{"id":9267,"date":"2022-12-06T12:42:20","date_gmt":"2022-12-06T10:42:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?page_id=9267"},"modified":"2022-12-06T12:42:22","modified_gmt":"2022-12-06T10:42:22","slug":"gruendung-rabbinerkonferenz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/udim\/gruendung-rabbinerkonferenz\/","title":{"rendered":"Die Gr\u00fcndung der Rabbinerkonferenz in Deutschland"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Text von Rabbiner Dr. Siegbert Neufeld, 1970<\/em>, Als Anhang zu <em><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/udim\/\" data-type=\"page\" data-id=\"9251\">Udim<\/a><\/em> Band 1<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Leitung der Rabbinerkonferenz bin ich gebeten worden, \u00fcber die Gr\u00fcndung der Konferenz zu berichten, die vor nun schon achtzehn Jahren erfolgt ist. Gern folge ich dieser Anregung, denn es werden dadurch Vorg\u00e4nge bekannt, die f\u00fcr die Entwicklung des Judentums im Nachkriegsdeutschland von Wichtigkeit sind und einem breiten Kreise nicht vorenthalten werden sollen. Von der ersten Stunde an waren einige bef\u00e4higte Privatleute in einigen Gemeinden, die sich bem\u00fchten, aus dem Chaos der Untergetauchten, \u00dcbriggebliebenen, aus den L\u00e4gern str\u00f6menden \u00fcberlebenden allm\u00e4hlich geordnete Gemeinschaften zu gr\u00fcnden. Nur selten tauchte da und dort ein Rabbiner auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In Frankfurt hielt sich etwa ein Jahr nach der Befreiung aus Theresienstadt Dr. Leopold Neuhaus auf, bevor er als Rabbiner nach den USA wanderte. K\u00fcrzere Zeit waren einige Rabbiner in Berlin: Dr. Michael Munk, Dr. Moritz Freier, Peter Levinson (jetzt badischer Landesrabbiner).<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Paul Holzer, sp\u00e4ter Landesrabbiner von Norddeutschland (in Dortmund), war kurze Zeit in seiner fr\u00fcheren Gemeinde Hamburg. In Israel str\u00e4ubte man sich damals, Rabbiner nach Deutschland zu senden. Die Stimmung des Volkes war zu sehr gegen Deutschland eingestellt und verlangte von den \u00fcberlebenden, die zuf\u00e4llig dorthin verschlagen wurden, das Land so schnell wie m\u00f6glich zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer dies nicht tat, galt als abgeschrieben. Ich kam als erster Rabbiner aus Israel im Januar 1951 nach Deutschland. Durch Zufall hatten Bekannte auf mich hingewiesen, und so wurde ich nach kurzen Verhandlungen April 1950 zum Landesrabbiner von W\u00fcrttemberg geT w\u00e4hlt. Aber leider versperrte mir die Regierung Israels den Weg. Das Innenministerium, eine Dom\u00e4ne der religi\u00f6sen Partei, vermerkte in v\u00f6lliger Verkennung der Situation in meinem Pa\u00df: \u00bbF\u00fcr alle L\u00e4nder au\u00dfer Deutschland.\u00ab Erst der Intervention des damaligen Justizministers Pinchas Rosen verdanke ich die Streichung dieses Verbots und die M\u00f6glichkeit, mich in Deutschland religi\u00f6s zu bet\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich in W\u00fcrttemberg vorfand, war kein Chaos, sondern eine gut geordnete und verwaltete Gemeinde mit fast allen n\u00f6tigen Einrichtungen, einschlie\u00dflich Mikweh. Der Bau einer repr\u00e4sentativen Synagoge war von der Regierung beschlossen und begann gerade in der Woche meiner Ankunft. Vor mir waren schon mehrere Rabbiner dort gewesen. Zun\u00e4chst hatten mehrere amerikanische Milit\u00e4rrabbiner sich um die Betreuung der aus L\u00e4gern gekommenen Juden gek\u00fcmmert. Dann blieb etwa eineinhalb Jahre der aus einem Lager gekommene Sohn des Seminardozenten Professor Michael Guttmann (Breslau und Budapest), Dr. Heinrich Guttmann, der