Talmud

Einleitung in den Talmud


Einleitung in den Talmud
Mewo HaTalmud
von Rabbi Schmuel haNaggid


Mawo haTalmud

Schmuel haNaggid, oder vollständig Schmuel HaLevi ben Josef (993 bis etwa 1056) verfasste eine »Einleitung in den Talmud«, die immer wieder den gedruckten Ausgaben des Talmuds beigefügt wurde. Meist in den ersten Band einer gedruckten Ausgabe.

Diese Übersetzung dieser klassischen Einleitung findet man hier.

Die Vorlage des hebräischen Ausgangstextes ist das Berliner ספר סוגיות הש“ס Sefer Sugijot haSchas aus dem Jahr 1736 und der Text einer Wilnaer Ausgabe des Talmud Bawli.
Berliner Ausgabe

amar_mewo

המחבר התלמוד נחלק לשני חלקים: משנה, ופירוש המשנה המשנה היא הנקראת תורה שבעל פה והיא יסוד התורה שהעתיקו ממשה רבינו עליו השלום עד ימי רבינו הקדוש עליו השלום הוא רבי יהודה הנשיא…

Der Autor sagte:
Der Talmud wird in zwei Teile geteilt,
in die Mischnah 1
und in die Erklärung der Mischnah.
Die Mischnah wird das mündliche Gesetz genannt und dies ist die Grundlage des Gesetzes, welches sie (die Lehrer) aufgezeichnet haben von Mosche unserem Lehrer, Friede über ihn, bis zur Zeit unseres Lehrers des Heiligen, Friede über ihn, und dies ist Rabbi Jehudah der Fürst. 2 Denn er hat sie aufgeschrieben, damit sie lange bestehen bleibt, weil sie sonst in den Herzen der Leser vergessen werden könnte, und so verloren gehen könnte.

Diese Erklärung wird ebenfalls geteilt in zwei Teile:
der eine ist die bestehende Halachah,
der andere ist die verdrängte Halachah.

Die bestehende ist diejenige, die sie (die Lehrer) gelernt haben aus dem Mund des Mosche, unseres Lehrers, Friede über ihn, und Mosche (wiederum) vom Ewigen, wobei es gleichgültig ist, ob es Worte eines einzelnen oder Worte vieler sind – wie ich später erklären werde.
Genauso ist es bei einer Diskussion die verdrängt wurde, nämlich bei derjenigen, die nicht als vollständig bestehende aufgezeichnet wurde, ganz gleich, ob es Worte eines einzelnen oder die Worte vieler sind.

Sollte aber jemand dagegen einen Einwand haben:
Warum schrieb unser Lehrer, der Heilige, Friede über ihn, Worte auf, die nicht als Halachah gelten, es wäre ja besser gewesen nur die Halachah aufzuschreiben?!

Dann kannst du ihm antworten, dass jeder der vormaligen Weisen alles für sich aufzeichnete, was er lernte, und zwar sowohl was Halachah, aber auch alles was nicht Halachah war, und als unser Lehrer der Heilige es aufzeichnen wollte, musste er auch diejenigen Worte aufschreiben, die keine Halachah sind, damit derjenige, der von ihnen gelernt hat, nicht sagen könnte:
So und so habe ich von diesem und diesem gelernt, und sollte er es dennoch sagen, so antworte man ihm, dass dies keine bestehende Halachah sei.

Und dies sagten unsere Weisen, gesegneten Angedenkens, im Traktat Edujot, Abschnitt 1, Mischnah 6:
Warum wurden die Worte eines Einzelnen bei den Worten vieler unnützerweise erwähnt?

Damit, wenn jemand kommen und sagen sollte: So und so habe ich es gehört, dann soll man ihm sagen: Von dem und dem hast du es gehört, es ist nämlich keine Halachah.

Der zweite Teil von den zwei Teilen der Erklärung der Mischnah, die Gemarah 3 , wird geteilt in einundzwanzig Teile.
Diese sind:

  • Tosefta
  • Barajta
  • Perusch
  • Schea’lah
  • Teschuba
  • Kuschja
  • Peruk
  • Tejubta
  • Sijua
  • Remijah
  • Hazzerachah
  • Hattakefta
  • Ma’aseh
  • Schemaata
  • Sugja
  • Halachah
  • Teko
  • Haggadah
  • Horaah
  • Schittah
  • Schinnuj

Tosefta ist der Überrest der Mischnah, und das Zeichen dafür01 ist: Tana תאנא („er lehrte“, oder „es gibt eine Lehre“ ); und wenn sie am Ende der Mischnah steht, dann ist sie eine bestehende Halachah.4

Barajta sind alle Schriften, die nicht Teil der Mischnah sind, wie Rabbi Chija, Rabbi Oschaja und wie die Lehren des Rabbi Jischmael, die Buchstaben des Rabbi Akiwa, Lehre der Kohanim5, welches nur das Buch WaJikra ist und Sifra6 ist BaMidbar Sinaj und We’eleh HaDebarim und dergleichen.

