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„Führung und Licht” – die Torah im Islam

Da der Islam die jüngste der drei abrahamitischen Religionen ist, dürfte es nicht überraschen, dass die beiden Schwesterreligionen Judentum und Christentum als ältere Glieder derselben Kette wahrgenommen werden. Seinem Selbstverständnis nach setzt der Islam den Monotheismus Abrahams fort, den die Araber (über Ismail) als ihren Stammvater sehen, und das Erbe der biblischen Propheten. Grundsätzlich ist es also unumgänglich, daß Muslime „an das glauben, was dir (Muhammad) offenbart wurde, und an das, was vor dir offenbart wurde …“ (Sura 2:5). Kenntnisse der biblischen Geschichte sind somit eine der Voraussetzungen dafür, den kurzgefaßten, konzentrierten Text des Qur’an verstehen zu können. In der Tat wurden in der klassischen Qur’anexegese biblische Texte und mündliche Überlieferungen aus dem jüdisch-christlichen Umfeld, die sog. „Israeliyât“, zur Erläuterung herangezogen.

Von hier an ergibt sich allerdings ein zwiespältiges Bild. Zugegebenermaßen beschäftigen sich Muslime, auch Theologen, selten direkt mit inhaltlichen Details der Bibel. Es gehört ansonsten zur Allgemeinbildung zu wissen, was im Qur’an ausdrücklich erwähnt wird: Tawrât (Torah), Zabûr (Psalmen), eine Reihe von prophetischen Persönlichkeiten und religiöse Erfahrungen früherer Generationen sowie Umrisse der ethischen Lehren. Damit ist dem muslimischen Bibelleser zumindest ein Blickwinkel vorgegeben. Was den Text betrifft, steht dabei die Torah im Mittelpunkt, die für jüdischen Glauben und Praxis als verbindlich gesehen wird:

Wir haben die Torah niedergesandt mit Führung und Licht darin. Damit haben die Propheten, die G-ttergeben waren, und die Rabbiner und Gelehrten denen Recht gesprochen, die Juden sind (alladhîna hâdû; andere Übersetzungsmöglichkeit: „die rechtgeleitet sind“), denn sie waren beauftragt, die Schrift zu bewahren, und sie waren Zeugen dafür. Fürchtet also nicht die Menschen, sondern fürchtet Mich und verkauft nicht Meine Zeichen um einen geringen Preis. Und wer nicht nach dem richtet, was G-tt niedergesandt hat, das sind die Wahrheitsleugner (kâfirûn). (Sura 5:45)

(Im weiteren Verlauf des Abschnittes wird Jesus als in derselben Tradition stehend erwähnt, indem er „bestätigt, was vor ihm in der Torah vorhanden war“ – daher kommt bei Muslimen auch oft Verwunderung darüber zum Ausdruck, daß Christen, obwohl das „Alte Testament“ Teil ihrer Bibel ist, sich nicht an das „Gesetz“ gebunden fühlen, da man sich eine Gemeinschaft ohne Rechtsgrundlage nur schwer vorstellen kann – und es wird deutlich, daß das Evangelium, das Jesus lehrte (Injîl), für Christen verbindlich ist (Sura 5:47-48)).
Unter den G-tteserfahrungen früherer Generationen, auf die der Qur’an wiederholt Bezug nimmt, werden die Erfahrungen der „Kinder Israel“ besonders hervorgehoben. Sie werden sogar wiederholt direkt angesprochen:

