{"id":5177,"date":"2020-02-21T15:51:26","date_gmt":"2020-02-21T13:51:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?page_id=5177"},"modified":"2020-02-21T15:51:26","modified_gmt":"2020-02-21T13:51:26","slug":"die-emanzipation-der-juden-in-frankreich-unter-der-revolution-und-dem-kaiserreich","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-neueste-geschichte-des-juedischen-volkes-1789-1914\/die-emanzipation-der-juden-in-frankreich-unter-der-revolution-und-dem-kaiserreich\/","title":{"rendered":"Die Emanzipation der Juden in Frankreich unter der Revolution und dem Kaiserreich"},"content":{"rendered":"\n<h2>Der Kampf um die Gleichberechtigung auf dem Boden der Deklaration der Rechte.<\/h2>\n<p>Im historischen Fr\u00fchling des Jahres 1789, als die Generalstaaten Frankreichs, die sich bald darauf in die konstituierende Versammlung verwandelten, in Paris zusammengetreten waren, erkannten die franz\u00f6sischen Juden, dass die heranrollende Freiheitswelle auch sie aus den Tiefen der Rechtlosigkeit mit in die H\u00f6he ziehen k\u00f6nnte. An der sozialen Bewegung, die der Einberufung der Volksvertreter vorangegangen war, konnten sich die vom staatsb\u00fcrgerlichen Reben ferngehaltenen j\u00fcdischen Massen nicht beteiligen; sie w\u00e4hlten keine Abgeordneten und \u00e4u\u00dferten keine W\u00fcnsche in \u00bbInstruktionen\u00ab. Einigen Anteil an der Wahlkampagne nahm nur eine einzige Gruppe naturalisierter Juden im s\u00fcdlichen Frankreich (die sogenannten Portugiesen oder Sephardim); in Bordeaux fanden sich einige j\u00fcdische W\u00e4hler, und einem von ihnen mangelte es blo\u00df an einigen Stimmen, um Abgeordneter werden zu k\u00f6nnen (David Gradis). Allein die Verfechter j\u00fcdischer Interessen in den n\u00f6rdlichen Gebieten r\u00fcsteten sich auf ihre Weise zum Kampf um ihre Rechte. Der Kampf wurde auch \u2018durch die Notwendigkeit der Selbstwehr hervorgerufen, denn in vielen Bezirken der j\u00fcdischen Ansiedelungszone &#8211; Elsass-Lothringen \u2014 erteilten die christlichen W\u00e4hler aus den beiden ersten St\u00e4nden ihren Abgeordneten judenfeindliche Instruktionen. In den Bist\u00fcmern Kolmar und Schlettstadt verlangte die Geistlichkeit, dass in jeder j\u00fcdischen Familie nur dem \u00e4ltesten Sohne die Ehe gestattet werde, um \u00bbdie \u00fcberm\u00e4\u00dfige Vermehrung dieses Stammes\u00ab zu verhindern; der Adel dieser Gegend \u00e4u\u00dferte die Ansicht, dass schon die blo\u00dfe Existenz der Juden ein \u00bbgesellschaftliches Ungl\u00fcck\u00ab bedeute; die Stadt Stra\u00dfburg beharrte auf ihrem alten \u00bbVorrecht\u00ab &#8211; die Juden aus ihrem Gebiete auszuweisen. Die judenfeindlichen Tendenzen der Geistlichkeit und des Adels fanden oft auch in den Instruktionen an die Abgeordneten des dritten Standes ihren Ausdruck. Wenn in Paris und in anderen kulturellen Zentren (Metz) den Abgeordneten eingesch\u00e4rft wurde, \u00bbdie Tage der Juden in Erw\u00e4gung zu ziehen\u00ab und f\u00fcr deren Gleichberechtigung einzutreten, so gab sich im Elsass auch der dritte Stand alle M\u00fche, dem Wachstum der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung einen Damm entgegenzusetzen, ihrer gewerblichen T\u00e4tigkeit, insbesondere auf dem Gebiete der Kreditversorgung, enge Grenzen zu ziehen, und selbst einzelne j\u00fcdische Gemeinden zu beseitigen. Die meisten Els\u00e4sser w\u00fcnschten &#8211; am Vorabende der Revolution &#8211; eine neue vermehrte Auflage des drakonischen Regimentes des Jahres 1784 herbei. <\/p>\n<div id=\"attachment_5179\" style=\"width: 234px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5179\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Cerf_Berr_f38847371.jpg?resize=224%2C300&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" class=\"size-medium wp-image-5179\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Cerf_Berr_f38847371-scaled.jpg?resize=224%2C300&amp;ssl=1 224w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Cerf_Berr_f38847371-scaled.jpg?resize=763%2C1024&amp;ssl=1 763w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Cerf_Berr_f38847371-scaled.jpg?resize=768%2C1030&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Cerf_Berr_f38847371-scaled.jpg?resize=1145%2C1536&amp;ssl=1 1145w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Cerf_Berr_f38847371-scaled.jpg?resize=1527%2C2048&amp;ssl=1 1527w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Cerf_Berr_f38847371-scaled.jpg?resize=420%2C560&amp;ssl=1 420w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Cerf_Berr_f38847371-scaled.jpg?w=1908&amp;ssl=1 1908w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Cerf_Berr_f38847371-scaled.jpg?w=1680&amp;ssl=1 1680w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><p id=\"caption-attachment-5179\" class=\"wp-caption-text\">Cerf Berr &#8211; von einem unbekannten K\u00fcnstler \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/fr\/deed.en\">CC BY-SA 2.0 FR<\/a><\/p><\/div>\n<p>Gegen diese Bestrebungen traten die Verfechter j\u00fcdischer Interessen aus Elsass und Lothringen auf. Dem \u00bbGeneralsyndikus\u00ab der els\u00e4ssischen Juden Cerf-Berr gelang es nach langwierigen Bem\u00fchungen, von der Regierung Neckers die Erlaubnis zur Einberufung eines Kongresses von Bevollm\u00e4chtigten aus den j\u00fcdischen Gemeinden dreier Provinzen (Elsass>. Lothringen und Metz) zu erwirken und der Regierung ihre W\u00fcnsche darzutun. Die Beratungen der j\u00fcdischen Bevollm\u00e4chtigten begannen im Mai 1789, als die Generalstaaten bereits zusammengetreten waren; es wurde eine Anzahl bescheidener Forderungen aufgestellt, die s\u00e4mtlich nicht etwa auf die g\u00e4nzliche Abschaffung der j\u00fcdischen Rechtlosigkeit &#8211; daran wagte damals niemand zu denken &#8211; sondern lediglich auf die Milderung der gr\u00f6\u00dften H\u00e4rten hinzielten&#8230; Allein die Sommerereignisse des gro\u00dfen Jahres, die eine neue politische \u00c4ra in Frankreich er\u00f6ffneten, gaben auch der j\u00fcdischen Frage eine neue Wendung. Die Julitage des Jahres 1789 brachten dem Juden zugleich Freude und Kummer. <\/p>\n<p>Die Juden der Stadt Paris sahen die niedergerissene Bastille, die Dem\u00fctigung des Despotismus und den Triumph des Volkes. Die Ghettobewohner, die gestern noch vor jedem Polizeileutnant, der jeden Beliebigen dieser \u00bbRechtlosen\u00ab aus der Hauptstadt ausweisen konnte, zitterten, waren mit einem Male in andere Wesen verwandelt: der belebende elektrische Strom, der den Organismus Frankreichs durchrieselte, ber\u00fchrte auch sie. In Paris begannen Gruppen von Juden in die Armee der Freiheit, in die Nationalgarde einzutreten; das gleiche geschah in Bordeaux.<br \/>\nAber zur selben Zeit (Ende Juli) kamen aus dem schlimme Nachrichten: im Zusammenhang mit den Bauernaufst\u00e4nden in den l\u00e4ndlichen Provinzen wurden j\u00fcdische Wohnungen gepl\u00fcndert. Die durch den jahrhundertelangen Druck aufs \u00e4u\u00dferste gereizten Bauern begannen die Schl\u00f6sser und Herreng\u00fcter des Adels, mitunter aber auch die Wohnungen der Juden in den D\u00f6rfern zu pl\u00fcndern, wobei sie es besonders auf die Vernichtung der Schuldverschreibungen und der Handelsb\u00fccher ihrer Gl\u00e4ubiger absahen.<br \/>\nDie durch den Adel gedem\u00fctigten Juden wurden nach dem Ausspruche eines Geschichtsschreibers zu Leidensgef\u00e4hrten ihrer Unterdr\u00fccker. Mehr als tausend Juden fl\u00fcchteten, ihr Hab und Gut der Willk\u00fcr der Pl\u00fcnderer preisgebend. In der schweizerischen Stadt Basel fanden sie zeitweilige Unterkunft. Der Schmerzensschrei der els\u00e4ssischen Juden drang bis zur Nationalversammlung. Ein freiheitsliebender Geistlicher, der sich die Befreiung der Juden zur Lebensaufgabe machte, erhob seine Stimme zugunsten der Verfolgten. Der Abgeordnete der Nationalversammlung Abbe Gregoire aus Nancy (Verfasser einer noch vor der Revolution geschriebenen leidenschaftlichen Apologie des Judentums) war im Begriffe, mit einer Rede zugunsten der Gleichberechtigung der Juden hervorzutreten, als die Kunde von den els\u00e4ssischen Judenpl\u00fcnderungen ihn veranlasst die Rednertrib\u00fcne zu besteigen, um f\u00fcr die Entrechteten Sicherheit des Lebens und Schutz des Eigentums zu fordern.<br \/>\nMit sichtlicher Teilnahme h\u00f6rte die Versammlung die Rede des aufgeregten Abbes (in der Sitzung vom 3. August) an und ging zur Tagesordnung \u00fcber. In dem Moment, als sie sich anschickte, das uralte Problem, die Abschaffung der Leibeigenschaft in radikaler Weise zu l\u00f6sen, konnte sie nicht l\u00e4nger bei einem Ereignis verweilen, das sie f\u00fcr eine Episode der Agrarbewegung hielt. Unter der Wirkung des wuchtigen Protestes der Volksmassen gegen die feudale Herrschaft fasste die Nationalversammlung in der ber\u00fchmten Nacht auf den 4. August den Beschluss, die feudale auf Leibeigenschaft beruhende Ordnung abzuschaffen. Die Judenfrage kam in der Nationalversammlung bei der Er\u00f6rterung der Punkte \u00bbder Deklaration der Rechte des Menschen und B\u00fcrgers\u00ab zum ersten Mal zur Sprache. Am 22. August wurde der Punkt \u00bbvon der Toleranz\u00ab in der folgenden Formulierung des Abgeordneten de Castellaux behandelt: \u00bbNiemand! darf wegen seiner religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen verfolgt werden.\u00ab Die konservativen Abgeordneten wollten die katholische Religion als die herrschende anerkannt wissen, indem sie den Andersgl\u00e4ubigen gegen\u00fcber \u00bbDuldsamkeit\u00ab einr\u00e4umten. Da erschien auf der Rednertrib\u00fcne der aufs tiefste entr\u00fcstete Mirabeau. \u00bbEine herrschende Religion!\u00ab &#8211; rief er aus. \u00bbM\u00f6ge dieses tyrannische Wort aus unserer Gesetzgebung ausgemerzt werden! Denn wenn ihr eine derartige Bezeichnung auf religi\u00f6sem Gebiet einmal zulasset, werdet ihr sie auch auf allen anderen Gebieten zulassen m\u00fcssen: Ihr werdet einen herrschenden Kultus, eine herrschende Philosophie und herrschende Systeme haben. Nein, nur die Gerechtigkeit allein soll herrschen; das h\u00f6chste Prinzip ist das Recht der Pers\u00f6nlichkeit; ihm soll sich alles unterordnen\u00ab&#8230; Der Donnerschleuderer der \u00bbKonstituante\u00ab fand Unterst\u00fctzung bei dem protestantischen Pastor Rabeau Saint &#8211; Etienne. Seine Rede \u00fcber die Rechte der Protestanten schloss mit den Worten:<br \/>\n\u00bbF\u00fcr die franz\u00f6sischen Protestanten, f\u00fcr alle Nichtkatholiken in unserem K\u00f6nigreich fordere ich alles, was ihr f\u00fcr euch fordert: Freiheit und gleiche Rechte! Ich fordere es auch f\u00fcr jenes, vom Boden Asiens losgerissene, seit achtzehn Jahrhunderten unterdr\u00fcckte und verfolgte Volk, das sich unsere Sitten und Gebr\u00e4uche angeeignet haben w\u00fcrde, wenn unsere Gesetzgebung es in unsere Mitte eingef\u00fchrt h\u00e4tte; wir haben auch nicht das Recht, diesem Volke seine sittlichen M\u00e4ngel vorzuwerfen, weil sie nur die Frucht unserer eigenen Barbarei sind, die Frucht jenes erniedrigenden Zustandes, zu dem wir dieses Volk ungerechterweise verdammt haben.\u00ab<br \/>\nNach langen Debatten wurde der 10. Punkt der Deklaration  \u2014 der \u00fcber die Gewissensfreiheit &#8211; in folgender Formulierung angenommen (23. August):<br \/>\n\u00bbNiemand darf wegen seiner \u00dcberzeugungen verfolgt werden, selbst wegen der religi\u00f6sen, insofern deren \u00c4u\u00dferungen der durch das Gesetz festgelegten gesellschaftlichen Ordnung nicht widersprechen.\u00ab<br \/>\nWenn gleich nach der Annahme dieses Punktes alle die sich daraus ergebenden praktischen Folgen festgelegt worden w\u00e4ren, so h\u00e4tte die Frage der Gleichberechtigung der Juden auf Grund der Deklaration der Rechte eine sofortige Entscheidung gefunden. Aber die Versammlung tat es nicht. Es ist leichter, dem Menschen die Anerkennung einer theoretischen Wahrheit abzuringen, als die Zustimmung zu deren praktischer Anwendung. Die Nationalversammlung ging zu der Behandlung der-anderen Punkte der Deklaration der Rechte und dann zu der Ausarbeitung der Grundlagen f\u00fcr die Verfassung \u00fcber. Das Toben der Revolutionsst\u00fcrme, das fortw\u00e4hrend in den Sitzungssaal der Volksvertreter eindrang, lenkte ihre Aufmerksamkeit auch von anderen speziellen Fragen ab, die sogar bedeutender als die j\u00fcdische waren. Der letzteren stand noch ein langer Leidensweg bevor. Die Proklamierung der Deklaration der Rechte und das erste wohlwollende Wort \u00fcber die Juden in der Nationalversammlung l\u00f6sten unter den j\u00fcdischen F\u00fchrern eine freudige Erregung aus. Nun konnten sie mit mehr Mut und Zuversicht jene Politik der au\u00dferparlamentarischen Beeinflussung &#8211; durch Petitionen und Deputationen &#8211; verfolgen, f\u00fcr die sie sich schon fr\u00fcher entschieden hatten.<br \/>\nAm 26. August wurde der Nationalversammlung eine vorwiegend von Vertretern der sephardischen Gemeinde Unterzeichnete Adresse der Pariser Juden unterbreitet.<br \/>\nEntz\u00fcckt von den \u00bbgro\u00dfen Akten der Gerechtigkeit\u00ab, die von der Nationalversammlung ausgehen, und der Hoffnung Ausdruck gebend, dass diese Taten eine R\u00fcckwirkung auf das Schicksal der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung nicht verfehlen werden, ersuchen die Verfasser der Bittschrift die Versammlung, in ihren Beschl\u00fcssen des j\u00fcdischen Volkes besondere Erw\u00e4hnung zu tun (faire une mention particuliere) und \u00bbseine staatsb\u00fcrgerlichen Rechte\u00ab zu sanktionieren, \u00bbdamit in diesem Punkte keine Zweifel bestehen, und der lange Druck nicht als Rechtfertigung f\u00fcr weitere Unterdr\u00fcckung diene\u00ab.<br \/>\nEinige Tage darauf lief eine ebensolche Adresse von den \u00bbVereinigten j\u00fcdischen Deputationen\u00ab aus Elsass-Lothringen ein, die sich bei der Einberufung der Generalstaaten mit bescheidenen W\u00fcnschen begn\u00fcgen wollten und um Milderung des Schicksals der Juden baten. Nun begannen die Abgeordneten eine k\u00fchnere Sprache zu f\u00fchren. \u00bbDie Revolution\u00ab, schrieben sie in ihrer Adresse, \u00bbverk\u00fcndete die Rechte des Menschen und des B\u00fcrgers: sollen denn wir Juden einzig und allein von diesem Akt ausgeschlossen sein?<br \/>\nWir werden noch bis auf den heutigen Tag unterdr\u00fcckt, und selbst in der letzten Zeit, als die Volkswut nach Opfern fahndete, wandte sie sich gegen uns, denn solange nicht die Gleichberechtigung der Juden durch einen feierlichen Erlass verk\u00fcndet ist, wird das Volk in dem Glauben leben, dass der Jude au\u00dferhalb des Gesetzes steht\u00ab. \u2013<br \/>\nIn diesen beiden Adressen, von denen die eine von den privilegierten Juden der Hauptstadt, und die andere von den j\u00fcdischen Massen der \u00bbAnsiedelungszone\u00ab ausging, f\u00e4llt eine charakteristische Meinungsverschiedenheit auf. Bei ihrer Forderung nach Gleichberechtigung erkl\u00e4ren die Pariser ihre Bereitschaft, \u00bbin unserem eigenen Interesse und dem des Gemeinwohls auf das uns gew\u00e4hrte Vorrecht, unsere eigenen, aus unserer Mitte gew\u00e4hlten und von der Regierung ernannten Vorgesetzten (d. h. auf die Gemeindeselbstverwaltung) zu verzichten.\u00ab Hingegen bitten die Els\u00e4sser dringend, uns \u00bbunsere Synagoge (Gemeinde), unsere Rabbiner, unsere Syndiker\u00ab zu belassen und die Gemeindeselbstverwaltung nicht anzutasten, ohne welche die inneren Angelegenheiten der Juden in die Br\u00fcche gehen w\u00fcrden. So verzichteten bereits die vom Volke losgerissenen oberen Schichten der Hauptstadt auf ihre kulturelle Autonomie im blo\u00dfen Vorgef\u00fchle der Gleichberechtigung, w\u00e4hrend die kompakten Massen der Judenheit keine dem\u00fctigenden Konzessionen als Dank f\u00fcr die Verleihung staatsb\u00fcrgerlicher Rechte anboten \u2026<\/p>\n<p>In der Sitzung vom 2. September wurden diese und manche anderen j\u00fcdischen Petitionen der Nationalversammlung vorgelegt. Der Abbe Gregoire, der als Verfechter der j\u00fcdischen Sache auftreten wollte, verlangte das Wort, aber andere unaufschiebbare Fragen veranla\u00dften die Versammlung, die Untersuchung der j\u00fcdischen Petitionen einer besonderen Kommission zu \u00fcbergeben. Unterdessen wollten die Klagen der w\u00e4hrend der Agrarbewegung zugrunde gerichteten j\u00fcdischen Familien in den D\u00f6rfern und St\u00e4dten Elsass-Lothringens noch immer nicht verstummen.<br \/>\nDie Pogromepidemie hatte sich noch nicht gelegt; an manchen Orten rissen die Aufst\u00e4ndischen die D\u00e4cher von j\u00fcdischen H\u00e4usern herunter, schossen in die Synagoge hinein und drohten mit einem Gemetzel. Die k\u00f6niglichen Truppen zeigten sich in der Verteidigung der Juden sehr l\u00e4ssig.<br \/>\nAm 28. September forderten die Abgeordneten Gregoire und Graf Clermont &#8211; Tonnerre die Nationalversammlung auf, die laufenden Arbeiten zu unterbrechen, um unverz\u00fcglich die gegen die Judenpogrome zu er greifenden Ma\u00dfnahmen zu beschlie\u00dfen.<br \/>\n\u00bbEs naht der j\u00fcdische Vers\u00f6hnungstag heran\u00ab, sagte Clermont, \u00bbund die in den Synagogen versammelten Menschen bleiben gegen\u00fcber der Volkswut wehrlos; der Ort, an dem die Juden ihre Gebete verrichten, kann zu dem ihres Todes werden.\u00ab<br \/>\nBeide Abgeordnete forderten sofortige Einwirkung auf die els\u00e4ssischen Beh\u00f6rden. Die Versammlung, die ihrer Entr\u00fcstung \u00fcber die im Elsass ver\u00fcbten Gr\u00e4uel Ausdruck gab, erteilte ihrem Vorsitzenden Dementier den Auftrag, an die els\u00e4ssischen Beh\u00f6rden sofort ein Rundschreiben wegen Ergreifung au\u00dferordentlicher Ma\u00dfnahmen zum Schutze der Person und des Eigentums der Juden zu erlassen und gleichzeitig den K\u00f6nig um Unterst\u00fctzung dieser Forderung \u00bbdurch die ganze Macht seiner Autorit\u00e4t\u00ab zu bitten. Am Abend des 14. Oktobers, einige Tage nach der \u00dcbersiedelung des K\u00f6nigs und der Versammlung aus Versailles nach Paris, spielte sich in der Nationalversammlung eine feierliche Szene ab. Der Abbe. Gregoire meldete, dass eine aus els\u00e4ssischen und lothringischen Juden bestehende Deputation schon lange darauf warte, der Versammlung, vorgestellt zu werden, und ersuchte, diese sofort zu empfangen. Es wurde der Befehl gegeben, die j\u00fcdische Deputation in den Sitzungssaal eintreten zu lassen. Sie trat ein und blieb am Gitter stehen.<br \/>\nAn der Spitze der Deputation befand sich der bekannte j\u00fcdische Vertreter  Isaak Berr aus Nancy,. Freund und Landsmann von Gregoire.<\/p>\n<p>Mit einer vor innerer Erregung zitternden Stimme wandte sich Berr an die Versammlung mit folgenden Worten:<\/p>\n<p>\u00bbMeine Herren! Im Namen des ewigen Sch\u00f6pfers jedes Rechtes und jeder Gerechtigkeit; im Namen Gottes, der den Menschen gleiche Rechte verlieh und ihnen damit auch gleiche Pflichten auferlegte; im Namen der im Verlaufe vieler Jahrhunderte beleidigten Menschheit, beleidigt durch die schm\u00e4hliche Behandlung, die den Nachkommen des \u00e4ltesten der V\u00f6lker fast in allen R\u00e4ndern der Erde widerfuhr &#8211; im Namen alles dieses beschw\u00f6ren wir euch: wendet eure Aufmerksamkeit unserem kl\u00e4glichen Los zu!<br \/>\nAllerorten unterdr\u00fcckt, allerorten gedem\u00fctigt und dabei immer gef\u00fcgig, nimmer einen Widerstand entgegensetzend; ein Gegenstand des Hasses und der Verachtung bei allen V\u00f6lkern, w\u00e4hrend sie doch eher auf Duldsamkeit und Mitleid Anspruch erheben k\u00f6nnen, gestatten sich die Juden, in deren Namen wir nun vor euch treten, sich der Hoffnung hinzugeben, dass ihr an deren Klagen, trotz der euch besch\u00e4ftigenden Arbeit nicht achtlos vor\u00fcbergehen werdet; dass ihr ihre sch\u00fcchternen Erkl\u00e4rungen, die sie aus der Tiefe ihrer Erniedrigung hier vorzubringen wagen, mit einigem Interesse anh\u00f6ren werdet.<br \/>\nWir werden, meine Herren, eure Zeit nicht missbrauchen, um den Charakter und die Gerechtigkeit unserer Forderungen eingehend zu behandeln; dies alles ist bereits in den Denkschriften, die wir die Ehre haben, euch zu unterbreiten, dargelegt.<br \/>\nVon euch h\u00e4ngt es ab, uns in eine minder traurige Tage zu versetzen, als die, zu der wir bisher verurteilt waren.<br \/>\nM\u00f6ge jene sch\u00e4ndliche Scheidewand, die uns so lange von der Welt trennte, in sich zusammenfallen!<br \/>\nM\u00f6gen die Menschen in uns Br\u00fcder erblicken!<br \/>\nM\u00f6ge jene g\u00f6ttliche Liebe zum N\u00e4chsten, die euch so teuer ist, sich auch auf uns erstrecken!<br \/>\nM\u00f6ge sich eine gr\u00fcndliche Umw\u00e4lzung in allen Institutionen vollziehen, die uns zu Sklaven machen; und m\u00f6ge diese Umw\u00e4lzung, nach der wir bisher vergeblich rangen und um die wir euch nun mit Tr\u00e4nen in den Augen anflehen, eure Wohltat, das Werk eurer H\u00e4nde sein!\u00ab<\/p>\n<p>Mit tiefer Aufmerksamkeit h\u00f6rte die Versammlung die Rede des Vertreters der Juden an. Viele waren ger\u00fchrt. Vor der christlichen Gesellschaft standen die Sendboten einer jahrhundertelang unterdr\u00fcckten Nation, die das Versprechen gaben, alle historischen Kr\u00e4nkungen zu vergessen, und flehentlich um Gerechtigkeit, um ein br\u00fcderliches B\u00fcndnis, um die Abschaffung Jahrtausende langer Feindschaft baten\u2026<\/p>\n<p>Als Berr mit seiner Rede zu Ende war, erhob sich der Vorsitzende der Versammlung, Preteau, von seinem Sitz und wandte sich an die j\u00fcdische Deputation mit folgenden Worten:<br \/>\n\u00bbDie zur Unterst\u00fctzung eurer Forderungen angef\u00fchrten wuchtigen Gr\u00fcnde gestatten es der Versammlung nicht, euch teilnahmslos zuzuh\u00f6ren.<br \/>\nDie Versammlung wird euer Gesuch zur Kenntnis nehmen und sich f\u00fcr gl\u00fccklich halten, wenn sie in der Lage sein wird, euren Br\u00fcdern Ruhe und Gl\u00fcck zu verschaffen. Vorerst k\u00f6nnt ihr euren W\u00e4hlern von unseren Erkl\u00e4rungen Mitteilung machen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Antwort des Vorsitzenden l\u00f6ste lauten Beifall bei der Versammlung aus. Auf Antrag Gregoires wurde es den j\u00fcdischen Delegierten gestattet, als Zeichen besonderer Aufmerksamkeit und Ehrung, in der Kammer bis zum Schluss der Sitzung zu bleiben.<br \/>\nZur selben Zeit ver\u00f6ffentlichte der unerm\u00fcdliche Abbe Gregoire in Form einer besonderen Brosch\u00fcre jene Rede, die er infolge der Vertagung der Behandlung der j\u00fcdischen Petitionen zu halten nicht in der Lage war (\u00bbMotion en faveur des juifs\u00ab). Seine Apologie schlie\u00dft mit folgenden an die Vertreter des Volkes gerichteten Worten: \u00bb50000 Franzosen sind heute als Sklaven erwacht; von euch h\u00e4ngt es ab, dass sie als freie M\u00e4nner zu Bett gehen!\u00ab<\/p>\n<h2>Die Debatten in der Nationalversammlung \u00fcber die aktiven B\u00fcrgerrechte der Juden.<\/h2>\n<p>Die franz\u00f6sischen Juden befanden sich einige Zeit in gehobener Stimmung unter dem Eindruck des feierlichen Augenblicks vom 14. Oktober.<br \/>\nEs schien ihnen, dass der aus den Tiefen ihrer Seele dringende Appell an die Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit in den Herzen aller derjenigen, die die erhabenen hohen Gebote der \u00bbDeklaration der Rechte\u00ab dekretiert hatten, einen Widerhall gefunden habe.<br \/>\nDie Sch\u00f6nseher wollten glauben, dass die freundliche Antwort des Vorsitzenden Preteau die Stimmung der ganzen Nationalversammlung zum Ausdruck bringe und dass letzterer in der Tat \u00bbsich f\u00fcr gl\u00fccklich erachten werde, wenn es ihm gelingen sollte, den Juden Ruhe und Gl\u00fcck zu verschaffen\u00ab.<br \/>\nDiese Illusionen zerschellten bald an der harten Wirklichkeit. Als die j\u00fcdische Frage von den H\u00f6hen der Prinzipien auf den Boden der Praxis herabstieg, zeigte es sich, dass bei weitem nicht alle Mitglieder der Versammlung die L\u00f6sung der Judenfrage f\u00fcr eine einfache Schlussfolgerung aus der Deklaration der Rechte hielten. Es stellte sich heraus, dass die reaktion\u00e4ren und klerikal gesinnten Abgeordneten aus der Partei der \u00bbSchwarzen\u00ab (les Noirs) bereit waren, f\u00fcr solche Grundfesten des alten Regimes, wie die Entrechtung und die Rechtseinschr\u00e4nkung der Juden, bis zum \u00c4u\u00dfersten zu k\u00e4mpfen; dass die von jahrhundertelangen Vorurteilen durchdrungenen St\u00e4nde des Adels und des Klerus organisch unf\u00e4hig waren, die politische Gleichheit von Menschen anzuerkennen, mit denen sie wie mit Parias umzugehen gew\u00f6hnt waren.<br \/>\nDie j\u00fcdische Frage kam wieder auf die Tagesordnung der Nationalversammlung in der Sitzung vom 21. Dezember 1789, als die Bedingungen der \u00bbaktiven B\u00fcrgerrechte\u00ab, d. i. des Rechtes f\u00fcr administrative und munizipale \u00c4mter zu w\u00e4hlen und gew\u00e4hlt zu werden, zur Diskussion standen. Die Liberalen beantragten die Ausdehnung der aktiven B\u00fcrgerrechte auf Nichtkatholiken, vornehmlich Protestanten. Um die Annahme dieses Antrags zu vereiteln, verlangten die unruhig gewordenen Konservativen, dass man zugleich auch die Frage von der Verleihung der aktiven B\u00fcrgerrechte an Vertreter niedriger Berufe, wie Kom\u00f6dianten und Henker behandeln m\u00f6chte. Der liberale Abgeordnete Clermont-Tonnerre, der sich dadurch nicht aus der Fassung bringen lie\u00df, schlug folgende Gesetzesformel vor: \u00bbDie Nationalversammlung beschlie\u00dft, dass kein aktiver, den Bedingungen der W\u00e4hlbarkeit gen\u00fcgender B\u00fcrger wegen seines Berufes oder seiner Konfession aus der Wahlliste gestrichen, oder des Rechtes, \u00f6ffentliche \u00c4mter zu bekleiden, beraubt werden darf.