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Die öffentliche Torahlesung

Die Tora-Lesung

Bereits in der Tora finden wir die Aufforderung zu öffentlichen Schriftenlesungen: „Versammle das Volk, die Männer und die Frauen und die Kinder und auch den Fremden in deinen Toren, damit sie hören und damit sie lernen und den Ewigen, deinen G-tt, fürchten und alle Worte dieser Lehre beobachten, sie auszuführen” (Devarim 31:12).

Dem Propheten Nechemia zufolge bot eine Schriftenlesung Esras Anlaß zur Einführung der Toralesung. Wir erfahren in Nechemia 8, daß Esra „das Buch der Weisung Mosches” auf den „Platz vor dem Wassertor” brachte und daraus „vom Tageslicht an bis zum Mittag” vor der Versammlung der „Männer, Frauen und derer, die es verstehen konnten” vorlas. Die Lesung erfolgte mit der „Erläuterung und Darlegung des Sinnes, daß sie das Gelesene verständlich machen konnten.”

Die Einführung regelmäßiger Tora-Lesungen muß nach Elbogen (in: Der jüdische G-ttesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Olms 1995) vor Mitte des dritten Jahrhunderts stattgefunden haben. Den ältesten vorhandenen Quellen zufolge soll Mosche Rabbenu die Lesung der Tora an Festen und am Schabbat eingerichtet haben, der Prophet Esra montags und donnerstags. Bereits zur Tempelzeit las der Hohenpriester am Jom Kippur nach der Opferhandlung aus der Schrift.

Heute lesen wir viermal wöchentlich aus der Tora: am Schabbat-Morgen und -Nachmittag und am Montag und Donnerstag während des Morgengebets. Es sollen keine drei Tage vergehen, ohne daß ein Abschnitt aus der Tora vorgetragen wird. Den Hinweis darauf liefert die Tora: „Drei Tage waren sie unterwegs und fanden kein Wasser”. Anstelle von Wasser setze man hier Tora: Wer drei Tage ohne Wasser (d.h. Tora) ist, läuft Gefahr, daß seine Seele vertrocknet. Die Tora-Lesungen montags und donnerstags sind auf den Umstand zurückzuführen, daß diese beiden Tage traditionell Markt- und Gerichtstage waren, an denen viele Menschen zusammenkamen. Da gerade kleinere Landgemeinden keinen regelmäßigen Schabbat G-ttesdienst anbieten konnten, boten diese beiden Tage eine günstige Gelegenheit für gemeinsame G-ttesdienste mit Tora-Lesung.

In früheren Zeiten wurde während der Tora-Lesung ein sog. Meturgeman eingesetzt, der jeden in Hebräisch vorgelesenen Satz laut in die Landessprache übersetzte, da die Gemeinde nicht genügend Hebräischkenntnisse hatte.

Heute erfolgt die gesamte Tora-Lesung in orthodoxen und konservativen Gemeinden auf Hebräisch ohne Übersetzung, da in der Regel jeder Chumasch gute Übersetzungen anbietet.

Einteilung der Toralesung

Die Tora ist in 54 Abschnitte, hebräisch – Parascha oder Sidra genannt, eingeteilt. Nach dem palästinensischen Zyklus war Sidre die ursprüngliche Bezeichnung des heute eher geläufigen Begriffs Parascha.

Jedem Schabbat des jüdischen Kalenders wurde von unseren Weisen eine bestimmte Parascha zugeteilt, deren Eingangsworte (oder andere prägnante Stichworte) dem jeweiligen Schabbat schließlich den Namen geben. Das erste Buch Mosche beginnt bspw. mit den Worten „Bereschit bara Elohim et ha Schamajim we et ha Aretz”, die Bezeichnung dieses Schabbats ist demzufolge „Bereschit”.

An jedem Schabbat können aber auch weitere Lesungen hinzugefügt werden, wenn auf diesen Schabbat z.B. ein Feiertag oder Neumond fällt. In diesem Fall wird die Tora-Lesung um einen zusätzlichen, dem Anlaß des Tages entsprechenden Abschnitt, ergänzt. Zwischen den Monaten Adar und Nissan werden in Vorbereitung auf Pessach an vier Schabbatot neben dem jeweils regulären ein ausgezeichneter Abschnitt zusätzlich gelesen (Schekalim, Zachor, Parah, Parschat HaChodesch).