Das Zeichen für die Barajta ist:
Tano Rabbanan רבנן תנו („es lehrten oder überlieferten die Rabbinen), Tane chada („es lehrte der eine“ oder „wir haben die eine Lehre“),
Tanja idoch („es lehrte der andere“ oder „wir haben die andere Lehre“).
Bei allen diesen Themen, über die nicht gestritten wird, ist die Halachah bestehend, findet aber dazu eine Diskussion statt, dann richtet man sich nach der Bestimmung der Halachah7.

Perusch ist dasjenige, welches am Ende der Mischnah folgt, um die Themen der Mischnah zu begreifen, wenn es nämlich heißt: Wie ist dies? Dann folgte eine Erklärung darüber.

Schealah ist die Frage von ihr, und zwar wird diese Frage entweder von vielen an viele gestellt, wofür das Zeichen ist: Iba’eja leho להו איבעיא („diese fragten jene“), oder sie ist von vielen an einen, und dies heißt: Ba’u mineh מיניה בעו („jene fragten diesen“), oder sie geschieht von einem an einen, nämlich Ba’a mineh מיניה בעא („jener fragte diesen“). Die Halachah bei einer Frage hängt von den Antworten ab8.

Teschubah (Antwort) folgt auf solche Fragen, und ist bleibend nach Bestimmung der Halachah.

Kuschja (Entgegnung) ist die Streitsache, die sich auf Aussprüche bezieht, aber gegen eine bestehende Halachah darf niemand streiten.
Entsteht die Streitsache von vielen, dann ist das ein Zeichen für:
Metibe מיתיבי (sie entgegneten);
aber von einem Etibe איתיביה (er entgegnete)9.

Peruk (Lösung) ist die Erklärung der Entgegnung, und wenn dagegen nichts eingewendet wird, dann ist es eine bestehende Halachah.

Die Tejubta (es bleibt eine Entgegnung) verwirft eine Halachah durch klaren Beweis, und die Halachah hängt von der Gründlichkeit des Beweises, der Tejubta, ab.

Sijjua (Hilfe)02 wird angeführt, um eine Halachah zu begründen und zu festigen, damit sie fundiert und begründet sei. Das Zeichen dafür ist: Lema mesajea leh לימא מסייע ליה („man kann sagen, es ist eine Hilfe für ihn“).

Remijah
(Widerspruch) wird angeführt, damit sich nicht zwei Auffassungen behaupten können- Das Zeichen dafür ist Weraminehi ורמינהי (aber ich frage dich dies).

Hazzerachah (Notwendigkeit) wird angeführt, um zwei Auffassungen vorzubringen. Das Zeichen dafür ist: Zericha צריכא (es ist nötig).

Hattaekefta (Einwendung) ist eine Art von Frage, die für die Amoraim (die zuletzt kamen) typisch ist. Das Zeichen dafür ist: Matkif lah R. Ploni מתקיף לה ר‘ פלוני (»Es fragte dies Rabbi Soundso«).

Ma’aseh (Tatsache) wird nach einer Halachah angeführt, indem die Handlung nach einer Halachah geschehen darf, welche bleibend ist.

Schemaateta (Lehre) ist der Name einer jeden Halachah, die in Hinsicht des Gesetzes angeführt wird, aber nicht in Hinsicht eines anderen Arguments.

Sugja (Eigentümlichkeit) ist die Benennung der Gemarah nach ihrer Wirklichkeit mit ihren Fragen und Antworten.

Die Halachah folgt, nachdem sie sich über irgendeinen Gegenstand der Halachah gestritten haben, so dass sie sagen mussten: Die Halachah ist so und so.