\u00ab Es erhob sich die Frage von der Anwendung des beantragten Gesetzes auf die Juden. Der els\u00e4ssische Abgeordnete Reubell, ein grimmiger Judenfeind, sagte: \u00bbIch denke von den Juden nicht anders, als sie von sich selber denken: sie halten sich nicht f\u00fcr B\u00fcrger.<br \/>\nUnd gerade in diesem Sinne lasse ich die Formel des Giermont gelten: indem er den Ausdruck.aktiver B\u00fcrger&#8216; gebrauchte, schlie\u00dft er dadurch die Juden von dem von ihm beantragten Gesetze aus.\u00ab Auf diese Herausforderung antwortete Clermont-Tonnerre mit W\u00fcrde, dass er auch die Juden, die den formellen Bedingungen des Gesetzes gen\u00fcgen, zur Kategorie der aktiven B\u00fcrger z\u00e4hle. In der Versammlung entstand ein Tumult, die Leidenschaften entbrannten &#8211; und die Debatten mussten bis auf die n\u00e4chste Sitzung verschoben werden. In der n\u00e4chsten Sitzung stand es klar vor aller Augen, dass weder die protestantische Frage, deren L\u00f6sung in einem positiven Sinne bereits gesichert war, noch der grobe, bizarre Zwischenfall mit den Kom\u00f6dianten und Henkern die Versammlung irgendwie interessierte, und dass ihre ausschlie\u00dfliche Aufmerksamkeit einzig und allein dem Streite um die politischen Rechte der Juden galt.<br \/>\nDiese Frage bedeutete einen Pr\u00fcfstein f\u00fcr beide Parteien, f\u00fcr die liberale, wie f\u00fcr die reaktion\u00e4re. F\u00fcr die F\u00fchrer der ersteren handelte es sich darum, ihre Treue gegen\u00fcber den Prinzipien der Deklaration der Rechte in praxi zu beweisen; die Konservativen hingegen sahen sich vor der Aufgabe, die \u00bbGefahr\u00ab der politischen Gleichstellung der Juden, die ihrem ganzen System das Todesurteil gesprochen h\u00e4tte, zu beseitigen. Am 23. Dezember widerhallte der Sitzungssaal der Nationalversammlung vor solchen leidenschaftlichen Debatten, wie sie selbst in diesem st\u00fcrmischen Parlament nur \u00e4u\u00dferst selten vorkamen. Clermont-Tonnerre, der zur Verfechtung seines Antrages mit einer begr\u00fcndenden Rede auftrat, widmete einen betr\u00e4chtlichen Teil seiner Ausf\u00fchrungen den Juden.<br \/>\n\u00bbIhr\u00ab, sagte er,<br \/>\n\u00bbhabt euch \u00fcber diese Angelegenheit schon ausgesprochen, indem ihr in der Deklaration der Rechte die Erkl\u00e4rung abgabt, dass kein Mensch seiner \u00dcberzeugungen wegen, und seien diese auch religi\u00f6ser Natur, irgendwelchen Verfolgungen ausgesetzt werden darf. Hie\u00dfe es aber nicht die B\u00fcrger wesentlich einschr\u00e4nken, wenn man sie einzig und allein ihrer \u00dcberzeugungen wegen des wertvollsten Rechtes (des aktiven B\u00fcrgerrechtes) berauben wollte?<br \/>\nDas Gesetz darf keineswegs das Glaubensbekenntnis eines Menschen antasten; keineswegs steht es dem Gesetz zu, einen Druck auf sein Gewissen auszu\u00fcben; nur die Handlungen des Menschen unterliegen der Gewalt des Gesetzes, das verpflichtet ist, ihnen allen Schutz angedeihen zu lassen, wenn sie nicht in Widerspruch zu den Normen gesellschaftlichen Zusammenlebens stehen. Gott wollte es, dass die Menschen in den allgemeinen ethischen Wahrheiten eines Sinnes werden, und \u00fcberlie\u00df es unserem eigenen Ermessen, moralische Gesetze zu schaffen; aber die dogmatischen Gesetze und das Gebiet des Gewissens behielt er f\u00fcr sich selber. Gebet also das Gewissen frei! M\u00f6ge keine der Richtungen des Gef\u00fchls und des Denkens zum Himmel als ein Verbrechen angerechnet werden, f\u00fcr das die Gesellschaft mit sozialer Entrechtung zu strafen h\u00e4tte! Oder aber &#8211; setzet eine nationale Religion ein, bewaffnet sie mit dem Schwerte und zerrei\u00dft eure Deklaration der Rechte!&#8230; Jedes Glaubensbekenntnis hat nur ein einziges Zeugnis vorzuweisen: das Zeugnis \u00fcber die gute Beschaffenheit seiner Moral. Wenn es eine Religion g\u00e4be, die ihren Bekennern Diebstahl und Brandstiftung zur Pflicht machte, so m\u00fcsste man diesen Bekennern nicht nur das Wahlrecht verweigern, sondern sie einfach des Bandes verweisen. Dies l\u00e4sst sich vom Judentume ganz gewiss nicht behaupten. Den Juden wirft man verschiedenes vor. Die schwersten unter diesen Vorw\u00fcrfen sind ungerecht, die anderen geh\u00f6ren in das Gebiet der sozialen Vergehen. Man sagt, die Juden besch\u00e4ftigen sich mit Wucher\u2026Aber Menschen, deren ganzes Verm\u00f6gen ausschlie\u00dflich in Geld besteht, k\u00f6nnen eben ihre Existenz nicht anders bestreiten, als indem sie das Geld in Umlauf setzen; und ihr habt sie doch immer daran gehindert, etwas Anderes zu besitzen&#8230; Den Juden als Nation muss alles verweigert, den Juden als Menschen alles gew\u00e4hrt werden. Es ist notwendig,&#8217;\u00ab&#8216; dass sie B\u00fcrger werden. Man sagt, dass sie selbst keine B\u00fcrger werden wollen; wenn sie das behaupten, so soll man sie des Landes verweisen, denn es darf keine Nation in einer Nation geben\u2026 In ihrem Gesuche aber verlangen sie, dass man sie als Staatsb\u00fcrger betrachte. Das Gesetz ist verpflichtet, ihnen diesen Titel, den ihnen nur das Vorurteil verweigern kann, zuzuerkennen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Rede Clermont-Tonnerres forderte den besten Redner der Rechten, den Abbe Maury, einen Mann \u00bbvon scharfem Verstand, aber zweifelhafter moralischer Qualit\u00e4t\u00ab (Aulard) zu einer Erwiderung heraus. Voltairianer im Grunde seiner Seele, der mit der Revolution zu lieb\u00e4ugeln verstand, verfocht er die Sache \u00bbdes Thrones und des Altars\u00ab mit einem Pathos, das kaum aufrichtig war, und machte oft von unsauberen polemischen Kunstgriffen Gebrauch. Dieser \u00bbschwarze\u00ab Abbe war Antipode des \u00bbroten\u00ab Abbe Gregoire, des edlen K\u00e4mpfers f\u00fcr die Gleichberechtigung der Juden. F\u00fcr seinen Angriff auf die Judenheit gebrauchte der t\u00fcckische Maury nicht nur die verrosteten Waffen aus der R\u00fcstkammer der Judenfeinde, sondern auch noch eine von Clermont-Tonnerre leicht hingeworfene Bemerkung, n\u00e4mlich, dass man den Juden als Nation alles zu verweigern, den Juden als Menschen hingegen alles zu gew\u00e4hren habe. In seiner Erwiderung auf die Rede Clermont-Tonnerres sagte er: \u00bbVor allen Dingen m\u00f6chte ich bemerken, dass das Wort \u00bbJude\u00ab nicht die Benennung einer Sekte, sondern die einer Nation ist, die ihre eigenen Gesetze hat, diesen Gesetzen immer treu blieb und f\u00fcrderhin treu bleiben will.<br \/>\nDie Juden als B\u00fcrger (Frankreichs) anerkennen, w\u00e4re dasselbe, wie wenn man Engl\u00e4nder oder D\u00e4nen, die nicht naturalisiert sind und nicht aufgeh\u00f6rt haben, sich f\u00fcr Engl\u00e4nder und D\u00e4nen zu halten, zu den Franzosen rechnen wollte&#8230; Die Juden sind durch siebzehn Jahrhunderte hindurchgegangen und haben sich mit den anderen V\u00f6lkern nicht vermengt. Sie trieben nichts anderes, als Geldhandel. (Des Ferneren verf\u00e4llt der Redner in kuriose geschichtliche Einzelheiten und behauptet z. B., dass die Juden auch in der Zeit der K\u00f6nige David und Salomon keinen Ackerbau trieben und dass sie au\u00dfer den Sabbaten um 56 Feiertage mehr haben, als die Christen&#8230;)<br \/>\nDer Schwei\u00df christlicher Sklaven berieselt jene \u00c4cker, wo j\u00fcdischer Reichtum entsteht, w\u00e4hrend die Juden, die gut bestellte \u00c4cker besitzen, sich nur mit dem Ab w\u00e4gen von Dukaten und der Berechnung des Gewinns besch\u00e4ftigen, die sie aus diesen M\u00fcnzen herausschlagen k\u00f6nnen, ohne der Verantwortung vor dem Gesetz zu verfallen&#8230; Im Elsass befinden sich in ihren H\u00e4nden Hypotheken in einem Betrag von 12 Millionen. In einem Monat k\u00f6nnen sie sich der H\u00e4lfte der Provinz bem\u00e4chtigen. Und in zehn Jahren k\u00f6nnen sie diese Provinz vielleicht ganz an sich rei\u00dfen, so dass sie zu einer j\u00fcdischen Kolonie wird. Das Volk hegt gegen die Juden feindliche Gef\u00fchle, die. infolge des m\u00e4chtigen Anschwellens des j\u00fcdischen Reichtums sich unvermeidlich in Gewalttaten entladen m\u00fcssen. Man sollte eigentlich im Interesse der Juden selbst diese ganze Frage unber\u00fchrt lassen. Die Juden darf man keineswegs unterdr\u00fccken: sie sind Menschen, und folglich unsere Br\u00fcder &#8211; und Fluch allen, die Unduldsamkeit predigen wollen! Seiner religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen wegen darf kein Mensch verfolgt werden. Ihr habt dieses Prinzip anerkannt und dadurch den Juden den weitestgehenden Schutz gesichert. M\u00f6ge aber ihnen dieser Schutz als Menschen \u00fcberhaupt, nicht aber als Franzosen zuteilwerden, denn sie k\u00f6nnen keine \u00bbStaatsb\u00fcrger sein!\u00ab Die Entstellung der Tatsachen aus dem Leben der Vergangenheit und der Gegenwart in der Rede Maurys wurde im Parlament und au\u00dferhalb desselben von vielen bemerkt. Das \u00bbJournal de Paris\u00ab, das tags darauf in einem ausf\u00fchrlichen Artikel eine Anzahl tats\u00e4chlicher Irrt\u00fcmer in der Rede Maurys aufdeckte, bemerkte zu seinen Schlussworten \u00fcber die den Juden zu gew\u00e4hrende Protektion \u00bbMenschen d\u00fcrfen nicht andere Menschen protegieren: solche Protektion erinnert an Tyrannei. Der Protektor aller Menschen ohne Unterschied ist das Gesetz, aber ein Gesetz ist immer ein Gewaltakt, wenn an seiner Ausarbeitung diejenigen, auf die es angewendet werden soll, nicht teilnehmen.\u00ab<br \/>\nDer grobe Sophismus Maurys, dass die Juden ewig Ausl\u00e4nder bleiben sollen, weil sie bisher in Frankreich nicht naturalisiert waren, d. h. dass man die Vergewaltigung fortsetzen m\u00fcsse, weil sie bisher aus ge\u00fcbt wurde, fand ebenfalls eine geb\u00fchrende W\u00fcrdigung in der Presse. Aber schwerlich konnte damals jemand von den Freunden der Juden auf die durchaus richtige Bemerkung Maurys, dass die Juden keine religi\u00f6se Sekte, sondern eine Nation seien, erwidern, dass sich daraus die Notwendigkeit erg\u00e4be, ihnen zugleich mit den staatsb\u00fcrgerlichen auch die nationalen Rechte zu gew\u00e4hren. Dieser letztere Ausdruck fehlte im Lexikon der franz\u00f6sischen Revolution.<br \/>\nDurch den Mund Clermont-Tonnerres hatte der Liberalismus jener Zeit erkl\u00e4rt: Den Juden als Menschen \u2014alles, den Juden als Nation &#8211; nichts. Die Franz\u00f6sische Revolution lie\u00df die Gleichberechtigung der St\u00e4nde, der religi\u00f6sen Gruppen, aber nicht der Nationalit\u00e4ten gelten. Und dies bedeutet, dass die vollst\u00e4ndige Assimilation der Judenheit au\u00dferhalb des Gebietes der Konfessionalit\u00e4t die einzige Bedingung zur Erlangung der aktiven B\u00fcrgerrechte bildete. Dem Abbe Maury antwortete Robespierre, der sich damals noch nicht als f\u00fchrender Revolution\u00e4r bemerkbar gemacht hatte. \u00bbIhr habt \u00fcber die Juden Dinge zu h\u00f6ren bekommen,\u00ab sagte er in seiner kurzen Rede, \u00bbdie \u00e4u\u00dferst \u00fcbertrieben sind und den geschichtlichen Tatsachen widersprechen. Die M\u00e4ngel der Juden r\u00fchren von dem Zustande der Erniedrigung her, in den ihr sie versetzt habt. Sie werden sich bessern, sobald sie sehen werden, dass es vorteilhaft ist&#8230; Ich meine, dass man keinen einzigen Angeh\u00f6rigen dieser Klasse jener heiligen Rechte berauben darf, auf die sie als Menschen Anspruch haben. Die Frage ist prinzipieller Natur und muss auch dem Prinzip gem\u00e4\u00df gel\u00f6st werden.\u00ab<br \/>\nRobespierre hatte die Judenfrage von neuem auf den Boden der allgemeinen Prinzipien der Deklaration der Rechte gebracht.<br \/>\nEine derartige Zuspitzung der Frage war den Gegnern der Juden, zu denen auch der Bischof La Fare aus Nancy geh\u00f6rte, nicht vorteilhaft. Ein Gesinnungsgenosse des Abbes Maury und seines Landsmanns, des Judenfeindes Reubell, konnte sich der Bischof von Nancy seines hohen Ranges wegen ihrer polemischen Methoden nicht bedienen. Seine Rede war mit dem Salb\u00f6le eines Dieners der Kirche durchtr\u00e4nkt. \u00bbDie Juden\u00ab, sagte er, \u00bbhaben viele Kr\u00e4nkungen erfahren, die man wieder gut machen muss. Man muss die Gesetze abschaffen, die der Gesetzgeber festlegte, ohne daran zu denken, dass die Juden Menschen und ungl\u00fcckliche Menschen sind. Man muss ihnen Schutz, Sicherheit und Freiheit gew\u00e4hren. Soll man aber in eine Familie einem fremden Stamm (tribu), dessen Blicke stets nach seiner Heimat gerichtet sind und der den Boden, auf dem er jetzt wohnt, zu verlassen strebt, Einla\u00df gew\u00e4hren ? Um gerecht zu sein, muss ich gestehen, dass die Juden im Land Lothringen und insbesondere der Stadt Nancy gro\u00dfe Dienste erwiesen haben; es gibt erzwungene Lagen; mein Mandat befiehlt mir, eurem Antrag entgegenzutreten (dem Antrag, die Juden als aktive B\u00fcrger anzuerkennen). Dieser von mir erhobene Protest liegt im Interesse der Juden selbst. F\u00fcr das Volk bilden sie einen Gegenstand des Entsetzens; im Elsass sind sie stets die Opfer der Volksbewegungen. Vor vier Monaten wollte man in Nancy ihre H\u00e4user pl\u00fcndern. Ich begab mich nach dem Orte des Aufruhrs und fragte \u00bbWas habet ihr gegen die Juden?\u00ab<\/p>\n<p>Und da erkl\u00e4rten mir die einen, dass sie das Getreide aufkaufen; die anderen beklagten sich, dass sie sich allzu rasch vermehren, sich die sch\u00f6nsten H\u00e4user erwerben und bald die Stadt in ihre Hand bekommen werden. Einer von der Rotte sagte: \u00bbJa, Eminenz, wenn wir Sie verlieren sollten, so werden wir vielleicht einen Juden als Bischof sehen; so geschickt eignen sie sich alles an. Ein Gesetzesbeschluss, der den Juden b\u00fcrgerliche Rechte gew\u00e4hren w\u00fcrde, k\u00f6nnte zu einer gro\u00dfen Volksemp\u00f6rung Anlass geben\u2026 Ich schlage vor: einen Ausschuss zu bilden und ihn mit der Revision der ganzen die Juden betreffenden Gesetzgebung zu betrauen.\u00ab<br \/>\nAnl\u00e4sslich der Drohung Reubeils und des Bischofs La Fare, dass die Proklamierung der j\u00fcdischen Gleichberechtigung zu Ausschreitungen gegen die Juden f\u00fchren k\u00f6nnte, wurde in der. Pariser Presse (\u00bbLe patriote frangais\u00ab vom 24. Dezember) folgende treffende Bemerkung gemacht: \u00bbSeltsam genug, dass man sich auf die eine Ungerechtigkeit beruft, um zu beweisen, dass es notwendig sei, eine andere zu begehen.<br \/>\nMuss denn wirklich das Gesetz der best\u00e4ndige Helfer des Fanatismus und unsinniger Vorurteile sein?\u00ab Diesen Standpunkt machte sich ein Redner zu eigen, der dem Bischof von Nancy antwortete; es war dies der ehrliche Duport, einer der einflussreichsten F\u00fchrer der liberalkonstitutioneilen Partei in der Nationalversammlung &#8211; ein Mann, dem es in der Folge beschieden war, das Werk der j\u00fcdischen Emanzipation zu seinem endg\u00fcltigen Abschluss zu bringen. \u00bbDas Gesetz\u00ab sagte er, \u00bbist die Verk\u00f6rperung der strengen Gerechtigkeit, und wenn die Gebr\u00e4uche und Sitten zu dieser Gerechtigkeit im Widerspruche stehen, so ist es die Pflicht des Gesetzes, die Gebr\u00e4uche der Gerechtigkeit anzupassen; letzten Endes werden die Sitten mit dem Gesetz eins werden.\u00ab<\/p>\n<p>Duport schlug eine neue Formulierung des Gesetzes vor, in welcher nur das Prinzip der Gerechtigkeit zum Ausdruck kommt, ohne dass dabei der Konfession Erw\u00e4hnung getan wird: \u00bbKein Franzose darf je seiner aktiven B\u00fcrgerrechte verlustig gehen, es sei denn aus Gr\u00fcnden, die in den Beschl\u00fcssen der Nationalversammlung dargelegt sind.\u00ab<br \/>\nDie Formel Duports wurde mit einer Mehrheit von nur 5 Stimmen abgelehnt (408 gegen 403). Als die Debatten am n\u00e4chsten Tag (24. Dezember) von neuem einsetzten, brachte der Herzog Broglie folgenden Vermittlungsantrag ein: Die Formel Duports ist mit dem Vorbehalte anzunehmen, dass die L\u00f6sung der Judenfrage auf einen sp\u00e4teren Zeitpunkt hinausgeschoben wird. Beide Parteien beeilten sich, diesen Vorschlag anzunehmen: die Rechte hoffte, die \u00bbGefahr der Gleichberechtigung\u00ab durch diese Vertagung hinauszuschieben, was Reubell mit der ihm eigenen zynischen Offenheit zugab; was die Liberalen anbelangt, so stimmten sie ebenfalls der Vertagung zu, denn sie f\u00fcrchteten, die ganze Formel Duports, die vornehmlich auf die Protestanten hinzielte, den Juden zuliebe aufs Spiel zu setzen, und selbst Mirabeau schloss sich diesem Antrag an, mit der Begr\u00fcndung, dass \u00bbdie Frage nicht gen\u00fcgend gekl\u00e4rt sei\u00ab. Allem Anscheine nach glaubte der F\u00fchrer der Nationalversammlung, dass die Vertagung von kurzer Dauer sein und der Triumph des Rechts und der Freiheit nicht lange auf sich warten lassen w\u00fcrde; er konnte nicht voraussehen, dass er sterben w\u00fcrde, ohne die Emanzipation der Juden erlebt zu haben&#8230;<\/p>\n<p>Der Beschluss der Nationalversammlung lautete dahin, dass alle Nichtkatholiken in v\u00f6lliger Gleichstellung mit den Katholiken das aktive und passive Wahlrecht, wie auch das Recht, im Staatsdienste t\u00e4tig zu sein, genie\u00dfen d\u00fcrfen, \u00bbwobei hinsichtlich der Juden, \u00fcber deren Lage sich die Versammlung eine Aussprache vorbeh\u00e4lt, nichts Neues beschlossen wird\u00ab. Im L\u00e4rm der Debatten entging ein sehr gewichtiger Umstand der allgemeinen Beachtung. Indem n\u00e4mlich die Nationalversammlung die L\u00f6sung der Frage von den \u00bbaktiven B\u00fcrgerrechten\u00ab, d. i. von der Gew\u00e4hrung der vollen b\u00fcrgerlichen und politischen Rechte an die Juden vertagte, schob sie zugleich die L\u00f6sung der Frage wegen jener elementaren Rechte der Juden beiseite, gegen die auch die gem\u00e4\u00dfigt-rechte Opposition nichts einzuwenden hatte. Der Abbe Maury und der Bischof Da Fare gaben zu, dass das Gesetz verpflichtet sei, den Juden als Menschen \u00bbSchutz angedeihen zu lassen\u00ab, und dass Vieles an der alten repressiven Gesetzgebung bez\u00fcglich der Juden abgeschafft werden m\u00fcsse &#8211; und dessen ungeachtet lautete der Beschluss der Kammer: \u00bbhinsichtlich der Juden wird nichts Neues beschlossen\u00ab. Das bedeutet, der Beschluss der Kammer belie\u00df sie im fr\u00fcheren Zustande pers\u00f6nlicher Entrechtung.<br \/>\nDie L\u00f6sung der j\u00fcdischen Frage wurde auf diese Weise von der Kammer zweimal verschoben: am 23. August, als der Paragraph der Deklaration der Rechte, der sich auf die Gewissensfreiheit bezog, zur Abstimmung stand, und am 24. Dezember, als die Bedingungen der aktiven B\u00fcrgerrechte zur Sprache kamen.<\/p>\n<h2>Der Separatismus der Sephardim und die Anerkennung ihrer Gleichberechtigung.<\/h2>\n<p>Der Beschluss vom 24. Dezember versetzte die Juden in einen Zustand tiefster Entmutigung. Getragen vom ersten idealen Aufschw\u00fcnge der Revolution, lebten sie in dem Glauben, dass die j\u00fcdische Frage in allern\u00e4chster Zukunft eine L\u00f6sung im Geiste der humanit\u00e4ren Prinzipien der \u00bbDeklaration der Rechte des Menschen und des Staatsb\u00fcrgers\u00ab durch die Nationalversammlung finden werde; da mussten sie pl\u00f6tzlich die Erfahrung machen, dass die Deklaration sehr gut bestehen k\u00f6nne, auch ohne dass den Juden Rechte &#8211; nicht einmal \u00bbmenschliche\u00ab, geschweige denn staatsb\u00fcrgerliche &#8211; einger\u00e4umt werden. In den R\u00e4umen des gro\u00dfen Freiheitstribunals mussten sie es mit anh\u00f6ren, wie die Stimme der Verfechter der Emanzipation durch die Stimmen des religi\u00f6sen und nationalen Hasses, die Stimmen der \u00bbSchwarzen\u00ab, \u00fcbert\u00f6nt wurde. Es war dies ein moralischer Schlag f\u00fcr das ganze j\u00fcdische Volk, und nicht nur f\u00fcr jenen winzigen Teil desselben, der in Frankreich lebte. So fassten es n\u00e4mlich die national gestimmten \u00bbdeutschen\u00ab oder elsass-lothringischen Juden auf, die die \u00fcberwiegende Mehrheit der franz\u00f6sischen Judenheit bildeten. Ein anderes Verhalten der ganzen Sache gegen\u00fcber legte die \u00bbbevorzugte\u00ab Minderheit an den Tag. Es waren dies die Sephardim von Bordeaux, die im Begriffe waren, sich zu \u00bbFranzosen mosaischer Konfession\u00ab herauszubilden. Die neue Niederlage w\u00fcrdigten sie nicht vom nationalen &#8211; sondern vom Gruppenstandpunkte aus. Sie, die Juden von Bordeaux hielten sich schon seit langem f\u00fcr die auserw\u00e4hlte Aristokratie der Judenheit; sie genossen die Rechte der in S\u00fcdfrankreich Naturalisierten und folglich die Rechte des \u00bbpassiven B\u00fcrgertums\u00ab; sie waren schon tats\u00e4chlich nahe daran, die \u00bbaktiven B\u00fcrgerrechte\u00ab f\u00fcr die Wahlen zu den Generalstaaten zu erhalten &#8211; und mit einem Male warf man sie, die Bevorzugten, durch den Beschluss, die j\u00fcdische Frage zu vertagen, in einen Topf mit den ungl\u00fcckseligen \u00bbdeutschen Juden, die nicht einmal elementare B\u00fcrgerrechte besa\u00dfen, und an ihrer nationalen Absonderung festhielten\u00ab! In tiefer Verstimmung &#8211; nicht \u00fcber das Schicksal ihrer gr\u00f6\u00dferen Leiden ausgesetzten Br\u00fcder, sondern \u00fcber die Schm\u00e4lerung und Beeintr\u00e4chtigung ihrer Gruppenehre und ihrer Gruppeninteressen, sagten sich die Juden von Bordeaux in sch\u00e4ndlicher Weise von der nationalen Solidarit\u00e4t los1). Sobald die Resolution vom 24. Dezember ver\u00f6ffentlicht worden war, wandten sich die Juden von Bordeaux mit einer Protestbittschrift an die Nationalversammlung (31. Dezember 1789). Sie machten die Versammlung darauf aufmerksam, dass die in S\u00fcdfrankreich ans\u00e4ssigen Juden \u00bbportugiesischer\u00ab Herkunft sich schon l\u00e4ngst der B\u00fcrgerrechte auf Grund k\u00f6niglicher \u00bbPatente\u00ab erfreuten, dass sie sowohl de jure, wie de facto die Gleichberechtigung besitzen, und es ihnen blo\u00df an der Sanktionierung der \u00bbaktiven B\u00fcrgerrechte\u00ab fehle, um in den Besitz aller b\u00fcrgerlichen Rechte zu treten. Und dies sei auch der Grund, weshalb sie, die Juden von Bordeaux, sich durch den Umstand verletzt f\u00fchlen, dass man sie in der Resolution der Nationalversammlung in eine Linie mit \u00bbJuden anderer Herkunft\u00ab stellte. Sie protestieren gegen das Verhalten der \u00bb Juden von Elsass-Lothringen l) Schon nach den ersten Pogromen im Elsass, im August 1789, wandten sich die Juden von Bordeaux an den Abbe Gregoire mit einem Brief, in dem sie zu beweisen suchten, dass sie sich im Gegensatz zu ihren \u00bbungl\u00fccklichen\u00ab Stammesgenossen im Elsass schon l\u00e4ngst den Christen gen\u00e4hert h\u00e4tten; \u00bbwenn daher das Benehmen oder das ungl\u00fcckliche Los einiger Juden im Elsass und den drei Bist\u00fcmern die Nationalversammlung bewegen w\u00fcrde, irgendein alle Juden des K\u00f6nigreichs ber\u00fchrendes Reglement zu erlassen, w\u00fcrden die Juden von Bordeaux darin mit Recht eine unverdiente Beleidigung erblicken\u00ab.<\/p>\n<p>Der Brief war von Grandis, Furtado und anderen unterschrieben. und der drei Bist\u00fcmer\u00ab, die unter ihrer selbsteigenen, partikul\u00e4ren (Gemeinde-)Verwaltung leben, ihre besonderen Gesetze haben und eine von allen anderen abgesonderte B\u00fcrgerklasse bilden wollen. Die Verfasser der Bittschrift sind \u00fcber eine derartige \u00bbunvern\u00fcnftige Leidenschaftlichkeit des religi\u00f6sen Eifers\u00ab entr\u00fcstet und wollen hoffen, dass dieser Umstand die Sephardim oder Portugiesen, die sich \u00bbmit der Menge aller anderen Nachkommen Jakobs niemals vereinigten und vermischten\u00ab, nicht kompromittieren werde. Die Bittschrift (\u00bbAdresse\u00ab) der Juden von Bordeaux, unterzeichnet von ihren Bevollm\u00e4chtigten und 215 \u00bbchefs de maison\u00ab, wurde im Publikum verbreitet und an alle Abgeordneten der Nationalversammlung verschickt. Und alle erfuhren auf die Weise, dass es zwei j\u00fcdische St\u00e4mme gibt: einen patentierten, patriotisch gesinnten und der Gleichberechtigung w\u00fcrdigen \u00bbportugiesischen\u00ab Stamm, und einen \u00bbdeutschen\u00ab, der fanatisch und in staatsb\u00fcrgerlicher Hinsicht nicht rechtsf\u00e4hig ist. Die Bittschrift ging dem Verfassungsausschuss der Nationalversammlung zu. Der Ausschuss beauftragte eines seiner Mitglieder, den Bischof von Autun &#8211; den sp\u00e4ter ber\u00fchmt gewordenen Diplomaten Talleyrand \u2014, \u00fcber das Gesuch der Juden von Bordeaux eine Denkschrift zu verfassen. Am 28. Januar 1790 wurde die Denkschrift dem Verfassungsausschuss mit folgender Bemerkung unterbreitet:<br \/>\n\u00bbDie Revolution, die die Rechte aller Franzosen wiederhergestellt hat, kann keiner einzigen B\u00fcrgergruppe die ihr einmal verliehenen Rechte entrei\u00dfen. Ohne etwas in betreff der vertagten allgemeinen Frage (hinsichtlich der Juden) im Voraus zu bestimmen, schl\u00e4gt daher der Ausschuss der Versammlung vor, den Juden von Bordeaux alles zu gew\u00e4hren, was sie von Rechts wegen fordern, und sie als aktive Staatsb\u00fcrger unter den f\u00fcr alle anderen Franzosen geltenden Bedingungen zu erkl\u00e4ren.\u00ab<br \/>\nDer verlesene Antrag l\u00f6ste im Sitzungssaal einen m\u00e4chtigen Tumult aus. Der obligate Judenfresser Reubell bestieg die Rednertrib\u00fcne und begann mit folgenden Worten:<br \/>\n\u00bbEuch, meine Herren, schl\u00e4gt man vor, die Juden von Bordeaux nicht mehr als Juden anzusehen&#8230;!