Die oben genannten 54 Toraabschnitte werden innerhalb eines jüdischen Kalenderjahres vollständig gelesen. Hierbei folgen wir der babylonischen Tradition, also dem einjährigen Lesezyklus. Im babylonischen Talmud wird erwähnt, daß neben diesem einjährigen Zyklus noch ein weiterer bekannt ist, der vorwiegend in Israel üblich war: der dreijährige oder auch palästinensische Zyklus, nach dem man pro Schabbat 113 der jeweiligen Parescha vorträgt und die Tora dementsprechend im Verlauf von drei Jahren vollständig liest. Der dreijährige Zyklus wurde im Laufe von 15 Jahrhunderten mehr und mehr vom einjährigen verdrängt, der erst im Zuge der Versammlung reformierter Rabbiner im Jahre 1845 erneut eingeführt wurde.

Dem babylonischen Zyklus folgend lesen wir an Simchat Tora (Torafreudenfest) den letzten Abschnitt des fünften Buch Mosche und beginnen direkt von neuem, um die Kontinuität der Tora zu verdeutlichen.

Die fünf Bücher Mosche sind wie folgt eingeteilt: Das Buch Bereschit beinhaltet zwölf Paraschot, Schemot und Devarim jeweils elf und Wajikra und Bamidbar jeweils zehn. Um die Tore nach dem babylonischen Zyklus wirklich in einem jüdischen Kalenderjahr beenden zu können, sind an manchen Schabbatot Doppellesungen von Abschnitten nötig, d.h., im direkten Anschluß an einen regulären Abschnitt wird der nächst folgende gelesen. In den Büchern Bereschit und Devarim sind je zwei Doppellesungen möglich, in Wajikra drei und in Bamidbar zwei.

Während in früheren Zeiten die Schabbat-Abschnitte nicht besonders lang waren -21 Verse galten als normal -, so kann die Toralesung nach dem babylonischen Zyklus gerade bei Doppellesungen sehr ausgedehnt sein. An Wochentagen ist die Tora-Lesung hingegen verhältnismäßig kurz und umfaßt lediglich den Beginn der Parascha des kommenden Schabbat.

Aufruf

Die Tore-Lesung bildet eigentlich das Herzstück des jüdischen G-ttesdienstes. Bereits zu Zeiten des Tempels wurde die Übergabe der Torarolle an den Hohenpriester an Jom Kippur von Zeremonien begleitet, die wir heute im jüdischen G-ttesdienst andeutungsweise bei der Prozession mit der Tore zum Vorlesepult wiederfinden.

Nachdem die Torarolle auf den Vorlesepult plaziert wurde, werden wochentags drei, am Neumond vier, an Feiertagen fünf, an Jom Kippur sechs und am Schabbat sieben Personen zur Tore aufgerufen. Ursprünglich durften Männer, Freuen und Kinder eine Alija, einen Aufruf zur Tora erhalten, in der tannaitischen Zeit (1./2. Jahrhundert d.Z.) wurde dies jedoch abgeschafft und die Regel festgelegt, daß lediglich erwachsene Männer (d.h. ab dem Bar-Mitzwa-Alter) aufgerufen werden dürfen. Kurz anzumerken sei an dieser Stelle, daß alle nicht-orthodoxen Gemeinden auf der Welt diese Einschränkung im Zuge auf eine Gleichstellung der Frau in allen religiösen Bereichen aufgehoben heben und Frauen zur Tore aufrufen. Der Mischna folgend wird heute bei Schabbat-Morgeng-ttesdiensten zunächst ein Kohen, denn ein Levi und schließlich ein Israel aufgerufen. Ist kein Levi anwesend, so soll an seiner Stelle ein bereits aufgerufener Kohen erneut aufgerufen werden („Kohen bimkom Levi”). Ist jedoch kein Kohen da, so kann an seiner Stelle entweder ein Levi oder ein Israel aufgerufen werden, eigentlich aber derjenige mit der größten Torakenntnis.

