{"id":5148,"date":"2020-02-14T16:37:55","date_gmt":"2020-02-14T14:37:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?page_id=5148"},"modified":"2020-02-19T09:57:38","modified_gmt":"2020-02-19T07:57:38","slug":"die-hauptprozesse-der-neueren-geschichte-der-juden","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-neueste-geschichte-des-juedischen-volkes-1789-1914\/die-hauptprozesse-der-neueren-geschichte-der-juden\/","title":{"rendered":"Die Hauptprozesse der neueren Geschichte der Juden"},"content":{"rendered":"<h2>Emanzipation und Reaktion<\/h2>\n<p>Die neuere Geschichte der Juden in dem Zeitabschnitt zwischen 1789 und 1905, vom Beginne der ersten franz\u00f6sischen bis zur ersten russischen Revolution, bietet uns zwei einander parallellaufende Reihe von Prozessen.<br \/>\nIn der politischen Geschichte des Volkes wird die b\u00fcrgerliche Emanzipation (oder der Kampf um diese) von der Reaktion (einer allgemeinen oder speziell antij\u00fcdischen) abgel\u00f6st. Dementsprechend geht in der Kulturgeschichte die Abl\u00f6sung der Assimilation durch die nationale Bewegung oder wohl ein Wetteifern der einen mit der anderen vor sich. Diese zwei Reihen, die ihrerseits ihren Ursprung in den fr\u00fcheren Stadien des geschichtlichen Bebens der Judenheit haben, werden in der Verkettung der Geschehnisse der neueren Geschichte durch zahlreiche F\u00e4den ineinander verwoben. Der Ausdruck. Emanzipation\u00ab zur Bezeichnung einer auf gesetzgeberischem Wege durchgef\u00fchrten rechtlichen Gleichstellung der Juden mit allen anderen B\u00fcrgern des Bandes ist ein Erzeugnis der neuesten Zeit. Unter der Herrschaft der alten Gesellschaftsordnung, in der die Juden die Stellung nicht einer Gruppe von B\u00fcrgern, sondern die einer au\u00dferhalb der B\u00fcrgerschaft stehenden Kaste einnahmen, die vom Staate kraft einer besonderen Verg\u00fcnstigung ein beschr\u00e4nktes Quantum von Rechten zuerteilt bekam, konnte wohl die Rede von Rechten nicht aber von einem Rechte, von b\u00fcrgerlicher Gleichberechtigung sein.<br \/>\nErst mit dem Moment des Entstehens des modernen Rechtsstaates, der den alten Polizei- und St\u00e4ndestaat abl\u00f6ste, konnte die \u00bbEmanzipation\u00ab zu einem politischen Faktum werden. Dieser Moment trat in Europa f\u00fcr Frankreich im Jahr 1789, f\u00fcr die anderen B\u00e4nder des Westens im Verlaufe des 19., f\u00fcr Russland tritt er im 20. Jahrhundert ein.<br \/>\nIn dem Ma\u00dfe, wie die neue konstitutionelle Ordnung in verschiedenen B\u00e4ndern Wurzel fasste, machte der Emanzipationsprozess in der Regel eine ganze Reihe von Stadien durch. Schon bei der Festlegung der neuen Ordnung wurde die Emanzipation blo\u00df mitgedacht, als eine Folgerung aus dem in den Grundgesetzen vorgezeichneten allgemeinen Dogma von der b\u00fcrgerlichen Gleichheit (\u00bbDeklaration der Rechte\u00ab, die ersten Paragraphen der europ\u00e4ischen Konstitutionen). Die allgemeinen Formeln der b\u00fcrgerlichen Gleichheit erwiesen sich jedoch als ungen\u00fcgend f\u00fcr die juridische Fixierung der Gleichberechtigung, der Juden. Es erhoben sich laute Stimmen, dass das Grundgesetz der Gleichheit auf die Juden nicht ausgedehnt werden d\u00fcrfe. So lagen die Dinge nach der Ver\u00f6ffentlichung der Deklaration der Rechte, als die b\u00fcrgerliche Gleichheit eben im Entstehen begriffen war. Dann entspann sich eine spezielle Er\u00f6rterung der j\u00fcdischen Frage (in der franz\u00f6sischen Nationalversammlung der Jahre 1789\u20141791 und.in den deutschen und. \u00f6sterreichischen Parlamenten des Jahres 1848), und nach einigem Schwanken wurde die Gleichberechtigung kraft der Notwendigkeit in formeller Weise gesetzlich best\u00e4tigt, denn