Ihr Kinder Israel, erinnert euch an Meine Gnade, die Ich euch erwiesen habe, und erfüllt euren Bund mit Mir, so werde Ich Meinen Bund mit euch erfüllen, und Mich allein sollt ihr fürchten ….. Ihr Kinder Israel, erinnert euch an Meine Gnade, die Ich euch erwiesen habe, und daß Ich euch gegenüber den Welten ausgezeichnet habe ….. Und wie Wir euch von Pharaos Leuten gerettet haben, die euch mit schlimmem Leid plagten: sie töteten eure Söhne und ließen eure Frauen leben, und darin war für euch eine schwere Prüfung von eurem Herrn. Und wie Wir für euch das Meer teilten und euch retteten und Pharaos Leute vor euren Augen ertrinken ließen, und wie Wir mit Mose eine Vereinbarung hatten für vierzig Nächte, aber ihr nahmt in seiner Abwesenheit das Kalb und wurdet ungerecht. Danach vergaben Wir euch, damit ihr dankbar werdet. Und wie Wir Mose die Schrift und das Entscheidungsvermögen gaben, damit ihr rechtgeleitet seid …. Und wie Wir mit euch einen Bund schlossen und den Berg über euch aufragen ließen: „Haltet an dem fest, was Wir euch gegeben haben, und seid eingedenk dessen, was darin ist, damit ihr achtsam werdet.“ Danach wandtet ihr euch aber ab, und wäre da nicht G-ttes Gnade und Barmherzigkeit gewesen, ihr hättet zu den Verlorenen gehört. (2:40-64)

Diese Aufforderung, sich zu erinnern, richtet sich zwar in erster Linie an die Kinder Israel, darüberhinaus aber auch an alle anderen Leser des Qur’an, die von den Erfahrungen „älterer Verwandter“ lernen können. Es fällt auf, daß hier aber auch ein Teil Kritik mitschwingt. Diese wird an anderen Stellen noch deutlicher, wenn auch nie so scharf wie in den biblischen Prophetenbüchern. Zu den Vorwürfen gehören die Nichteinhaltung oder nur teilweise Beachtung ethischer Grundsätze und Gebote, Ausschließlichkeitsansprüche, religiös begründete Ansprüchen auf Privilegien und Autorität sowie der eigenmächtige Umgang mit dem Text.

Nun, was unethisches Verhalten und Ausschließlichkeitsansprüche betrifft, so dürfte inzwischen deutlich geworden sein, dass sich auch Muslime solcher (durchaus berechtigten) Kritik stellen müssen. Mein Verdacht, dass mit den Vorwürfen gegen Missstände in Glauben und Praxis der Ahl al-Kitâb, der „Leute der Schrift“, nicht eine Diskriminierung „der anderen“ gemeint ist, sondern eine Anleitung zur Selbstkritik am Beispiel älterer Gemeinschaften, ist also begründet, und m.E. sollte diese Perspektive ernster genommen werden.

Was den eigenmächtigen Umgang mit dem Text betrifft, so sind Muslime von Anfang darauf bedacht gewesen, den Qur’an (den schriftlichen Niederschlag der Offenbarungserfahrung des Propheten) vor Einflüssen aller Art zu bewahren, und haben Literaturgattungen wie Sîra (Biographie des Propheten), Hadîth (Berichte von Leben und Praxis des Propheten), Tafsîr (Exegese) usw. konsequent davon getrennt gehalten, bis hin zu dem Extrem, daß es zeitweilig umstritten war, ob Aussagen des Propheten, Kommentare, Übersetzungen usw. schriftlich festgehalten werden sollten und wie weit man in der Interpretation gehen dürfe. Von muslimischer Seite hört man umgekehrt oft den Vorwurf, die Bibel sei „gefälscht“ (auffallend oft in Verbindung mit der Weigerung, sich mit der Bibel unmittelbar auseinanderzusetzen). In der späteren muslimischen Polemik gegen Juden und Christen wurde stark pauschalisiert, wobei bei weitem nicht immer klar ist, worauf genau sich der Vorwurf bezieht. Auf die Torah? Auf andere Bücher der Hebräischen Bibel? Auf das Neue Testament? Wurde der Text selbst verändert oder nur eigennützig interpretiert? Wurde Eigenes als Inspiration ausgegeben, wenn ja, mit welcher Absicht (denn eine starke Wertung wie „Fälschung“ würde ja von vornherein eine negative Absicht unterstellen)? Dabei sind meist eher zeitgenössische Erfahrungen im Zusammenleben der Religionen eingeflossen als die Ergebnisse sachlicher wissenschaftlicher Forschung.
Ein Beispiel für eine Textstelle, mit der der Vorwurf des Tahrîf (der Veränderung) begründet wird, ist Sura 3:78:

Unter ihnen gibt es einen Teil, die verdrehen mit ihren Zungen die Schrift, so daß ihr meint, es sei aus der Schrift, während es doch nicht aus der Schrift ist, und sie sagen, es sei von G-tt, während es soch nicht von G-tt ist, und sie sprechen wissentlich eine Lüge gegen G-tt aus.