\u00ab<br \/>\nEr suchte nachzuweisen, dass der Antrag des Verfassungsausschusses zu der Resolution vom 24. Dezember in Widerspruch stehe, dass, wenn den Juden von Bordeaux die Gleichberechtigung gew\u00e4hrt werde, kein Grund vorliege, sie den els\u00e4ssischen Juden zu verweigern, was gef\u00e4hrlich w\u00e4re, angesichts des Umstandes, dass die Proklamierung der j\u00fcdischen Gleichberechtigung zu Ausschreitungen gegen die Juden im Elsass f\u00fchren w\u00fcrde. In demselben Geiste sprach auch der Abbe Maury. Diesen beiden antworteten die Redner der linksstehenden Partei, die klarzumachen suchten, dass man die Juden von Bordeaux mit denen vom Elsass nicht verwechseln d\u00fcrfe; denn bei den ersteren handele es sich um die blo\u00dfe Erhaltung der fr\u00fcheren staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, w\u00e4hrend es sich bei den letzteren um die Gew\u00e4hrung von Rechten handle, die sie fr\u00fcher nicht besa\u00dfen. Eine berichtigende Klausel von gro\u00dfer Wichtigkeit schlug der Abbe Gregoire vor, indem er erkl\u00e4rte, dass die Gleichberechtigung, nicht nur den Juden von Bordeaux, sondern auch allen unter dem Namen der \u00bbportugiesischen, spanischen und avignoner\u00ab bekannten Juden S\u00fcd- und Westfrankreichs zu gew\u00e4hren sei. Was nun die elsass-lothringischen Juden betrifft, so ersuchte er, einen eigenen Tag f\u00fcr die Er\u00f6rterung dieser Frage festzusetzen, und versprach, alle falschen Beweise des Abbe Maury und der anderen Gegner der Emanzipation zu widerlegen. Nach unendlichen Formulierungen und Berichtigungen wurde endlich an die Abstimmung geschritten. Es wurde zun\u00e4chst versucht, die Frage durch Aufstehen von den Pl\u00e4tzen zu entscheiden, aber der zweimal wiederholte Versuch ergab zweifelhafte Resultate. Man sah sich also gen\u00f6tigt, zu einer namentlichen Abstimmung zu schreiten.<br \/>\nDie antij\u00fcdische Partei beschloss, die namentliche Abstimmung zu vereiteln und eine Aufl\u00f6sung der Sitzung herbeizuf\u00fchren. In den Reihen der Rechten entstand ein ungeheurer L\u00e4rm; die geistlichen und adeligen Abgeordneten erhoben sich von ihren Sitzen, gingen ein und aus, redeten durcheinander und l\u00e4rmten. Die Stimme des Sekret\u00e4rs, der die Namen der Abgeordneten aufrief, erstickte in diesem L\u00e4rm; an die zwanzig Mal wurde die Abrufung unterbrochen und wiederaufgenommen.<br \/>\nZwei Stunden dauerte dieser Skandal. Das freche Benehmen der judenfeindlichen Abgeordneten regte die Linke und das Zentrum derma\u00dfen auf, dass sie beschlossen, den Radaumachern keinesfalls nachzugeben. Der Vorsitzende der Versammlung erkl\u00e4rte, dass ihn nichts davon abbringen w\u00fcrde, die Sitzung bis zu ihrem Ende durchzuf\u00fchren. Schlie\u00dflich wurden die \u00bbSchwarzen\u00ab des L\u00e4rmens m\u00fcde &#8211; und die namentliche Ab Stimmung nahm einen normalen Verlauf.<br \/>\nF\u00fcr den den Juden g\u00fcnstigen Antrag mit der Erg\u00e4nzungsklausel Gregoires wurden 373 Stimmen gegen 225 abgegeben. Der durch eine so starke Mehrheit angenommene Beschluss lautete folgenderma\u00dfen: \u00bbDie Nationalversammlung beschlie\u00dft, dass alle als portugiesische, spanische und avignoner bekannte Juden nach wie vor alle die Rechte genie\u00dfen sollen, die sie auf Grund k\u00f6niglicher Patente genossen, und dass sie daher alle Rechte der aktiven B\u00fcrger genie\u00dfen d\u00fcrfen, wenn sie den von der Versammlung hierf\u00fcr festgesetzten Bedingungen gen\u00fcgen werden.\u00ab<\/p>\n<p>Der Beschluss der Nationalversammlung wurde unverz\u00fcglich dem K\u00f6nige zur Best\u00e4tigung unterbreitet und erhielt einige Tage darauf gesetzliche Kraft. Die in Paris wohnenden Sephardim schickten einen Boten nach Bordeaux, um ihren Landsleuten die frohe Botschaft mitzuteilen. Die j\u00fcdischen Einwohner von Bordeaux mussten jedoch noch einige peinliche Tage erleben. Das durch seinen Misserfolg erbitterte \u00bbschwarze Hundert\u00ab versuchte, das st\u00e4dtische Gesindel in Bordeaux gegen die Juden aufzuhetzen. Nach Paris kamen beunruhigende Ger\u00fcchte \u00fcber einen Pogrom, der dort angeblich stattgefunden hatte; die klerikale Presse, die darin eine Best\u00e4tigung ihrer Meinung erblickte, dass \u00bbder K\u00f6nig von Frankreich nicht zu einem K\u00f6nig der Juden werden kann\u00ab, feierte ihren Triumph. Aber die Pogromger\u00fcchte erwiesen sich als stark \u00fcbertrieben. Am 9. Februar machte der Abgeordnete Garat der Nationalversammlung eine beruhigende Mitteilung, indem er einen von den Juden von Bordeaux durch einen Eilboten nach Paris geschickten Brief verlas. Daraus ergab sich, dass dort eine unbedeutende Demonstration stattgefunden hatte, die sich darin \u00e4u\u00dferte, dass ein H\u00e4uflein junger Deute im Theater und im B\u00f6rsengeb\u00e4ude, \u00bbNieder mit den Juden\u00ab schrie &#8211; und das j\u00fcdische Publikum zu entfernen versuchte. Ein gro\u00dfer Teil des Publikums jedoch missbilligte die Ausschreitungen der ungezogenen Schlingel, und tags darauf dr\u00fcckten die ehrbarsten christlichen B\u00fcrger der Stadt den Vertretern der j\u00fcdischen Gemeinde ihr Bedauern \u00fcber den skandal\u00f6sen Vorfall aus. Das B\u00f6rsengeb\u00e4ude wurde von einer milit\u00e4rischen Abteilung bewacht, aber diese Ma\u00dfregel erwies sich als \u00fcberfl\u00fcssig: die j\u00fcdischen Besucher, die den darauffolgenden Abend im Theater erschienen, wurden vom christlichen Publikum mit Beifallskundgebungen begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<h2>Die Agitation der Pariser Kommune zugunsten der Juden. <\/h2>\n<p>Im Bericht \u00fcber den Triumph der liberalen Ideen, der im Beschluss vom 28. Januar wegen der Juden S\u00fcdfrankreichs zum Ausdruck gekommen war, machte das \u00bbJournal de Paris\u00ab folgende Bemerkung: \u00bbAber an diesem Triumph blieb ein bitterer Beigeschmack haften. Die Juden der elsass-lothringischen Gebiete k\u00f6nnen der Nationalversammlung die Worte Esaus an seinen Vater zurufen: Hast du nur einen einzigen. Segen?\u00ab<\/p>\n<p>Die elsass-lothringischen und Pariser Aschkenasim, an denen man in stiefv\u00e4terlicher Weise achtlos vor\u00fcbergegangen war, lie\u00dfen es jedoch bei wehm\u00fctigen Klagen nicht bewenden. Sie hatten es gelernt, die Gleichberechtigung als ein ihnen zukommendes Recht zu fordern und nicht als ein Geschenk zu erflehen. Schon nach der Vertagung vom 24. Dezember verfertigten diese durch das Z\u00f6gern der Nationalversammlung aufs \u00e4u\u00dferste erregten \u00bbdeutschen Juden\u00ab eine \u00bbBittschrift\u00ab an die Versammlung, in welcher sie erkl\u00e4rten, dass sie die Gleichberechtigung nicht \u00bbauf dem Wege allm\u00e4hlicher Verbesserungen\u00ab sondern \u00bbunverz\u00fcglich\u00ab erwarten. Sie fordern ihre Rechte \u00bbmit der Unbeirrbarkeit von Menschen, die nicht einen Gnaden sondem einen Gerechtigkeitsakt erwarten\u00ab; indem sie die Rasten der \u00f6ffentlichen Pflichten mittragen, m\u00fcssen sie auch ihren Anteil an den Segnungen des \u00f6ffentlichen Bebens gesichert wissen. Es sei dies f\u00fcr sie \u00bbeine Existenzfrage auf dem Gebiet des \u00f6ffentlichen Bebens\u00ab. Die Bittschrift, unterzeichnet von den besten Vertretern der Aschkenasimgruppe von Paris (Cerf-Berr, Beer-Isaak-Berr, David Sinzheim, dem sp\u00e4teren Vorsitzenden des napoleonischen Synhedrions und anderen), wurde in der Versammlung vom 28. Januar 1790, am Tage des Beschlusses \u00fcber die sephardische Gleichberechtigung eingereicht, blieb aber ohne jeden Erfolg.<\/p>\n<p>Die verh\u00e4ngnisvolle \u00bbVertagung\u00ab blieb in Kraft. F\u00fcr die Juden der Stadt Paris machte sich diese Kr\u00e4nkung besonders f\u00fchlbar. Sie standen im eigentlichen Mittelpunkte der revolution\u00e4ren Bewegung und nahmen an ihr einen regen Anteil. \u00dcber hundert Juden standen im Dienste der Pariser Nationalgarde, in die sie kurz nach der Erst\u00fcrmung der Bastille als Freiwillige eingetreten waren. In einigen Pariser Bezirken (besonders im Karmeliter-Bezirk) bet\u00e4tigten sich die Juden trotz der Rechtseinschr\u00e4nkungen in den Stadtr\u00e4ten und anderen st\u00e4dtischen Institutionen. Die Juden legten einen patriotischen Eifer an den Tag und waren bereit, ihr Leben f\u00fcr ihre stiefm\u00fctterliche Heimat hinzugeben. Nicht unbetr\u00e4chtlich waren auch\u00ab die Summen, die sie f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke spendeten. Ein armer Gelehrter, der Verfasser der vorrevolution\u00e4ren \u00bbApologie der Juden\u00ab, Salkind Hurwitz, der an der K\u00f6niglichen Bibliothek zu Paris als \u00dcbersetzer angestellt war, spendete den vierten Teil seines knappen Jahresgehalts von 900 Franken der Gemeindekasse. M\u00e4nner dieser Art konnten sich nicht l\u00e4nger mit dem Brandmal der gesellschaftlichen und staatsb\u00fcrgerlichen Entrechtung zufriedengeben.<br \/>\nUnd nun griffen die Pariser Juden zu einem neuen Kampfmittel, um sich ihre Rechte zu erringen: sie beschlossen, auf die Nationalversammlung durch die Pariser Kommune oder Stadtverwaltung einzuwirken. In der Kommune konzentrierten sich die radikalsten Elemente der Hauptstadt, die durch ihre Resolutionen mehr als einmal einen Druck auf die Nationalversammlung aus\u00fcbten. Die Juden rechneten darauf, dass, wenn einmal die st\u00e4dtische Verwaltung, die das Organ der \u00f6ffentlichen Meinung der Hauptstadt bildete, zugunsten der Emanzipation auftr\u00e4te, auch die Nationalversammlung mit der Wiederaufnahme der vertagten j\u00fcdischen Frage nicht l\u00e4nger z\u00f6gern k\u00f6nne und sie in positivem Sinne l\u00f6sen w\u00fcrde. An eben demselben 28. Januar, als die Frage wegen der s\u00fcdfranz\u00f6sischen Juden in der Nationalversammlung behandelt wurde, spielte sich im Sitzungssaale der allgemeinen Versammlung (Assemblee generale de la commune) eine feierliche Szene ab. Eine vielk\u00f6pfige Deputation der Pariser Juden, in der sich auch an die f\u00fcnfzig Nationalgardisten mit der dreifarbigen Kokarde befanden, trat vor die Kommunalversammlung mit der Bitte, die Gemeinde der Hauptstadt m\u00f6ge durch ihre Abgeordneten f\u00fcr die Gleichberechtigung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung eintreten.<br \/>\nAls Wortf\u00fchrer dieser Deputation figurierte der Advokat des Parlaments und Kommunemitglied Godard, der von den Pariser Juden bevollm\u00e4chtigt wurde, sich f\u00fcr sie zu verwenden. Godard verlie\u00df seinen Platz, den er unter den Kommuneabgeordneten eingenommen hatte, machte ein paar Schritte vorw\u00e4rts, trat an die Spitze der j\u00fcdischen Deputation und wandte sich an die Versammlung mit folgenden Worten: \u00bbMeine Herren, ich verlie\u00df f\u00fcr kurze Zeit meinen Platz, den ich unter euch einnahm, um ihn mit einem zu vertauschen, der mir in einem Augenblick, wie der jetzige, wo ich als Wortf\u00fchrer von Bittenden und Bef\u00fcrworter von Ungl\u00fccklichen auftrete, mehr geb\u00fchrt. Von dem gr\u00f6\u00dften Teil der im K\u00f6nigreiche lebenden Juden bevollm\u00e4chtigt, ihre Interessen vor der Nationalversammlung zu verfechten1), erscheine ich zugleich als Vertreter der in Paris lebenden Juden. Und als solcher kann ich euch von ihrer tiefen Verehrung Zeugnis ablegen, kann euch ihre Ergebenheit beteuern und einen Beweis ihrer Erkenntlichkeit liefern. Denn die edlen Einwohner unserer Hauptstadt sind in Bezug auf die Juden der Wohltat des Gesetzes vorausgegangen, indem sie sich der jetzigen denkw\u00fcrdigen Revolution bedienten, um sie zu Waffengenossen zu machen und ihnen die B\u00fcrgeruniform (der Nationalgarde), in der einige unter ihnen vor euch treten, zu verleihen. Was die Bev\u00f6lkerung betrifft, so legt sie schon jetzt ein br\u00fcderliches Verhalten ihnen gegen\u00fcber an den Tag, noch ehe sie gelernt hat, mit ihnen wie mit B\u00fcrgern zusammenzuleben&#8230;\u00ab<br \/>\nNachdem er des ferneren auf den patriotischen Eifer der Pariser Juden hinwies, die aus ihrer Mitte hundert Krieger in die Nationalgarde schickten, brachte Godard die W\u00fcnsche der j\u00fcdischen Deputation in folgenden Worten vor: \u00bbDie Juden, die ihr Anliegen vor die Nationalversammlung bringen und von ihrer Weisheit ein f\u00fcr sich g\u00fcnstiges Gesetz erwarten, messen jenen gewichtigen Kundgebungen des Wohlwollens, denen sie in der Hauptstadt begegnen, eine gro\u00dfe Bedeutung bei&#8230; Sie sind der Meinung, dass dieses Wohlwollen seitens der hauptst\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung sie auch zu der Bitte berechtigt, eure Stimmen zu ihrem Schutze zu erheben und das Wort auszusprechen, das die Entscheidung ihres Schicksals beschleunigen k\u00f6nnte&#8230; Eure feierliche Erkl\u00e4rung, die nur ein der Wahrheit dargebrachtes Tribut sein w\u00fcrde, soll nicht nur der Sache der Pariser, sondern der aller Juden im ganzen K\u00f6nigreiche das Wort reden und auf diese Weise das Wohl von f\u00fcnfzigtausend Seelen vorbereiten helfen.\u00ab Der Vorsitzende der Kommuneversammlung, Abbe Mulot, erwiderte darauf, dass das Anliegen der j\u00fcdischen Deputation von der Versammlung ernstlich erwogen werden w\u00fcrde, und gab der \u00dcberzeugung Ausdruck, dass die Kommune \u00bbihren Beschluss in voller \u00dcbereinstimmung mit den Gesetzen der Vernunft und der Menschlichkeit fassen werde\u00ab.<br \/>\nAber die j\u00fcdischen K\u00e4mpfer und ihre christlichen Mitk\u00e4mpfer lie\u00dfen es dabei nicht bewenden. Sie entfalteten eine rege agitatorische T\u00e4tigkeit in den \u00bbSektionen\u00ab oder Bezirksversammlungen der Abgeordneten der Stadt Paris (die Stadt war in 50 Verwaltungsbezirke eingeteilt, von denen jeder seinen Abgeordnetenrat besa\u00df), indem sie die letzteren dazu zu bewegen suchten, ihre Meinung in der Frage der j\u00fcdischen Gleichberechtigung der zentralen st\u00e4dtischen Verwaltung mitzuteilen. Der Karmeliterbezirk war der erste, in dem diese Agitation Anklang fand; in diesem Bezirk wohnte der \u00fcberwiegende Teil der Juden, die sogar ihre Vertreter im Bezirksrat der Abgeordneten hatten. Am 30. Januar erschien im allgemeinen Versammlungssaal der Kommune eine Deputation der Abgeordneten des Karmeliterbezirkes und \u00fcberreichte dem Vorsitzenden die einstimmig angenommene Resolution des Bezirksrates: \u00bban die Kommune die Bitte zu richten, alle ihr zu Gebote stehenden Hebel in Bewegung zu setzen, um die Anerkennung der Juden als aktive Staatsb\u00fcrger bei der Nationalversammlung zu erwirken.\u00ab<\/p>\n<p>Der Staatsanwalt und Syndikus, Cahier-de-Gerville, der an der Spitze der Deputation stand, hielt dabei eine warme Rede f\u00fcr die Juden: \u00bbUnter allen Bezirken der Pariser Gemeinde\u00ab, sagte er, \u00bbist es der Karmeliterbezirk, der den \u00fcberwiegenden Teil der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung beherbergt. Mehr als alle anderen Bezirke hat der Karmeliter die M\u00f6glichkeit gehabt, die Haltung der j\u00fcdischen Einwohnerschaft seit dem Beginne der Revolution zu beobachten, mit ihren Prinzipien F\u00fchlung zu nehmen und sich ein Urteil \u00fcber ihren sittlichen Zustand zu bilden \u2026 Es wird euch daher nicht befremden, wenn die Vertreter des Karmeliterbezirkes sich zu allererst die Freiheit nehmen, dem Patriotismus, der Tapferkeit und der edlen Gesinnung der Juden \u00f6ffentlichen Tribut zu zollen. Kein B\u00fcrger legte solchen Eifer in der Sache der Erringung der Freiheit an den Tag, wie die Juden; niemand zeigte einen derma\u00dfen hei\u00dfen Drang nach der Uniform der Nationalgarde, wie die Juden; ich kenne keine Menschen, die der Ordnung und Gerechtigkeit in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe als sie zugetan w\u00e4ren, die sich durch Wohlt\u00e4tigkeit und freiwillige Spenden f\u00fcr die Gemeinde mehr hervorgetan h\u00e4tten&#8230; Die in Paris lebenden Juden sind noch nicht zu Franzosen erkl\u00e4rt worden, aber glaubt uns, sie verdienen vollauf diese Benennung. Ich wage sogar zu behaupten, dass sie es in Wirklichkeit schon sind. Ja, meine Herren, das Karmeliterviertel will nicht, dass man einen Unterschied zwischen den Staatsb\u00fcrgern mache. Die Juden werden in beratende Aussch\u00fcsse aufgenommen, sie teilen mit uns die Ehre und die M\u00fchen des Milit\u00e4rdienstes, und von keiner Seite wird Unzufriedenheit gegen die Gew\u00e4hrung von staatsb\u00fcrgerlichen Rechten an sie laut &#8211; von Rechten, denen nur die Best\u00e4tigung und Bekr\u00e4ftigung des Gesetzes fehlt&#8230; Geruht also, meine Herren, unsere gerechten und eindringlichen Erkl\u00e4rungen zugunsten unserer neuen Br\u00fcder zur Kenntnis zu nehmen. F\u00fcgt unserer Erkl\u00e4rung auch die eurige bei &#8211; und legt sie insgesamt der Nationalversammlung vor. Seid dessen gewiss, meine Herren: Ihr werdet f\u00fcr die Pariser Juden m\u00fchelos alles erringen, was man den Juden nicht verweigerte, die als portugiesische, avignoner und spanische bekannt sind. Und weshalb denn sollte man die letzteren den ersteren vorziehen? Ist denn nicht die Ehre aller Juden \u00fcberall die gleiche? Sind denn unsere politischen Beziehungen zu den einen und den anderen nicht dieselben? Wenn die Vorfahren derjenigen Juden, deren Interessen wir verfechten, H\u00e4rten und Plagen seitens willk\u00fcrlicher Beh\u00f6rden in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe ausstehen mussten, als es bei den portugiesischen Juden der Fall war, &#8211; gibt denn nicht gerade dieser von ihnen erduldete furchtbare und langwierige Druck ein Anrecht mehr auf unsere nationale Gerechtigkeit?\u00ab<br \/>\nDas Dr\u00e4ngen der Deputationen verfehlte nicht die gew\u00fcnschte Wirkung. Am selben Tage, dem 39. Januar, kam in der Generalversammlung der Pariser Kommune die Frage wegen der Unterst\u00fctzung der von den Juden unternommenen Schritte vor der Nationalversammlung zur Sprache. Es entspannen sich lebhafte Debatten: die Mehrheit war f\u00fcr die Unterst\u00fctzung, die Minderheit schwankte unschl\u00fcssig. Um diese Unschl\u00fcssigkeit zu beseitigen und den Boden f\u00fcr einen einstimmigen Beschluss zugunsten der Juden vorzubereiten, bestieg einer der besten Redner der Kommune, Abbe Bertolio die Trib\u00fcne und hielt eine lange Rede, in der er die wichtigsten Seiten der Judenfrage ber\u00fchrte. Nachdem er darauf hingewiesen hatte, dass Frankreich endlich an dem Zeitpunkt angelangt sei, wo es m\u00f6glich w\u00e4re, alle zwischen den Menschen errichteten Scheidew\u00e4nde niederzuwerfen, rief er aus:<br \/>\n\u00bbAber diese Revolution, die so gl\u00fccklich verlaufen. und so unerwartet gekommen ist, wird ein unvollendetes Werk bleiben, wenn die Anschauungen der Menschen in ihrem Wachstum mit dem der von ihr geborenen Verfassung nicht gleichen Schritt halten. Erheben wir uns doch zur H\u00f6he unserer Verfassung&#8230;!<\/p>\n<p>Die durch die Nationalversammlung geheiligten Prinzipien gaben drei Millionen Franzosen das staatsb\u00fcrgerliche Reben wieder. Die franz\u00f6sischen Protestanten sind in ihren staatsb\u00fcrgerlichen Rechten wiederhergestellt&#8230; Die neuen Prinzipien haben vor kurzem ihren Triumph \u00fcber ein anderes, noch festgewurzelteres Voxurteil errungen. Durch einen feierlichen Gesetzbeschluss wurde die staatsb\u00fcrgerliche Stellung der Juden von Bordeaux, Bayonne und Avignon bekr\u00e4ftigt. Die in Paris und den anderen Teilen des K\u00f6nigreichs lebenden franz\u00f6sischen Juden \u2018bem\u00fchen sich gegenw\u00e4rtig darum, dass man ihnen die gleiche Gerechtigkeit widerfahren lassen m\u00f6ge. Kann man eine abschl\u00e4gige Antwort geben?<\/p>\n<p>Welches ist der wesentliche Unterschied, den man zwischen ihnen und ihren Br\u00fcdern in Bordeaux machen k\u00f6nnte? Man wird sagen, dass sie Patente und Verm\u00f6gensrechte besitzen, deren die anderen entbehren. Darauf erwidere ich nun, dass die Patente der Juden von der Natur selber unterzeichnet sind, und das Siegel der Natur wird alle Siegel s\u00e4mtlicher Kanzleien Europas aufwiegen.\u00ab Der Redner schloss seine Rede mit folgendem Wunsch: \u00bbIch meine, wir m\u00fcssen uns dahin aussprechen, dass die Nationalversammlung die Judenfrage, deren Er\u00f6rterung von ihr vertagt wurde, sobald wie m\u00f6glich auf die Tagesordnung setzen und einen Gesetzesbeschluss erlassen solle, wonach s\u00e4mtliche Juden den Juden von Bordeaux, Bayonne und Avignon gleichgestellt werden.<br \/>\nAber eine derartige Erkl\u00e4rung m\u00fcsste der Nationalversammlung nicht eher unterbreitet werden, als bis sie an alle 60 Bezirke von Paris versandt und durch Stimmenmehrheit bewilligt wird.\u00ab Der Redner erreichte sein Ziel vollauf. Nach seiner Rede schwanden Unschl\u00fcssigkeit und Schwanken dahin. Nach einer kurzen Debatte nahm die Versammlung der Kommune folgende Resolution an:<\/p>\n<ol>\n<li>Ein \u00f6ffentliches Zeugnis \u00fcber die gute Auff\u00fchrung, den Patriotismus und die pers\u00f6nlichen Tugenden der Juden abzugeben; <\/li>\n<li>den Wunsch der Pariser Bev\u00f6lkerung, dass den Juden alle Rechte aktiver B\u00fcrger zuerkannt werden sollen, \u00f6ffentlich bekanntzugeben.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Um diesem Akt den Charakter einer Volksabstimmung zu geben, beschloss die Versammlung der Kommune, ihre Resolution s\u00e4mtlichen Bezirken der Stadt Paris mitzuteilen und nach Erhalt ihrer Einwilligung der Nationalversammlung vorzulegen. Die Resolution wurde von dem in der Geschichte der Revolution ber\u00fchmt gewordenen Pariser Maire Bailly und dem Vorsitzenden Mulot unterzeichnet. Godard dankte der Versammlung im Namen der Pariser Juden und schloss seine Rede mit der Wiederholung des historisch gewordenen Ausspruches des Maire Bailly: \u00bbSegnen wir die Revolution, die uns alle zu Br\u00fcdern macht!\u00ab Die Pariser Stadtverwaltung konnte alsbald ihren Beschluss in Erf\u00fcllung bringen.<br \/>\nDie eigens zu diesem Zwecke einberufenen Bezirksversammlungen beeilten sich, ihre Stimmen f\u00fcr die Emanzipation zu erheben. Von 60 Bezirken \u00e4u\u00dferten sich 53 in diesem Sinne; die Stellungnahme von 6 Bezirken blieb unbekannt, und nur ein einziger Bezirk (Maturin) schlug vor, mit der Emanzipation der Juden so lange zu warten, bis die diesbez\u00fcglichen \u00c4u\u00dferungen der Provinzversammlungen einlaufen. Es stand au\u00dfer Zweifel, dass fast \u00bbganz Paris\u00ab sich f\u00fcr die Gleichberechtigung der Juden aussprach. Am 25. Februar erschien eine aus dem Vorsitzenden Mulot, Godard, dem Abbe Bertolio und anderen bestehende Deputation der Pariser Kommune vor der Nationalversammlung. Die Deputation \u00fcberreichte der gesetzgebenden Versammlung eine schriftlich abgefasste Resolution \u00fcber die Notwendigkeit, sich mit der Er\u00f6rterung der Judenfrage zu beeilen und diese im Sinne der Gew\u00e4hrung der aktiven B\u00fcrgerrechte an die Juden zu l\u00f6sen.<br \/>\nDas Verlesen der Resolution wurde von einer warmen Rede des Pr\u00e4sidenten der Kommune, Abbe Mulot, begleitet. Talleyrand-Perigord, der an diesem Tage den Vorsitz in der Nationalversammlung f\u00fchrte, antwortete der Deputation der Kommune mit folgenden Worten:<br \/>\n\u00bbDie National-Versammlung hat es sich zur heiligen Pflicht gemacht, allen Menschen ihre Rechte wiederzugeben. Sie hat alle die Bedingungen bekanntgegeben, die erforderlich sind, um die aktiven B\u00fcrgerrechte zu erwerben. In eben diesem Geiste und gem\u00e4\u00df diesen Bedingungen wird sie in aller Gerechtigkeit die von euch in solch r\u00fchrender Form zugunsten der. Juden vorgebrachten Argumente pr\u00fcfen.\u00ab<\/p>\n<p>Als jedoch tags darauf der Herzog von Biancourt an die Nationalversammlung mit der Forderung herantrat, einen Tag f\u00fcr die Behandlung der Frage der staatsb\u00fcrgerlichen Stellung der Juden festzusetzen, erkl\u00e4rte einer der Abgeordneten folgendes: \u00bbDie j\u00fcdische Frage ist ganz gewiss eine wichtige Angelegenheit, aber wir haben auf unserer Tagesordnung noch wichtigere Fragen, die alle B\u00fcrger angehen. Was wir hinsichtlich der Juden beschlie\u00dfen werden, wird nur die Interessen eines einzigen Volksteiles ber\u00fchren; hingegen sind die Festlegung der Gerichtsordnung, die Bestimmung der St\u00e4rke und die Zusammensetzung des franz\u00f6sischen Heeres und die Regelung des Finanzwesens &#8211; drei Fragen, an denen das ganze Band interessiert ist und die unsere ganze Zeit in Anspruch nehmen m\u00fcssen. Und daher beantrage ich: die Judenfrage von neuem zu vertagen.\u00ab Der Antrag wurde angenommen. Die L\u00f6sung der Judenfrage in der Nationalversammlung wurde wiederum bis zur L\u00f6sung der n\u00e4chsten an der Tagesordnung stehenden Fragen verschoben.<\/p>\n<h2>Der weitere Kampf und die Proklamierung der Emanzipation. <\/h2>\n<p>Die Juden und ihre liberalen Freunde, die sich mit der abermaligen Vertagung der L\u00f6sung der Judenfrage gegen ihren Willen abfinden mussten, tr\u00f6steten sich mit dem Gedanken, dass, wenn die sofortige Inangriffnahme dieser L\u00f6sung von neuem verhindert wurde, es diesmal einzig und allein an der Notwendigkeit der Behandlung n\u00e4chstliegender allgemeiner Fragen gelegen habe, und dass folglich die Judenfrage von der Tagesordnung der Verhandlungen nicht g\u00e4nzlich gestrichen sei. Aber die judenfeindliche Partei hatte ihre bestimmte Taktik.