es erwies sich als unm\u00f6glich, die Rechtlosigkeit des einen Teils der Bev\u00f6lkerung mit der erneuerten staatlichen Ordnung, zu vereinbaren. Aber auch diese spezielle Anerkennung der j\u00fcdischen Gleichberechtigung stie\u00df auf Hindernisse zweifacher Art: entweder war es die nach der Revolution einsetzende Reaktion, die die Grundgesetze aufhob, nachdem die erstere der Regierung die konstitutionelle Gesetzgebung abgerungen hatte, oder es war die christliche Gesellschaft, die sich mit der faktischen Gleichberechtigung der Juden nicht abfinden konnte.<br \/>\nIm ersteren Falle wurde die Gleichberechtigung auf juridischem Wege abgeschafft, im letzteren wurde deren praktische Verwirklichung faktisch verhindert. Reaktionen, die von Regierungen ausgehen, tragen einen vor\u00fcbergehenden Charakter, und die abgeschafften Konstitutionen treten nach einiger Unterbrechung in voller oder eingeschr\u00e4nkter Gestalt wieder in Kraft. Einen bei weitem dauernderen Charakter nehmen die gesellschaftlichen. Reaktionen an, die der Widerstand, den die christliche Gesellschaft der Verwirklichung der juridisch bereits anerkannten Emanzipation entgegensetzt.<br \/>\nEine derartige Reaktion tritt oft in der Form eines organisierten Kampfes auf (der Antisemitismus im Westen). Mancherorten ist sie nicht gegen die bereits&#8216; gesetzlich anerkannte Emanzipation gerichtet, sondern gegen den von den Juden &#8218;eingeleiteten Kampf f\u00fcr ihre Freiheit mit einem sich z\u00e4h behauptenden alten Regime (Russland). Auf Grund all dieser vorhin erw\u00e4hnten Prozesse l\u00e4sst sich eine Einteilung der neuesten politischen Geschichte der Juden in Zeitalter vornehmen, die im allgemeinen mit der der neuesten Geschichte Europas zusammenf\u00e4llt, und die folgenderma\u00dfen dargestellt werden kann:<br \/>\nDas Zeitalter der ersten Emanzipation, der franz\u00f6sischen (1789\u20141815), als. Frankreich seine Juden emanzipierte, und die anderen Staaten unter dem Einfluss der siegreichen Republik und des napoleonischen Kaiserreiches die Gleichheit aller B\u00fcrger vor dem Gesetz konstituierten oder Schritte zur Besserung der\u00ab b\u00fcrgerlichen Rage der Juden machten (Holland, Teile Italiens und Deutschlands, bis zu einem gewissen Grade Russland zu Beginn der Regierung Alexanders I.);<br \/>\n2. Das Zeitalter der ersten Reaktion, einer allgemeinpolitischen (1815\u20141840), als die Emanzipation allerorten, Frankreich und Holland ausgenommen, von einer g\u00e4nzlichen oder teilweisen R\u00fcckkehr zur ersten b\u00fcrgerlichen Entrechtung der Juden abgel\u00f6st wurde; .-D.as Zeitalter der zweiten Emanzipation der deutschen (1848\u20141881), als die Festlegung des konstitutionellen Regimes vornehmlich in den L\u00e4ndern deutscher Kultur zur juridischen (aber nicht \u00fcberall faktischen) Gleichberechtigung der Juden im Westen f\u00fchrte, und als die \u00bbEpoche der gro\u00dfen Reformen in Russland\u00ab die Emanzipationsbewegung und den Kampf um die Emanzipation innerhalb der \u00f6stlichen Judenheit ins Leben rief. 4. Das Zeitalter der zweiten Reaktion, der antisemitischen (1881\u2014190Z), als der gesellschaftliche Antisemitismus des westlichen Europas zu einer Macht wurde, die in vielen L\u00e4ndern der faktischen Durchf\u00fchrung der vollen b\u00fcrgerlichen und politischen Gleichberechtigung der Juden Hindernisse in den Weg legte, und die Judenfeindschaft des reaktion\u00e4ren Russlands f\u00fcr den Kern der Judenheit ein Regime von Pogromen und der sch\u00e4ndlichsten Entrechtung schuf.