Gelehrte aller Schriftreligionen müssen sich immer wieder fragen, ob sie bei Exegese und Predigt redlich vorgehen und nicht zu Kniffen greifen, die ihrer Darstellung ein größeres Gewicht geben.

Ein anderes Beispiel in Sura 5:47 bezieht sich eindeutig auf den Konflikt mit jüdischen Stammesführern in Medina, deren Dialogverweigerung in dem Satz: „Höre, ohne gehört zu werden,“ zusammengefaßt wird.
Und schließlich ist da die Kritik an „Gelehrten und Mönchen, die durch Sinnloses das Gut der Menschen verzehren“ (Sura 9:34) die wiederum für alle Religionsgelehrten gilt, die ihr Wissen zu eigennützigen Zwecken mißbrauchen – eine Versuchung, der jedes religiöse Establishment ausgesetzt ist, nicht zuletzt das eigene (es ist auch hinsichtlich der Qur’anauslegung an der Zeit, die klassischen Methoden mit modernen linguistischen und historischen Methoden zu verbindet, traditionelle Deutungsmuster zu hinterfragen und neue Perspektiven zu erarbeiten).

In der systematischen Theologie gibt es hinsichtlich der ontologischen Stellung der Torah verschiedene Theorien. Einige decken sich z.T. mit orthodoxen jüdischen Positionen, wie z.B bei Shah Waliullah (gest. 1763) und dem ägyptischen Reformer Muhammad Abduh (gest. 1905), die beide der Auffassung sind, die Torah sei in ihrer heutigen Fassung verbal inspiriert. Mu’tazilitische Denker vertreten meist die Ansicht, sie sei von vornherein „sinngemäß (bil-ma’na) offenbart“. Eine dritte Theorie besagt, daß verbal inspirierte Texte mit historischen Rahmenerzählungen und Erläuterungen verknüpft und zum Ganzen der Torah verwoben wurden. Diese letztere Theorie wird z.T. durch das Echo auf die historisch-kritische Bibelforschung mitbestimmt, aber ich kenne keinen muslimischen Theologen, der die ganze Torah als Menschenwerk batrachtet. In theologischen Abhandlungen wurden ebenso wie in Qur’ankommentaren zumindest in der klassischen Zeit des Islam solche unterschiedlichen Standpunkte auf eine Art und Weise erörtert, die sich ähnlich wie Debatten im Talmud lesen. Einen weitaus breiteren Raum als die Theorien zur Stellung der Bibel nimmt allerdings die Frage ein, ob es heilsnotwendig ist, an den Letzten Propheten (Muhammad) zu glauben, und was ein solcher Glaube impliziert.
Vom Qur’an aus betrachtet erhalten dieselben Geschichten meist neue Akzente. Während sich die Bibel fast ausschließlich auf die generationenlange, jahrhundertelange Erfahrung der Kinder Israel mit G-tt bezieht, geradezu wie eine einzigartige, beispielhafte Liebesgeschichte, stellt der Qur’an diese Erfahrung in den Kontext der G-tteserfahrung der Menschheit insgesamt und betont, daß G-tt allen Völkern prophetische Lehrer geschickt hat, wobei auch auf außerbiblische Propheten (Hûd, Sâleh usw.) erwähnt werden. Darüberhinaus erhalten biblische Geschichten eine neue, zeitlose und die ethnozentrische Sicht überschreitende Dimension.So wird z.B. die Geschichte von Mose und Pharao in Sura 28:5 wie folgt eingeleitet:

Pharao verhielt sich anmaßend im Land und spaltete seine Bevölkerung in Parteien. Einen Teil davon suchte er schwach zu halten, indem er ihre Söhne tötete und ihre Frauen leben ließ. Er gehörte zu den Unheilstiftern.