Wurde ein Israel anstelle eines Kohen aufgerufen, so darf als Zweiter kein Levi mehr folgen (s. Ganzfried: Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1988, Kap. 23). Diejenigen, die eine Alija erhalten haben, werden vom Vorsteher entweder direkt mit Namen oder aber mit ihrer Rangfolge („fünf”, ”sechs”) aufgerufen. Jede(r), die/der zur Tora aufgerufen wird, soll in einen Tallit gehüllt zum Vorlesepult treten, die Tore mit den Zizit küssen (die Tore jedoch nicht unmittelbar anfassen, sondern entweder mit dem Tallit oder aber an den Holzgriffen) und das Barechu und die folgenden Sätze sprechen.

Im Anschluß daran folgt die Tore-Lesung, deren Mindestmaß bei drei Versen liegt, wobei kein Absatz mit einem für Israel unheilvollen Inhalt beginnen oder abschließen darf. Ursprünglich las der Aufgerufene seinen Abschnitt selbständig, ab ca. dem 13. Jahrhundert übernahm diese Aufgebe ein sog. Baa Koreh, ein professioneller Tora-Leser, der den Abschnitt nach der traditionellen Melodie, dem sog. Tropp, vorträgt.

Während der Lesung soll der Aufgerufene leise mitlesen und alle Betenden sollen sich verhalten „als ständen sie beim Sinai und (würden) die Offenbarung aus G-ttes Mund (vernehmen)u (zit.n. de Vries: Jüdische Riten und Symbole, Wiesbaden 1981:28).

Vor und nach der Lesung spricht der/die Aufgerufene eine besondere Beracha, Birkat HaTora, und erhält im Anschluß an die Lesung ein Mi ScheBerach („Der gesegnet hat…”), eine besondere Segnung, in der neben seinem/ihrem Namen euch Familienangehörigen oder euch Kranken gedacht werden kann.

Nach der Prophetenlesung (s.u.) erfolgt das Glilah (Zusammenrollen) mit dem Hagbahah (Hochheben der Rolle), nach der die Tore in einer feierlichen Prozession wieder zum Aron HaKodesch (Toraschrein) begleitet wird.

Propheten-Lesung

Die Propheten-Lesung wird bereits in der Mischna erwähnt. Sie erfolgt am Schabbat und an Feiertagen während des Morgengebets nach der Tora-Lesung, wobei man durch des Sprechen des Halbkaddisch eine Trennung zwischen der Tora- und der Propheten-Lesung beiführt. Die einzige Ausnahme, an dem eine Propheten-Lesung auch im Nachmittagsgebet erfolgt, ist Jom Kippur.

Die Alija „Maftir” (Abschluss) bekommt die letzten Verse der Tora-Lesung erneut vorgelesen oder aber – an besonderen Schabbatot – die entsprechenden Zusatzverse. Die Lesung der Propheten folgt keiner bestimmten Reihenfolge, und es kann auch vorkommen, daß eine Lesung aus zwei unzusammenhängenden Stücken eines Propheten gelesen werden. Zwischen der jeweils zu lesenden Parascha und der Propheten-Lesung muß (inhaltlich oder begrifflich) eine Beziehung bestehen. Während die Tora-Lesung in orthodoxen Gemeinden stets in Hebräisch erfolgen, so darf die Haftare in konservativen Gemeinden in der Landessprache gehalten werden. Für den Brauch von Reform-Gemeinden hat bereits eine Konferenz reformierter Rabbiner im Jahre 1845 bestimmt, daß die Propheten-Lesung auch in Landessprache erfolgen darf.

Literatur:

1. Elbogen: Der jüdische G-ttesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Olms 1995
2. Ganzfried: Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1988
3. Trepp: Der jüdische G-ttesdienst, Stullgart 1992
4. de Vries: Jüdische Riten und Symbole, Wiesbaden 1981

Der Autor des Artikels Jonathan Grünfeld

Jonathan Grünfeld schreibt von Beginn an für talmud.de.

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