<\/p>\n<h2>Assimilation und nationale Bewegung<\/h2>\n<p>In engem Zusammenh\u00e4nge mit dem zwiesp\u00e4ltigen \u00e4u\u00dferen Prozess der Emanzipation und Reaktion befindet sich der zwiesp\u00e4ltige innere Prozess der Assimilation und der Nationalisierung. Unter Assimilation versteht man entweder das naturnotwendige Verschlungen werden des Juden von der Kultur der herrschenden Umgebung, das zu der Einbu\u00dfe des j\u00fcdischen national-kulturellen Typus f\u00fchrt, oder auch das formelle Verzichtleisten des Juden auf seine von der Religiosit\u00e4t als solcher unabh\u00e4ngige nationale Eigenart und das Angegliedert werden an die herrschende Nation in jedem einzelnen Lande.<br \/>\nDieser Entnationalisierung liegen zwei verschiedenartige Triebfedern zugrunde &#8211; die humanit\u00e4re und die utilit\u00e4re. Die erstere ist in der j\u00fcdischen Geschichte nicht neu. Unter dem Einfluss gro\u00dfer weltumspannender Kulturbewegungen entfaltete zu verschiedenen Zeiten die zentrifugale Tendenz in gewissen Schichten der Judenheit eine intensivere Energie als die zentripetale, die Hinneigung zu der \u00bballgemein-menschlichen\u00ab Kultur der Peripherie \u00fcberwog die zur urw\u00fcchsigen nationalen Kultur. So war es in Pal\u00e4stina in. der Zeit der Vorherrschaft der ph\u00f6nizischen und dann der assyrisch-babylonischen Kultur, so war es in ganz Vorderasien und \u00c4gypten unter der Herrschaft der griechisch-r\u00f6mischen Kultur, so war es auch in der Zeit der arabischen Renaissance im Orient und in Spanien. Die westliche Judenheit, die jahrhundertelang ein vollst\u00e4ndig in sich abgeschlossenes Dasein f\u00fchrte, konnte der europ\u00e4ischen aufkl\u00e4rerischen Bewegung des 18. Jahrhunderts und dessen kosmopolitischer Ideologie nicht widerstehen.<\/p>\n<p>Die Epoche Mendelssohns und die der franz\u00f6sischen Revolution entwickelten in \u00abden oberen Schichten der j\u00fcdischen Gesellschaft eine ungeheure zentrifugale Kraft. Ihr Losungswort lautete: Vom Nationalen zum Allgemein-Menschlichen. Es begann der Prozess des Anschlusses der Juden an die westliche Kultur.<br \/>\nDa es aber im Westen in der Wirklichkeit gar keine einheitliche Kultur gab, sondern immer nur eine deutsche oder franz\u00f6sische und \u00fcberhaupt eine solche, die dieses oder jenes nationale Gepr\u00e4ge je nach dem Typus der Sprache, der Schule und der Literatur der herrschenden Nation trug, so machten sich auch die verschiedenen Gruppen des j\u00fcdischen Volkes in jedem Lande die entsprechende nationale Kultur zu eigen, d. i. sie verschmolzen mit den Franzosen, den Deutschen usw.<br \/>\nDie humanistische Bewegung artete in den Verzicht auf die j\u00fcdische Nationalit\u00e4t zugunsten der fremden Kultur des gegebenen Landes oder der gegebenen Provinz aus. W\u00e4re nun diese nat\u00fcrliche zentrifugale Bewegung (bei der unnat\u00fcrlichen Lage des j\u00fcdischen Volkes in der Diaspora) sich selber \u00fcberlassen geblieben, so w\u00e4re sie mit der Zeit durch die normale Gegenwirkung ihrer Nebenbuhlerin in Schach gehalten worden; der verderbliche Prozess der Assimilation w\u00e4re in den dichten Massen des Volkes auf die alte elementare Tendenz nach dem Nationalen hingesto\u00dfen. Aber hier kamen zu den humanit\u00e4ren Beweggr\u00fcnden solche utilit\u00e4re Natur hinzu. In das Ringen um die Emanzipation wurde auch die Assimilation mit hineingezogen und diente als eine Kampfeslosung.<br \/>\nDie christlichen Gegner der Emanzipation suchten nachzuweisen, dass die Gleichberechtigung unm\u00f6glich einer abgesonderten Menschengruppe mit allen Merkmalen einer selbst\u00e4ndigen Nationalit\u00e4t verliehen werden k\u00f6nne. Das Argument des Abbe Maurice in der ber\u00fchmten Sitzung der Nationalversammlung im Dezember 1789: \u00bbdas Wort Jude ist nicht der Name einer Sekte, sondern der einer\u00ab Nation\u00ab wurde von den Gegnern der Emanzipation im Verlaufe des ganzen 19. Jahrhunderts in allen L\u00e4ndern ausgenutzt.