Pharao wird im Qur’an zum Prototypen des Tyrannen, der auch in der heutigen islamischen Befreiungstheologie für Anmaßung und Machtmißbrauch steht, und Mose hat nicht nur den Auftrag, sein Volk in die Freiheit zu führen, sondern auch Pharao zu Vernunft und Verantwortung zu mahnen. Dieses Bild wird im Zusammenhang mit äußeren Tyrannen (Diktatoren, absoluten Monarchen usw.) ebenso verwendet wie in der Mystik mit inneren wie dem tyrannischen Ego, dem die Vernunft (Mose) entgegentreten muß.

Hier wirkt sich nun die Beschäftigung mit biblischen Details auf das Qur’anverständnis aus: beides tritt in einen interessanten Zusammenhang miteinander. Während in der islamischen Rechtswissenschaft die Bibel kaum eine Rolle spielt (ihre Auslegung und Umsetzung ist in erster Linie eine Sache der jüdischen bzw. christlichen Religionsgemeinschaften, für die als verbindlich angesehen wird), überschreitet der Ausdruck „Führung und Licht“ diesen Rahmen. Muslime finden Denkanstöße und Inspiration in der kontinuierlichen Erfahrung von Offenbarung, Führung, Rebellion und Versöhnung; in den Friedensvisionen der prophetischen Schriften; oder in den Gebetstexten der Psalmen. Das ist es ja, was Schriften zu heiligen Schriften macht, daß Wahrheiten deutlich werden, die die Fakten transzendieren. In jedem Fall ist es Muslimen aber bewußt, daß es Parallelen hinsichtlich der ethischen Prinzipien gibt, über die es sich lohnt ins Gespräch zu kommen. Dazu gibt es sogar eine ausdrückliche Aufforderung:

Sprich: Ihr Leute der Schrift, kommt her auf ein Wort, das gleich ist zwischen uns und euch, daß wir niemandem dienen außer G-tt und Ihm nichts beigesellen, und daß nicht die einen von uns die anderen zu Herren nehmen an G-ttes statt …“ (Sura 3:64).

Im Bewusstsein der Gemeinsamkeiten, vor allem auch des gemeinsamen Glaubens an den Einen, fordert der Qur’an wiederholt zur Verständigung mit den „Leuten der Schrift“ auf und mahnt, „nur auf die beste Weise“ mit ihnen zu debattieren (29:46). Das bedeutet weder, daß Unterschiede geleugnet werden, noch daß Werte völlig relativiert werden sollen. Eine „Debatte auf beste Weise“ müßte durchaus Platz für kritische Anfragen lassen, soweit diese in gegenseitigem Respekt gestellt werden und nicht in Destruktivität ausarten, denn „G-tt ist unser Herr und euer Herr. Wir sind für unser Handeln verantwortlich, und ihr seid für euer Handeln verantwortlich. Kein Streit ist zwischen uns und euch. G-tt wird uns zusammenführen, und zu Ihm ist die Heimkehr“ (Sura 42:15).

Damit geht es mir nicht nur um den viel beschworenen „Religionsfrieden“ – schließlich gibt es in unserer heutigen Welt kaum noch die Möglichkeit, sich gegenseitig „tolerant“ zu ignorieren. Längst überfällig ist m.E. ein inhaltlicher Austausch über ethische Werte aus unseren jeweiligen heiligen Schriften: soziale Gerechtigkeit, Achtung vor dem Leben, Verantwortung für die Schöpfung, Schritte zum Frieden zwischen den Völkern. Im Zeitalter der Globalisierung können wir diese Verantwortung nur gemeinsam wahrnehmen.

Unter diesem Gesichtspunkt sollten wir unsere Schriften neu lesen – im Dialog miteinander und mit dem Text, so daß der Sinn des Textes aufs neue lebendig werden kann.

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Halima Krausen betreut seit 1996 die deutschsprachige muslimische Gemeinde in der Hamburger Imam-Ali-Moschee.