schon vorher einige Jahre in Bingen und Landsberg gewesen war und seinem Vater nach Budapest folgte. Infolge meiner so versp\u00e4teten Ankunft waren die Gemeinden l\u00e4nger als ein Jahr ohne Rabbiner. Als ich kam, fand ich nur Dr. Wilhelm Weinberg in Frankfurt vor, der aber schon im Begriff war, nach Amerika auszuwandern. Etwa ein Jahr war Frankfurt ohne Rabbiner, bis Dr. Harry Levy aus Israel kam Ihm und den sp\u00e4ter Kommenden hat die Regierung Israels keine Schwierigkeiten mehr bereitet. Zur Einweihung der Synagoge in Karlsruhe im Juli 1951 kam Dr. Robert Geis. Er war damals schon zum badischen Landesrabbiner gew\u00e4hlt worden, trat aber sein Amt erst 1952 an. Etwas fr\u00fcher kam Dr. Paul Holzer nach Dortmund.<\/p>\n\n\n\n<p>In der langen Zeit, in der ich fast allein in Deutschland war, wurde ich h\u00e4ufig, zum Teil auch telegrafisch oder telefonisch, aus den verschiedensten Gemeinden Deutschlands um religi\u00f6se Ausk\u00fcnfte gebeten. Ich sp\u00fcrte manchmal das Verlangen, mich mit einem Kollegen auszusprechen, aber es war keiner da.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Einweihung der Synagoge Stuttgart im Mai 1952 kam Dr. Holzer aus Dortmund und au\u00dferdem Dr. Lehrmann aus Luxemburg, heute Berliner Gemeinderabbiner, der in Stuttgart aufgewachsen war. Erst als Dr. Geis, Dr. Levy in Deutschland t\u00e4tig waren, war die Zeit rei\u00df, dass wir uns zwecks regelm\u00e4\u00dfiger Aussprachen \u00fcber religi\u00f6se Fragen zusammenschlossen. Nach etlichen schriftlichen Vorbereitungen bot eine Zusammenkunft des Zentralrats der Juden in Deutschland in D\u00fcsseldorf im September 1952 die geeignete Gelegenheit, in zwangloser Aussprache \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer Zusammenschlusses zu beraten. Dieser Beratung, die in einem Hotelzimmer stattfand, folgte eine zweite Beratung im Dezember 1952 in Frankfurt, wo wieder eine Sitzung des Zentralrates stattfand. In der Wohnung des Rabbiners Dr. Levy beschlossen wir vier die Gr\u00fcndung. Frankfurt war aus geographisch sehen, aber auch aus geschichtlichen Gr\u00fcnden der gegebene Sitz der Organsiation, und Dr. Levy wurde zum Vorsitzenden gew\u00e4hlt. Da unter den damaligen Verh\u00e4ltnissen s\u00e4mtliche Rabbiner gr\u00f6\u00dfere Bezirke zu betreuen hatten und daher Landesrabbiner waren, nannten wir die Organisation Landesrabbkonferenz. Als sp\u00e4ter eine ganze Anzahl Gemeinden eigene Rabbiner hatten (Berlin, D\u00fcsseldorf, K\u00f6ln, M\u00fcnchen, zeitweise Hamburg), wurde der Name bescheidener in Rabbinerkonferenz gewandelt. Aber in bewu\u00dftem Gegensatz zum fr\u00fcheren Rabbinerverband blieb der Name Rabbinerkonferenz, denn das Wichtigste wawirklich die regelm\u00e4\u00dfigen Konferenzen, in denen man sich \u00fcber die dauernd Situation und \u00fcber immer neu auftauchende religi\u00f6se Fragen ausEs bestehen gewisse \u00c4hnlichkeiten mit dem Zentralrat, der organisatorisch zu beGesamtvertretung der Juden in Deutschland. Auch dessen Mitglieder sehen sich gen\u00f6tigt, in kurzen Abst\u00e4nden zusammenzukommen und \u00fcber dringende Fragen zu beraten. Enge Zusammenarbeit beider Organisationen ist eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit f\u00fcr eine Religionsgemeinschaft. Wie der Zentralrat die wenigen \u00fcberlebenden oder zur\u00fcckgekehrten Juden organisatorisch zu hat, so haben die wenigen Rabbiner f\u00fcr die religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnisse dieser wenigen zu sorgen. Da\u00df es sich hier um schwierigere Komplexe handelt, als in den geregelten Verh\u00e4ltnissen der Vorkriegszeit, leuchtet ein. \u00dcbertritt zum Judentum, auch in Israel