<br \/>\nDarauf erwiderten die Verfechter der Emanzipation mit den charakteristischen Worten des Clermont-Tonnerre in derselben Sitzung: \u00bbDen Juden als Nation ist alles zu verweigern, den Juden als Menschen ist alles zu gew\u00e4hren.\u00ab Nach langwierigem Kampfe trugen die Verfechter der Emanzipation den Sieg davon: die b\u00fcrgerliche Gleichberechtigung wurde den Juden in der Annahme gew\u00e4hrt, dass sie in dem gegebenen Lande keine nationale; sondern eine religi\u00f6se Gruppe innerhalb der herrschenden Nation bilden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Als Napoleon I. bereits nach dem Erlasse des Emanzipationsaktes.im Jahr 1791 \u00fcber das Verhalten der Juden selber zu dieser Frage in Zweifel geriet, lie\u00df er in Paris eine Versammlung j\u00fcdischer Vertreter aus dem ganzen franz\u00f6sischen Reiche einberufen und rang ihnen unter Androhung der b\u00fcrgerlichen Entrechtung die Formel der nationalen Selbstverleugnung ab (\u00bbAujourd\u2019hui que les juifs ne forment plus une nation1 et qu\u2019ils ont l\u2019avantage d\u2019etre incorpores dans la grande Nation\u00ab\u2026). Das Pariser Sanhedrin stand vor dem Dilemma: entweder das Judentum zu einer Nationalit\u00e4t und nicht Konfession zu erkl\u00e4ren und der Wohltaten der b\u00fcrgerlichen Freiheit, die sich auf das gesamte Napoleonische Reich erstreckte, mit einem Male verlustig zu gehen, oder aber sich durch das Eingest\u00e4ndnis, nichts weiter als Bestandteile der umgebenden Nationen des jeweiligen Staates zu sein, von seiner Nationalit\u00e4t loszusagen, und auf diese Weise die Gleichberechtigung zu erringen. Die utilit\u00e4ren Erw\u00e4gungen gewannen die Oberhand, und der Abdikationsakt wurde unterzeichnet.<br \/>\n\u00dcbrigens konnten viele einen derartigen Akt f\u00fcr sich und f\u00fcr ihre Gesinnungsgenossen bona fide unterschreiben, denn die Zahl der kulturell assimilierten Juden im Westen war schon damals sehr bedeutend und nahm mit jedem Jahre zusehends zu. Eine der wichtigsten Ursachen dieses Wachstums der Assimilation bestand darin, dass die gebildeten Klassen der deutschen und der franz\u00f6sisch-els\u00e4ssischen Judenheit ihren Volksdialekt aufgegeben hatten, was durch die Propaganda der Mendelssohnschen Schule seit der deutschen Bibel\u00fcbersetzung vorbereitet worden war. Die allgemeine Landessprache ebnete der Verdeutschung und Franz\u00f6sierung den Weg in die j\u00fcdische Familie und die j\u00fcdische Schule. Die neuen Generationen wurden schon durch die Erziehung dem Judentum entfremdet. Die Generationen des \u00bbBerliner Salons\u00ab; B\u00f6rne und Heine; Lassalle und Marx &#8211; das sind drei Etappen einer mehr und mehr zunehmenden Entfremdung. Wahr ist es allerdings, dass sich eine parallel laufende Str\u00f6mung in der Generation der Erbauer des erneuerten Judentums, der eines Friedl\u00e4nder und Jakobsohn, eines Rie\u00dfer und Geiger herausbildete, aber was war es denn, was diese den umgebenden Nationen im Namen des eigenen Volkes sagten? Sie wiederholten das Losungswort des Pariser Synhedrions: \u00bbWir geh\u00f6ren der Nationalit\u00e4t nach den umgebenden Nationen an; es gibt keine j\u00fcdische Nation, sondern nur Deutsche, Franzosen, Engl\u00e4nder, die sich zur j\u00fcdischen Religion bekennen.