Teko bedeutet Zweifel, dass nämlich der Talmud wegen irgendeines Themas der Halachah in Zweifel ist, und es nicht zu beantworten weiß, weshalb die Halachah zweifelhaft bleibt. Betrifft dies eine Geld-Sache, dann verfährt man dabei nach der strengsten Auslegung, bei einer Sache des Verbotenseins aber nach der strengen Auslegung und das Geld, worüber Zweifel besteht, teilen die Richter in gleiche Teile.
Andere sagen, dass derjenige, welcher etwas von seinem Nächsten fordert, es beweisen muss und eine Sache des Verboten- oder Erlaubtseins, worüber ein solcher Zweifel besteht, ist für verboten zu halten.

Schinnuj (Änderung) ist, wenn sie (die Lehrer) gegen irgendeinen Weisen streiten, und er ändert, um sich selbst des Streits zu entziehen und seine Worte zu bestätigen.
Es muss aber derjenige, welcher gegen die Mischnah streitet, seine Worte durch einen klaren Beweis bestätigen. Das Zeichen für Schinnuj ist: Ha mani? R. Ploni03 hi (Mit wem stimmt das überein? Mit Rabbi Soundso).

Haggadah (Sage) ist die Erklärung, die im Talmud über irgendein Thema vorkommt, das nicht gesetzlich ist, und woraus man nur das zu lernen braucht, was dem Geist zusagt. Denn man soll wissen, dass alles, was unsere Weisen, gesegneten Andenkens, für eine Halachah in Hinsicht auf das Gesetz bestimmt haben, aus dem Mund des Mosche, unseres Lehrers, Friede über ihn, ist, der es vom Allmächtigen empfangen hat, und zu diesem, darf man nichts hinzutun, noch irgendetwas wegnehmen; das bezieht sich auf die Erklärungen, welche sie über die Verse gegeben haben. Und das geschehe für jedem nach seinem Vermögen und nach seinem Dafürhalten. Man lernt das, was dem Verstand begreiflich ist, auf das übrige aber kann man sich nicht mehr stützen.

Horaah bedeutet Lehren, die sich bei den Weisen durch Versammlungen und Forschungen in Hinsicht eines Gebots von neuem ergeben haben. Dies wird Horaah genannt.

Schittah bedeutet: mehrere Weise, nach welchen die Halachah nicht ist, wenn es nämlich heißt: »Dieser und jener Rabbi ist der Meinung« und ähnliches, ist eine Schittah. Die Halachah ist nach keinem von ihnen. Man soll aber wissen, dass der Talmud zur Zeit Rabinas und Rab Aschis beendet worden ist, und dass sie uns diese Grundsätze gelehrt haben und was ihnen gleicht.

Bei Streitigkeiten der Tannaim, wo einer gegen viele ist, richtet sich die Halachah nach der Mehrheit.
Bei Streitigkeiten der Mischnah, auf die eine einfache Bestimmung folgt, ist die Halachah nach der einfachen Bestimmung.
Bei einer einfachen Bestimmung, auf die Streitigkeiten folgen, ist die Halachah nicht nach der einfachen Bestimmung; dies gilt jedoch nur einem Traktat, von zwei hingegen sagen wir dies nicht.
Bei Streitigkeiten der Barajta und einfacher Bestimmung der Mischnah ist die Halachah nach der einfachen Bestimmung der Mischnah.
Bei Streitigkeiten der Mischnah und einfacher Bestimmung der Barajta, ist die Halachah nicht nach der einfachen Bestimmung der Barajta; und dies ist es, was wir sagen:

Wenn Rabbi es nicht gelehrt hat, woher soll es R. Chija haben?
Eine Mischnah überhaupt ist von R. Me’ir,
Tosefta überhaupt ist von R. Nechemiah,
Sifra überhaupt ist von R. Jehudah,
Sifri überhaupt ist von R. Schimon
und alles ist im Sinne R. Akiwas, denn sie waren seine Schüler.

Bei R. Me’ir und R. Jehudah ist die Halachah nach R. Jehudah.
Bei R. Me’ir und R. Josi ist die Halachah nach R. Josi.
Bei R. Me’ir und Rabbi Schimon ist die Halachah nach R. Schimon.
Bei R. Me’ir und R. Elieser, Sohn Ja’akows, ist die Halachah nach R. Elieser, Sohn Ja’akows.
Die Lehre des und R. Elieser, Sohn Ja’akows, ist ein Kab und rein.

Einige sind, welche sagen, deutet nach R. Nathan.
Andere: deutet nach R. Me’ir.

