Gebete für Israeliten

Für jeden Tag der Woche

Am Donnerstag

Morgengebet

Herr, mein Gott und Vater! »Du erneuerst jeden Morgen deine Güte gegen mich, und deine Barmherzigkeit ist unendlich.« Darum erhebe ich in der frühen Morgenstunde dankend meine Stimme zu dir, indem ich fühle und erkenne, daß deine wachende Vorsehung in den Stunden der Finsternis meinen Geist bewacht und mich aus dem Schlummer der Nacht zu neuem Leben geweckt hat. O! möchte doch auch mein besseres Wesen mit jedem Morgen sich erneuern, und möchte ich bei meinem Tagewerk nie verzagen, sondern es vollenden, ohne zu ermatten; möchte ich doch jeden Tag mit neuer Lust auf dein göttliches Wort lauschen und aus deiner heiligen Lehre Seligkeit schöpfen; möchten doch alle guten Kräfte, die du in mich gelegt, jeden Morgen sich erneuern, so daß ich nie müde werde, meinem Bruder zu helfen, ihn zu erquicken, zu trösten und zu unterstützen, nie müde werde, Sanftmut und Geduld gegen meine Freunde zu zeigen, und nie aufhöre, Gutes denen zu erweisen, die mich hassen, und diejenigen zu segnen, die mir fluchen; möchte doch ein liebevoller Geist jeden Tag in mir erneuert werden, daß ich demütig und liebevoll gegen die Armen, mild und nachsichtig gegen meine Diener mich zeige; ja, laß mich auch heute aufs neue Kraft gewinnen, um gegen die Sünde, meinen ärgsten Feind, zu kämpfen! Möge sich stets auch mein kindliches Vertrauen erneuern, mit dem ich meinen Weg deiner väterlichen Fürsorge empfehle! O, erhöre mich denn, Allgütiger! wenn ich dich bitte, mir die Ausführung dieses meines heiligen Vorsatzes zu erleichtern. Laß keine drückende Sorge mir die Freudigkeit in meinem täglichen Berufe rauben; stärke meinen Körper, daß meine Seele sich frei zu dir erheben kann;»entbiete mir deine Engel, mich zu behüten auf meinen Wegen, daß mein Fuß nicht strauchle;« laß in jeder zeitlichen Freude sich für meine Seele die ewige, selige Wonne abspiegeln und laß mich froh sein mit den Frohen! Segne, o Gott, Volk und Land, segne alle, die mir lieb und teuer sind! Leite mich nach deinem Rat, und nimm mich einst auf zur ewigen Seligkeit.

Betrachtung über 1. Buch Moses 1, 20-23.

וַיֹּאמֶר אֱלֹהִים יִשְׁרְצוּ הַמַּיִם שֶׁרֶץ נֶפֶשׁ חַיָּה וְעֹוף יְעֹופֵף עַל־הָאָרֶץ עַל־פְּנֵי רְקִיעַ הַשָּׁמָֽיִם׃
וַיִּבְרָא אֱלֹהִים אֶת־הַתַּנִּינִם הַגְּדֹלִים וְאֵת כָּל־נֶפֶשׁ הַֽחַיָּה ׀ הָֽרֹמֶשֶׂת אֲשֶׁר שָׁרְצוּ הַמַּיִם לְמִֽינֵהֶם וְאֵת כָּל־עֹוף כָּנָף לְמִינֵהוּ וַיַּרְא אֱלֹהִים כִּי־טֹֽוב׃
וַיְבָרֶךְ אֹתָם אֱלֹהִים לֵאמֹר פְּרוּ וּרְבוּ וּמִלְאוּ אֶת־הַמַּיִם בַּיַּמִּים וְהָעֹוף יִרֶב בָּאָֽרֶץ׃
וַֽיְהִי־עֶרֶב וַֽיְהִי־בֹקֶר יֹום חֲמִישִֽׁי׃