<br \/>\nSie vereitelte jeden neuen Versuch, die Judenfrage in der Nationalversammlung aufzurollen, indem sie immer neue Anl\u00e4sse zu Verschleppungen ersann und zugleich ihre judenfeindliche Agitation au\u00dferhalb des Parlaments zwecks Beeinflussung der Abgeordneten verst\u00e4rkte. Als aber endlich am 15. April 1790 am Schl\u00fcsse der Osterferien die Reihe an die Judenfrage kam, erkl\u00e4rte der els\u00e4ssische Abgeordnete Reubell, dass im Elsass eine neue judenfeindliche Bewegung im Anzuge sei, die sich im Falle der Proklamierung der Emanzipation in Gewaltt\u00e4tigkeiten gegen die Juden entladen werde. Ihm antwortete ein liberaler Abgeordneter, dass es gerade diese ewigen Vertagungen seien, die die Juden der Gefahr gewaltt\u00e4tiger Angriffe seitens des P\u00f6bels aussetzen. \u00bbDie Vertreter der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung\u00ab, f\u00fcgte er hinzu, \u00bbversichern, dass ihre Glaubensgenossen nur dann ein ruhiges Dasein f\u00fchren werden, wenn die Versammlung sich einmal endg\u00fcltig \u00fcber ihr Schicksal ausspricht. Und auch im Elsass selbst hat die Erwartung der Emanzipation eine derartige Spannung erreicht, dass einige Gemeinden, die mit der Verteilung des ihnen geh\u00f6renden Grund und Bodens begonnen haben, nahe daran sind, auch den Juden (denen der Grundbesitz verboten war) Grundst\u00fccke zuzuweisen.\u00ab Dieser Stimme der Wahrheit schenkte die Versammlung kein Geh\u00f6r und beschloss, die Judenfrage einem Verfassungsausschuss zu \u00fcbergeben. Aber das immer wieder zur\u00fcckgesto\u00dfene Schreckgespenst der Judenfrage tauchte tags darauf wieder in der Nationalversammlung auf. Im Elsass wurde eine kr\u00e4ftige judenfeindliche Agitation betrieben, deren Herd sich in Paris, im Kreise der reaktion\u00e4ren Abgeordneten dieser Provinz befand. Im brennenden Verlangen, die Proklamierung der Emanzipation des verhassten Stammes hintanzuhalten, setzten die \u00bbSchwarzen\u00ab in Paris und ihre Helfershelfer in der Provinz alle Hebel in Bewegung, um den Schein einer Volkserhebung gegen die Juden hervorzurufen. Die Agitation wurde energisch betrieben. Judenfeindliche Flugbl\u00e4tter und Brosch\u00fcren wurden \u00fcberall verbreitet; die reaktion\u00e4re und klerikale Presse wimmelte von marktschreierischen und verleumderischen Artikeln, von giftgeschwollenen Feuilletons und Versen gegen die Juden und ihre liberalen Verteidiger. Die Namen eines Mirabeau, eines Gregoire, eines Talleyrand und Bailly wurden von feilen Zeitungsschimpfern schonungslos in den Schmutz gezerrt, indem der eine als \u00bbvon den Juden bestochen\u00ab, der andere als \u00bbJudas\u00ab, der dritte wiederum als \u00bbBeschneidungslustiger\u00ab verschrien wurde. Als die \u00bbGesellschaft der Verfassungsfreunde\u00ab in Stra\u00dfburg Schritte zur Unterst\u00fctzung der j\u00fcdischen Gleichberechtigung unternahm, bem\u00e4chtigte sich der \u00bbSchwarzen\u00ab eine heftige Erregung. Sie trommelten eine gro\u00dfe Versammlung \u00bbaktiver B\u00fcrger\u00ab zusammen, um die Judenfrage zu behandeln; nachdem man die liberalen Redner, die f\u00fcr die Emanzipation einzutreten versuchten, ausgepfiffen oder mit Gewalt entfernt hatte, erzielte man eine \u00bbEinigung\u00ab.<\/p>\n<p>Die von der Versammlung angenommene Resolution lautete, dass die in Stra\u00dfburg sesshaften christlichen B\u00fcrger, vorwiegend Kaufleute, \u00absich in der Bef\u00fcrchtung einer Konkurrenz seitens der Juden gegen die Gew\u00e4hrung der Gleichberechtigung an diese aussprechen (8. April).<\/p>\n<p>Diese offenm\u00fctige Resolution des \u00bbFanatikerkongresses\u00ab wurde, mit Tausenden von Unterschriften versehen, an die Nationalversammlung geschickt. Eine gleichlautende Resolution ging auch von den Einwohnern der Stadt Kolmar zu. Die Propaganda blieb nicht ohne greifbare Folgen; Judenpogrome und Metzeleien lagen schon in der Luft.<br \/>\nDer unerm\u00fcdliche Verfechter j\u00fcdischer Interessen, Cerf-Berr, teilte der Nationalversammlung mit, dass in der Provinz eine offene Agitation zur Aufhetzung des P\u00f6bels gegen die Juden betrieben werde. Was die lokalen Beh\u00f6rden betr\u00e4fe, so h\u00e4tten diese nicht nur keine Ma\u00dfnahmen zur Vorbeugung von T\u00e4tlichkeiten getroffen, sondern ermutigten alle gewaltt\u00e4tigen Elemente durch eine rohe Behandlung der Juden und durch das Betonen ihrer Rechtlosigkeit. In der Sitzung der Nationalversammlung wurde folgende Erkl\u00e4rung einer Els\u00e4sser Stadtverwaltung verlesen: \u00bbDie Ungewissheit der Tage der Juden macht, dass sie Gefahren ausgesetzt sind, die nur durch einen Beschluss der Versammlung verhindert werden k\u00f6nnen.\u00ab Angesichts des Ernstes der vorgebrachten Begr\u00fcndung beantragte der radikale Abgeordnete R\u00f6derer, das Dekret in folgender Fassung bekanntzugeben:<br \/>\n\u00bbDie Nationalversammlung erkl\u00e4rt von neuem die in Elsass und anderen Orten sesshaften Juden als unter dem Schutze des Gesetzes stehend, untersagt es jedem, sich an ihren Interessen zu vergreifen, und befiehlt den st\u00e4dtischen Magistraten und der Nationalgarde, von allen ihnen zu Gebote stehenden Machtmitteln zum Schutze der Juden und ihres Verm\u00f6gens Gebrauch zu machen\u00ab (16. April). Diese Formel wurde von der Versammlung fast einstimmig angenommen. Nach zwei Tagen wurde das Dekret auch vom K\u00f6nig unterzeichnet. Die Pogromgefahr wich, aber die judenfeindliche Partei erreichte ihr Ziel: da die Nationalversammlung eine Versch\u00e4rfung der Beziehungen zwischen den verschiedenen Teilen der Bev\u00f6lkerung vermeiden wollte, erachtete sie die Vertagung der L\u00f6sung der Judenfrage als einen im Interesse der Juden selbst liegenden Akt politischer Klugheit. Durch diese Erw\u00e4gung beruhigte die Versammlung ihr Gewissen, als sie nach zwei Wochen wiederum eine g\u00fcnstige Gelegenheit zur L\u00f6sung der Judenfrage verpasste.<\/p>\n<p>Man behandelte einen Gesetzentwurf wegen Gew\u00e4hrung von aktiven B\u00fcrgerrechten an jede Person, selbst an einen Ausl\u00e4nder, der nicht weniger als f\u00fcnf Jahre in Frankreich ans\u00e4ssig war (30. April). Reubell forderte nun, in den Gesetzentwurf folgende Klausel aufzunehmen: \u00bbDie Frage wegen der staatsb\u00fcrgerlichen Stellung der Juden, die als vertagt anzusehen ist, wird aber dadurch nicht ber\u00fchrt.\u00ab Die verr\u00e4terische Klausel wurde angenommen &#8211; und selbst die liberalen Abgeordneten dachten anscheinend nicht daran, wie gekr\u00e4nkt sich die Juden durch diesen Beschluss f\u00fchlen mussten, der das Naturalisierungsrecht allen Ausl\u00e4ndern, die auf einen f\u00fcnfj\u00e4hrigen Aufenthalt in Frankreich zur\u00fcckblicken konnten, gew\u00e4hrte, es aber einer Gruppe von Einheimischen vorenthielt, deren Vorfahren noch zu den Einwohnern des alten Galliens und der Frankenmonarchie geh\u00f6rt hatten. Nur eine einzige Erleichterung wurde den Juden so nebenbei gew\u00e4hrt: Im Zusammenh\u00e4nge mit der allgemeinen Steuerreform schaffte die Nationalversammlung alle die dem\u00fctigender und dr\u00fcckenden Steuern ab, die von den Juden in Metz und anderen Orten als Wohnrecht-, Schutz- und Duldungssteuer erhoben wurden. Die Verfechter der j\u00fcdischen Interessen begannen die Geduld zu verlieren.<\/p>\n<p>Am 9. Mai 1791 richtete eine Gruppe Pariser Juden eine Adresse an die Nationalversammlung, die in einem eher protestierenden, als bittenden Ton gehalten war. \u00bbDie Nationalversammlung\u00ab, hei\u00dft es darin, \u00bbhat ein Dekret erlassen, kraft dessen alle Ausl\u00e4nder, die auf einen f\u00fcnfj\u00e4hrigen Aufenthalt in Frankreich zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen, sich der Rechte franz\u00f6sischer Staatsb\u00fcrger erfreuen d\u00fcrfen. Aus welchen fatalen Gr\u00fcnden werden die \u00dcberbringer dieses als weniger w\u00fcrdig angesehen als die Ausl\u00e4nder?<br \/>\nWarum werden sie von allen Rechten ausgeschlossen, die von der Natur verliehen und durch die Beschl\u00fcsse der Nationalversammlung den Menschen zur\u00fcckerstattet worden sind? Will man sie (die Bittsteller) als Juden betrachten, so bilden sie doch einen Teil der franz\u00f6sischen Staatsb\u00fcrger, da sie allen an diese gestellten Bedingungen gen\u00fcgen und alle B\u00fcrgerpflichten erf\u00fcllen; und will man sie als Ausl\u00e4nder betrachten, wiewohl ihr \u00fcberwiegender Teil in Frankreich geboren ist, so sind sie doch kraft des Gesetzes schon franz\u00f6sischer Staatsb\u00fcrger geworden, da sie seit vielen Jahren in der Hauptstadt ans\u00e4ssig sind. In dem einen wie dem anderen Falle d\u00fcrfen sie sich aller aus diesem Titel erwachsenden Rechte erfreuen.\u00ab Dieser Protest teilte das Schicksal aller ihm vorangegangenen Bittschriften und Erkl\u00e4rungen: er wurde dem Verfassungsausschuss \u00fcberwiesen.<\/p>\n<p>Nach zwei Wochen wurde ein letzter Versuch gemacht, auf die z\u00f6gernde Nationalversammlung vermittels der Pariser Kommune einen Druck auszu\u00fcben.<br \/>\nInfolge des Dekrets vom 7. Mai 1791 \u00fcber die Freiheit des \u00f6ffentlichen Gottesdienstes erhielten die Pariser Juden die M\u00f6glichkeit, in einem der \u00f6ffentlichen Geb\u00e4ude ein Bethaus in offizieller Weise zu er\u00f6ffnen. Diese Gelegenheit wurde von dem unerm\u00fcdlichen Anwalt der Juden, Godard, aufgegriffen. Er wandte sich an den Rat der Kommune mit einem Gesuch, in welchem er dem Wunsche Ausdruck gab, dass auf die Proklamierung der Freiheit in Sachen der Religion auch eine solche in staatsb\u00fcrgerlicher Hinsicht folgen m\u00f6ge, da die eine ohne die andere nicht denkbar sei. \u00bbK\u00f6nnen sie denn der Rechte und des Titels von B\u00fcrgern beraubt bleiben, nachdem sie kraft des Gesetzes das Recht, Beth\u00e4user zu errichten, erhalten haben?<br \/>\nK\u00f6nnen sie denn nur in ihren Synagogen B\u00fcrger sein, au\u00dferhalb derselben aber Ausl\u00e4nder und Sklaven?<br \/>\nDie Glaubensfreiheit bleibt ein leeres Wort, wenn sie b\u00fcrgerliche Entrechtung als Strafe nach sich zieht. Nein, wenn ihr die Menschen zur H\u00f6he der religi\u00f6sen Freiheit erhoben habt, so habt ihr sie zugleich zur staatsb\u00fcrgerlichen Freiheit erhoben. Eine halbe Freiheit gibt es ebenso wenig wie eine halbe Gerechtigkeit.\u00ab<\/p>\n<p>Nachdem die Pariser Kommune in der Sitzung vom 28. Mai dieses Gesuch angeh\u00f6rt hatte, nahm sie folgende Resolution an: \u00bb\u00dcberzeugt von der Gerechtigkeit der von den Juden mit solch lobenswerter Beharrlichkeit erneuerten Forderung; genau unterrichtet \u00fcber die Tatsachen, auf denen diese Forderung beruht und die die provisorischen Vertreter der Stadt schon einmal veranlasst hatten, sie pers\u00f6nlich der Nationalversammlung vorzulegen, beschlie\u00dft die Munizipalversammlung: der Nationalversammlung von neuem zu schreiben, ihr das Gesuch der Juden und den Wunsch der Munizipalit\u00e4t zu unterbreiten und sie zu bewegen, die Folgen all der segensreichen Prinzipien, die sie soeben durch die Verk\u00fcndung der Freiheit der religi\u00f6sen \u00dcberzeugung von neuem geheiligt hat, auch auf die Juden der Hauptstadt auszudehnen.\u00ab Die Resolution, versehen mit der Unterschrift des Pariser Stadtpr\u00e4fekten Bailly, wurde an die Nationalversammlung abgeschickt. Aber in dieser st\u00fcrmischen Zeit hatte man an andere Dinge zu denken. Im Sommer 1791, inmitten der politischen Besorgnisse, die durch die \u00bb Flucht Ludwigs XVI. nach Varenne hervorgerufen waren, hatte man die j\u00fcdische Frage vergessen. Das Land erlebte h\u00f6chst unruhige Tage, indem es zwischen Royalismus und Republik unschl\u00fcssig hin und her schwankte; eine neue Phase der gro\u00dfen Revolution war in Paris im Entstehen begriffen &#8211; und die nebens\u00e4chlicheren Fragen des staatlichen Lebens traten zeitweilig in den Hintergrund. Endlich aber war der Augenblick gekommen, wo eine weitere Verschiebung der L\u00f6sung der Judenfrage unm\u00f6glich wurde. Nach einer zweij\u00e4hrigen Arbeit brachte die Konstituante den Text der Verfassung zum Abschluss, und der K\u00f6nig best\u00e4tigtes (14. September).<\/p>\n<p>Die Gleichberechtigung der Juden ging aus den allgemeinen Grundlagen der Verfassung, die die Gleichheit aller B\u00fcrger vor dem Gesetz festsetzte, als logische Notwendigkeit hervor. Es blieb nur \u00fcbrig, diese Gleichberechtigung durch einen formellen Gesetzesbeschluss zu besiegeln und durch einen besonderen gesetzgeberischen Akt zu verk\u00fcnden. Einer neuen Er\u00f6rterung der Frage bedurfte es nicht, nachdem die Nationalversammlung die Argumente f\u00fcr und wider die Emanzipation w\u00e4hrend zweier Jahre in Reden, Bittschriften, Adressen und Resolutionen verschiedener Institutionen und gesellschaftlicher Gruppen zur Kenntnis genommen hatte.<br \/>\nAn einem der letzten Tage der Nationalversammlung, in der Sitzung vom 27. September 1701. bestieg der Abgeordnete Duport die Rednertrib\u00fcne und sagte: \u00bbIch meine, dass die von der Verfassung ein f\u00fcr alle Mal bestimmte Glaubensfreiheit, es nicht mehr gestattet, irgendwelchen Unterschied zwischen Menschen verschiedener Glaubensbekenntnisse hinsichtlich ihrer politischen Rechte zu machen. Die Frage wegen der politischen Stellung der Juden wurde vertagt, w\u00e4hrend T\u00fcrken, Muselm\u00e4nner und Angeh\u00f6rige aller Sekten in Frankreich sich bereits im Besitze der politischen Rechte befinden. Ich fordere daher die Aufhebung dieser Vertagung und als Folge davon die Proklamierung eines Gesetzesbeschlusses, kraft dessen die Juden in Frankreich in den Besitz der Rechte aktiver B\u00fcrger gelangen sollen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung Duports wurde von der Versammlung als eine Forderung aufgenommen, die keine weiteren Einw\u00e4nde zulie\u00df. Der Judenfeind Reubell machte den Versuch, gegen den Antrag Duports aufzutreten, als der Abgeordnete Regnault sich von seinem Sitze erhob und rief: \u00bbIch fordere, dass alle diejenigen, die es nunmehr wagen, gegen diesen Antrag (die Gleichberechtigung der Juden) aufzutreten, zur Ordnung gerufen werden, denn ein Angriff auf diesen Antrag ist zugleich ein Angriff auf die Verfassung.\u00ab Dieser zornige Ruf eines Konstitutionalisten verfehlte \u00ab seine Wirkung nicht: die Rechte wurde m\u00e4uschenstill, und die Mehrheit schlo\u00df sich dem Antr\u00e4ge Duports an. Im selben Augenblick wurde ein kurzer, aber eindringlicher Gesetzesbeschluss verfasst, der in der darauffolgenden Sitzung (vom 28. September) durch einige Wendungen, den Bemerkungen der Abgeordneten entsprechend, erg\u00e4nzt wurde: \u00bbIn Anbetracht des Umstandes, dass die f\u00fcr den Stand eines franz\u00f6sischen B\u00fcrgers und f\u00fcr den Besitz der Rechte aktiver B\u00fcrger erforderlichen Bedingungen durch die Verfassung festgelegt sind; dass jeder, der den genannten Bedingungen gen\u00fcgt, einen B\u00fcrgereid leistet und alle von der Verfassung ihm auferlegten Verpflichtungen erf\u00fcllt, ein Anrecht auf die ihm von der letzteren gew\u00e4hrten Vorteile besitzt, hebt die Nationalversammlung alle Aufschiebungen, Vorbehalte und Ausnahmen auf, die in den fr\u00fcheren Beschl\u00fcssen hinsichtlich der Juden, die einen B\u00fcrgereid geleistet haben, enthalten waren; dieser Eid ist nur als ein Verzicht auf alle die Privilegien und Sondergesetze aufzufassen, die fr\u00fcher f\u00fcr sie gegolten haben.\u00ab<\/p>\n<p>Die judenfeindlichen Abgeordneten in der Nationalversammlung konnten auch in diesem letzten Augenblick den Triumph der Gleichberechtigung nicht ruhig hinnehmen. Da sie keine M\u00f6glichkeit vor sich sahen, diesen Akt zu verhindern, so suchten sie wenigstens den Juden die Freude etwas zu verg\u00e4llen. Als in der Sitzung vom 28. September die Klauseln zu dem von Duport verfassten Beschluss zur Verhandlung kamen, machte Reubell den Versuch, die Kammer durch das Gespenst einer \u00bbVolkserhebung, die durch diese Beschl\u00fcsse im Elsass hervorgerufen werden w\u00fcrde\u00ab, einzusch\u00fcchtern. Um Ausschreitungen gegen die Juden vorzubeugen, beantragte er, die christliche Bev\u00f6lkerung im Elsass f\u00fcr die j\u00fcdische Gleichberechtigung zu entsch\u00e4digen, und zwar auf folgende Weise: da die Verschuldung der christlichen Bev\u00f6lkerung an die j\u00fcdischen Gl\u00e4ubiger sehr gro\u00df sei (der Betrag dieser Schulden im Elsass soll die H\u00f6he von 12\u201415 Millionen Livres erreicht haben), m\u00fcsse die Regierung die Liquidierung dieser Schulden auf dem Wege einer K\u00fcrzung des Schuldbetrages um zwei Drittel vornehmen; mit dieser Ma\u00dfnahme h\u00e4tten sich angeblich auch die Juden einverstanden erkl\u00e4rt; und daher seien die lokalen Beh\u00f6rden zu beauftragen, an alle j\u00fcdischen Gl\u00e4ubiger die Forderung ergehen zu lassen, binnen eines Monats genaue Angaben \u00fcber die ausgeliehenen Summen vorzulegen; dann m\u00fcsse man Erkundigungen \u00fcber die Zahlungsf\u00e4higkeit der Schuldner einziehen, einen Liquidierungsentwurf ausarbeiten und das gesamte Material nach Paris schicken, um es der gesetzgebenden Versammlung zu unterbreiten. Auf diese Weise &#8211; versicherte Reubell &#8211; w\u00fcrde die Kammer zeigen, dass sie die Volksinteressen wirklich wahrnimmt und die christliche Bev\u00f6lkerung im Elsass mit der j\u00fcdischen Gleichberechtigung vers\u00f6hnen will. Der Reubellsche Antrag wurde von der Nationalversammlung angenommen\u2026<\/p>\n<p>Es unterliegt keinem Zweifel, dass die auf dem \u00abBoden der Kreditoperationen entstandenen, verworrenen wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse eine offizielle Einmischung und Regelung dringlich erforderten, damit beide Teile aus diesem finanziellen Sumpfe, dem Erbe des alten Regimes herausk\u00e4men. Und doch musste das Zusammenfallen eines derartigen Beschlusses mit dem feierlichen Emanzipationsakt einen deprimierenden Eindruck machen. Beide Gesetzesbeschl\u00fcsse &#8211; der \u00fcber die Gleichberechtigung und der \u00fcber die Liquidierung &#8211; wurden an ein und demselben Tage angenommen, und man konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, als sei die Gleichberechtigung den Juden als Entgelt f\u00fcr die zwangsm\u00e4\u00dfige Tilgung ihrer Guthaben verliehen worden.<\/p>\n<h2>Patriotismus der Freiheit; Opfer der Schreckensherrschaft. <\/h2>\n<p>Seit den ersten Revolutionstagen waren viele Juden, und insbesondere die von der Freiheitsbewegung hingerissenen Pariser Juden von jenem Patriotismus ergriffen, der zu jener Zeit die Liebe zur Freiheit und zur Heimat der Freiheit, zum Lande, das als erstes die Rechte des B\u00fcrgers und des Menschen verk\u00fcndet hatte, bedeutete. (Als Patrioten wurden bekanntlich die Anh\u00e4nger der Revolution bezeichnet.) In den neuen Losungen der \u00bbFreiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit\u00ab h\u00f6rten die Nachkommen der alten Propheten heimatliche T\u00f6ne, die jahrhundertelang vom Klirren der Sklavenketten \u00fcbert\u00f6nt geworden waren\u2026<\/p>\n<p>Dieser m\u00e4chtige Einfluss der revolution\u00e4ren Atmosph\u00e4re im Zusammenhang mit der vorangehenden Einwirkung der aufkl\u00e4rerischen Ideen des XVIII. Jahrhunderts erkl\u00e4rt den so raschen Eintritt der Menschen, die gestern noch in sich verschlossen und staatsb\u00fcrgerlich isoliert lebten, ins politische Leben.<br \/>\nDie regste politische Aktivit\u00e4t entfalteten nat\u00fcrlich die Pariser Juden. Welchen Grad diese Aktivit\u00e4t erreicht hatte, ist daraus zu ersehen, dass die kleine j\u00fcdische Kolonie von Paris schon im ersten Revolutionsjahr 100 Freiwillige in die Nationalgarde stellte.<\/p>\n<p>Zur selben Zeit traten die Juden auch den verschiedenen einflussreichen politischen Klubs, wie dem der Jakobiner und der Feuillants als Mitglieder bei. Sie beteiligten sich auch an den Sektions- und Bezirksversammlungen der Pariser B\u00fcrger. An diesen Herden politischer T\u00e4tigkeit erwarben sich die j\u00fcdischen Politiker die Erfahrung und die Energie, die sie im Kampfe f\u00fcr ihre Gleichberechtigung, in ihrer au\u00dferparlamentarischen Agitation und in der unabl\u00e4ssigen Beeinflussung der Nationalversammlung, der Pariser Kommune und der Presse, zeigten. In der Presse hatten die Juden nur wenige Vertreter. Der t\u00e4tigste unter ihnen war der alte K\u00e4mpfer f\u00fcr die Sache der Emanzipation der bereits genannte patriotische Schriftsteller Salkind Hurwitz.<br \/>\nSeine Aufs\u00e4tze in der radikalen Pariser Presse (\u00bbChronique de Paris\u00ab u. a. m.), die er mit \u00bbPolonais\u00ab neben seinem Namen unterschrieb, lenkten die Aufmerksamkeit auf sich durch ihren originellen, scharfsinnigen Stil, einen Vorl\u00e4ufer des sarkastischen Stiles B\u00f6rnes.<\/p>\n<p>Als die j\u00fcdische Frage in der Nationalversammlung vertagt wurde, ver\u00f6ffentlichte Hurwitz einen Brief in der \u00bbChronique de Paris\u00ab (am 22. Februar 1790), in dem er die \u00bbKasuisten aller Religionen\u00ab in ironischer Weise ersuchte, folgenden ihn qu\u00e4lenden Zweifel zu l\u00f6sen: einerseits h\u00e4tte er, der Verfasser, den \u00bbB\u00fcrgereid\u00ab geleistet, dass er die auf der Anerkennung der Menschenrechte beruhende Verfassung respektieren werde; andererseits aber verpflichte ihn der Beschluss der Nationalversammlung, diese selben Rechte solchen Menschen nicht zuzuerkennen, die ihren Gottesdienst in hebr\u00e4ischer Sprache verrichten und das Gl\u00fcck, in Bordeaux oder Avignon geboren zu sein, nicht haben.<br \/>\nHurwitz beantwortete auch die Parlamentsreden des Abbe Maurv und die Auslassungen der klerikalen Presse mit bissigen polemischen Aufs\u00e4tzen. Als die durch das Dekret \u00fcber die Enteignung der Kircheng\u00fcter aufgebrachte katholische Geistlichkeit gegen die Juden zu hetzen begann, lie\u00df Hurwitz einen satirischen Aufsatz erscheinen, in welchem er die Kundigen bat, ihm, dem Baien \u00bbeinige physische und moralische Erscheinungen aus der Naturgeschichte der Geistlichkeit\u00ab klarzumachen.<br \/>\nNach der Proklamierung der Emanzipation schwoll die patriotische Stimmung der Juden noch mehr an. Begeisterte Briefe und Dankhymnen Befreiter erschienen in den Zeitungen.<br \/>\nEin gewisser Samuel Levy, der sich den sonderbaren Titel: \u00bbF\u00fcrst der Gefangenschaft, Oberhaupt der westlichen und \u00f6stlichen Synagogen\u00ab zugelegt hatte, schrieb folgenden Brief, der mit besonderer R\u00fchrung gelesen wurde: \u00bbFrankreich, das als erstes die Schmach Judas beseitigte, ist unser Pal\u00e4stina; seine Berge sind unser Zion, seine Fl\u00fcsse &#8211; unser Jordan. Fasset uns das lebendige Wasser seiner Quellen trinken: es ist das Wasser der Freiheit&#8230;<\/p>\n<p>Die Freiheit hat nur eine Sprache, und alle Menschen kennen ihr Alphabet. Die Nation, die mehr als alle anderen geknechtet war, wird f\u00fcr die Nation beten, die die Fesseln der Sklaven l\u00f6ste. Frankreich ist die Zuflucht der Bedr\u00e4ngten\u00ab&#8230; Viele Juden riefen beim Reisten des B\u00fcrgereides die revolution\u00e4re Losung jener Zeit: \u00bbAls Freie leben oder sterben.\u00ab Ihre Anh\u00e4nglichkeit an das Vaterland bem\u00fchen sich die Juden durch \u00bbpatriotische Gaben\u00ab, d. h. durch reiche Spenden f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke zu bezeugen. Solche Spenden wurden in jenem Jahre der Finanzkrise und der Kraftanspannung des ganzen Randes im Kriege gegen die europ\u00e4ische Koalition (1792\u20141793) sehr gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Die Spenden bestanden aus barem Geld und auch Gegenst\u00e4nden: zuweilen gab man das Letzte hin; f\u00fcr Kriegszwecke wurde auch die Ausstattung einiger Beth\u00e4user gespendet. Der Krieg erheischte auch Opfer an Blut, und j\u00fcdische Soldaten zogen an die Grenze unter die Kugeln der Preu\u00dfen und \u00d6sterreicher. Die Grenzgebiete Elsass und Lothringen befanden sich in der Kriegszone, und die Juden teilten mit allen anderen B\u00fcrgern die Sorgen und Lasten der unruhigen Zeit. Im Jahre 1793 z\u00e4hlte die franz\u00f6sische Armee ungef\u00e4hr 2000 Juden. Dies hinderte \u00fcbrigens die judenfeindliche Einwohnerschaft der Stadt Nancy nicht, in einem von ihr im selben Jahre gefassten Beschl\u00fcsse zu erkl\u00e4ren, dass die Vertreibung s\u00e4mtlicher Juden aus Frankreich eine w\u00fcnschenswerte Ma\u00dfregel w\u00e4re.<\/p>\n<p>Als dieser Beschluss dem Jakobinerklub in Paris mitgeteilt wurde, dekretierte er folgendes: \u00bbDie Republik kennt nicht das Wort Jude, denn dieses Wort bezeichnet im gegenw\u00e4rtigen Augenblick nicht ein Volk, sondern eine Sekte; nun erkennt die Republik keine Sekten an und hat nicht die Absicht, Sektierer auszuweisen, es sei denn, dass letztere sich eine Verletzung der gesellschaftlichen Ordnung zuschulden kommen lassen\u00ab&#8230; Unwillk\u00fcrlich dr\u00e4ngt sich der Gedanke auf: was w\u00e4re, wenn die Juden in der Eigenschaft als Volk, als Nation anerkannt worden w\u00e4ren? \u2026 Die j\u00e4hen Schwenkungen der Revolution nach der Seite des Despotismus und der Schreckensherrschaft Ern in der Zeit des Konvents von 1793\u20141794 trafen zuweilen auch die j\u00fcdischen B\u00fcrger sehr empfindlich. Das Dekret des Konvents vom November 1793 \u00fcber die Einf\u00fchrung des \u00bbKultus der Vernunft\u00ab, anstatt des katholischen Gottesdienstes erstreckte sich in der Praxis auch auf die j\u00fcdische Religion. All jene Szenen freiwilliger oder erzwungener Lossagung von der Religion, die sich in ausgedehntem Ma\u00dfe unter den katholischen B\u00fcrgern abspielten, wiederholten sich auch unter den Juden. An den im Revolutionskalender festgesetzten Feiertagen, den \u00bbDekaden\u00ab, f\u00fchrten die Pariser j\u00fcdischen Schullehrer Ahron Polak und Jakob Kohen ihre Sch\u00fcler in den \u00bbTempel der Vernunft\u00ab, in den die katholische Notre-Dame-Kirche verwandelt war. Manche j\u00fcdischen Beth\u00e4user stellten ihre \u00bbBeute\u00ab, d. h. die wertvollen Gottesdienstutensilien dem Konvent oder den st\u00e4dtischen Kommunen zur Verf\u00fcgung; sie folgten hierin dem Beispiel vieler katholischer Kirchen, dieser \u00bbL\u00fcgenbuden\u00ab, wie man sie zu jener Zeit nannte.