ein vielumstrittenes Problem, Schaffung neuer Schulb\u00fccher, j\u00fcdische Tagesschulen, Kaschrut, das sind nur einige Probleme, die erw\u00e4hnt seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Vergleich etwa mit dem allgemeinen Rabbinerverband, der gewisserma\u00dfen Vorg\u00e4nger und Vorbild der Rabbinerkonferenz war, ist daher nicht m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis Herbst 1953, bis zu meiner Heimkehr, fanden nach meiner Erinnerung noch drei Konferenzen statt; zwei in Frankfurt, eine in Bad Nauheim, im j\u00fcdischen Kurhotel. \u00dcber die weitere Entwicklung der Konferenz bin ich im Wesentlichen nur aus Zeitungsberichten informiert. Da ich auch sp\u00e4ter wiederholt in Deutschland war, hatte ich noch mehrmals Gelegenheit, an Sitzungen teilzunehmen. 1957 und 1960 war ich bei Rabbinerkonferenzen in Frankfurt zugegen und ebenfalls 1960 nach der Einweihung der Synagoge in Hamburg. Keiner von denen, die an der Gr\u00fcndungssitzung teilnahmen, ist noch als Rabbiner in Deutschland t\u00e4tig. Andere Rabbiner sind gekommen und zum Teil auch wieder gegangen, die Zahl der Rabbiner ist gewachsen. Im ganzen sind heute zw\u00f6lf Rabbiner Mitglieder der Organisation. Einer wurde und wird schmerzlich vermi\u00dft werden, der 1955 als Vorsitzender t\u00e4tige hessische Landesrabbiner Dr. I. E. Lichtigfeld s. A. Seine \u00fcberragende Pers\u00f6nlichkeit und sein vielseitiges Wissen haben der Konferenz mehr als ein Jahrzehnt das Gepr\u00e4ge gegeben. Wegen seiner besonderen Gaben hielten es die Kollegen f\u00fcr angebracht, gemeinsam mit einigen ausw\u00e4rtigen Rabbinern zu seinem siebzigsten Geburtstag 1964 eine Festschrift herauszugeben, eine Ehrung, die selbst dem gro\u00dfen Dr. Leo Baeck, dem letzten Vorsitzenden des Allgemeinen Rabbinerverbandes, erst zu seinem achtzigsten Geburtstag zuteil wurde.<br>Lichtigfeld ist fr\u00fchzeitig, 1967, an einem unheilbaren Leiden gestorben. Noch heute, nach drei Jahren, ist die L\u00fccke nicht geschlossen. Die Rabbinerkonferenz wirkt weiter, tagt abwechselnd in den verschiedensten Gemeinden und nimmt bei dieser Gelegenheit mit den einzelnen Gemeinden Kontakt. M\u00f6ge ihr Wirken im Sinn und nach Ansicht der Gr\u00fcnder immer mehr in den neu erstandenen Gemeinden sp\u00fcrbar werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Rabbiner Dr. Neufeld<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text von Rabbiner Dr. Siegbert Neufeld, 1970, Als Anhang zu Udim Band 1 Von der Leitung der Rabbinerkonferenz bin ich gebeten worden, \u00fcber die Gr\u00fcndung der Konferenz zu berichten, die vor nun schon achtzehn Jahren erfolgt ist. Gern folge ich dieser Anregung, denn es werden dadurch Vorg\u00e4nge bekannt, die f\u00fcr die Entwicklung des Judentums im Nachkriegsdeutschland von Wichtigkeit sind und einem breiten Kreise nicht vorenthalten werden sollen. Von der ersten Stunde an waren einige bef\u00e4higte Privatleute in einigen Gemeinden, die sich bem\u00fchten, aus dem Chaos der Untergetauchten, \u00dcbriggebliebenen, aus den L\u00e4gern str\u00f6menden \u00fcberlebenden allm\u00e4hlich geordnete Gemeinschaften zu gr\u00fcnden. Nur selten tauchte da und dort ein Rabbiner auf. In Frankfurt hielt sich etwa ein Jahr nach der Befreiung aus Theresienstadt Dr. Leopold Neuhaus auf, bevor er als Rabbiner nach den USA wanderte. K\u00fcrzere Zeit waren einige Rabbiner in Berlin: Dr. Michael Munk, Dr. Moritz Freier, Peter Levinson (jetzt badischer Landesrabbiner). Dr. Paul Holzer, sp\u00e4ter Landesrabbiner von Norddeutschland (in Dortmund), war kurze Zeit in seiner fr\u00fcheren Gemeinde Hamburg. 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