Mein Gott und Vater! Nimm mit Wohlgefallen meinen kindlichen Dank dafür entgegen, daß ich diese Nacht sicher unter deinem Schutz geruht habe und mich wieder umgeben sehe von deinen Wohltaten, von den unzähligen Geschöpfen, die du ins Leben gerufen, deren Anblick Ruhe in die geängstigte Seele mir senkt und mein Herz mit Bewunderung erfüllt. Heute ist ja der Tag, an dem in der Schöpfungszeit das Weltmeer mit einem unzähligen Gewimmel kleiner und großer Tiere sich füllte und die Luft mit dem zahllosen Geflügel, das unter der Wölbung des Himmels fliegt.»Alle erwarten ihre Nahrung von dir, und du sättigst sie mit allem Guten(Ps. 145, 15.).« O, wie kann ich da noch fürchten, daß du mich vergebens um deine guten Gaben vom Himmel beten lassen solltest, wenn ich nur treu arbeite, um sie zu gewinnen! Sieh‘, wie zahllos und wie mannigfaltig sind nicht die lebendigen Geschöpfe des Himmels und des Meeres, und doch bilden sie alle einen großen Einklang, um deine Herrlichkeit zu verkünden; ist nicht das geringste bunte Würmchen eben so wundervoll wie das starke Tier im Walde, und preisen nicht die Millionen Geschöpfe im Wassertropfen eben so sehr deine Allmacht und Wahrheit wie der Wallfisch im Meere? O, sollte ich da verstummen und nicht beständig meinen Lobgesang darbringen, sollte ich nicht durch mein Leben, durch mein Tun deine Herrlichkeit verkünden? Ach Herr! segne du mich, daß meine Gedanken geläutert werden, und meine Taten dir gefallen. Sieh, der Fisch schwimmt so lebensfroh im Meere, aber, wenn im nächsten Augenblick ein Fischer ihn heraufzieht, da erlischt das Leben, so weiß auch ich, daß der Fischer stets sein Netz und seine Angel nach den Menschenkindern auswirft, um sie von dir, der Quelle alles Lebens, fort und hin in den Tod zu führen; ach möchte ich doch der Lockspeise der Welt Widerstand entgegenzusetzen stark genug sein und mich von den lebenden Wassern nähren, die aus deiner himmlischen Lehre strömen! Laß mich deiner Liebe eingedenk sein, die meine Väter auf »Adlerfittigen«, getragen, und wenn die Sorge meinen Sinn umwölkt, wenn Leiden mich treffen und Feindschaft mich verfolgt, oder wenn Verführungen mich umringen, o, laß mich da auf die Vögel des Himmels sehen, die ihre Zeit kennen, und laß mich von ihnen lernen, daß der Tag kommen wird, wo ich dorthin zurückwandern werde, wo eine wärmere Sonne scheint, und Freude, Wonne und Herrlichkeit weilt bei dir in aller Ewigkeit.

Abendgebet.

Durch deinen Beistand, allgütiger Gott, habe ich wiederum meinen Tag zu Ende gebracht, und wie deine Güte mich heute vor jedem Unglück bewahrt hat, so wirst du mir auch Erquickung in meiner nächtlichen Ruhe verleihen. Im Schlaf will ich alle Mühe und Beschwerden, jeden Kummer und jeden Schmerz vergessen. So wird deine ewige Liebe nicht müde, mir Gutes zu erweisen, und doch erkenne ich dies so wenig. Ja, muß ich nicht in dieser Stunde deiner Güte danken, daß, während du die Stille der Nacht um mich her verbreitest und meinem müden Körper Ruhe schenkst, du auch alles Toben der Leidenschaft und der Angst und Sorge in meiner Brust verstummen läßt und meiner Seele Ruhe gibst? O »so wehet dein schützendes Panier in Liebe über meinem Haupte(Hohelied 2, 4.)«, und nur im Vertrauen auf diese Liebe wage ich es, dich zu bitten, mir Ruhe und Erholung in dieser Nacht zu schenken. Denn sollte ich Rechenschaft über das Werk des verschwundenen Tages ablegen, o, dann müßte ich ausrufen: »Herr! gehe nicht ins Gericht mit mir!«—Ach, die Stille auf Erden sagt mir:»Du wachest in deiner Wohnung!« Je weniger das Irdische meinen Geist zerstreut und meine Gedanken verwirret, desto tiefer fühle ich meinen Abstand von dir, doch ich weiß, du gedenkst, daß ich Staub bin und erbarmst dich über mich wie ein liebender Vater, ich weiß, daß du gern den Seufzer deines reuigen Kindes hörst und das erfüllst, was es begehret. O, so verlaß mich nicht, du Israels Hüter, in dieser Nacht. Breite aus das Banner deiner Liebe über mich (meine Gattin, meine Kinder, meine Eltern u. s. w.); bewahre unsere Stadt vor allen Schrecken, und erquicke mich mit einem ruhigen Schlafe, daß ich morgen mit erfrischter Kraft erwache zu deiner Ehre. Nimm auch deinen Geist nicht von mir, und lass mich noch lange Zeugnis ablegen, dass deine Gnade, o Herr, von Ewigkeit zu Ewigkeit währt denen, die dich fürchten, und deine Huld ihren Kindeskindern«.

Kategorie: Gebete für Israeliten

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Rabbiner Abraham Alexander Wolffs Gebetbuch (geboren am 29. April 1801 in Darmstadt und gestorben am 3. Dezember 1891 in Kopenhagen) ist ein orthodoxes Gebetbuch mit zusätzlichen Gebeten in deutscher Sprache. 1856 erschien die dänische Ausgabe und erst später die deutsche Übersetzung. Die vorliegende Ausgabe präsentiert die Texte Wolffs mit einigen hebräischen Ergänzungen, in einer anderen Ordnung und mit einigen zusätzlichen Texten aus der gleichen Zeit.