<\/p>\n<p>Die Deputation einer der Pariser Synagogen gab am Gitter des Konvents die Erkl\u00e4rung ab: \u00bbUnsere Vorfahren haben uns Gesetze \u00fcberliefert, die vom Gipfel eines Berges (Sinai) verk\u00fcndet worden waren; die Gesetze, die ihr Frankreich gebet, gehen von einem Berge aus, den wir nicht minder verehren. Wir sprechen euch daf\u00fcr unseren Dank aus\u00ab&#8230; Ein \u00bbj\u00fcdischer Geistlicher\u00ab Salomon Hesse, \u00fcberreichte einer Sektionsversammlung der \u00bbFreunde des Vaterlandes\u00ab in Paris seinen silbergestickten Gebetmantel und erkl\u00e4rte, dass er \u00bbkeinen anderen Gott als den der Freiheit, und keine andere Religion als die der Gleichheit\u00ab kenne. \u00c4hnliche Szenen spielten sich auch in der Provinz ab. In Avignon lieferten die \u00bbunter dem Namen Juden bekannten B\u00fcrger\u00ab alle \u00bbMaschinen aus Gold und Silber\u00ab, deren sie sich bei ihrem Gottesdienst bedienten, an die Kreisverwaltung ab.<\/p>\n<p>Im rabbinischen Zentrum Lothringens, Metz, wurden die \u00bbGesetzestafeln Mosis\u00ab und die Thorarollen aus Pergament vernichtet. \u00bbDie auf H\u00e4uten geschriebenen Gesetze dieses gewandten Betr\u00fcgers (Mosis)\u00ab, erkl\u00e4rte triumphierend der \u00bbRepublikanische Kurrier\u00ab, \u00bbwerden nun zur Bespannung von Trommeln dienen, um Attacken zu schlagen und die Mauern des neuen Jerichos umzuwerfen.\u00ab<br \/>\nUnd das Blatt versicherte, dass sich unter den Juden kein Mensch dar\u00fcber gr\u00e4mte, au\u00dfer einigen \u00bbvon dummen Vorurteilen befangenen Weibern\u00ab. In Nancy mussten die Juden auf Befehl eines Munizipalbeamten ihre \u00bbmystischen Pergamente\u00ab und die goldenen und silbernen Verzierungen und Embleme ihres Kults abliefern. In Paris forderten die sansculottischen Bl\u00e4tter, dass man den Juden verbieten sollte, ihre Neugeborenen zu beschneiden; der Konvent schenkte aber dem keine Beachtung. Es wurden auch Versuche gemacht, den Juden die Sabbatfeier zu verwehren, in Anbetracht dessen, dass doch ein B\u00fcrgersabbat, die Dekade, als Ruhetag festgesetzt sei; an einigen Orten zwang man j\u00fcdische H\u00e4ndler, ihre L\u00e4den an Sabbaten offen zu halten.<\/p>\n<p>In Metz hatten die Juden gro\u00dfe Angst auszustehen, als sie ihre Passahbrote (Mazzes) buken, da sie bef\u00fcrchteten, wegen \u00bbAberglaubens\u00ab angezeigt und angeklagt zu werden. Eine Frau erwirkte aber bei der Beh\u00f6rde die Erlaubnis, das Passahfest als Gedenktag der politischen Befreiung der israelitischen Nation zu feiern. Es kamen auch F\u00e4lle von Vergewaltigungen vor: fanatische Anh\u00e4nger des \u00bbKultes der Vernunft\u00ab und der aus Rand und Band geratene P\u00f6bel drangen in die Synagogen ein, verbrannten die Thorarollen und die heiligen B\u00fccher (\u00bbgaben ihre l\u00fcgenhaften B\u00fccher dem Feuer patriotischer Scheiterhaufen preis\u00ab &#8211; wie die offiziellen Berichte lauteten) und schlossen die Synagogen; einige Rabbiner im Elsass hatten Verfolgungen zu erdulden. Im Fr\u00fchjahr 1794 wurde die \u00bbReligion der Vernunft\u00ab vom Robespierrischen deistischen Kult des H\u00f6chsten Wesens abgel\u00f6st: die Religionsverfolgungen h\u00f6rten auf &#8211; aber die Schreckensherrschaft w\u00fctete weiter. Die Revolution verschlang ihre eigenen Kinder: unter dem Messer der Guillotine fielen hintereinander die K\u00f6pfe der Girondisten, Hebertisten, Dantonisten; die Reihe kam an die Partei Robespierres. Da die Juden sich an verschiedenen politischen Parteien und Klubs beteiligten, so wurden sie auch vom roten Fl\u00fcgel des Terrors getroffen. Schon die Dekrete des Konventes vom Jahre 1793 \u00fcber die Verhaftung aller, die sich einer unfreundlichen Haltung gegen\u00fcber der Republik verd\u00e4chtig machten, und \u00fcber die Ausweisung aller \u00bbAristokraten\u00ab und Ausl\u00e4nder versetzten viele Pariser Juden in eine unertr\u00e4gliche Lage.<br \/>\nDie einen wurden auf den Verdacht hin verhaftet, dass sie fremdl\u00e4ndischer Herkunft seien, die anderen unter der Anklage eines \u00bbverstockten Aristokratismus\u00ab, die dritten &#8211; wegen der Zugeh\u00f6rigkeit zu der Partei, die im gegebenen Augenblick von den zust\u00e4ndigen Revolutionsaussch\u00fcssen dem Untergange geweiht war. Der j\u00fcdische Politiker aus Bordeaux, der Girondist Furtado musste fl\u00fcchten, um dem traurigen Los der Idealisten der Revolution, der Girondisten zu entgehen. Verhaftungen und Einsperrungen wurden des \u00d6fteren auf falsche Angaben hin vorgenommen; man unterzog die Verhafteten und Eingesperrten einem gerichtlichen Verh\u00f6r, worauf sie in den meisten F\u00e4llen freigelassen wurden; zuweilen aber hatten die Verhaftungen ernste Folgen. Einige j\u00fcdische Bankiers und Kaufleute aus Bordeaux wurden zu betr\u00e4chtlichen Geldbu\u00dfen verurteilt, weil sie fr\u00fcher in Beziehungen zum k\u00f6niglichen Hof und der Aristokratie gestanden hatten oder auch einen nicht gen\u00fcgenden Eifer f\u00fcr die Sache der Revolution an den Tag legten.<\/p>\n<p>Der Bankier Peixotto wurde neben allen diesen Vers\u00fcndigungen auch noch des Versuches beschuldigt, unter dem alten Regime den Titel eines Adligen zu erlangen, wobei er sich auf seine Abstammung vom biblischen Geschlecht Levi berufen h\u00e4tte. Auf Grund solcher kuriosen Beschuldigungen verurteilte ihn die Kriegskommission zu Bordeaux zu einer Geldbu\u00dfe im Betrage von 1200 000 Livres.<\/p>\n<p>Nicht immer begn\u00fcgte man sich aber mit Geldbu\u00dfen: mehrere j\u00fcdische K\u00f6pfe kamen unter das Messer der Guillotine. Jakob Pereir a bestieg als einer der ersten das Blutger\u00fcst. S\u00fcdfranzose von Geburt, \u00fcbersiedelte er im Jahr 1790 nach Paris, wo er eine Tabakfabrik gr\u00fcndete und sich in den politischen Strudel der Hauptstadt st\u00fcrzte.<br \/>\nEr schloss sich den extremen linken Parteien an und wurde zu einem hervorragenden Repr\u00e4sentanten des Jakobinerklubs. Als die \u00bbReligion der Vernunft\u00ab offiziell eingef\u00fchrt wurde, beteiligte sich Pereira in Gemeinschaft mit dem Kosmopoliten Anacharsis Klotz, dem \u00bbRedner des Menschengeschlechtes\u00ab an einer antikatholischen Demonstration, die ganz Frankreich in Aufregung versetzte. Beide Jakobiner kamen zum Pariser Bischof Gobel und forderten ihn auf, vor dem Konvent zu erscheinen, um sich da von seinen \u00bbVerirrungen\u00ab \u00f6ffentlich loszusagen, d. i. sein geistiges Amt niederzulegen.<br \/>\nDer eingesch\u00fcchterte Bischof begab sich nach einigem Widerstand vor den Konvent, wo er die Erkl\u00e4rung abgab, dass er auf sein Amt verzichte. Er legte das Kreuz ab und setzte die rote M\u00fctze auf, die ihm einer von den Umstehenden unter dem begeisterten Beifall des gesamten Konvents auf den Kopf st\u00fclpte. Die Beteiligung Pereiras an dieser Kom\u00f6die besiegelte sein Schicksal. Als Robespierre bald darauf, nach der Abschaffung des Vernunftkultes einen Feldzug gegen die \u00bbMissionare der atheistischen Religion\u00ab er\u00f6ffnete und einen Prozess gegen die Terroristen aus der Hebertschen Partei anstrengte, geriet auch Pereira in Gemeinschaft mit Anacharsis Klotz unter die Angeklagten. Nach einer f\u00fcnfmonatlichen Haft, wurde Pereira wegen angeblicher \u00bbBeteiligung an einer die Vernichtung der nationalen Vertretung (des Konventes), die Ermordung ihrer Mitglieder und den Sturz der Republik bezweckenden Verschw\u00f6rung\u00ab vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt. Er wurde im gleichen Wagen mit Hebert, Klotz und den anderen auf den Richtplatz geschafft.<br \/>\nUnter den lauten Schreien der Menge: \u00bbEs lebe die Republik\u00ab fiel der Kopf des j\u00fcdischen Demagogen. Einen Monat sp\u00e4ter kam der Prozess der Dantonisten zur Verhandlung, und unter diesen befanden sich zwei Angeklagte j\u00fcdischer Abstammung: die Br\u00fcder Frey.<\/p>\n<p>Aus \u00d6sterreich, wo ihr Vater, ein reicher Armeelieferant, zum Christentum \u00fcbergetreten war, \u00fcbersiedelten die Br\u00fcder Julius und Emanuel Frey samt ihrer jugendlichen Schwester Leopoldine nach Paris, um die \u00bbWohltaten der Freiheit\u00ab zu genie\u00dfen. Hier trat die Familie Frey in n\u00e4here Beziehungen zu den Montagnarden, insbesondere zu dem rohen Demagogen Chabeau, einem ehemaligen Kapuziner. Um ihr B\u00fcndnis mit der Revolution zu befestigen, verheirateten die Br\u00fcder ihre sechzehnj\u00e4hrige Schwester mit Chabeau, indem sie ihm das sch\u00f6ne M\u00e4dchen mit einem ansehnlichen Verm\u00f6gen als Mitgift beinahe aufdr\u00e4ngten. Das Eheb\u00fcndnis erwies sich als verh\u00e4ngnisvoll f\u00fcr beide Teile. Als Chabeau bald darauf in die Netze der revolution\u00e4ren Spionage geriet, wurde gegen ihn die Anklage erhoben, dass er sich mit einer \u00d6sterreicherin verheiratet und Geld aus dem Auslande erhalten habe, um einen Staatsstreich zu inszenieren. Die Freys wurden beschuldigt, eine Verschw\u00f6rung angezettelt zu haben, zum Zwecke, \u00bbdas Prestige der republikanischen Regierung mittels Bestechungen zu untergraben\u00ab. Die beiden Br\u00fcder, von denen der eine 36, der andere 27 Jahre alt war, wurden vom Revolutionstribunal verurteilt und zugleich mit Chabeau, Danton, Desmoulins und anderen Revolutionshelden im April 1794 hingerichtet. Freigesprochen und am Leben geblieben war nur die nach halbj\u00e4hriger Ehe verwitwete Leopoldine Frey, eine zarte, vom Revolutionssturm gebrochene und vernichtete Bl\u00fcte. Eine andere Trag\u00f6die spielte sich in der Familie des j\u00fcdischen Barons Liefmann Kalmer, eines Einwanderers aus Holland, ab, der sich in Frankreich lange vor der Revolution naturalisiert hatte. Von seinen beiden S\u00f6hnen stand der eine, Isaak Kalmer in den Reihen der wildesten Sansculotten (\u00bbein Sansculotte mit 200000 Livres Jahreseinkommen\u00ab), der andere aber sympathisierte mit den Royalisten; beide Br\u00fcder wurden durch die Schreckensherrschaft von zwei Polen der politischen Welt heruntergeholt und vor die Stufen des Schafotts gebracht. Isaak Kalmer, ein t\u00e4tiges Mitglied des revolution\u00e4ren Ausschusses von Clichy (bei Paris), in dem er \u00f6fters den Vorsitz f\u00fchrte, wurde von seinen politischen Gegnern der despotischen Willk\u00fcr, der verletzenden Behandlung der Munizipalit\u00e4tsbeamten und der Terrorisierung der B\u00fcrger von Clichy angeklagt. Kraft eines vom Revolutionstribunal gef\u00e4llten Urteils, wurde er im Juni des Jahres 1794 hingerichtet.<br \/>\nSein j\u00fcngerer Bruder, Louis-Benjamin, wurde unter der Anklage, \u00bbdie extremen Royalisten und Konterrevolution\u00e4re unterst\u00fctzt zu haben\u00ab, ins Gef\u00e4ngnis geworfen. Die Anklage gr\u00fcndete sich darauf, dass er, als er w\u00e4hrend des Aufenthaltes der k\u00f6niglichen Familie in den Tuilerien Grenadier war, des \u00d6fteren ins Schloss gekommen sei und mit dem K\u00f6nige und der K\u00f6nigin gesprochen habe; auch dass er Auftr\u00e4ge des \u00bbver\u00e4chtlichen H\u00f6flings\u00ab Lafayette ausgef\u00fchrt und in dessen Namen Medaillen verteilt habe.<br \/>\nIm Mai 1794 wurde auch der zweite Kalmer vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt und bald darauf guillotiniert. Die Guillotine drohte auch der Schwester des hingerichteten Kairoers, Sarah, die durch einen gl\u00fccklichen Zufall dem Tode entrann; sie war im Gef\u00e4ngnisse etwas l\u00e4nger als ihre Br\u00fcder geblieben, inzwischen aber vollzog sich der Umsturz vom Termidor, der der blutigen Diktatur Robespierres ein Ende setzte (Juli 1794). Die eingekerkerte J\u00fcdin wurde mit allen anderen zum Tode verurteilten Gefangenen freigelassen. J\u00fcdische Namen tauchen auch in den politischen Prozessen der folgenden Jahre, der Zeit der \u00bbBeruhigung\u00ab, auf.<\/p>\n<p>Wenn zur Zeit des Konvents der Verdacht eines mangelnden Radikalismus gen\u00fcgte, um ins Gef\u00e4ngnis geworfen zu werden, so wurden in den Jahren des Direktoriums (1795\u20141796) Prozesse gegen Personen angestrengt, die sich des extremen Jakobinertums verd\u00e4chtig machten. Dies alles ber\u00fchrte jedoch nur die Interessen einzelner Personen und wurde nicht der ganzen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung als solcher auf die Rechnung gesetzt.<\/p>\n<h2>Die ersten Fr\u00fcchte der Emanzipation (1796 bis 1806).<\/h2>\n<p>Das Jahrzehnt zwischen dem Direktorium und der Errichtung des Napoleonischen Kaiserreichs war im Leben der franz\u00f6sischen Juden durch keine hervorragenden Geschehnisse ausgezeichnet, aber es ebnete den Weg zu den Ereignissen der darauffolgenden Jahre. In dieser Zeit reiften die ersten Fr\u00fcchte der Emanzipation heran, die s\u00fc\u00dfen wie die bitteren. Das b\u00fcrgerliche und insbesondere das wirtschaftliche Wachstum der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung l\u00f6ste seitens der von diesem Wachstum getroffenen fremden Interessen eine Gegenwirkung aus, und unter der Sonne der Freiheit reifte eine Frucht heran, die ihre S\u00e4fte aus dem Boden der Knechtschaft sog. Seit der Revolutionszeit nahm die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung Frankreichs zusehends zu. Die j\u00fcdische Einwanderung aus dem benachbarten Deutschland nach den \u00f6stlichen Departements Frankreichs, nach Elsass und Lothringen, gewann an Ausdehnung; die entrechteten Bewohner des deutschen Ghettos fanden hier eine ihr in Lebensgestaltung und Sprache (j\u00fcdisch-deutsche Mundart) verwandte j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung vor und akklimatisierten sich rasch den neuen Verh\u00e4ltnissen.<br \/>\nViele von ihnen drangen noch tiefer ins Land und gingen insbesondere nach Paris, dessen j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung in f\u00fcnfzehn Jahren auf das Dreifache gestiegen war: um das Jahr_i8o6 lebten da an die 3000 Juden. Eine bedeutende j\u00fcdische Gemeinde bildete sich in Stra\u00dfburg, das fr\u00fcher den Juden verschlossen war.<\/p>\n<p>Die Eroberungen der franz\u00f6sischen Revolution und des Kaiserreichs (Belgien, Holland, die Schweiz, Teile Italiens und Deutschlands) hatten eine mechanische Vergr\u00f6\u00dferung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung im Gefolge, die in den ersten Jahren des Kaiserreichs (1804\u20141808) die Zahl 135 600 \u00fcberstieg. Ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte davon entfiel auf die rein franz\u00f6sischen Departements.<\/p>\n<p>Diese ganze Menschenmasse zeigte sich bestrebt, ihre Kr\u00e4fte im Bande der Freiheit zu entfalten; aber jene st\u00fcrmische Zeit war nicht dazu angetan, das normale Wachstum des befreiten Volkes zu f\u00f6rdern. Die inneren Revolutionskrisen wurden von einer Periode ununterbrochener \u00e4u\u00dferer Kriege abgel\u00f6st. Der Drang nach Freiheit machte dem Drange nach milit\u00e4rischem Ruhme Platz, der den Militarismus Napoleons I. so \u00fcppig emporschie\u00dfen lie\u00df. Unwillk\u00fcrlich mussten die Juden in dieses Fahrwasser hineingeraten, das die b\u00fcrgerlichen Tugenden in die Kasernen und auf die blutigen Schlachtfelder mit sich ri\u00df. Sie lieferten nicht wenig Stoff f\u00fcr jenes Kanonenfutter, das der \u00bbRuhm Frankreichs\u00ab ben\u00f6tigte. Durch die starken Aushebungen wurden die jugendlichen Reihen der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung erheblich gelichtet. Die Juden begaben sich unter die Fahnen der Republik und des Kaiserreiches, indem sie pers\u00f6nlich den Milit\u00e4rdienst leisteten oder gedungene S\u00f6ldner stellten. Es gab unter ihnen auch viele Freiwillige und Berufssoldaten, die es zuweilen bis zum Offiziersrange brachten. Die Lage der Juden unter ihren christlichen Kameraden war mitunter eine sehr schwierige; dies bewog viele Juden im Heere, ihre Abstammung zu verheimlichen und ein milit\u00e4risches Pseudonym (nom de guerre) anzunehmen. In dem Ma\u00dfe, als sich die Aushebungen verst\u00e4rkten, und die \u00bbBlutsteuer\u00ab immer unertr\u00e4glicher wurde, wuchs auch die Zahl der Dr\u00fcckeberger. Die Pr\u00e4fekten der \u00f6stlichen Departements berichteten dar\u00fcber, dass viele Juden zur Musterung \u00fcberhaupt nicht erschienen, dass die j\u00fcdischen Geburtsscheine nicht in Ordnung seien, und dass viele j\u00fcdische Eltern ihre Kinder m\u00e4nnlichen Geschlechts unter M\u00e4dchennamen eintragen lie\u00dfen, um sie dem Milit\u00e4rdienste zu entziehen. Trotzdem F\u00e4lle des Nichterscheinens zur Musterung und selbst solche der Fahnenflucht &#8217;sich auch unter den Christen immer h\u00e4uften, wurden sie doch den Juden besonders zur East gelegt, da man darin einen Mangel an staatsb\u00fcrgerlichem Gef\u00fchl erblickte.<\/p>\n<p>Dass die Juden der Beteiligung an den Hekatomben Napoleons I., der im Verlaufe von f\u00fcnfzehn Jahren \u00fcber drei Millionen Menschen unter die Fahnen sammelte, sich zu entziehen suchten, galt f\u00fcr viele als Beweis daf\u00fcr, dass sie die Gleichberechtigung nicht verdienten. Die Tragik der Geschichte bestand darin, dass das Morgenrot der Befreiung den franz\u00f6sischen Juden im blutigen Nebel der Schreckensherrschaft und im Pulverrauch der Schlachten aufging, dass man den Befreiten keine Zeit lie\u00df, sich den neuen Verh\u00e4ltnissen des staatsb\u00fcrgerlichen Bebens anzupassen und sich auf normalem Wege zu zivilisieren. Dies zog Anomalien auch im kulturellen Wachstum nach sich: j\u00e4he Spr\u00fcnge auf der einen, Starrheit auf der anderen Seite. Die Spitzen der j\u00fcdischen Gesellschaft, insbesondere die der sephardischen in Paris und im S\u00fcden verfielen rasch dem Prozesse der Franz\u00f6sierung.<\/p>\n<p>Statt eine reformierte j\u00fcdische Schule zu schaffen, brachten die Eltern ihre Kinder in allgemeinen Lehranstalten und in \u00bberlesenen Pensionaten\u00ab unter, wo sie in einer christlichen Atmosph\u00e4re erzogen und allem J\u00fcdischen entfremdet wurden. Wie bereits erw\u00e4hnt, zerriss auch der Milit\u00e4rdienst das den jungen Juden mit seiner nationalen Gemeinschaft verkn\u00fcpfende Band. Wohl taten sich einige Juden in \u00f6ffentlichen Diensten, wie auch in freien Berufen, hervor; aber von der j\u00fcngeren Generation waren es nur sehr wenige, die ein Interesse f\u00fcr das Schicksal ihres Volkes bekundeten (der Rechtsanwalt Michael Berr, Sohn des bekannten Emanzipationsk\u00e4mpfers Isaak Berr und andere). Es wurde auch der erste Keim zur Rassenassimilation gelegt &#8211; es kamen die ersten Mischehen zwischen Juden und Christen auf. Der Prozess der Assimilierung hatte selbst in den gro\u00dfen j\u00fcdischen Zentren von Elsass und Lothringen bedeutende Erfolge zu verzeichnen. Schon im Jahr 1791, gleich nach Verk\u00fcndung des Emanzipationsaktes, forderte Isaak Berr seine Stammesgenossen auf, ihre deutsch-j\u00fcdische Mundart aufzugeben, sich im t\u00e4glichen Verkehr der franz\u00f6sischen Sprache zu bedienen und ihre Kinder in franz\u00f6sische Schulen zu schicken, da durch den Verkehr mit den christlichen Kindern in der Schule die gegenseitige Entfremdung schwinden und bald darauf einer \u00bbbr\u00fcderlichen Liebe\u00ab zwischen Juden und Christen Platz machen w\u00fcrde. Die W\u00fcnsche Berrs begannen im inneren Leben der j\u00fcdischen Gesellschaft greifbare Gestalt zu gewinnen; die Volkssprache wurde nach und nach durch die offizielle Staatssprache &#8211; das Franz\u00f6sische verdr\u00e4ngt, die j\u00fcdische Schule begann allm\u00e4hlich der franz\u00f6sischen zu weichen, die Entfremdung der jungen Generation gegen alles J\u00fcdische vollzog sich unaufhaltsam, aber vom \u00bbbr\u00fcderlichen\u00ab Verh\u00e4ltnis zu der umgebenden Bev\u00f6lkerung war man noch weit entfernt. Nach f\u00fcnfzehn Jahren seit der Verk\u00fcndung des Emanzipationsaktes musste derselbe Isaak Berr folgende traurige Zeilen niederschreiben:<br \/>\n\u00bbGewiss, das segensreiche Dekret vom 28. September 1791 stellte uns in unseren Rechten wieder her und verpflichtete uns zu einem Gef\u00fchl ewiger Dankbarkeit, aber bis auf den heutigen Tag ist der Gebrauch, den wir davon machen, nur ein scheinbarer, denn in der Lebenspraxis ermangeln wir alles dessen, was wir de jure errungen haben. Die Verachtung, die dem Namen Jude anhaftet, bildet eines der Haupthindernisse zu unserer Wiedergeburt. Kommt ein j\u00fcdischer junger Mann zu einem Handwerksmeister, einem Fabrikinhaber, einem K\u00fcnstler, einem Landmann, um Fachkenntnisse zu erwerben, so wird er zur\u00fcckgewiesen, weil er Jude sei. Wird ein Jude vor Gericht geladen &#8211; so wird sich die gegnerische Partei selten das Vergn\u00fcgen entgehen lassen, allgemeine und unziemliche Auslassungen gegen die Juden vorzubringen und sie mit all jenen Vorw\u00fcrfen zu \u00fcbersch\u00fctten, die von alters her geltend gemacht werden. Man tr\u00e4gt nicht einmal Bedenken, uns auf der B\u00fchne zur Zielscheibe des Spottes zu machen.\u00ab Dieser passive Widerstand gegen die Praxis der Gleichberechtigung seitens der christlichen Gesellschaft beg\u00fcnstigte die sozialwirtschaftliche R\u00fcckst\u00e4ndigkeit unter den \u00abj\u00fcdischen Volksmassen. Trotz der Beseitigung aller Rechtseinschr\u00e4nkungen auf dem Gebiet der Berufe und der Gewerbe, verharrten die meisten Juden im Elsass und Lothringen (den Departements des unteren und oberen Rheins, der Mosel usw.) in ihrer alten wirtschaftlichen Position &#8211; dem Kleinhandel und dem Geldgesch\u00e4ft. Die langanhaltende finanzwirtschaftliche Krise Frankreichs w\u00e4hrend der Revolution und des Kaiserreichs machte es den Juden unm\u00f6glich, sich auf neue Erwerbsgebiete zu werfen, ohne dabei ihr Verm\u00f6gen aufs Spiel zu setzen; andererseits wurden sie daran durch den Widerstand der interessierten Klassen der christlichen Bev\u00f6lkerung verhindert. Daher der wirtschaftliche Konservatismus, das Festhalten an einem der traurigsten Monopole der j\u00fcdischen Wirtschaft &#8211; dem Geldkredit, insbesondere dem Kredit f\u00fcr landwirtschaftliche Zwecke. Der durch die Revolution bewirkte Umsturz in den Agrarverh\u00e4ltnissen (der Fall der feudalen Ordnung, die Auswanderung des Adels, das Aufkommen des b\u00e4uerlichen Grundbesitzes) erweiterte nur die Sph\u00e4re der j\u00fcdischen Vermittlungst\u00e4tigkeit und verlieh ihr eine ver\u00e4nderte Gestalt. Einige j\u00fcdische Kapitalisten waren durch den Besitz von Bodenhypotheken zum unmittelbaren Grundbesitz \u00fcbergegangen; die meisten aber befassten sich mit dem Wiederverkauf des ihnen verpf\u00e4ndeten Grundbesitzes an Bauern und Adlige.<\/p>\n<p>Die Spekulation in Immobilien erreichte im Zusammenhang mit der Schreckensherrschaft und der unruhigen Zeit unerh\u00f6rte Dimensionen; Profitj\u00e4ger kauften zum Spottpreise die von den Auswanderern verlassenen Grundst\u00fccke auf, um sie dann zu hohen Preisen wieder zu verkaufen. Der j\u00fcdische Gl\u00e4ubiger, der den Landmann mit Kapital zwecks Bodenankaufs versorgte, erleichterte ihm den \u00dcbergang von Tagel\u00f6hnerei zum selbst\u00e4ndigen Bodenbesitz; des \u00d6fteren aber belastete er den neuen Eigent\u00fcmer mit dr\u00fcckenden Schuldverschreibungen. Der Mangel an barem Geld und die Unsicherheit des Kredits machten eine Erh\u00f6hung des Zinsfu\u00dfes erforderlich, die den Juden viele Vorw\u00fcrfe zuzog.<\/p>\n<p>Die Klagen \u00fcber j\u00fcdische \u00bbAusbeutung\u00ab, Wucher und Raub drangen ununterbrochen aus den Rheinischen Departements nach Paris. Marschall Kellermann erstattete im Jahr 1806 an Napoleon I. einen Bericht, in dem die Page des Elsass unter der wirtschaftlichen \u00bbHerrschaft\u00ab der Juden in d\u00fcsteren Farben geschildert war.<br \/>\nDer judenfeindliche Bericht weckte die Vorstellung, als ob die Juden das els\u00e4ssische Dorf zugrunde richteten, die gesamte l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung unterjochten und effektiv die Herren im Bande seien, da der meiste Grundbesitz in ihren H\u00e4nden liege. Derartige einseitige Darstellungen verfehlten nicht einen starken Eindruck auf Napoleon zu machen, der in den ersten Jahren des Kaiserreichs lebhaftes Interesse f\u00fcr die Judenfrage zeigte. Die in Elsass und Lothringen ans\u00e4ssigen Juden hatten keine Ahnung davon, welch eine furchtbare Anklageschrift gegen sie in Paris vorbereitet wurde und dass sogar die Frage der Abschaffung ihrer b\u00fcrgerlichen Gleichberechtigung zur Diskussion stand\u2026<\/p>\n<h2>Napoleon und die Juden; das Dekret von 1806. <\/h2>\n<p>Die neue zerst\u00f6rende und zugleich aufbauende Kraft, in der sich despotische Willk\u00fcr mit Revolutionsfreiheit paarte &#8211; diese wilde, \u00fcber das Beben Europas hereingebrochene Gewalt ging auch an dem j\u00fcdischen Volke nicht ohne Wirkung vor\u00fcber. Napoleon I. war f\u00fcr die Juden Unterdr\u00fccker und Befreier in einer Person, ein guter und ein b\u00f6ser Genius; das Verh\u00e4ltnis des Weltbezwingers zu einer Nation, die von der Welt nicht niedergerungen werden konnte, zeigte eine Mischung von Niedertracht und Gr\u00f6\u00dfe. Das erste Zusammentreffen Bonapartes mit den Juden f\u00e4llt in die Zeit des m\u00e4rchenhaften Feldzuges des ruhmreichen Generals nach Syrien und \u00c4gypten und spielte sich auf dem Boden der alten j\u00fcdischen Heimat ab. Nach der Einnahme von Gaza und Jaffa (Februar bis M\u00e4rz 1799) erlie\u00df der vor den Toren Jerusalems stehende Bonaparte einen Aufruf an die asiatischen und afrikanischen Juden, in dem er sie ermahnte, dem franz\u00f6sischen Heere behilflich zu sein, und die Wiederherstellung des alten Jerusalems in Aussicht stellte.