Heute ist der
Jüdische Liberale Vereinigung EtzAmi»In der Presse»Süddeutsche Zeitung vom 29. November 2002

Versuch eines Ausbruchs



Süddeutsche Zeitung vom 29. November 2002:

Jüngere Juden aus NRW schütteln immer häufiger die starren orthodoxen Regeln ab
Von Martin Kuhna

Bork – Sie treffen sich alle vier Wochen. Etwa 20 Menschen versammeln sich dann in dem kleinen Fachwerkhaus in Bork, sitzen unter der blauen, mit Sternen bemalten Decke und feiern Gottesdienst. Männer und Frauen sind während der zweieinhalbstündigen Feier gleichberechtigt: beide Geschlechter dürfen vorbeten und aus der Thora lesen, wenn in der 200 Jahre alten Land-Synagoge der Schabbat begangenen wird. Das ist in vielen jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt so üblich – in Deutschland nicht. Hierzulande werden die Gottesdienste meist nach traditionell-orthodoxen Regeln gestaltet, und das heißt: Frauen sitzen abseits und spielen keine gestaltende Rolle.

Chajm Guski wollte sich mit dieser Regelung nicht mehr zufrieden geben. In seiner Heimatgemeinde Gelsenkirchen würde er nichts ändern können, war sich der 25-jährige Student sicher: „Das würde der Gemeindevorstand nie genehmigen.“ Also vermied er eine Kraftprobe, warb in vielen Gemeinden für einen liberalen Gottesdienst und machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Gebetsraum. Schließlich fand er die Land-Synagoge in Bork. Der 9. November 1938 hatte auch dort das jüdische Leben beendet: das Bethaus diente als Kohlelager, ehe die Stadt Selm, zu der Bork jetzt gehört, es von 1991 bis 1994 zum Veranstaltungsraum restaurieren ließ. Guski wurde mit der Stadt rasch einig.

Seit zwei Jahren treffen sich Juden nun also jeden Monat einmal in Bork, um auf eine gemäßigt moderne Art miteinander zu beten. Sie kommen aus Gemeinden, die in den letzten Jahren rasch gewachsen sind und sich in Aachen, Duisburg und Wuppertal repräsentative Synagogen gebaut haben. Dass Juden aus solchen Gemeinden sich zum Gottesdienst in einem alten Fachwerkhaus auf dem Lande treffen, wirkt wie ein Widerspruch. Es ist aber nur eine andere Facette des selben Prozesses: Die Gemeinden müssen sich neu definieren und dem Umstand anpassen, dass mehr Mitglieder und mehr Selbstbewusstsein auch Diskussionen um den Glauben provozieren.

Vor dem Holocaust seien die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland liberal gewesen, sagt Henry Brandt, Landesrabbiner für Westfalen. Nach dem Krieg waren es allerdings zum größten Teil Juden aus Osteuropa, die sich in Deutschland niederließen. Weil sie aus orthodoxen Gemeinden kamen, etablierten sie ihre alten Regeln. „Es bedeutete Heimat für sie“, sagt Brandt, „für religiöse Auseinandersetzung fehlte ihnen die Dynamik.“ Zudem seien die Gemeinden zu klein gewesen, um sich in orthodox und liberal aufzufächern – und schließlich rechneten sie gar nicht damit, in Deutschland zu bleiben. So entstanden die Einheitsgemeinden als Provisorium und wurden dabei orthodox geprägt. Als klar wurde, dass man doch bleiben würde, waren die Strukturen verfestigt. „Im Vergleich zu anderen Ländern war das in religiöser Hinsicht statisch“, sagt Rabbiner Brandt, „erst in den letzten Jahren versuchen Jüngere, das aufzubrechen.“

Vielfalt unter einem Dach

So war es auch in Köln, wo Michael Lawton vor sechs Jahren eine unabhängige liberale Gemeinde gründete, die einzige in NRW. Der 53- Jährige kam 1987 aus London und wunderte sich über die starren, orthodoxen Regeln: Warum sollte bei 4500 Juden kein Platz sein für eine liberale Gebetsordnung? Weil er bei seinen Bemühungen auf Widerstand stieß, rief er eine unabhängige Gemeinde ins Leben, die nun 50 Mitglieder aus dem ganzen Rheinland hat und zur „Union progressiver Juden“ zählt. Von den Landes- Fördergeldern gibt ihr die Einheitsgemeinde bis dato allerdings keinen einzigen Cent ab.

Dass sich unabhängige Gemeinden bilden, wenn die Hauptgemeinde kein Entgegenkommen zeigt, findet Rabbiner Brandt nur richtig. Im Übrigen hält er jedoch am Prinzip Einheitsgemeinde fest: Es müsse sich nur zu mehr Pluralität hin entwickeln. Zu Vielfalt unter einem Dach bekennt sich auch Ezra Cohn, Vorsteher der 7200 Mitglieder zählenden Düsseldorfer Gemeinde: „Wir verstehen uns als modern-orthodox. Wir hatten einen liberalen Rabbiner zur Probe, jetzt haben wir wieder einen orthodoxen. Liberal als einziges Angebot, das wollte die Gemeinde nicht. Sollte sich aber eine liberale Gruppe finden, werden wir das zusätzlich anbieten.“ Auch Jacques Marx von der Gemeinde Duisburg-Mülheim- Oberhausen meint, dass liberale und orthodoxe Gottesdienste in einer Gemeinde möglich sein sollten. Viele Vorstände würden das Moderne nur darum ablehnen, „weil sie es gar nicht kennen“, glaubt Chajm Guski.

Wies sehr die orthodoxen Regeln die Gläubigen einschränken können, merkt manche Gemeinde erst, wenn sie sich einen eigenen Rabbiner sucht. Rabbiner sind rar im Land. „Der Markt ist trocken“, sagt Henry Brandt, „und zuweilen holen sich die Gemeinden dann Orthodoxe aus Israel, die zwar gelehrt sind und die richtigen Zeugnisse haben, die aber weder in die Gemeinde, noch in das Land passen.“ In Duisburg trennte man sich nach kurzer Zeit von einem Rabbiner, der sich als super-orthodox erwies und bei den religiösen Regeln wenig Rücksicht nahm auf das tägliche Leben in Deutschland. Der Mann sprach weder deutsch noch russisch, die Sprache der vielen Einwanderer also, und machte auch keine Anstalten, das zu ändern. Es dauerte danach fast ein Jahr, ehe die Duisburger kürzlich mit Rabbiner Daniel Katz einen Neuanfang wagten.

In einigen Jahren sollen die ersten Absolventen von zwei neuen deutschen Rabbinerseminaren kommen. Das Heidelberger Seminar steht dem Zentralrat nahe und soll Rabbiner verschiedener Richtungen ausbilden. Das Potsdamer Seminar wird von Reformern betrieben – und vom Zentralrat ignoriert. Henry Brandt hofft: „Wenn es ordentliche Rabbiner sind, wird es den Gemeinden egal sein, woher sie kommen.“ Viele russische Einwanderer, die die Gemeinden in den letzten Jahren groß gemacht haben, bleiben dem Gemeindeleben ohnehin fern: Sie zu integrieren und für ihre Religion zu gewinnen, ist eine schwierige Aufgabe. Wie sie zu lösen ist, ist zwischen orthodoxen und liberalen Juden umstritten. Bis die gewachsenen jüdischen Gemeinden in Deutschland ihre neue Form gefunden haben, wird noch eine lange Zeit vergehen, glaubt Henry Brandt. „Ich bin kein Prophet“, sagt er, „aber ein, zwei Generationen wird es bestimmt dauern.“