\u00ab In diesen Erkl\u00e4rungen, die f\u00fcr gew\u00f6hnlich im Eifer des Kampfes abgegeben wurden, verwachsen humanit\u00e4re und rein utilit\u00e4re Erw\u00e4gungen derart miteinander, dass es schwer wird, zu ermitteln, wo die einen enden und die anderen beginnen. \u00dcberall, wo die Emanzipationsk\u00e4mpfer des v\u00f6lligen Verschwindens des Judentums als Nation nicht ganz sicher waren, befahl ihnen ein gebieterischer Instinkt: so soll geredet werden &#8211; sonst werden wir nicht imstande sein, f\u00fcr die Gleichberechtigung zu k\u00e4mpfen und den Kampf gl\u00fccklich durchzuf\u00fchren. Der Gedanke, dass eine Nation ohne Staat und selbst ohne Territorium berechtigt sei, staatsb\u00fcrgerliche Rechte in vollem Ma\u00dfe samt solcher nationalen Art zu fordern, ist in den K\u00f6pfen noch nicht aufged\u00e4mmert. In der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts ist die nationale Frage in der politischen Geschichte Europas noch nicht an die Reihe gekommen; sie tritt erst in der zweiten H\u00e4lfte des Jahrhunderts nach den vielen, im Jahr 1848 einsetzenden nationalen Freiheitsk\u00e4mpfen in den Vordergrund. F\u00fcr einen Moment konnte es den Anschein gewinnen, dass das 19. Jahrhundert in der j\u00fcdischen Geschichte eine tiefe Furche, gezogen habe. Es schien, dass die \u00e4lteste Nation, die ihren Bestand im Verlaufe von Jahrhunderten durch alle St\u00fcrme der Weltgeschichte hindurch rettete, gegen den Ansturm des 19. Jahrhunderts nicht mehr aufzukommen vermochte, dass sie nachgab, sich selber verleugnete und zu einer religi\u00f6sen Sekte degradierte, deren Bruchteile in die umgebenden Nationen versprengt sind?&#8216; Es schien, dass die <em>bona fides<\/em> der einen und die pia frans der anderen in den Erkl\u00e4rungen der nationalen Selbstverleugnung, oder richtiger gesagt, die aus diesen beiden Elementen bestehende Mischung von den V\u00f6lkern in gutem Glauben hingenommen wurde, dass die im Westen bereits zustande gekommene Krisis auch im Osten ihrer Verwirklichung unvermeidlich entgegenschreitet. Hier aber vollzog sich eine Krise der Krise. Der angehende Prozess des nationalen Zerfalls wurde, durch zwei Faktoren, von denen der eine negativer, der andere positiver Natur war, gebieterisch zum Stillstand gebracht &#8211; durch den westlichen Antisemitismus einerseits und durch das Schicksal des Kerns der Judenheit in Russland andererseits. Die Antisemiten aller R\u00e4nder sagten den Juden, die die Emanzipation auf dem Wege der nationalen Selbstverleugnung erworben hatten: \u00bban eure Selbstverleugnung glauben wir nicht; bei all euren Bem\u00fchungen, mit uns zu verschmelzen, bleibt ihr uns fremd; ihr seid nicht nur Andersgl\u00e4ubige, sondern auch Fremdst\u00e4mmige.\u00ab<\/p>\n<p>Das Schicksal der russischen Judenheit wiederum verhalf vielen zu einer klaren geschichtlichen Erkenntnis, die sie eingeb\u00fc\u00dft hatten. Seit der kulturellen Umw\u00e4lzung der Epoche Mendelssohns und der franz\u00f6sischen Revolution gingen die Wege der westlichen und \u00f6stlichen Judenheit auseinander; die fr\u00fchere, auf einer strengen b\u00fcrgerlichen und nationalen Absonderung aufgebaute Vorherrschaft der deutsch-polnischen Juden erfuhr eine Entzweiung ihres Wesens; die deutschen Juden verwarfen ihre alte Grundlage und schlugen den Weg der Aufkl\u00e4rung und der Assimilation ein; die polnischen Juden hingegen, die inzwischen unter vornehmlich russische und \u00f6sterreichische Herrschaft gerieten, bewahrten ihre Eigenart und erwiesen sich den neuen kulturellen Einfl\u00fcssen schwer zug\u00e4nglich. Diese vom Westen hin\u00fcberkommenden Einfl\u00fcsse, die auch in den Osten eindrangen, verschafften auch hier der Assimilation, dem Kampf um die b\u00fcrgerliche Gleichberechtigung und sogar den bew\u00e4hrten Methoden der Selbstverleugnung Eingang. (Die Periode zwischen 1860\u20141880.) Aber kaum fasste die kulturelle Krise in den tieferen Schichten der