Gebete für Israeliten

Für jeden Tag der Woche

Am Dienstag.

Morgengebet

Allgütiger Gott! Nimm das Morgenopfer meines Herzens als Dank entgegen für die neuen Beweise deiner Gnade, die du mir in der verflossenen Nacht gegeben. Ach, wie viele haben diese nicht in Unruhe und Kummer verbracht, und von wie vieler Lager wurde nicht der Schlaf durch Angst und Sorge verscheucht; ich aber wurde verschont, die Meinigen hast du beschirmt! o, wie wenig habe ich doch so viele Gnade verdient! So manchen Morgen erwachte ich nur mit neuen Wünschen und vergaß es, wie sehr du mich bereits gesegnet, und wie vielen Dank ich dir schulde; doch heute steht deine Güte mir vor Augen, und o, wie glücklich macht mich dieser Gedanke! Ach, wie wenige fühlen doch das Gute, das sie unablässig von deiner Hand empfangen, und wie innig muß ich dir nicht danken, daß du durch deine heilige Lehre in mir die Erkenntnis deiner Wohltaten geweckt hast! Und wenn ich ganz von deiner göttlichen Lehre erfüllt wäre, o wie glücklich würde ich mich dann noch fühlen, welch ein Born der Freude würde da unaufhörlich aus derselben für mich fließen, selbst dann, wenn Kummer und Sorgen mich umgeben, welche Seligkeit würde ich dann nicht aus jedem Gebote schöpfen, das ich erfülle! O, du Ewiger! laß diesen Tag mich dem großen Ziele näher bringen, dem ich nachstreben soll! Sei mit mir in all meinen Bestrebungen, hilf mir in meiner Schwäche, erleuchte mich in meiner Unwissenheit, umgürte mich mit der Kraft des Willens, laß meine Seele alles in Klarheit schauen, mein Herz alles Edle und Heilige mit Wärme umfassen! Rüste mich aus mit Standhaftigkeit und lege an diesem Tage reichen Segen in meine Arbeit. Bewahre du, Ewiger, meinen Ausgang und meinen Eingang, o, entziehe mir nicht deine Barmherzigkeit, sondern laß deine Gnade und Treue mich stets beschirmen!

Betrachtung über 1. B. M. 1, 9-13.

וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים יִקָּווּ הַמַּיִם מִתַּחַת הַשָּׁמַיִם אֶל־מָקֹום אֶחָד וְתֵרָאֶה הַיַּבָּשָׁה וַֽיְהִי כֵֽן׃
וַיִּקְרָא אֱלֹהִים ׀ לַיַּבָּשָׁה אֶרֶץ וּלְמִקְוֵה הַמַּיִם קָרָא יַמִּים וַיַּרְא אֱלֹהִים כִּי־טֹֽוב׃
וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים תַּֽדְשֵׁא הָאָרֶץ דֶּשֶׁא עֵשֶׂב מַזְרִיעַ זֶרַע עֵץ פְּרִי עֹשֶׂה פְּרִי לְמִינֹו אֲשֶׁר זַרְעֹו בֹו עַל־הָאָרֶץ וַֽיְהִי כֵֽן׃
וַתֹּוצֵא הָאָרֶץ דֶּשֶׁא עֵשֶׂב מַזְרִיעַ זֶרַע לְמִינֵהוּ וְעֵץ עֹֽשֶׂה פְּרִי אֲשֶׁר זַרְעֹו־בֹו לְמִינֵהוּ וַיַּרְא אֱלֹהִים כִּי־טֹֽוב׃
וַֽיְהִי־עֶרֶב וַֽיְהִי־בֹקֶר יֹום שְׁלִישִֽׁי׃