<\/p>\n<p>Es war dies ein politisches Man\u00f6ver, ein Versuch, in den orientalischen Juden wohlgesinnte Vermittler bei der Einnahme der pal\u00e4stinischen St\u00e4dte zu gewinnen. Dieser Ruf fand bei den Juden keinen Widerhall; die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung der betreffenden Gebiete hielt treu zu der t\u00fcrkischen Regierung. Die Ger\u00fcchte von den durch die franz\u00f6sischen Truppen ver\u00fcbten Gr\u00e4ueltaten veranlassten die in Jerusalem ans\u00e4ssigen Juden, sich an den Vorkehrungen zum Schutze der Stadt zu beteiligen.<br \/>\nDer phantastische Plan der Niederwerfung Asiens ging nicht in Erf\u00fcllung, und Bonaparte kehrte nach dem Westen zur\u00fcck, um Frankreich durch den Streich vom 18. Brumaire kirre zu machen und dann Europa zu erobern. Das Problem der Regelung j\u00fcdischer Verh\u00e4ltnisse im modernen Staatswesen weckte die Aufmerksamkeit des regierenden Napoleon, des ersten Konsuls, zum ersten Mal, als die Frage der Organisierung der religi\u00f6sen Kulte in Frankreich nach Abschlu\u00df des Konkordates mit dem Papste auf der Tagesordnung stand (1801).<\/p>\n<p>Da der erste Konsul auch die Beziehungen des j\u00fcdischen Kultes zum Staate regeln wollte, beauftragte er den Minister der Bekenntnisse, Portalis, einen Bericht \u00fcber dieses Problem zu verfassen.<br \/>\nDer Bericht wurde verfasst und in der Sitzung der gesetzgebenden Versammlung (5. April 1802) verlesen, aber er enthielt statt eines Vorschlags zur Regelung der geistlichen Angelegenheiten der j\u00fcdischen B\u00fcrger nur Beweise f\u00fcr die Schwierigkeit der Durchf\u00fchrung eines derartigen Entwurfs.<br \/>\n\u00bbDie Regierung\u00ab, schrieb Portalis, \u00bbdie f\u00fcr die Organisierung der verschiedenen Konfessionen Sorge trug, hat auch die j\u00fcdische Religion nicht au\u00dfer Acht gelassen: gleich allen anderen soll sie sich der durch unsere Gesetze gew\u00e4hrleisteten Freiheit erfreuen. Aber die Juden stellen weniger ein Glaubensbekenntnis als eine Nation dar (forment bien moins une religion qu\u2019un peuple); sie leben unter allen Nationen, ohne sich mit ihnen zu vermischen; Es war die Pflicht der Regierung, die Ewigkeit dieses Volkes in Betracht zu ziehen, eines Volkes, das durch alle Umw\u00e4lzungen und alles Missgeschick der Jahrhunderte hindurch sich in unsere Zeit hin\u00fcberrettete, das auf dem Gebiete des Kultes und seiner geistigen Verfassung im Besitze eines der gr\u00f6\u00dften Privilegien ist &#8211; des Privilegiums, Gott selbst zum Gesetzgeber zu haben. \u00ab<\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze verrieten bereits die sp\u00e4tere Zwiesp\u00e4ltigkeit der napoleonischen Regierung in der j\u00fcdischen Frage: einerseits historische Komplimente f\u00fcr die Standhaftigkeit des Judentums, und andererseits die Besorgnis, dass eine derart standhafte Nation sich an die franz\u00f6sische Staatlichkeit nicht werde anpassen k\u00f6nnen, d. h. dass sie auch k\u00fcnftighin ihre Standhaftigkeit bewahren werde. Derartige Bef\u00fcrchtungen bewirkten, dass die L\u00f6sung der Frage von der Organisation des Judentums vertagt wurde. Der Kaiser musste das Werk zu Ende f\u00fchren, das der erste Konsul unternommen hatte. Aber dieses neue Unternehmen war mehr vom Geiste des Verdachtes und der Bef\u00fcrchtungen als von dem der Hochachtung f\u00fcr die \u00bbEwigkeit des j\u00fcdischen Volkes\u00ab getragen, Napoleon, der dem j\u00fcdischen Leben vollst\u00e4ndig fern stand, bildete sich einen Begriff davon auf Grund fl\u00fcchtiger, bei Feldz\u00fcgen empfangener Eindr\u00fccke, privater Beschwerden und offizieller Berichte. Unter dem bunten, aus verschiedenen V\u00f6lkerschaften zusammengesetzten, durch die Uniform nivellierten Heere bemerkte er die j\u00fcdischen Soldaten nicht, umso weniger als diese Soldaten des \u00d6fteren ihre Abstammung unter milit\u00e4rischen Pseudonymen verbargen; daf\u00fcr aber fielen ihm die Scharen j\u00fcdischer, dem Heere auf die Spur folgender H\u00e4ndler in die Augen, die der Geldbeute \u00fcberall nachjagten, wo der F\u00fchrer der franz\u00f6sischen Truppen auf Kriegsbeute ausging. Als der Kaiser im Jahr 1805 aus dem Feldzuge von Austerlitz zur\u00fcckkehrte und durch Stra\u00dfburg zog, bekam er mehrere Klagen gegen die Juden zu h\u00f6ren, die angeblich durch ihre Kreditoperationen die ganze b\u00e4uerliche Bev\u00f6lkerung des Landes ausbeuteten.<\/p>\n<p>Die christliche Bev\u00f6lkerung von Stra\u00dfburg, die sich seit langem um die Wiedererlangung des \u00bbPrivilegiums\u00ab der Nichtzulassung von Juden bem\u00fchte, konnte sich noch immer nicht mit dem Emanzipationsakt von 1791 vers\u00f6hnen; ebenso wenig befragte ihr die Entstehung einer gleichberechtigten j\u00fcdischen Gemeinde innerhalb einer Stadt, wo es fr\u00fcher \u00bbden Juden verboten war, zu \u00fcbernachten\u00ab. Die Stra\u00dfburger und Els\u00e4sser Judenfeinde erwarteten von Napoleon das, worum sie sich in den Revolutionsjahren vergeblich bem\u00fcht hatten: die tats\u00e4chliche Hintertreibung der j\u00fcdischen Gleichberechtigung. Sie t\u00e4uschten sich nicht; der Kaiser versprach, die Klagen zu pr\u00fcfen und Ma\u00dfnahmen zu ergreifen. Als Napoleon nach Paris zur\u00fcckkehrte, befand er sich in einem Zustand \u00e4u\u00dferster Missstimmung gegen die Juden und fasste den festen Beschluss, einen Kampf gegen sie aufzunehmen, der n\u00f6tigenfalls bis zur Verletzung ihrer Gleichberechtigung gehen sollte. Er gab dem Staatsrat den Befehl, diese Frage einer sofortigen Er\u00f6rterung zu unterziehen.<\/p>\n<p>Der in der Folge bekannt gewordene konservative Staatsmann Graf Mole, damals noch ein junger Beamter und Anh\u00e4nger des napoleonischen Regimes, wurde mit der Berichterstattung betraut. Als Mole in seinem Bericht von der Notwendigkeit sprach, die Juden, wenigstens auf dem Gebiete des Handels, Ausnahmegesetzen zu unterwerfen, gerieten die meistens liberal gestimmten Mitglieder des Rates in gro\u00dfe Aufregung. Es wurden Stimmen laut gegen den reaktion\u00e4ren Versuch, das alte Regime f\u00fcr die Juden wiederherzustellen. Als die Frage auf der n\u00e4chsten, unter dem Vorsitz des Kaisers abgehaltenen Sitzung (30. April 1806) von neuem erhoben wurde, hielt das liberale Ratsmitglied Beugnot eine feurige Rede gegen das Vorhaben, die Juden in ihren Rechten einzuschr\u00e4nken, wobei er sich dahin ausdr\u00fcckte, dass jede ausschlie\u00dfliche Ma\u00dfregel dieser Art \u00bbeiner auf dem Felde der Gerechtigkeit verlorenen Schlacht\u00ab gleichk\u00e4me. Die Mehrheit erkl\u00e4rte sich mit dem Redner einverstanden. Aber den M\u00e4nnern des Gesetzes erwiderte der Mann des Schwertes. In einer sehr scharfen Rede dr\u00fcckte Napoleon seine Verachtung gegen alle solche \u00bbIdeologen\u00ab aus, die \u00bbdie Wirklichkeit einer Abstraktion opfern\u00ab, die Wirklichkeit erscheine ihm aber in einem furchtbaren Eichte.<\/p>\n<p>\u00bbDie Regierung\u00ab, sagte Napoleon gereizt, \u00bbkann nicht gleichg\u00fcltig und teilnahmslos zusehen, wie eine gesunkene, verlotterte und zu allen Schandtaten bereite Nation die beiden sch\u00f6nen Departements des alten Elsass an sich rei\u00dft. Die Juden m\u00fcssen als Nation und nicht als Sekte angesehen werden &#8211; sie sind eine Nation innerhalb einer Nation\u2026<br \/>\nMan darf sie nicht in die gleiche Kategorie wie die Protestanten und Katholiken setzen; ihnen gegen\u00fcber muss man nicht das b\u00fcrgerliche, sondern das politische Recht anwenden, denn sie sind keine B\u00fcrger\u2026 Ich will den Juden, wenigstens f\u00fcr eine Zeitlang, das Recht entziehen, Immobilien in Pfand zu nehmen. Ganze D\u00f6rfer sind schon von den Juden in Beschlag genommen: sie sind an die Stelle der fr\u00fcheren  Lehnsherren getreten&#8230; Nicht unangemessen w\u00e4re es, ihnen den Handel zu verbieten, den sie durch Wucher sch\u00e4nden, und alle ihre fr\u00fcheren auf Betrug beruhenden Abmachungen zu annullieren.\u00ab<\/p>\n<p>Zum Schluss gab der Kaiser die Quellen seiner Informationen \u00fcber die Juden an: sie bestanden in den Beschwerden der christlichen Bev\u00f6lkerung der Stadt Stra\u00dfburg und in den Berichten des dortigen Pr\u00e4fekten. Wenn man die Gedankeng\u00e4nge des Kaisers von den zuf\u00e4lligen Stimmungen lostrennt, so kann man in ihnen ein bestimmtes System erblicken: Die Revolution hatte den Juden Gleichberechtigung gegeben, die einer Sekte innerhalb der franz\u00f6sischen Nation galt; da sie aber eine besondere Nation bilden, so geh\u00f6ren sie nicht in das Gebiet der staatsb\u00fcrgerlichen, sondern in das der politischen Gesetzgebung; wir wissen aber, dass der politische Kodex Napoleons in demselben Ma\u00dfe schlecht war, wie sein \u00bbCode civil\u00ab gut\u2026 In der Praxis nahm der Kaiser von konsequentem Vorgehen, das ihm den zweifelhaften Ruf eines Unterdr\u00fcckers der Juden einbringen w\u00fcrde, Abstand. In der folgenden Sitzung des Staatsrats vom 7. Mai verwarf er den radikalen Vorschlag des Berichterstatters, die j\u00fcdischen Hausierer des Landes zu verweisen und den Wucher der \u00dcberwachung der Tribunale zu unterstellen. \u00bbFern liegt es mir,\u00ab sagte er, \u00bbSchritte zu unternehmen, die meinen Ruf beeintr\u00e4chtigen und die Verurteilung bei den k\u00fcnftigen Generationen nach sich ziehen k\u00f6nnten \u2026<\/p>\n<p>Es w\u00e4re eine Schw\u00e4che, die Juden zu verfolgen, aber es ist ein Zeichen der Kraft, sie zu bessern.\u00ab<br \/>\nUnter \u00bbBesserung\u00ab verstand der Kaiser nicht nur Repressalien gegen die Schattenseiten des j\u00fcdischen Handels, sondern auch eine gr\u00fcndliche Reform der ganzen Lebensgestaltung der Juden. Nachdem er den Gedanken ausgesprochen, dass \u00bbder von den Juden verursachte Schaden nicht von einzelnen Personen ausgehe, sondern in der ganzen Verfassung des gesamten Volkes begr\u00fcndet sei\u00ab, beeilte er sich, die Erkl\u00e4rung hinzuzuf\u00fcgen, dass es notwendig sei, j\u00fcdische \u00bbGeneralstaaten\u00ab einzuberufen. Die Vertreter des angeklagten Volkes sollten Rede stehen und die Frage beantworten, ob sich die schlechte \u00bbVerfassung\u00ab des Judentums bessern und der Staatsverfassung des Wirtslandes unterordnen lasse, oder ob die Juden eines staatsb\u00fcrgerlichen Lebens unf\u00e4hig seien. Alle diese Konferenzen hatten das aus zwei Teilen bestehende kaiserliche Dekret vom 30. Mai 1806 zur Folge. Im ersten Teile wurde befohlen, die Vollstreckung aller gerichtlicher Urteile betreffend die Schuldforderungen j\u00fcdischer Gl\u00e4ubiger an die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung in den Departements des Ober- und Niederrheins und anderer \u00bbdeutscher\u00ab Gebiete f\u00fcr die Dauer eines Jahres einzustellen.<br \/>\nIm zweiten Teile wurde verk\u00fcndet, dass am 15. Juli 1806 \u00bbeine Versammlung von Personen, die sich zum j\u00fcdischen Glauben bekennen und in Frankreich sesshaft sind, in Paris einzuberufen sei. Die Versammlung soll aus mindestens 100 Personen bestehen, die s\u00e4mtlich von den Pr\u00e4fekten unter den geistlichen und weltlichen Vertretern der j\u00fcdischen Gemeinden zu w\u00e4hlen sind. Beide Teile des Dekrets wurden in der Einleitung mit dem zwiefachen Wunsch begr\u00fcndet &#8211; einerseits der von dem j\u00fcdischen Wucher umgarnten l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung behilflich zu sein, andererseits in den Juden alle die \u00bbGef\u00fchle b\u00fcrgerlicher Moral zu wecken, die infolge eines langwierigen Verharrens im Zustande von Erniedrigung, den wir jedoch weder unterst\u00fctzen noch erneuern wollen, bei einem betr\u00e4chtlichen Teil dieses Volkes eine Schw\u00e4chung erlitten haben.\u00ab Das Dekret von der Annullierung aller Schuldforderungen j\u00fcdischer Gl\u00e4ubiger bei der nichtj\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung bedeutete einen harten Schlag nicht nur f\u00fcr einzelne Personen, sondern f\u00fcr das Prinzip der staatsb\u00fcrgerlichen Gleichheit selbst: denn nicht um die Wucherer als solche handelte es sich hier, sondern ausdr\u00fccklich um j\u00fcdische Wucherer. Was nun den Plan der Einberufung j\u00fcdischer Volksvertreter betrifft, so ist er ganz gewiss von einer gewissen Gr\u00f6\u00dfe, die aber durch die Verbindung mit dem\u00fctigenden Repressalien und einer das Ehrgef\u00fchl verletzenden offiziellen Begr\u00fcndung beeintr\u00e4chtigt wird. Nichtsdestoweniger war die j\u00fcdische Gesellschaft in Frankreich und ausw\u00e4rts mehr geneigt, die Dichtseite als die prosaische Schattenseite des Dekrets zu sehen: die Einberufung des j\u00fcdischen Parlaments war an sich ein bedeutungsvoller, achtunggebietender Schritt und schien den Beginn einer neuen \u00c4ra f\u00fcr das j\u00fcdische Volk zu kennzeichnen. Zugleich mit den regierenden Kreisen besch\u00e4ftigte sich auch die franz\u00f6sische Presse sehr eifrig mit der j\u00fcdischen Frage. Gegen das Prinzip der j\u00fcdischen Emanzipation selbst trat die inzwischen erstarkte katholische Reaktion auf, die in dem bekannten Bonald ihren geistigen Vertreter hatte.<\/p>\n<p>In einem im Februar 1806 ver\u00f6ffentlichten Aufsatz (im \u00bbMercure de France\u00ab) wiederholte Bonald die \u00fcblichen Anklagen gegen die Juden und gelangte zu der Schlussfolgerung, dass, \u00bbsolange die Juden das Christentum nicht annehmen, es ihnen trotz aller Bem\u00fchungen nie gelingen wird, sich zu B\u00fcrgern eines christlichen Staates heranzubilden\u00ab. Gegen diese lange nicht mehr geh\u00f6rte Losung der streitbaren Kirche traten die Verfechter j\u00fcdischer Interessen auf. Einer von ihnen, der sephardische Publizist Rodrigues, entr\u00fcstete sich dar\u00fcber, dass \u00bbunter der \u00c4gide des freiheitlichen und m\u00e4chtigen Frankreichs im XIX. Jahrhundert Aufs\u00e4tze ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen, deren Bestreben darauf ausgeht, den Juden alle die staatsb\u00fcrgerlichen und politischen Rechte zu entziehen, die ihnen nicht von den Staatsgesetzen, sondern von der Vernunft selbst gew\u00e4hrt wurden\u00ab.<\/p>\n<p>Es war kein Zufall, dass die judenfeindliche Agitation Bonalds mit dem Beginne der Verhandlungen \u00fcber die j\u00fcdische Frage im Staatsrate zusammenfiel: der den Hofkreisen nahestehende Reaktion\u00e4r, dem die Stimmung des Kaisers bekannt war, beabsichtigte, den Beschluss des Rates in eine bestimmte Richtung zu lenken. Als Graf Mole seinen obenerw\u00e4hnten Bericht im Staatsrate verlas, stellten darin die liberalen Mitglieder des Rates den Einfluss der Ansichten der \u00bbantiphilosophischen Partei des Fontane und Bonald\u00ab fest. Wohl sp\u00fcrten sie, woher der Wind der Reaktion kam, aber sie konnten nicht umhin, dem Umstande Rechnung zu tragen, dass bis zu einem gewissen Grade auch der Kaiser selbst von diesem Wind ergriffen war.<\/p>\n<div id=\"attachment_5191\" style=\"width: 641px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5191\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Napoleon_stellt_den_israelitischen_Kult_wieder_her_30._Mai_18061.jpg?resize=631%2C564&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"631\" height=\"564\" class=\"size-full wp-image-5191\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Napoleon_stellt_den_israelitischen_Kult_wieder_her_30._Mai_18061.jpg?w=631&amp;ssl=1 631w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Napoleon_stellt_den_israelitischen_Kult_wieder_her_30._Mai_18061.jpg?resize=300%2C268&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 631px) 100vw, 631px\" \/><p id=\"caption-attachment-5191\" class=\"wp-caption-text\">Napoleon stellt den israelitischen Kult wieder her, 30. Mai 1806<\/p><\/div>\n<h2>Die Versammlung der Notablen.<\/h2>\n<p>Die Vorbereitungen zu dem durch den Beschluss vom 30. Mai 1806 einberufenen \u00bbj\u00fcdischen Parlament\u00ab nahmen einen raschen Verlauf. Gem\u00e4\u00df der ihnen erteilten Weisung setzten die Departementspr\u00e4fekten eine bestimmte Zahl von Abgeordneten f\u00fcr ihre Wahlbezirke fest, die aus der Mitte der Rabbiner, Gesch\u00e4ftsleute und sonstiger angesehener Personen gew\u00e4hlt wurden.<br \/>\nMan fasste vornehmlich gebildete, fortschrittlich gesinnte Personen ins Auge, die f\u00e4hig w\u00e4ren, die \u00bbwohlwollenden Absichten der Regierung\u00ab vollauf zu w\u00fcrdigen. In den Departements des eigentlichen Frankreichs, und dann auch in Elsass-Lothringen und den angrenzenden deutschen Provinzen wurden 74 Abgeordnete gew\u00e4hlt, von denen zwei Drittel auf die Rheindepartements entfielen; diese Zahl wurde jedoch in der Folge vergr\u00f6\u00dfert. Abgesehen davon, schickte auch das dem Kaiserreich angegliederte K\u00f6nigreich Italien (Venedig, Turin, Ferrara usw.) seine Vertreter, so dass bei der Er\u00f6ffnung der Versammlung etwa 112 Abgeordnete aus dem ganzen Kaiserreiche anwesend waren. Unter den Abgeordneten ragten besonders die durch ihre fr\u00fchere T\u00e4tigkeit bekannten Abraham Furtado aus Bordeaux, Beer-Jsaak Berr aus Nancy und der Stra\u00dfburger Rabbiner David Sinzheim hervor. Furtado war der Vertreter der Sephardim, die w\u00e4hrend der Revolution so energisch ihre Verschiedenheit von der aschkenasischen Mehrheit unterstrichen hatten.<\/p>\n<p>Furtado, ein alter Voltairianer und Girondist, seiner Gem\u00fctsveranlagung nach mehr Franzose als Jude, fl\u00f6\u00dfte den Vertretern der deutschen Departements kein besonderes Vertrauen ein. Die els\u00e4ssischen Abgeordneten meinten im Scherz, dass Furtado die Bibel ausschlie\u00dflich aus den Werken Voltaires kenne. Dessen ungeachtet wurde er zum Vorsitzenden der Versammlung gew\u00e4hlt, da er \u00fcber die n\u00f6tigen \u00e4u\u00dferlichen Eigenschaften: politische Schulung und Rednergabe verf\u00fcgte.<br \/>\nDer bedeutendste Vertreter der Aschkenasim war der unerm\u00fcdliche Anwalt der j\u00fcdischen Sache Cerf Berr, ein Anh\u00e4nger der Mendelssohnschen Schule, der einen Ausgleich zwischen dem Judentum und der modernen Aufkl\u00e4rung herbeizuf\u00fchren strebte.<br \/>\nKurz vor der Er\u00f6ffnung der Versammlung wandte sich Berr an die j\u00fcdischen Kapitalisten mit einem Aufrufe, indem er sie ermahnte, den Absichten der Regierung entgegenzukommen und zun\u00e4chst die Eintreibung der Wechselschulden bei der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Dauer eines Jahres einzustellen und dann das sch\u00e4ndliche Wuchergesch\u00e4ft \u00fcberhaupt aufzugeben. Unter den Rabbinern ragte der tiefe Kenner der talmudischen Literatur, der Stra\u00dfburger Gelehrte David Sinzheim hervor, der in der Zeit des Konvents von den \u00fcbereifrigen Verbreitern des \u00bbKultes der Vernunft\u00ab viel auszustehen gehabt hatte.<\/p>\n<p>Er war durchaus orthodox gesinnt, hielt es aber auch f\u00fcr m\u00f6glich, die Sch\u00e4rfe seiner religi\u00f6sen Prinzipien zu mildern, wenn es die politischen Umst\u00e4nde verlangten.<\/p>\n<p>Diesen F\u00fchrern der Versammlung schlossen sich eine Anzahl durch ihre Bildung und soziale Verdienste hervorragender Personen an: der erste j\u00fcdische Rechtsanwalt in Europa, Michael Berr, der Schriftsteller Rodrigues, die italienischen Rabbiner Segre, de-Cologna und Nepi. Nach dem Zeugnis eines der kaiserlichen Kommissare, der an der Versammlung teilgenommen, machte diese Zusammensetzung einen sehr vorteilhaften Eindruck.<\/p>\n<p>\u00bbWir befinden uns\u00ab, schrieb er, \u00bbunter Menschen, die die Menge weit \u00fcberragen&#8230; unter Menschen mit entwickeltem Geiste, denen auch allgemein menschliches Wissen nicht fremd ist. Es ist unm\u00f6glich, der Existenz einer j\u00fcdischen Nation die Anerkennung l\u00e4nger zu verweigern, einer Nation, in der sich bisher nur der Abschaum bemerkbar machte, und die nun durch den Mund ihrer auserlesenen Vertreter eine h\u00f6chst beachtenswerte Sprache zu f\u00fchren beginnt.\u00ab Drei Sekret\u00e4re des Staatsrats wurden von Napoleon zu Regierungskommissaren f\u00fcr die Versammlung der j\u00fcdischen Abgeordneten ernannt. Es waren dies die Kreatur Napoleons, der obenerw\u00e4hnte Graf Mole1), der j\u00fcngere Portalis (Sohn des Kultusministers) und Pasquier, der uns Memoiren \u00fcber die T\u00e4tigkeit des \u00bbj\u00fcdischen Parlamentes\u00ab hinterlie\u00df. Die offizielle Aufgabe der Kommissare bestand in der \u00dcbermittlung und Erl\u00e4uterung der vom Kaiser redigierten Fragen und in der Entgegennahme der Antworten; inoffiziell waren aber diese Kommissare (nach dem sp\u00e4teren Gest\u00e4ndnisse eines von ihnen) beauftragt, \u00bbmit den einflussreichsten Mitgliedern der Versammlung F\u00fchlung zu suchen und Mittel und Wege zur Erreichung des angestrebten Zieles ausfindig zu machen\u00ab; sie sollten also hinter den Kulissen einen Druck aus\u00fcben, um die T\u00e4tigkeit der Versammlung in eine dem Kaiser genehme Richtung zu lenken.<\/p>\n<p>Als die Abgeordneten in Paris eintrafen, war die Er\u00f6ffnung der Versammlung bereits f\u00fcr Sonnabend, den 29. Juli 1806 festgesetzt. Die gesetzestreuen Abgeordneten nahmen zun\u00e4chst Ansto\u00df an der bevorstehenden Verletzung der Sabbatruhe, und in einer privaten Konferenz wurde viel dar\u00fcber gestritten, ob man nicht um die Verlegung der ersten Sitzung auf den darauffolgenden Tag bitten solle. Aber Erw\u00e4gungen politischer Natur nahmen \u00fcberhand: es handelte sich darum, der Regierung zu l) Wie das Verh\u00e4ltnis Moles zu den Juden im gegebenen Augenblick war, ist aus folgender, k\u00fcrzlich in den Memoiren eines anderen Kommissars (Pasquier) aufgedeckten Tatsache ersichtlich. Einige Tage vor Er\u00f6ffnung der j\u00fcdischen Versammlung erschien in der offiziellen Zeitung \u00bbMoniteur\u00ab ein langes judenfeindliches Pamphlet unter dem Titel: \u00bbVom Zustande der Juden seit Moses bis auf den heutigen Tag\u00ab, in dem bewiesen wurde, dass das Laster des Wuchers schon in der Religion der Juden begr\u00fcndet sei. Diese \u00bbAnklageschrift gegen die j\u00fcdische Nation\u00ab war, nach Mitteilung Pasquiers, im Auftr\u00e4ge Napoleons vom Kommissar verfasst (oder redigiert). zeigen, dass die Juden n\u00f6tigenfalls bereit seien, ihre Gesetze zu \u00fcbertreten, wenn diese der Ausf\u00fchrung obrigkeitlicher Befehle im Wege stehen. Die erste Konzession wurde gemacht: die erste &#8211; vielleicht von der Regierung beabsichtigte Pr\u00fcfung des Gehorsams war bestanden.<\/p>\n<p>Die feierliche Er\u00f6ffnung der Versammlung erfolgte an dem festgesetzten Sonnabend in einer zu einem gro\u00dfen Saale umgebauten Kapelle am Stadthaus.<\/p>\n<p>Der Hauptkommissar Mole hielt die Er\u00f6ffnungsrede. Durch die h\u00f6flichen Redensarten drang der schlecht versteckte feindselige Inhalt hervor. \u00bbJeder von euch,\u00ab sagte Mole, \u00bbdie ihr von allen Ecken und Enden des weiten Reiches hierher berufen worden seid, kennt zweifellos die Ziele, um derentwillen seine Majest\u00e4t geruhte, euch hier zu versammeln. Es ist euch bekannt, dass das Benehmen vieler Bekenner eurer Religion zu Klagen Anlass gab, die sogar bis zu den Stufen des Thrones gedrungen sind. Die Klagen erwiesen sich als wohl berechtigt, und doch beschr\u00e4nkte sich der Kaiser nur darauf, dass er dem weiteren Wachstum der Krankheit Einhalt gebot und den Wunsch \u00e4u\u00dferte, von euch Ratschl\u00e4ge zur Beseitigung des \u00dcbels zu h\u00f6ren.\u00ab Der Redner sprach des Ferneren die Hoffnung aus, dass die Deputierten die Gnade des Kaisers zu w\u00fcrdigen wissen und mit der Regierung und nicht gegen die Regierung arbeiten werden. \u00bbSeine Majest\u00e4t verlangt von euch, dass ihr Franzosen seid, und von euch h\u00e4ngt es ab, diesen Titel anzunehmen oder auch einzub\u00fc\u00dfen, wenn ihr euch seiner als unw\u00fcrdig erweiset. Die an euch gerichteten Fragen werden euch gleich vorgelesen werden, und eure Pflicht ist es, zu jeder von ihnen die ganze Wahrheit zu sagen.\u00ab Nach Beendigung der Rede, die mehr Drohungen als Begr\u00fc\u00dfungen enthielt, wurden die zw\u00f6lf vom Kaiser an die Versammlung gerichteten Fragen verlesen.<\/p>\n<p>Die ersten drei Fragen betrafen Angelegenheiten der Ehescheidung:<br \/>\nOb den Juden die Vielweiberei gestattet ist?<br \/>\nOb eine Ehescheidung auch ohne die gerichtliche Sanktion g\u00fcltig ist?<br \/>\nOb Mischehen zwischen Juden und Christen zugelassen werden?<\/p>\n<p>Die folgenden drei Fragen betrafen den Patriotismus:<br \/>\nOb die Franzosen von den Juden als Br\u00fcder oder als Fremde angesehen werden?<br \/>\nWie stellt sich das j\u00fcdische Gesetz zu den Franzosen christlichen Glaubens?<br \/>\nOb die in Frankreich geborenen Juden dieses Fand als ihr Vaterland anerkennen, ob sie sich f\u00fcr verpflichtet halten es zu verteidigen und seinen b\u00fcrgerlichen Gesetzen zu gehorchen?<\/p>\n<p>Die weiteren Fragen beziehen sich auf die T\u00e4tigkeit der Rabbiner und insbesondere auf deren gerichtliche Funktionen.<\/p>\n<p>Die letzteren drei Fragen beziehen sich auf die Berufe und insbesondere auf den Wucher:<br \/>\nOb es Berufe gibt, die den Juden verboten sind?<br \/>\nOb es dem Juden verboten ist, einem Juden Geld auf Zins zu leihen, und ob ihm dies bei einem Fremdst\u00e4mmigen erlaubt ist?