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von Elisabeth Berkes-Grosser
Wie Juden leben fasziniert und interessiert Nichtjuden immer wieder. Sie besuchen gerne die G'ttesdienste und suchen auch häufig das Gespräch mit "authentischen" Juden bei Gemeindeveranstaltungen und Seminaren.
Zuhörer meiner Vorträge stellen oft mit Überraschung fest, daß ich in vieler Hinsicht gar nicht anders bin als sie, allenfalls einige Dinge anders sehe und bewerte und daß mein Lebensrhythmus von anderen Regeln und Gesetzen bestimmt ist. Kurzum: "Juden sind doch gar nicht so viel anders...."
Oder doch? Kann man bei unverbindlichen Begegnungen erkennen, daß man in einem jüdischen Haus ist?
In meinem Fall hat einmal jemand die böswillige Aussage formuliert: "Wieso gebärdet sie sich so jüdisch, sie hat noch nicht einmal eine Chanukkia in ihrem Wohnzimmer?"
Dieser Ausspuch fordert mich natürlich zum Nachdenken heraus, und ich habe dazu einige Fragen formuliert.
Wie gebärdet man sich jüdisch?
Ist "sich gebärden"
ein authentisches Verhalten,
die Imitation eines beobachteten, bereits erlebten Verhaltens,
oder die imaginäre Vorstellung dessen, von dem man meint, daß das Verhalten so sein müsse?
Wenn "sich gebärden" authentisches Verhalten ist, dann kann ich mich nur jüdisch gebärden, denn ich bin seit meiner Geburt jüdisch, und kann mich deswegen nur jüdisch verhalten. Die Frage hätte also heissen müssen: "Warum hat eine jüdische Frau keine Chanukkia in ihrem Wohnzimmer?"
Wenn "sich gebärden" die Imitation des Verhaltens von Juden ist, dann müssten alle Nachahmungsversuche nichtjüdischer G'ttesdienstbesucher in diese Kategorie fallen. Da in unserem Sprachgebrauch eine Imitation nichts Löbliches ist, müssten wir uns demnach über so ein Verhalten nicht unbedingt freuen. Statt dessen hörte ich oft Positives hierüber, eine wohlwollende Kommentierung des Engagements und des Interesses, unseren Sitten und Bräuchen durch "aktive Teilnahme" näher zu kommen.
Wenn "sich jüdisch gebärden" lediglich darauf bezogen wird, was man meint, es könnte jüdisch sein, ergibt das eine schlechte Karikatur. Ich denke an die Bemühungen von Fritz Muliar, jüdische Witze mit einem schlechten Jiddisch zu untermalen. Peinlich, komisch, ungeschickt, dumm oder lächerlich? Einigen wir uns darauf, gut gemeint. Ist also "sich jüdisch gebärden" auch, eine Unterhaltung "jiddelnd" zu führen ( ja, da bin ich sehr empfindlich, denn ich betrachte das als eine Verunglimpfung meiner Vorfahren) oder - mit meist schlecht gesprochenem - Hebräisch zu spicken, um nur einige Beispiele zu nennen? Ich kann nur zugunsten derer, die sich so verhalten, annehmen, sie meinen, wir würden das als Sympathiebeweise werten. Aber ist gut gemeint gut?
Ist eine Chanukkia im Wohnzimmer ein Nachweis von Jüdischsein?
Ist eine Chanukkia im Wohnzimmer so etwas wie bei Katholiken der Herrgottswinkel, ein Zeichen der Frömmigkeit und der Religionszugehörigkeit? Brauchen wir überhaupt - außer den biblisch festgelegten Zeichen wie Mesusa und Zizzijot - noch etwas anderes, um unsere Zugehörigkeit zum Bund sichtbar zu machen? Gibt es soetwas wie eine "Grundausstattung" des jüdischen, jüdisch-gewordenen, zukünftig-jüdischen, jüdisch-sympathisierenden, israelfreundlichen Hauses? Und je mehr Chanukkiot, Menorrot und Sederteller dekoriert werden, je mehr Davidsterne getragen werden, umso jüdischer ist jemand? Ist das vielleicht "sich jüdisch gebärden"?
Wissen alle, die von ihre Reiser aus Israel oder aus einem anderen Land einen mehrarmigen Leuchter mitbringen, welchen rituellen Gegenstand sie in ihrer Wohnung haben? Der exotische, kupferne Teller mit sieben Einbuchtungen macht sich schön an der Wand und ist auch als Vorspeisen- oder Knabbereienteller gut zu gebrauchen. Ist das "sich jüdisch gebärden"?
Natürlich gibt es Gegenstände, die das rituelle jüdische Leben begleiten. Leuchter für die Schabbatkerzen, Challedecken, Kidduschbecher, Hawdallazubehör, Chanukkiot für jedes Familienmitglied (ich besitze allerdings mehrere, denn ich sammele sie... und sie befinden sich nicht im Wohnzimmer), Sederteller, Trendel, Purimratschen, Zedakkabüchse, usw. Ein strittiger Punkt ist, ob eine Menorah in Privaträume gehört, handelt es sich doch um einen Gegenstand aus dem Tempel, der durch das Ner-Tamid abgelöst wurde. Aber das sind k e i n e Dekorationsgegenstände, es sind Gebrauchsgegenstände, die nicht zu Schaustücken degradiert, sondern, im Idealfall ständig, entsprechend ihrer Bedeutung, benutzt werden sollten. Denn sie u n t e r s t ü t z e n die aktive Ausübung des Glaubens und sind weder Heiligtümer noch Kleinode für Vitrinen oder Regale.
Nein, es ist überhaupt nicht erforderlich, als Jude, durch die Präsentation dieser Gegenstände, Jüdischkeit zu demonstrieren. Ja, es gibt sehr viele Juden, die, aufgrund der Geschichte sogar bewusst darauf verzichten, äußere Zeichen zu setzen. Sind sie weniger jüdisch? Haben sie keine jüdische Identität? Zeigt sich "jüdische Identität" durch den Erwerb der beschriebenen Gegenstände? Ist Judentum auf Schaustücke reduzierbar?
Und dennoch...manchmal gibt es diese Momente der Wiedererkennens, es gibt kleine, nichtverbale Zeichen oder Gepflogenheiten eines Hauses, die besagen: hier lebt "einer von uns!" Und dabei denke ich als Beispiel an den genialen Schluß von Leon deWinters Buch "SuperTex", wie er die weiß-blaue KKL -Büchse seiner Therapeutin entdeckt.
Fazit
Sollten Sie in einer Wohnung einen schönen, schmiedeeisernen, siebenarmigen Leuchter sehen, könnte es sein, daß die Bewohner sie erstaunt anschauen, wenn Sie von Talmud und Mischna sprechen. Und wenn Sie gar nichts sehen muß das auch nichts bedeuten....denn es kann sein, daß Sie auf meinem Sofa sitzen. Aber vielleicht entdecken Sie irgendwo im Haus eine weiß-blaue KKL- Büchse.
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