Gesellschaft festen Fu\u00df, als die Reaktion der Jahre 1881\u20141905 mit ihren mittelalterlichen Verfolgungen und Pogromschrecken ausbrach. Die Schl\u00e4ge hagelten auf den \u00f6stlichen Kern der Judenheit in einem Moment nieder, als einerseits in der dichtesten Masse der Bev\u00f6lkerung der alte Vorrat an nationaler Energie noch nicht versiegt war, andererseits an den intelligenten Spitzen der Gesellschaft sich ein gewisses Quantum neuer sozialer Energie ansammelte, die zu einem Kampf um die Freiheit dr\u00e4ngte. Die Verbindung dieser beiden Elemente rief eine kompliziertere Form des Daseinskampfes ins Leben, als es im Westen der Fall war: die nationale Freiheitsbewegung.<\/p>\n<p>Die neue Bewegung fiel in zwei Richtungen auseinander: die eine ist auf die Ausscheidung der Judenheit oder eines Teiles derselben aus der Welt der Diaspora zum Zwecke einer Reorganisation auf autonomer Grundlage gerichtet. (Zionismus, Territorialismus); die andere, die eine derartige Ausscheidung in einem Ma\u00dfe, das f\u00e4hig w\u00e4re, das ganze Leben der Nation zu beeinflussen, f\u00fcr undurchf\u00fchrbar h\u00e4lt, strebt auf dem Weg eines gleichzeitigen Kampfes lim, b\u00fcrgerliche und nationale Rechte in jedem Lande eine national-kulturelle Wiederbelebung des j\u00fcdischen Volkes in der Diaspora an. Die-Vertreter der beiden Richtungen sind sich darin einig, dass die Juden den Kampf um ihre Freiheit nicht als Partikelchen fremder nationaler Organismen, sondern als Teile einer geschichtlich einheitlichen j\u00fcdischen Nation auszufechten haben. Im Momente der russischen Revolution des Jahres 1905, als der Kampf um die Emanzipation von der Mehrheit der j\u00fcdischen politischen Parteien unter j\u00fcdisch-nationaler Flagge gef\u00fchrt wurde, fanden diese Bestrebungen in bestimmten politischen Losungen ihren vollen Ausdruck. Wenn diese ganze Freiheitsbewegung durch die fatalen Bedingungen der russischen Wirklichkeit nicht diesen schweren Sto\u00df erlitten h\u00e4tte, so w\u00e4ren wir Zeugen einer dritten \u00bbEmanzipation\u00ab, der russischen, geworden, einer Emanzipation, die nicht unter einem russisch-nationalen Deckmantel, sondern Millionen russischer B\u00fcrger j\u00fcdischer Nationalit\u00e4t dargeboten worden w\u00e4re. Aber das Schicksal wollte es, dass der Moment dieser dritten Emanzipation hinausgeschoben, und einer neuen grausamen Reaktion der Weg geebnet wurde. Die innere Krise hat sich jedoch vollzogen. Der kulturelle Einfluss des j\u00fcdischen Westens auf den Osten machte gegen das Ende des Zeitalters dem entgegengesetzten Einfluss des Ostens auf den Westen Platz; die assimilatorische Str\u00f6mung \u00fcberl\u00e4sst nach und nach der nationalen in ihrer modernen Gestalt die F\u00fchrung; die erstere war typisch f\u00fcr das 19., die letztere verspricht es f\u00fcr das 20. Jahrhundert zu werden.<\/p>\n<p class=\"Zentriert\">\n<img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/absatz.png?resize=127%2C32&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"127\" height=\"32\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1945\" \/><br \/>\n<strong>Simon Dubnow<\/strong><br \/>\n<strong>Die neueste Geschichte des j\u00fcdischen Volkes 1789 \u2013 1914<\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-neueste-geschichte-des-juedischen-volkes-1789-1914\/\">Zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Emanzipation und Reaktion Die neuere Geschichte der Juden in dem Zeitabschnitt zwischen 1789 und 1905, vom Beginne der ersten franz\u00f6sischen bis zur ersten russischen Revolution, bietet uns zwei einander parallellaufende Reihe von Prozessen. 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