<\/p>\n<p>Als beim Verlesen der Fragen die Reihe an die Frage kam: ob Frankreich von den Juden als Vaterland angesehen wird, und ob sie es f\u00fcr ihre Pflicht halten, dieses Vaterland zu verteidigen, erhoben sich die Abgeordneten von ihren Sitzen und riefen aus:<br \/>\n\u00bbJa, bis zum Tode!\u00ab<\/p>\n<p>In seiner Erwiderung auf die unfreundliche Rede Moles sprach der Vorsitzende der Versammlung, Furtado, die freudige Bereitschaft der Versammlung aus, an der Verwirklichung der \u00bbgro\u00dfm\u00fctigen Absichten\u00ab des Kaisers mitzuwirken, da er darin ein Mittel erblicke, \u00bbmanchen Irrtum zu zerstreuen und manches Vorurteil zu beseitigen\u00ab. Es wurde eine besondere Kommission aus zw\u00f6lf Mitgliedern eingesetzt, der Isaak Berr, Rabbiner Sinzheim und andere angeh\u00f6rten, und die mit der Ausarbeitung der Antworten auf die gestellten Fragen betraut wurde.<br \/>\nDie Beantwortung der ersten Fragengruppe nahm nur einige Tage in Anspruch, so dass die Versammlung schon in der Sitzung vom 4. August an ihre Er\u00f6rterung herantreten konnte. Die erste der Fragen (die von der Vielweiberei), wurde mit Leichtigkeit durch den Hinweis auf den Umstand abgefertigt, dass die Sitte der strengen Monogamie sich bei den europ\u00e4ischen Juden seit langem eingeb\u00fcrgert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Frage wegen der Ehescheidung wurde dahin beantwortet, dass der vom Rabbiner vollzogene religi\u00f6se Akt der Ehescheidung erst nach dessen Best\u00e4tigung durch das allgemeine b\u00fcrgerliche Gericht in Kraft trete; es wurde dabei darauf hingewiesen, dass die franz\u00f6sischen Rabbiner seit der Emanzipation am b\u00fcrgerlichen Eide treu festhalten und die religi\u00f6sen Akte der Kontrolle der staatlichen Institutionen unterstellen. Gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten bereitete die Beantwortung der dritten Frage, der von den Mischehen.<br \/>\nAber auch hier fand sich ein Ausweg: die Antwort lautete, dass alle zwischen Juden und Christen geschlossenen Ehen die Kraft nicht religi\u00f6ser, sondern b\u00fcrgerlicher Akte bes\u00e4\u00dfen, wie es auch bei den Mischehen zwischen Katholiken und Andersgl\u00e4ubigen der Fall sei: die katholische Geistlichkeit anerkenne zwar solche Ehen, erteile ihnen aber keine kirchliche Weihe. Andererseits wurde festgestellt, dass \u00bbein mit einer Christin verheirateter Jude in den Augen seiner Stammesgenossen nicht aufh\u00f6rt, Jude zu sein\u00ab.<\/p>\n<p>Den Antworten ging eine von der Versammlung angenommene charakteristische \u00bbDeklaration\u00ab voraus.<br \/>\nIn dieser wurde gesagt, dass \u00bbdie von den Gef\u00fchlen der Dankbarkeit, Diebe und Ehrfurcht gegen\u00fcber der geheiligten Person des Kaisers geleitete Versammlung berechtigt ist, seinen v\u00e4terlichen Willen in allen Dingen zur Richtschnur zu nehmen\u00ab, dass die j\u00fcdische Religion befiehlt, in allen b\u00fcrgerlichen und politischen Angelegenheiten den Gesetzen des Staates vor denen der Religion den Vorzug zu geben, so dass im Falle eines Widerspruches zwischen diesen und jenen die religi\u00f6sen Gesetze zur\u00fccktreten m\u00fcssen. Die Versammlung, die von Anfang an die absch\u00fcssige Bahn der Nachgiebigkeit und Diebedienerei betreten hatte, glitt unaufhaltsam in dieser Richtung weiter. Und als die Reihe an die zweite Gruppe der Fragen kam, die sich auf die Vereinbarkeit des b\u00fcrgerlichen Patriotismus mit dem nationalen Gef\u00fchl bezogen, \u00fcberschritt die servile Gesinnung der Versammlung jedes erdenkliche Ma\u00df. Statt sich darauf zu beschr\u00e4nken, die Zul\u00e4ssigkeit einer derartigen Vereinbarkeit festzustellen, gingen die Antworten der Versammlung weit dar\u00fcber hinaus und leugneten die nationale Einheit der Juden. Der Satz, dass die Franzosen von den Juden als Br\u00fcder angesehen werden, wurde folgenderma\u00dfen erl\u00e4utert: \u00bbIm gegenw\u00e4rtigen Moment bilden die Juden keine Nation mehr, da ihnen der Vorrang zuteil wurde, einer gro\u00dfen Nation (der franz\u00f6sischen) angegliedert zu werden, und sie erblicken darin ihre politische Erl\u00f6sung.\u00ab Es wurde das Fehlen jedes Solidarit\u00e4tsgef\u00fchls zwischen den Juden verschiedener L\u00e4nder hervorgehoben: ein franz\u00f6sischer Jude f\u00fchle sich als Fremder unter seinen Stammesgenossen in England; franz\u00f6sische Juden k\u00e4mpfen gern gegen ihre in feindlichen Truppen eingereihten Stammesgenossen \u2026<\/p>\n<p>Auf diese Weise wurde die Formel der nationalen Selbstverleugnung verk\u00fcndet.<br \/>\nNicht alle schlossen sich dieser Formel mit derselben Aufrichtigkeit an. Angesichts der offenkundigen Drohungen, die in der \u00bbBegr\u00fc\u00dfungsrede\u00ab Moles im Namen des Kaisers enthalten waren, enthielten sich viele einer Entgegnung. Man drohte den Juden mit der Entziehung der staatsb\u00fcrgerlichen Rechte, wenn sie sich dem Wunsche des Kaisers, \u00bbFranzosen zu sein\u00ab, widersetzten; die eingesch\u00fcchterten Abgeordneten mussten sich f\u00fcgen und erkl\u00e4ren, dass die Juden nur \u00bbFranzosen mosaischer Religion\u00ab und auch bereit seien, aus dieser Religion alles auszuschlie\u00dfen, was mit den Forderungen der Regierung sich nicht vereinbaren lie\u00dfe. Mit derselben \u00e4u\u00dferlichen Leichtigkeit, doch anscheinend nicht ohne schwere K\u00e4mpfe in den Seelen vieler Abgeordneter, verzichtete die Versammlung auch auf jeden Anspruch auf eine weitgehende Gemeindeautonomie.<\/p>\n<p>Die Versammlung sprach sich in ihren Antworten auf die das Rabbinat betreffenden Fragen f\u00fcr die Abschaffung der Rabbinergerichtsbarkeit aus, wie auch f\u00fcr die Beschr\u00e4nkung der T\u00e4tigkeit der Rabbiner auf die religi\u00f6sen Funktionen, wagte aber dabei nicht, irgendwelche Forderungen hinsichtlich der Organisation der j\u00fcdischen Gemeinden aufzustellen. Die Antworten der Versammlung auf die letzte Fragengruppe \u00bbbez\u00fcglich des Wuchers\u00ab bildeten eine lange Apologie der j\u00fcdischen Gesetzgebung, die die Wucherer niemals in Schutz genommen habe. Mit Entr\u00fcstung wies die Versammlung den Gedanken von sich, dass die Juden \u00bbeine nat\u00fcrliche Neigung zum Wucher\u00ab h\u00e4tten: Gewiss g\u00e4be es unter ihnen eine bestimmte Gruppe von Personen, die sich \u00bbdiesem sch\u00e4ndlichen, von ihrer Religion verp\u00f6nten Beruf widmen\u00ab. Aber sollen denn Zehntausende f\u00fcr die Schuld eines H\u00e4ufleins b\u00fc\u00dfen?<\/p>\n<p>Die in den Augustsitzungen des Jahres 1806 von der Versammlung ausgearbeiteten Antworten wurden dem Kaiser unterbreitet; im Gro\u00dfen und Ganzen befriedigten sie ihn.<\/p>\n<p>Mit dem Instinkt eines gewohnten Eroberers begriff der Kaiser, dass er diesmal einen neuen Sieg davontrug &#8211; den Sieg \u00fcber das Judentum.<\/p>\n<p>Nun galt es, die Ergebnisse dieses Sieges zu festigen. Die Beschl\u00fcsse einer zuf\u00e4lligen Versammlung von Personen, unter denen sich sehr wenige Vertreter des geistlichen Standes befanden, konnten f\u00fcr die ganze j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung auch nicht bindend sein. Es musste also ein ma\u00dfgebendes Organ ins Leben gerufen werden, das diese Beschl\u00fcsse best\u00e4tigen und ihnen bindende Bedeutung verleihen sollte.<br \/>\nUnd da verfiel Napoleon, der eine Vorliebe f\u00fcr gro\u00dfartige Gesten hatte, auf den Gedanken, eine gro\u00dfe allj\u00fcdische Synode, das Sanhedrin einzuberufen.<br \/>\nAus den ihm unterbreiteten Antwortender Natabelnversammlung erfuhr er, dass das j\u00fcdische Volk seit dem Falle Jud\u00e4as \u00fcber kein Kollegium von autorit\u00e4rer Macht verf\u00fcgte, das mit dem gro\u00dfen alten Sanhedrin, welches die die Torah erg\u00e4nzende Gesetzgebung ausgearbeitet hatte, zu vergleichen w\u00e4re. Um all diesen neuen Beschl\u00fcssen, die das j\u00fcdische Leben von Grund aus umgestalten sollten, besonderen Nachdruck zu verleihen, m\u00fcsse man in Paris einen eigenen Sanhedrin einberufen, das ihnen die Weihe zu erteilen h\u00e4tte.<br \/>\nDie neue Synode m\u00fcsste nach dem Vorbild der alten ebenfalls aus 71 Mitgliedern, vornehmlich aus Personen geistlichen Standes und aus Gelehrten bestehen.<br \/>\nDa aber Napoleon andererseits bef\u00fcrchtete, dass die \u00bbfanatischen Rabbiner\u00ab in der k\u00fcnftigen Synode durch ihr numerisches und vielleicht auch geistiges \u00dcbergewicht die Liberalen verdr\u00e4ngen w\u00fcrden, so sorgte er rechtzeitig f\u00fcr die Sicherung einer gef\u00fcgigen Zusammensetzung.<br \/>\n\u00bbMan muss\u00ab, schrieb er an den Minister des Innern, Champagny (3. September), \u00bbeine achtunggebietende Versammlung, yon M\u00e4nnern schaffen, die um die Wahrung und Aufrechterhaltung ihrer Errungenschaften (der Gleichberechtigung) besorgt w\u00e4ren, eine Synode j\u00fcdischer F\u00fchrer, die sich scheuen w\u00fcrden, die Schuld am Ungl\u00fcck des j\u00fcdischen Volkes (wenn n\u00e4mlich dem Kaiser unerw\u00fcnschte Beschl\u00fcsse angenommen werden) zu tragen.\u00ab<\/p>\n<p>Eine zuverl\u00e4ssige Mehrheit der Synode \u00bbwird die sch\u00fcchternen Rabbiner mit sich rei\u00dfen und auf die fanatischen unter ihnen, die m\u00f6glicherweise einen z\u00e4hen Widerstand an den Tag legen werden, einen entscheidenden Einfluss insofern aus\u00fcben, als sie sich vor dem Dilemma sehen werden, entweder die Beschl\u00fcsse (der Notablenversammlung) anzunehmen oder die Gefahr einer Vertreibung des j\u00fcdischen Volkes heraufzubeschw\u00f6ren.<\/p>\n<p>In der Sitzung vom 17. September erkl\u00e4rten die Kommissare der Versammlung der Abgeordneten, dass die Beschl\u00fcsse der Versammlung den Kaiser zufriedenstellten, und verk\u00fcndeten die bevorstehende Einberufung des \u00bbGro\u00dfen Sanhedrins\u00ab (Grand Sanhedrin). Diesmal hielt Mole eine Rede, die bei weitem vers\u00f6hnlicher klang. Er sprach von dem gro\u00dfartigen Anblick, den \u00bbdiese Versammlung aufgekl\u00e4rter, aus der Nachkommenschaft des \u00e4ltesten der V\u00f6lker gew\u00e4hlter M\u00e4nner\u00ab gew\u00e4hrte; er versicherte, dass Napoleon der einzige Erl\u00f6ser \u00bbder \u00fcber den ganzen Erdball verstreuten \u00dcberreste einer auch in ihrem Falle herrlichen Nation\u00ab w\u00e4re; aber dieser m\u00e4chtige Besch\u00fctzer \u00bbfordere religi\u00f6se B\u00fcrgschaften\u00ab daf\u00fcr, dass die in den Antworten der Versammlung niedergelegten Prinzipien streng gewahrt werden. Eine derartige B\u00fcrgschaft m\u00fcsse von einer anderen ma\u00dfgebenderen Versammlung ausgehen \u00bbderen Beschl\u00fcsse neben die des Talmuds gestellt und f\u00fcr die Juden aller L\u00e4nder die gr\u00f6\u00dfte Autorit\u00e4t haben sollten\u00ab. Das Gro\u00dfe Sanhedrin sei berufen, den wahren Sinn der j\u00fcdischen Gesetze zu interpretieren \u00bbund die falschen Auslegungen der fr\u00fcheren Jahrhunderte\u00ab zu beseitigen.<\/p>\n<p>Der Sanhedrin solle zu zwei Dritteln aus Rabbinern bestehen; letztere k\u00f6nnen aus der Zahl der Versammlungsabgeordneten entnommen, k\u00f6nnen aber auch von den Gemeinden neu gew\u00e4hlt werden. Das andere Drittel jedoch m\u00fcsse auf dem Wege geheimer Abstimmung aus Laien gew\u00e4hlt werden. Der Kaiser beauftragt die jetzige Abgeordnetenversammlung das dem Sanhedrin vorzulegende Material vorzubereiten; sie werde aber auch nach dem Zusammentritt des Sanhedrins bis zum Abschl\u00fcsse seiner Arbeiten bestehen bleiben. Vorderhand m\u00fcsse die Versammlung einen aus neun Mitgliedern bestehenden Organisationsausschuss w\u00e4hlen, in welchem alle drei Abgeordnetengruppen &#8211; \u00bbportugiesische\u00ab, deutsche und italienische Juden &#8211; gleicherweise vertreten sein sollen.<\/p>\n<p>Dem Organisationsausschuss wird der Auftrag erteilt, \u00bbs\u00e4mtlichen Synagogen Europas\u00ab mitzuteilen, dass sie ihre Abgeordneten zur Teilnahme am Sanhedrin schicken d\u00fcrfen.<br \/>\nDie Versammlung, die in die Pl\u00e4ne Napoleons nicht eingeweiht war, nahm diese Mitteilung mit Begeisterung auf. Viele freuten sich aufrichtig \u00fcber die traditionelle Form der bevorstehenden Synode; schon der blo\u00dfe Name, der die glorreiche Vergangenheit in der Erinnerung hervorzauberte, brachte die Gem\u00fcter in Wallung.<br \/>\nDiese historische Dekoration verdeckte vor den einen die dreiste Anma\u00dfung, das Judentum nach Weisungen der Obrigkeit erneuern zu wollen; die anderen wiederum sahen es wohl, aber billigten im Stillen das Vorhaben der Regierung. Einer von den Bef\u00fcrwortern der offiziellen Reformation, der Vorsitzende der Versammlung, Furtado, hielt in Erwiderung auf die Ansprache Moles eine lange begeisterte Rede.<br \/>\nEr verherrlichte den Kaiser, der die \u00bbSchicksale Europas reguliere\u00ab und der mitten in seinen Sorgen um den Erdball sich Zeit nehme und es f\u00fcr n\u00f6tig erachte, an \u00bbunsere Wiedergeburt\u00ab zu denken, und brachte den Gedanken zum Ausdruck, dass jede \u00bbpositive Religion\u00ab der Kontrolle der Regierung unterstellt werden m\u00fcsse, um die Verbreitung von abergl\u00e4ubischen Vorstellungen und moralsch\u00e4digenden Ideen zu verh\u00fcten. Die letzten Monate des Jahres 1806 und der Beginn des Jahres 1807 verliefen f\u00fcr die Notabelnversammlung in vorbereitenden Arbeiten f\u00fcr den Sanhedrin, die von. dem neungliedrigen Ausschuss unter Beteiligung der kaiserlichen Kommissare mit besonderem Eifer ausgef\u00fchrt wurden. Anfangs Oktober erlie\u00df der Ausschuss einen Aufruf an s\u00e4mtliche Juden Europas, in dem das \u00bbgro\u00dfe Ereignis\u00ab, die Er\u00f6ffnung des Sanhedrins, verk\u00fcndet wurde; die Er\u00f6ffnung sollte am 20. Oktober stattfinden (sp\u00e4ter wurde sie auf drei Monate verschoben): dieses Ereignis werde \u00bbf\u00fcr die zerstreuten \u00dcberbleibsel von Abrahams Nachkommen eine Periode der Erl\u00f6sung und des Gl\u00fcckes\u00ab er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Der in vier Sprachen &#8211; franz\u00f6sisch, hebr\u00e4isch, italienisch und deutsch &#8211; abgefasste Aufruf machte einen gewaltigen Eindruck, insbesondere auf die au\u00dferhalb Frankreichs lebenden Juden, die von den eigentlichen Triebfedern der vom Kaiser unternommenen parlamentarischen Organisation des Judentums nichts ahnten.<\/p>\n<p>Im Dezember wurde ein vom \u00bbAusschuss der Neun\u00ab ausgearbeiteter Entwurf der Organisierung j\u00fcdischer Konsistorien als Bindeglieder zwischen den Gemeinden und der Regierung von der Notabelnversammlung gutgehei\u00dfen. In einem erl\u00e4uternden Zusatz zum Projekt wurde als Beweis f\u00fcr dessen Notwendigkeit nicht sowohl das Interesse der gemeindlichen Selbstverwaltung als vielmehr der Umstand angef\u00fchrt, dass die genannten Konsistorien den Absichten der Regierung dienen, indem sie f\u00fcr die strikte Durchf\u00fchrung aller Beschl\u00fcsse der Abgeordnetenversammlung und des Sanhedrins, und unter anderem auch f\u00fcr die Heranziehung der j\u00fcdischen Jugend zum \u00bbedlen Kriegshandwerk\u00ab, sorgen werden. In all diesen Erkl\u00e4rungen und Beschl\u00fcssen l\u00e4\u00dft sich nur ein einziges Bestreben erkennen, und zwar das, dem Kaiser gef\u00e4llig zu sein. In einer der letzten Notabeinsitzungen (5. Februar 1807) hielt ein junger Abgeordneter aus dem Departement der Seealpen, ein gewisser Isaak-Samuel Avigdor aus Nizza eine seltsame Rede: er bem\u00fchte sich, den \u00bbhistorischen\u00ab Nachweis zu liefern, dass die bedeutendsten Vertreter der christlichen Kirche sich zu allen Zeiten den Juden gegen\u00fcber freundlich verhalten h\u00e4tten und deren Verfolgung verp\u00f6nten, und dass sie daher auf den Dank des j\u00fcdischen Volkes Anspruch erheben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Avigdor beantragte eine Resolution folgenden Inhaltes:<br \/>\n\u00bbDie an der j\u00fcdischen Synode teilnehmenden Abgeordneten des franz\u00f6sischen Kaiserreichs und des italienischen K\u00f6nigreichs, die von den Gef\u00fchlen der Erkenntlichkeit f\u00fcr die fortw\u00e4hrenden Wohltaten der christlichen Geistlichkeit in vergangenen Jahrhunderten gegen die Juden verschiedener R\u00e4nder Europas geleitet werden und von Dankbarkeit f\u00fcr die Aufnahme erf\u00fcllt sind, die verschiedene Oberh\u00e4upter der Kirche (P\u00e4pste) und andere geistliche W\u00fcrdentr\u00e4ger den Juden verschiedener R\u00e4nder in jenen Zeiten gew\u00e4hrten, als Barbarei, Aberglaube und Unwissenheit sich zur Verfolgung und Aussto\u00dfung der Juden aus dem Scho\u00dfe der Gesellschaft vereinten, fassen den Beschluss, den Ausdruck all dieser Gef\u00fchle im heutigen Protokolle der Versammlung niederzulegen, damit dies die Dankbarkeit der hier versammelten Juden f\u00fcr die von den kirchlichen W\u00fcrdentr\u00e4gern erwiesenen Wohltaten f\u00fcr immer besiegele. Eine Abschrift dieses Protokolls geht dem Kultusminister zu.\u00ab<\/p>\n<p>Dieser seltsame Antrag wurde von der Versammlung angenommen.<br \/>\nDie Abk\u00f6mmlinge der im Mittelalter aus Frankreich vertriebenen Juden, der Marranen und der Opfer der p\u00e4pstlichen Inquisition verewigten in dieser Kundgebung die \u00bbWohltaten\u00ab solcher P\u00e4pste, wie Innozenz III, Paul IV und der zeitgen\u00f6ssische Pius V, der Urheber des unmenschlichen \u00bbJudenedikts\u00ab von 1775. Eine derartig knechtische Gesinnung setzte sogar die der Sitzung beiwohnenden kaiserlichen Kommissare in Erstaunen, und einer von ihnen (Portalis) teilte es dem Kaiser als einen \u00bbpikanten\u00ab Fall mit: Juden preisen die Duldsamkeit und die Milde der katholischen Kirche zu einer Zeit, wo viele Christen \u00bbim Namen einer vermeintlichen Philosophie gegen den Fanatismus und die Unduldsamkeit der katholischen Geistlichen auftreten\u00ab. Wer von den beiden Parteien hier im Rechte war, konnte man aus einer Beschwerde ersehen, die gleichzeitig mit der Resolution der j\u00fcdischen Versammlung beim Kultusminister einlief: ein Jude, der das Amt eines Munizipalrates der Stadt Cogny bekleidete, beklagte sich, dass der dortige katholische Geistliche ihm den Eintritt in die Kirche an einem Tage verwehrt hatte, an dem ein Tedeum f\u00fcr den Kaiser verrichtet wurde&#8230; Nat\u00fcrlich verschaffte die katholikenfreundliche Kundgebung der j\u00fcdischen Abgeordneten dem Kaiser eine riesige Genugtuung: er gewann die \u00dcberzeugung, dass man sich auf eine derartig gef\u00fcgige Versammlung getrost verlassen k\u00f6nne und dass die von ihr gew\u00e4hlten Mitglieder die Absichten der Regierung auf dem bevorstehenden Pariser Sanhedrin mit Erfolg durchsetzen w\u00fcrden.<\/p>\n<div id=\"attachment_5193\" style=\"width: 670px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5193\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Frenchsanhedrin11.jpg?resize=660%2C528&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"528\" class=\"size-full wp-image-5193\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Frenchsanhedrin11.jpg?w=660&amp;ssl=1 660w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Frenchsanhedrin11.jpg?resize=300%2C240&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><p id=\"caption-attachment-5193\" class=\"wp-caption-text\">Siddur f\u00fcr die Verwendung beim \u00bbGro\u00dfen Sanhedrin\u00ab aus dem Jahr 1807<\/p><\/div>\n<h2>Der gro\u00dfe Sanhedrin zu Paris.<\/h2>\n<p>Am 9. Februar 1807 wurden in Paris die Sitzungen des Sanhedrins er\u00f6ffnet. Die Synode setzte sich aus 46 geistlichen Personen und 25 Laien zusammen, dazu 10 Stellvertretern und 2 Schriftf\u00fchrern.<\/p>\n<p>Der \u00fcberwiegende Teil der neu gew\u00e4hlten Rabbiner geh\u00f6rte den italienischen und deutschen Provinzen an. Das vom Minister des Inneren ernannte Pr\u00e4sidium bestand aus 3 Rabbinern, die die Ehrentitel der Mitglieder des Pr\u00e4sidiums des alten Sanhedrins f\u00fchren durften: als Pr\u00e4sident (nassi) fungierte der els\u00e4ssische Rabbiner David Sinzheim, als sein erster Gehilfe (ab-betdin) der italienische Rabbiner Segre, als sein zweiter Gehilfe (chacham) Abraham de Cologna aus Mantua.<br \/>\nNach einem Gottesdienstin der Synagoge, bei dem die Rabbiner Sinzheim und Cologna Reden hielten, wurde die Sitzung in einem der R\u00e4ume derselben, \u00bbHotel de Ville\u00ab, er\u00f6ffnet, wo fr\u00fcher die \u00bbNotablen\u00ab getagt hatten.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Aufmerksamkeit wurde der dekorativen Seite der Sache zugewendet. Nach Anordnung der Beh\u00f6rden waren alle Mitglieder des Sanhedrins mit schwarzen M\u00e4nteln und schwarzen H\u00fcten bekleidet, die Mitglieder des Pr\u00e4sidiums au\u00dferdem mit Talaren aus Samt oder Seide mit breiten G\u00fcrteln und pelzverbr\u00e4mten H\u00fcten. Die Mitglieder sa\u00dfen im Halbkreise, zu beiden Seiten des Pr\u00e4sidiums, in einer nach dem Alter bestimmten Rangordnung. Die Sitzungen waren \u00f6ffentlich und boten ein interessantes Schauspiel nicht nur f\u00fcr das j\u00fcdische, sondern auch f\u00fcr das christliche Publikum. Dies st\u00f6rte die Freiheit der Debatten und verurteilte viele Delegierte, die sich genierten, ihre tiefempfundenen, aber nicht modernen \u00dcberzeugungen auszusprechen, zum Schweigen., Und in der Tat bildeten die Sanhedrinsitzungen nur einen mit feierlichen Zeremonien umstellten Nachtrag zu der Arbeit, die von der Versammlung der Notabelndelegierten bereits vollendet worden war.<\/p>\n<p>Der lebendige Zusammenhang zwischen diesen beiden Versammlungen machte sich auf eine drastische Weise geltend und lag klar vor aller Augen: der Vorsitzende der fr\u00fcheren Versammlung, Furtado, trat als Referent in den wichtigsten Fragen der Sanhedrinssitzungen auf. Der Sanhedrin brachte es im Verlaufe von sieben Sitzungen fertig, die Antworten der Delegiertenversammlung auf alle zw\u00f6lf Fragen einer Pr\u00fcfung zu unterziehen und au\u00dferdem einen sch\u00f6nen Vortrag Furtados \u00fcber jede einzelne Frage anzuh\u00f6ren; die Antworten der fr\u00fcheren Versammlung wurden fast ohne Debatten und einstimmig angenommen; dargelegt wurden sie jedoch in der Form von \u00bbbelehrenden Beschl\u00fcssen\u00ab (decisions doctrinales) mit Zus\u00e4tzen in der Formulierung und im erl\u00e4uternden Texte. In der neuen, dem Text der Antworten vorangeschickten \u00bbDeklaration\u00ab wurde die prinzipielle Stellungnahme des Sanhedrins zur Frage der Vertr\u00e4glichkeit der j\u00fcdischen Gesetze mit denen des Staates zum Ausdruck gebracht.<br \/>\nIn dieser offensichtlich von Furtado inspirierten Deklaration wurde gesagt, dass die j\u00fcdischen Gesetze in zwei Kategorien eingeteilt werden m\u00fcssen: in religi\u00f6se und politische. Die ersteren seien unver\u00e4nderlich und weder an zeitliche noch an \u00f6rtliche Bedingungen gebunden. Was jedoch die politischen Gesetze betrifft, die aus einer Zeit stammen, als das j\u00fcdische Volk ein selbst\u00e4ndiges Dasein in seinem ehemaligen Heimatlande Pal\u00e4stina f\u00fchrte, so h\u00e4tten sie \u00bbjede Wirksamkeit eingeb\u00fc\u00dft, seitdem das j\u00fcdische Volk aufgeh\u00f6rt hat, einen nationalen Organismus zu bilden\u00ab. Aber auch die religi\u00f6sen Vorschriften m\u00fcssen bei einem eventuellen Zusammensto\u00dfe mit den staatsb\u00fcrgerlichen Gesetzen vor diesen zur\u00fccktreten oder wenigstens sich ihnen anzupassen suchen &#8211; der letztere Gedanke wurde zwar in der einleitenden Deklaration nicht direkt ausgesprochen, gewann aber greifbare Gestalt in einer ganzen Reihe von Sanhedrinsbeschl\u00fcssen.<br \/>\nSo hat beispielsweise der Sanhedrin in den mit der Ehescheidung zusammenh\u00e4ngenden Fragen die Ung\u00fcltigkeit aller rabbinischen Entscheidungen betreffs Eheschlie\u00dfungen und Ehescheidungen beschlossen, denen nicht entsprechende standesamtliche Akt vorangegangen waren. In der Frage der Mischehen wurde dem betreffenden Beschluss eine sehr konziliante Form gegeben: solche Ehen bewahren ihre volle G\u00fcltigkeit in staatsb\u00fcrgerlicher Hinsicht, und obwohl sie keine religi\u00f6se Sanktion erhalten k\u00f6nnen, ziehen sie doch kein Anathema nach sich. \u00dcber das Verschwinden des nationalen Familientypus bei Mischehen brauchte man sich keine Sorgen zu machen, nachdem das Judentum zu einer abgestorbenen Nation erkl\u00e4rt worden war&#8230;<\/p>\n<p>Des ferneren beschloss der Sanhedrin, dass die j\u00fcdischen Soldaten w\u00e4hrend ihres Dienstes aller mit dessen Aus\u00fcbung unvereinbaren religi\u00f6sen Verpflichtungen enthoben werden. Und nur in den die Gewerbe und den Wucher betreffenden Fragen f\u00fchrte das Sanhedrin eine w\u00fcrdige Sprache, indem es die sch\u00e4ndlichen Wuchergesch\u00e4fte aufs Entschiedenste verurteilte und die Stammesgenossen zu nutzbringenden, nunmehr allen zug\u00e4nglichen Besch\u00e4ftigungen aufrief. Die Tagung des Sanhedrins dauerte genau einen Monat. Die Schlusssitzung fand am 9. M\u00e4rz 1807 statt.<br \/>\nDer Vorsitzende verlas ein Schreiben der kaiserlichen Kommissare, in dem es hie\u00df, dass die Regierung die Arbeiten des Sanhedrins f\u00fcr gl\u00fccklich abgeschlossen erachte. Das Sanhedrin wurde geschlossen, aber die meisten seiner Mitglieder kehrten zur Delegiertenversammlung zur\u00fcck, die die Rolle einer allgemeinen Versammlung spielte und am 25. M\u00e4rz ihre Sitzungen wieder aufnahm.<br \/>\nFurtado referierte \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Sanhedrins und redete im Tone eines Menschen, der eine m\u00fchevolle Heldentat vollbracht hatte.