Überall, wo Rabban Schimon, Sohn Gamliels, in unserer Mischnah gelehrt hat, ist die Halachah nach ihm.
Dagegen ist die Halachah nach Rabbi gegen seinen Genossen.
Bei Rabbi und R. Schimon, Sohn Elasars, ist die Halachah nach Rabbi.
Bei Rabbi und R. Josi, Sohn R. Jehudahs, ist die Halachah nach Rabbi.
Bei Rabbi und R. Jischmael, Sohn R. Josis, ist die Halachah nach Rabbi;
und wenn er etwas sagte im Namen seines Vaters, dann ist die Halachah nach seinem Vater.
Bei Rabbi und Rabban Schimon, Sohn Gamliels, ist die Halachah nach Rabban Schimon, Sohn Gamliels.
Überall wo R. Schimon, Sohn Elasars ohne Streitigkeiten lehrte, ist die Halachah nach ihm.
Bei Rabbi und R. Jehudah ist die Halchah nach Rabbi.
Bei Rabbi und R. Me’ir ist die Halachah nach Rabbi.
Bei R. Elieser und R. Jehoschua ist die Halachah nach R. Jehoschua.
Bei R. Elieser und Rabban Gamliel ist die Halachah nach Rabban Gamliel;
auch ist nirgends die Halachah nach den Schülern des R. Elieser, ausgenommen bei acht Halachot.
Bei der Schule Schammajs und Hillels ist die Halachah nach der Schule Hillels, ausgenommen bei sechs Dingen04, wobei die Weisen weder mit den Worten dieser, noch mit den Worten jener übereinstimmten, und festgesetzt wurde, dass die Halachah nach der Schule Schammajs sei.
Überall, wo es heißt:
Wie sind die Worte gemeint?
Von welcher Zeit an?
Und zur Zeit.
Es ist in der Wahrheit,
deutet es auf eine Halachah des Mosche vom Sinaj.
Man folgert die Halachah weder aus der Mischnah, noch aus dem Talmud, sobald sie ausdrücklich dabei vorkommt; ist sie aber nicht angegeben, dann muss man sie aus dem Talmud entnehmen.
Bei Streitigkeiten der Amoraim Rab und Schmuel ist die Halachah nach Rab in verbotenen Dingen nach Schmuel in Rechtssagen.

Die Tannaim sind es, welche die Mischnah aufgezeichnet habem, und man nennt sie Tanna.
Bei Rab Chisda und Rab Huna ist die Halachah nach Rab Huna.
Bei Rab und Rab Nachman ist die Halachah nach Rab in verbotenen Dingen und nach Rab Nachman in Rechtssachen, und überall ist die Halachah nicht nach dem Schüler gegen den Lehrer.
Bei Früheren und Späteren, die uneins sind, ist die Halachah nach den Späteren (die nach Abaje und Raba waren).
Bei Rab Jehudah und Rabbah ist die Halachah nach Rab Jehudah.
Bei Rabbah und Rab Josef ist die Halachah nach Rabbah, ausgenommen drei Halachot.
Bei Rab Acha und Rabina ist die Halachah nach Rabina, ausgenommen drei, nämlich halbrohes Fleisch, Eier und Adern.

Die Späteren, welche den Talmud verfasst haben, sind Rab Aschi und Rabina mit ihren Helfern, und in uhrer Zeit ist der Talmud beendet worden.
Nach Mar, Sohn Rab Aschis, ist die Halachah, wenn er nicht gegen seinen Lehrer streitet.

Überall, wo gesagt wird:
Wir haben ja die Überlieferung!
Wir haben die Überlieferung.
Aber ich frage dich dies! Wir haben ja die Lehre!
deutet es auf eine Frage, und nur wegen der Frage wird es angeführt. Und überall, wo gesagt wird:
Die Fragen genen den und den Rabbi bleibt eine Frage, ist die Halachah nicht nach ihm.

Tejubta ist Zerbrechen; nämlich ein Weiser, der seine Worte zerbricht. Und überall, wo man findet:
Ist es entbehrlich oder nicht? Will sagen, dass dieser Vers entbehrlich sei oder nicht. Bei allen Streitigkeiten, die nicht von einer Handlung, sondern von einer Absicht allein abhängen, wird die Halachah nicht nach demselben bestimmt.

  1. im Talmud []
  2. oder Stütze, Beleg []
  3. Ploni – eine Art Platzhaltername []
  4. siehe Berachot 51b, Sukkah 28a, Menachot 401 und 41b []