Wie könnte ich wohl am dritten Tage der Woche mein Auge der Herrlichkeit des Tages öffnen, ohne dir für deine unendliche Güte zu danken, mit welcher du die Erde erfüllt hast und sie mit jedem Morgen aufs neue erfüllst? An diesem Tage, so ließest du uns in der Schöpfungsgeschichte verkünden, riefst du Gras, Kräuter und Bäume hervor, die Frucht und Samen tragen, jegliches nach seiner Art. So hast du, allgütiger Gott, für jedes lebende Geschöpf seinen Bedarf bereitet, bevor es noch ins Dasein gerufen war, so hast du auch an mich gedacht, bevor ich noch das Tageslicht schaute, hast liebevolle Wesen bestellt, die für mich sorgten, die mich kleideten und ernährten, mich erzogen und leiteten, und die Erde, sie ist voll deiner Gaben. O, wie könnte ich da verzagen und bekümmert fragen: woher soll ich Brot für meinen Lebensunterhalt nehmen? O, getrost bete ich zu dir: Gib mir und den Meinigen unser tägliches Brot, daß wir nie der Gabe eines Menschen bedürfen, erhalte uns in Genügsamkeit, daß wir in bescheidenem und prunklosem Wandel uns glücklich fühlen, jeglicher in seinem Berufe und jeglicher in seinem Stande. Wache über die Bedürftigen und Notleidenden und gewähre mir die Seligkeit, ihnen wie ein herrlicher Baum zu sein, der Schutz und Erquickung über sie ausbreitet, ja, laß mich wie ein Baum sein, der an den Wasserbächen deines göttlichen Wortes gepflanzt, reiche Früchte trägt, und dessen Blätter nie welken. Laß, o Herr, mein Streben und Wirken dir wohlgefällig sein und auch meinen Mitmenschen. Möchte mein Sinn von dem Licht aus der Höhe erfüllt werden, und meine Rede wie stärkende, erquickende Nahrung jedem sein, der darauf hört.—O, du, der du nie den Gerechten verläßt und es ihm nie an Brot mangeln läßt, erhöre mich und laß mich heute stark im Guten sein, errette mich von jeglicher Sünde, auf daß du auch über mein Werk heute wie bei der Schöpfung sagen könntest: »es war gut(Buch Moses 1, 12)«, gut für das zeitliche und gut für das ewige Leben.

Abendgebet

Der Tag ist dahin gegangen, o, so schnell, so sehr schnell bei Arbeit und Freude und unter deinem beschirmenden Segen, allbarmherziger Gott und Vater! Und nun, da mein Tagewerk zu Ende ist, so kommt mir so vieles in den Sinn, was ich vornehmen wollte, aber zu tun vergessen, vieles, mit dem ich mich beschäftigt habe, aber nicht auf die rechte Weise, so manches Wort, das ich gesprochen, das ich entweder lieber gar nicht ausgesprochen haben möchte, oder doch nicht so, wie ich es getan, mancher Mensch, dem ich begegnet, aber ohne darauf zu achten, wie nützlich er für mich und ich für ihn hätte sein können. Ach ich muß gestehen, wenn ich auch nur an eitlen Gewinn und eitle Lust denken wollte:—könnte ich meinen Tag aufs neue beginnen, so würde ich meine Zeit anders einteilen, so würde ich ganz anders mich verhalten; vieles, was geschehen, würde ich ungetan lassen, vieles, was unterlassen ist, würde ich zur Ausführung bringen—und wie viel mehr erst, wenn ich an das Werk meines Seelenheils denke. O, muß ich nicht fürchten, daß es einst, wenn mein ganzer Lebenstag dahingeschwunden ist, für mich so sein wird, wie in dieser Stunde, muß ich nicht, weil es noch Zeit ist, bestrebt sein, daß mein Lebenstag nicht vergeudet werde? Darum nähere ich mich dir, mein Gott, mit dem Gebete:»tue mir kund den Weg, den ich gehen soll, lehre mich nach deinem Willen handeln, dein gütiger Geist führe mich Tag und Nacht auf die rechte Bahn!«(Ps. 143, 8. 9.) Laß mich auch in dieser Nacht deine Güte erfahren, bewache, erquicke und segne sowohl mich, als alle die Meinigen, und laß die Ruhe der Nacht aufs neue mir Kraft schenken, um gegen alles zu kämpfen, was im Streite ist mit der hohen Bestimmung meines Daseins, mit dem Werk, das ich zu vollführen habe.»Herr! dein will ich gedenken, wenn ich auf meinem Lager liege, über dich sinne ich in den Nachtwachen, meine Seele hängt an dir, deine Rechte unterstützt mich.« Amen!

Kategorie: Gebete für Israeliten

von

Rabbiner Abraham Alexander Wolffs Gebetbuch (geboren am 29. April 1801 in Darmstadt und gestorben am 3. Dezember 1891 in Kopenhagen) ist ein orthodoxes Gebetbuch mit zusätzlichen Gebeten in deutscher Sprache. 1856 erschien die dänische Ausgabe und erst später die deutsche Übersetzung. Die vorliegende Ausgabe präsentiert die Texte Wolffs mit einigen hebräischen Ergänzungen, in einer anderen Ordnung und mit einigen zusätzlichen Texten aus der gleichen Zeit.