<br \/>\nUnd nur als die Rede auf den alle Anwesenden peinlich ber\u00fchrenden Umstand kam, dass die Sanhedrinsmitglieder keiner Audienz beim Kaiser gew\u00fcrdigt worden waren, verriet seine Rede eine etwas resignierte Wendung: die pl\u00f6tzliche Abreise des Kaisers an die Front habe ihn verhindert, die j\u00fcdischen Vertreter zu empfangen, sowie sie auch diese Vertreter daran verhindert habe, sich bei \u00bbunserem herrlichen Wohlt\u00e4ter\u00ab pers\u00f6nlich zu bedanken. In den darauffolgenden Sitzungen nahm die Versammlung nach langen Debatten eine Resolution an, worin dem Wunsche Ausdruck gegeben wurde, gegen all jene j\u00fcdischen Wucherer und Tr\u00f6dler mit \u00e4u\u00dferster Strenge vorzugehen, die durch ihr Benehmen zu verschiedenen Beschwerden Anlass geben und auf alle anderen \u00bbGlaubensgenossen\u00ab einen Schatten werfen; zugleich wurde jedoch beschlossen, Schritte zur Abschaffung des die Juden ruinierenden Erlasses vom 30. Mai 1806 zu unternehmen, der die Schuldforderungen annullierte.<\/p>\n<p>Nach der Verlesung einer einfachen Erkl\u00e4rung der Kommissare, dass s\u00e4mtliche der Versammlung \u00fcberwiesenen Arbeiten nun beendet seien, wurde die Delegiertenversammlung am 6. April 1807 geschlossen.<\/p>\n<p>Diese beiden j\u00fcdischen \u00bbParlamente\u00ab, die ihre Entstehung einer Laune Napoleons verdankten, verloren f\u00fcr ihn nach und nach jedes Interesse. Anfangs wuchsen die Gel\u00fcste des Kaisers immer mehr in dem Ma\u00dfe, als die j\u00fcdischen Vertreter sich gef\u00fcgiger und nachgiebiger zeigten.<br \/>\nAbgesehen von den bereits gemachten Konzessionen, erwartete er vom Sanhedrin folgende drei gegen die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung gerichtete Ma\u00dfnahmen:<br \/>\ndas Verbot von Leihoperationen und die Beschr\u00e4nkung aller anderen Gesch\u00e4ftszweige f\u00fcr eine bestimmte Frist; die F\u00f6rderung von Mischehen, die sogar einer bestimmten Norm unterliegen sollten: eine Mischehe auf zwei j\u00fcdische Ehen (\u00bbdamit das j\u00fcdische Blut seine spezifischen Eigenschaften einb\u00fc\u00dfe\u00ab); schlie\u00dflich verlangte er, dass das Sanhedrin die genaue Erf\u00fcllung der Milit\u00e4rpflicht durch die Juden sicherstelle.<\/p>\n<p>Das Bestreben Napoleons ging \u00fcberhaupt darauf aus, durch Vermittlung der j\u00fcdischen \u00bbVertreter\u00ab die Juden dauernd bevormunden zu k\u00f6nnen; das Sanhedrin sollte ihm die n\u00f6tigen Handhaben dazu geben. Sein getreuer Diener, der Minister Champagny, war mit seinem Herrn in diesem Punkte eines Sinnes. \u00bbDiese Versammlungen\u00ab, schrieb er dem Kaiser, \u00bbsollen uns eine Waffe gegen sich selbst, wie gegen das durch sie vertretene Volk in die H\u00e4nde spielen.\u00ab Dies war die Sprache, die die zwei Auguren der Politik in jenen Tagen f\u00fchrten, als die j\u00fcdischen Delegierten sich in Lobhymnen auf den \u00bbherrlichen Wohlt\u00e4ter, Napoleon den Gro\u00dfen\u00ab ergingen, den Gott zur Rettung der bedr\u00fcckten \u00bbNachkommen des alten Jakob\u00ab als \u00bbWerkzeug seiner Gnade\u00ab erkoren habe. Bald traten die geheimen Pl\u00e4ne des Kaisers ans Dicht, und die Juden bekamen seine \u00bbwohlt\u00e4tige\u00ab Hand am eigenen Leib zu sp\u00fcren.<\/p>\n<div id=\"attachment_5195\" style=\"width: 339px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5195\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Frenchsanhedrin21.jpg?resize=329%2C166&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"329\" height=\"166\" class=\"size-full wp-image-5195\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Frenchsanhedrin21.jpg?w=329&amp;ssl=1 329w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Frenchsanhedrin21.jpg?resize=300%2C151&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 329px) 100vw, 329px\" \/><p id=\"caption-attachment-5195\" class=\"wp-caption-text\">M\u00fcnze, die zum Gro\u00dfen Sanhedrin gepr\u00e4gt worden.<\/p><\/div>\n<h2>\u00bbDas schmachvolle Dekret.\u00ab <\/h2>\n<p>Napoleon, der mit der Ab\u00e4nderung der Landkarte besch\u00e4ftigt war, hatte nicht viel Zeit \u00fcbrig, um an die Juden zu denken.<br \/>\nDas Jahr der \u00bbj\u00fcdischen Parlamente\u00ab (1806\u20141807) war zugleich das Jahr der sch\u00e4rfsten politischen Krisen: Der Rheinbund wurde ins Leben gerufen, Preu\u00dfen wurde endg\u00fcltig geschlagen und gedem\u00fctigt, aus Polen wurde das Herzogtum Warschau herausgeschnitten, der Tilsiter Friede wurde geschlossen.<\/p>\n<p>Der Ersch\u00fctterer der Throne, der Herrscher \u00fcber das geb\u00e4ndigte Europa hatte unter diesen Umst\u00e4nden nicht die geringste Neigung, sich mit den j\u00fcdischen Angelegenheiten abzugeben. Zur Niederhaltung der Juden brauchte er weder Truppen noch kaiserliche Dekrete, und selbst gew\u00f6hnliche Verf\u00fcgungen der Beh\u00f6rden gen\u00fcgten, um auf friedlichem Wege dasselbe Resultat zu erzielen. Die Beamten setzten das Werk ihres Herrn in dem gleichen Geiste fort. Als die Wirkungsfrist des Erlasses von der Einstellung aller Zahlungen an j\u00fcdische Gl\u00e4ubiger im Fr\u00fchling 1807 abgelaufen war, verl\u00e4ngerte der kaiserliche Erzkanzler Cambaceres die G\u00fcltigkeit dieses gesetzwidrigen und ruinierenden Dekrets durch ein einfaches Rundschreiben auf unbestimmte Zeit, d. h. bis auf weitere Anordnungen des damals im Felde stehenden Kaisers. Das diesbez\u00fcgliche Gesuch der Delegiertenversammlung wurde nicht beachtet; und auch in anderen Punkten blieben die Schritte der j\u00fcdischen Delegierten fruchtlos. Alle Hoffnungen des \u00bbj\u00fcdischen Parlamentes\u00ab scheiterten, als Napoleon, sich wieder Zeit nahm, an die j\u00fcdische Frage zu denken. In der verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurzen Zeit zwischen der Einberufung und der Aufl\u00f6sung der Delegiertenversammlung schwankte der Kaiser in seinen Beziehungen zu den Juden; schlie\u00dflich aber nahm seine nat\u00fcrliche Abneigung \u00fcberhand. Es besteht nicht die geringste Notwendigkeit, diesen Umstand durch die ung\u00fcnstigen \u00bbEindr\u00fccke\u00ab zu erkl\u00e4ren, \u00bbdie die j\u00fcdischen Massen Deutschlands und Polens auf den Kaiser w\u00e4hrend seines Feldzuges gemacht hatten\u00ab1); hier traten eher organische Ursachen Mutma\u00dfung eines der erw\u00e4hnten Kommissare, des sp\u00e4teren Kanzlers Pasquier, in seinen Memoiren. Er behauptet, dass Napoleon schon vor der Einberufung des Sanhedrins die Juden Deutschlands und Polens, wohin er einen Feldzug plante, an seine Seite habe bringen wollen. Ein anderer Memoirenschreiber (Barantes, bei Guizot zitiert) berichtet, dass die Erwartungen Napoleons sich erf\u00fcllt h\u00e4tten: w\u00e4hrend seines Marsches durch Polen h\u00e4tten ihm die dortigen Juden durch Lieferung von Proviant und wichtigen Nachrichten gro\u00dfe Dienste geleistet. Der Kaiser habe im Scherz gesagt: \u00bbDazu habe ich das gro\u00dfe Sanhedrin gebraucht!\u00ab in Wirksamkeit: die urspr\u00fcngliche Abneigung des Kaisers gegen j die Juden und das Temperament des Eroberers, der es gewohnt war, den Kn\u00e4uel komplizierter Fragen mit einem einzigen Hiebe zu durchhauen.<\/p>\n<p>Nach der Aufl\u00f6sung der j\u00fcdischen Versammlungen wurden die Sanhedrinsbeschl\u00fcsse im Zusammenh\u00e4nge mit den Gesetzentw\u00fcrfen der drei Kommissare und der Minister mit gro\u00dfem Eifer im Reichsrate behandelt. Die Gesetzentw\u00fcrfe empfahlen verschiedene Ma\u00dfnahmen zur Beseitigung all jener wirtschaftlichen Reibungen in den Rheinprovinzen, die vor einem Jahre den Kaiser veranla\u00dft hatten, zu Repressalien und zur Befragung der j\u00fcdischen Delegierten zu greifen; es wurden auch Mittel zur Regelung der Judenfrage in staatsb\u00fcrgerlicher Hinsicht und zur strikten Erf\u00fcllung der Milit\u00e4rpflicht durch die Juden angeregt; letzteres war in den Augen des kaiserlichen Soldaten eines der heiligsten Gebote. Die Mehrheit des Reichsrates, die auf die liberale Gesinnung noch nicht verzichtet hatte, verwarf an diesen Entw\u00fcrfen alles, was das Hauptgebot der Verfassung &#8211; die b\u00fcrgerliche Gleichberechtigung anzutasten drohte. Aber der Kaiser machte niemals viel Federlesens mit der Verfassung, wo sie seinem Willen zuwiderlief. Und am 17. M\u00e4rz 1808 erlie\u00df der Kaiser ein Dekret, das nach dem Urteil des Kommissars Pasquier \u00bbdurch seine H\u00e4rte alle Grenzen der Gerechtigkeit\u00ab \u00fcberschritt, oder mit anderen Worten &#8211; das durch die gro\u00dfe Revolution aufgestellte Prinzip der Gleichberechtigung in brutaler Weise \u00fcber den Haufen warf.<\/p>\n<p>Zwei Dekrete waren es, die der Kaiser am 17. M\u00e4rz unterschrieb.<\/p>\n<p>Durch das eine wurde das von der Delegiertenversammlung ausgearbeitete Reglement der konsistorialen Einrichtung der j\u00fcdischen Gemeinden best\u00e4tigt. Nach diesem Reglement sollte in jedem Departement oder in jeder Gruppe von Departements, die 2000 j\u00fcdische Einwohner z\u00e4hlen, ein lokales Konsistorium und in Paris ein Zentralkonsistorium errichtet werden. Als Mitglieder eines jeden Konsistoriums sollten zwei oder drei Rabbiner und ebenso viele von einer kleinen Gruppe angesehener B\u00fcrger gew\u00e4hlte Laien figurieren. Sowohl die W\u00e4hler wie die Gew\u00e4hlten mussten von der lokalen oder zentralen Beh\u00f6rde best\u00e4tigt werden. Die Aufgaben des Konsistoriums bestanden im Folgenden: aufzupassen, dass die Rabbiner die j\u00fcdischen Gesetze nicht anders als im Geiste des \u00bbneuen Talmuds\u00ab &#8211; der Beschl\u00fcsse des Pariser Sanhedrins interpretieren; die Ordnung in den Beth\u00e4usern aufrechtzuerhalten; die Juden zu n\u00fctzlichen Besch\u00e4ftigungen, insbesondere zur Erf\u00fcllung der Milit\u00e4rpflicht, anzuhalten und den Beh\u00f6rden allj\u00e4hrlich eine Eiste mit Angabe aller einzuberufenden jungen Juden im betreffenden Bezirk zu unterbreiten&#8230;<\/p>\n<p>So sah die Organisation der j\u00fcdischen Beamten aus, die ausersehen waren, den politischen, ja polizeilichen Absichten der Regierung zu dienen, nicht aber die Aufgaben einer freien Selbstverwaltung zu verwirklichen. Das kaiserliche Dekret, das diese Gemeindeverfassung best\u00e4tigte, wurde als ein \u00bbgn\u00e4diges\u00ab betrachtet. Es war dies die einzige organisatorische, durch die gemeinsamen Bem\u00fchungen der j\u00fcdischen Notablen und der napoleonischen Regierung ins Leben gerufene Aktion.<br \/>\nDie andere Reform bestand darin, dass in den offiziellen Schriftst\u00fccken nunmehr das Wort \u00bbisraelite\u00ab statt des fr\u00fcher gebr\u00e4uchlichen, einen verletzenden Beigeschmack enthaltenden Wortes \u00bbjuif\u00ab immer h\u00e4ufiger aufzutauchen begann.<\/p>\n<p>In den offiziellen Schriftst\u00fccken aus dem ersten Kaiserreiche kamen noch die beiden Ausdr\u00fccke nebeneinander vor; schlie\u00dflich wurden aber die \u00bbJuden\u00ab von den \u00bbIsraeliten\u00ab g\u00e4nzlich verdr\u00e4ngt. Ein anderes Dekret Napoleons aus derselben ungl\u00fcckseligen Zeit, ein Dekret, das sich mit der Regelung der wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse der Juden befasste, sah einer Reform am wenigsten \u00e4hnlich. In den drei Teilen dieses ohne die Zustimmung des Reichsrates ver\u00f6ffentlichten Dekrets verfuhr Napoleon mit den Juden auf eine rein milit\u00e4rische Weise. Der erste Teil behandelt die Regelung der Kreditoperationen. An Stelle des Dekrets \u00fcber die provisorische Einstellung der Zahlungen an j\u00fcdische Gl\u00e4ubiger treten folgende, wahrhaft drakonische Ma\u00dfregeln in Kraft: Ung\u00fcltig sind alle Forderungen \u00bbj\u00fcdischer Gl\u00e4ubiger an Milit\u00e4rpersonen, Frauen und Unm\u00fcndige, wenn die Schulden ohne die Einwilligung der Milit\u00e4rbeh\u00f6rden, Gatten und Eltern gemacht worden sind. Der einem j\u00fcdischen Gl\u00e4ubiger von einem Angeh\u00f6rigen einer nichthandeltreibenden Klasse ausgestellte Wechsel wird von den Gerichten nur dann anerkannt, wenn der Jude den Beweis erbringen kann, dass der Betrag des Wechsels dem Schuldner voll und ohne Abz\u00fcge ausbezahlt worden ist. Geldgesch\u00e4fte, deren Zinsen 10% \u00fcberschreiten, gelten als Wucher und werden vom Gericht nicht anerkannt. Auf diese Weise waren durch einen einzigen Federstrich die Verm\u00f6gensrechte vieler Tausende von B\u00fcrgern verletzt, deren Schuld h\u00f6chstens darin bestehen konnte, dass sie sich aus dem unter einem j ahrhundertlangen Druck entstandenen Kreise wirtschaftlicher Verh\u00e4ltnisse nicht mit einem Male loszumachen vermochten. Aber der Kaiser lie\u00df es bei dieser Enteignung von Bargeld nicht bewenden: er schaffte die Gewerbe- und Handelsfreiheit \u00fcberhaupt ab. Der zweite Teil des Dekrets enth\u00e4lt eine Reihe von Paragraphen, die es den Juden untersagen, irgendwelchen Handel ohne ein vom Pr\u00e4fekten des betreffenden Departements ausgestelltes \u00bbPatent\u00ab zu betreiben. Zur Erlangung dieses Patents ist die Vorweisung eines vom Munizipalrate und dem Kreiskonsistorium ausgestellten Zeugnisses erforderlich, das f\u00fcr die moralische und kommerzielle Zuverl\u00e4ssigkeit der betreffenden Person b\u00fcrgt und allj\u00e4hrlich erneuert werden muss. Gesch\u00e4ftliche Abmachungen unpatentierter Juden werden f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt. In dieser Richtung weiterschreitend, verstieg sich Napoleon bis zur Abschaffung der Bewegungsfreiheit &#8211; des elementarsten Rechtes eines jeden B\u00fcrgers.<\/p>\n<p>Der dritte Teil des Dekrets verbietet den Juden, sich in den Departements des Oberen und Unteren Rheins (Elsass) niederzulassen.<br \/>\nWas die anderen Departements des Kaiserreichs betrifft, so wird die Niederlassung nur solchen Juden gestattet, die daselbst Grundst\u00fccke behufs eigenh\u00e4ndiger Bebauung, aber keineswegs zu gesch\u00e4ftlichen Zwecken, ankaufen. In Bezug auf die Milit\u00e4rpflicht wird eine neue Rechtseinschr\u00e4nkung eingef\u00fchrt: der Jude ist verpflichtet, pers\u00f6nlich im Heere zu dienen und hat nicht das jedem christlichen Rekruten zukommende Recht, sich durch einen Freiwilligen ersetzen zu lassen. Der Erlass vom 17. M\u00e4rz schlie\u00dft mit zwei \u00bbVerf\u00fcgungen allgemeiner Natur\u00ab:<\/p>\n<p>a) Das Dekret bleibt nur zehn Jahre in Kraft, denn die Regierung hofft, dass die Juden nach dieser Frist sich infolge der ergriffenen Ma\u00dfnahmen \u00bbvon den anderen B\u00fcrgern nicht unterscheiden werden\u00ab; widrigenfalls werden die Repressalien fortgesetzt werden,<br \/>\nb) Alle durch das Dekret festgesetzten Rechtseinschr\u00e4nkungen erstrecken sich nicht auf die Juden von Bordeaux und den Departements Gironde und Randes, die \u00bbkeinen Anlass zu Beschwerden boten und keine unerlaubten Gesch\u00e4fte betreiben\u00ab. Auf diese Weise vollzog sich der napoleonische Staatsstreich in der j\u00fcdischen Frage. Statt die im Verlaufe von Jahrhunderten entstandene und gro\u00dfgezogene wirtschaftliche Ordnung auf dem Wege von Reformen nach und nach umzugestalten, wollte er ihr durch den Machtspruch eines Befehls eine j\u00e4he Wendung geben und richtete dabei Tausende von Familien wirtschaftlich zugrunde. Anstatt die Krankheit zu heilen, befahl er, den Kranken durchzupr\u00fcgeln. Die verwerflichen Kreditoperationen eines Teiles der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung beantwortete er durch eine grausame milit\u00e4rchirurgische Operation, die fast s\u00e4mtliche Teile dieser Bev\u00f6lkerung traf. Es wurde eine jener Enteignungen vollzogen, an die der k\u00fchne Heerf\u00fchrer in seinen Feldz\u00fcgen von jeher gewohnt war; aber das Dekret vom 17. M\u00e4rz wurde doch nicht in einem Kriegslager, sondern in den Tuilerien zu Paris erlassen, wo der b\u00fcrgerliche Kodex, der musterg\u00fcltige Code civil desselben Napoleons noch in Kraft war&#8230;<\/p>\n<p>Und nicht nur der b\u00fcrgerliche Kodex allein war verletzt: die grundlegenden Paragraphen der Verfassung wurden durch diesen Bruch mit der durch den Emanzipationsakt vom Jahre 1791 proklamierten staatsb\u00fcrgerlichen Gleichberechtigung der Juden in r\u00fccksichtsloser Weise \u00fcber den Haufen geworfen. Die meisten j\u00fcdisch-franz\u00f6sischen B\u00fcrger gingen ihrer Gewerbe- und Bewegungsfreiheit f\u00fcr die Dauer von zehn Jahren verlustig, und viele wurden sogar ihrer Verm\u00f6gensrechte beraubt&#8230; Furchtbar waren die Folgen dieser offiziellen Enteignung: im Elsass weigerten sich die christlichen Schuldner, selbst die unstrittigen und einwandfreien Schulden den j\u00fcdischen Gl\u00e4ubigern zu bezahlen. Die B\u00fcrgermeister vieler St\u00e4dte verk\u00fcndeten das kaiserliche Dekret mit absichtlicher Feierlichkeit, unter Trommelwirbeln, und die christliche Bev\u00f6lkerung zog aus dieser pomphaften Zeremonie die entsprechenden Konsequenzen: der Jude steht au\u00dferhalb des staatsb\u00fcrgerlichen Gesetzes. Die gesch\u00e4ftliche Bet\u00e4tigung der Juden war von einem System von Patenten umstrickt, und die Entziehung der Bewegungsfreiheit war f\u00fcr die bewegliche j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung die Quelle endlosen Elends. Noch schwerer als der materielle Ruin lastete der moralische Schlag auf einem durch die Revolution befreiten Volke, das im Kampfe um di? Freiheit seine Kraft vergeudet und in den milit\u00e4rischen Hekatomben des Kaisers sein Blut vergossen hatte. Das Dekret vom ij. M\u00e4rz ist in der Geschichte unter dem Namen des \u00bbSchmachvollen Dekrets\u00ab (decret infame) bekannt. Sein verwerflicher Charakter \u00fcberraschte jene \u00bbNotablen\u00ab, die noch an die Diebe Napoleons zu den Juden glaubten und in ihm den Helden der j\u00fcdischen \u00bbWiedergeburt\u00ab sahen. Als der fr\u00fchere Vorsitzende der Delegiertenversammlung, Furtado, und einige angesehene Mitglieder vom bevorstehenden Erlasse erfuhren, begaben sie sich in aller Eile nach der Residenz des Kaisers, Fontainebleau, um gegen diese Gesetzwidrigkeit zu protestieren; sie wurden aber nicht empfangen. Napoleon brauchte jetzt nicht die Dienste der j\u00fcdischen Notablen; unter dem Deckmantel des Friedens und der Freundschaft nahm er ihnen alles, was sich nehmen lie\u00df, um sie dann zu \u00fcberrumpeln. Nicht Napoleon war es, der die Juden get\u00e4uscht hatte, wie es viele Geschichtschreiber glauben, sondern die Juden hatten sich in ihm get\u00e4uscht, indem sie seine B\u00fchnendekorationen f\u00fcr Wirklichkeit nahmen. Der Kaiser blieb sich treu: vor zwei Jahren lie\u00df er im Reichgrate die Worte fallen, dass man auf die Juden nicht den b\u00fcrgerlichen, sondern den politischen Kodex anwenden m\u00fcsse, und nun hatte er auf sie seinen internationalen Kodex des Krieges und der Brandschatzung angewandt. Die Anwendung des \u00bbSchmachvollen Dekrets\u00ab wurde durch seinen gesetzwidrigen und gewaltt\u00e4tigen Charakter \u00e4u\u00dferst erschwert. Es regnete Klagen und Beschwerden seitens der Juden der verschiedenen Departements, besonders der s\u00fcdfranz\u00f6sischen und italienischen, die Napoleon in seiner noblen Geste den \u00bbschuldbeladenen\u00ab Juden der rheinischen Provinzen in punkto Rechtlosigkeit gleichgestellt hatte. Die Regierung musste eine Reihe von Ausnahmen (exceptions) vom Gesetze des Jahres 1808 machen.<\/p>\n<p>Vor allen Dingen wurde eine Ausnahme zugunsten der j\u00fcdischen Einwohner der Stadt Paris gemacht (26. April 1808), denen der Minister des Inneren, Grete, einen guten Leumund ausgestellt hatte (auf 2593 Juden kamen nur 4 Wucherer; im Heere dienten aber zu jener Zeit 150 Juden); dann wurden die Juden von Livorno und der zwanzig Departements des s\u00fcdlichen Frankreichs und Italien der Repressalien enthoben. Im Jahre 1810 beauftragte der Kaiser den Minister des Inneren, alle die St\u00e4dte unter die Kategorie der ausgenommenen zu bringen, deren j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung sich eines derartigen Gnadenaktes w\u00fcrdig erweisen w\u00fcrde. Im Juli 1812, als der Todesengel schon die gro\u00dfe napoleonisehe Armee in Russland umschwebte, schaffte der Kaiser das Verbot f\u00fcr die j\u00fcdischen Rekruten, sich durch einen Freiwilligen ersetzen zu lassen, ab.<br \/>\nEr hatte gesehen, wie die j\u00fcdischen Soldaten in den Reihen der todgeweihten Armee auf den Schlachtfeldern verbluteten, und hier begriff vielleicht der Eroberer die ganze Verwerflichkeit seines Angriffes auf ein Volk, das ihm sein Schicksal anvertraut hatte. Die gedem\u00fctigte und der staatsb\u00fcrgerlichen Rechte beraubte Judenheit konnte gegen den Verletzer des Grunddogmas der Gleichberechtigung keinen Protest erheben; aber eine indirekte Verurteilung des gewaltt\u00e4tigen Aktes h\u00f6rte man aus den untert\u00e4nigsten Berichten der Minister heraus, die mitzuteilen wussten, dass die Juden nach Angaben der Pr\u00e4fekten und Konsistorien sich rasch \u00bbverbessern\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbDie Wiedergeburt der Juden macht sich bereits bemerkbar,\u00ab berichtete der Minister des Inneren dem Kaiser im Jahr 18&#215;1, \u00bb\u00fcberall sind sie bestrebt, sich der G\u00fcte Eurer Majest\u00e4t w\u00fcrdig zu erweisen, indem sie hoffen, die Ausnehmung vom Dekret zu erreichen\u00ab. Viele Pr\u00e4fekten berichteten, dass die Juden sich in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe den n\u00fctzlichen Gewerben widmen und die Milit\u00e4rpflicht gewissenhaft erf\u00fcllen. In den italienischen Provinzen wies man mit Freude auf den Beginn \u00bbeiner vollen Aufl\u00f6sung der Juden in die Massen der Franzosen\u00ab hin. R\u00fchmend wird auch die patriotische T\u00e4tigkeit der Konsistorien hervorgehoben, die den Juden die Pflicht des Gehorsams gegen die Anordnungen der Regierungsorgane einsch\u00e4rfen. Im Juni 1810 unterbreitete das Pariser Zentralkonsistorium dem Minister des Inneren einen umfangreichen, auf Grund von Angaben der Landeskonsistorien zusammengestellten Bericht \u00fcber die Tage der Juden in Frankreich.<\/p>\n<p>Die j\u00fcdischen Beamten f\u00fchren hier dieselbe servile Sprache, die im Munde der Mitglieder der j\u00fcdischen Parlamente noch zu entschuldigen, die aber nach dem \u00bbSchmachvollen Dekret\u00ab einfach besch\u00e4mend war. Die Vertreter der Konsistorien berichten \u00fcber die \u00bbWiedergeburt der Israeliten\u00ab, indem sie den Kaiser als den \u00bbHelden unter den Gesetzgebern\u00ab und \u00bbWohlt\u00e4ter\u00ab feiern. Die Zahl der Grundbesitzer, Fabrikanten, Vertreter freier Berufe, Milit\u00e4rpersonen, Studierenden an den allgemeinen Lehranstalten nehme immer zu.<br \/>\nNach Angaben der Konsistorien entfielen auf die gesamte j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung des franz\u00f6sischen Kaiserreichs (80 000 Seelen, abgesehen von der Bev\u00f6lkerung der autonomen K\u00f6nigreiche) im Jahr 1810: 1232 Landwirte, 797 Milit\u00e4rpersonen, 2360 Kinder, die allgemeine Behranstalten besuchten oder sich f\u00fcr \u00bbn\u00fctzliche Gewerbe\u00ab vorbereiteten. Es gab 250 Fabriken, deren Inhaber Juden waren. Diese \u00bbWiedergeburt\u00ab der Juden w\u00e4re besser vonstattengegangen &#8211; gestattet sich das Zentralkonsistorium sch\u00fcchtern zu bemerken &#8211; wenn sie von den Fesseln des harten Dekrets von 1808 befreit w\u00e4ren. Aber die Fesseln wurden ihnen nicht genommen.<br \/>\nIn 44 von den 68 Departements des franz\u00f6sischen Kaiserreichs herrschte noch der durch das \u00bbSchmachvolle Dekret\u00ab geschaffene Ausnahmezustand.<br \/>\nErst der Sturz Napoleons und das Zeitalter der Restauration brachten eine \u00c4nderung der Lage mit sich. Durch eine Ironie des Schicksals waren es gerade die M\u00e4nner der alten \u00bbOrdnung\u00ab, die eine der Errungenschaften der gro\u00dfen Revolution wiederherstellen mussten, die der \u00bbSohn der Revolution\u00ab, Napoleon, in den Staub getreten hatte.<\/p>\n<p class=\"Zentriert\">\n<img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/absatz.png?resize=127%2C32&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"127\" height=\"32\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1945\" \/><br \/>\n<strong>Simon Dubnow<\/strong><br \/>\n<strong>Die neueste Geschichte des j\u00fcdischen Volkes 1789 \u2013 1914<\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-neueste-geschichte-des-juedischen-volkes-1789-1914\/\">Zum Inhaltsverzeichnis<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kampf um die Gleichberechtigung auf dem Boden der Deklaration der Rechte. Im historischen Fr\u00fchling des Jahres 1789, als die Generalstaaten Frankreichs, die sich bald darauf in die konstituierende Versammlung verwandelten, in Paris zusammengetreten waren, erkannten die franz\u00f6sischen Juden, dass die heranrollende Freiheitswelle auch sie aus den Tiefen der Rechtlosigkeit mit in die H\u00f6he ziehen k\u00f6nnte. An der sozialen Bewegung, die der Einberufung der Volksvertreter vorangegangen war, konnten sich die vom staatsb\u00fcrgerlichen Reben ferngehaltenen j\u00fcdischen Massen nicht beteiligen; sie w\u00e4hlten keine Abgeordneten und \u00e4u\u00dferten keine W\u00fcnsche in \u00bbInstruktionen\u00ab. Einigen Anteil an der Wahlkampagne nahm nur eine einzige Gruppe naturalisierter Juden im s\u00fcdlichen Frankreich (die sogenannten Portugiesen oder Sephardim); in Bordeaux fanden sich einige j\u00fcdische W\u00e4hler, und einem von ihnen mangelte es blo\u00df an einigen Stimmen, um Abgeordneter werden zu k\u00f6nnen (David Gradis). Allein die Verfechter j\u00fcdischer Interessen in den n\u00f6rdlichen Gebieten r\u00fcsteten sich auf ihre Weise zum Kampf um ihre Rechte. 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