichkeiten ausleuchtet, anstatt mir eine Lösung vorzukauen. Das ist nämlich eine alte jüdische Tradition!
Oder leben Sie lieber in einer Theokratie als in einem Rechtsstaat?
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