{"id":10350,"date":"2025-09-12T14:03:13","date_gmt":"2025-09-12T12:03:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=10350"},"modified":"2025-12-15T10:58:44","modified_gmt":"2025-12-15T08:58:44","slug":"zur-eroeffnung-der-synagoge-reichenbachstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/zur-eroeffnung-der-synagoge-reichenbachstrasse\/","title":{"rendered":"Zur Er\u00f6ffnung der Synagoge Reichenbachstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"\n\n\n\n<p><em>Historische Texte zur urspr\u00fcnglichen Einweihung der Synagoge im Jahr 1931. Sie geben auch Auskunft \u00fcber die Beterschaft der Synagoge.<\/em> <em>Die \u00dcberschriften wurden nachtr\u00e4glich hinzugef\u00fcgt. Die Texte jedoch unver\u00e4ndert \u00fcbernommen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine neue M\u00fcnchener Synagoge<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Aus: Das J\u00fcdische Echo, Nummer 36, 4. September 1931<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn am Samstag, dem 5. September, in einer Notzeit ohnegleichen die Tore einer neuen Synagoge, eines sch\u00f6nen und w\u00fcrdigen Gotteshauses sich \u00f6ffnen f\u00fcr viele unter uns, denen es bisher versagt war, ihren Gottesdienst in einer angemessenen Umgebung abzuhalten, so darf dieses Ereignis mit besonders herzlicher Freude begr\u00fc\u00dft werden \u2014 ist es doch Ausdruck eines j\u00fcdischen Lebenswillens und einer j\u00fcdischen Lebenskraft, die selbst unter widrigsten Verh\u00e4ltnissen sich die Bedingungen schafft, die das j\u00fcdische Leben braucht, um voll und ganz zu sein und die allein ein Aufbl\u00fchen und Gedeihen gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dieses neue Haus nicht von der Israelitischen Kultusgemeinde M\u00fcnchen \u2014 obwohl mit ihrer tatkr\u00e4ftigen Hilfe \u2014 sondern von zwei Vereinen gebaut wurde, die trotz gro\u00dfer Autorit\u00e4t in ihrem Kreise nicht die M\u00f6glichkeit zwangsm\u00e4\u00dfiger Einhebung von Geldern haben, dass es also seine Entstehung zum gr\u00f6\u00dften Teil freiwilligen Beitr\u00e4gen verdankt, muss mit restloser Bewunderung erf\u00fcllen. Und es muss gleicherweise h\u00f6chste Bewunderung erregen, zu sehen und zu h\u00f6ren, mit welch innerem Anteil und mit welcher Liebe alle Angeh\u00f6rigen der ostj\u00fcdischen Gemeinschaft das Planen, Werden und Wachsen, die Fertigstellung und die Ausschm\u00fcckung des neuen Hauses verfolgt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Synagoge wird nicht leer stehen. In ihr werden die Beter wirklich zu Hause sein, am Werktag wie am Sabbath und am Feiertag. Und in ihr, so darf man hoffen, wird auch eine neue Jugend heranwachsen, die durch sie in einer fremden, geh\u00e4ssigen und selbst da dem Judentum abtr\u00e4glichen Umwelt, wo sie ihm nicht direkt feindlich gegen\u00fcbersteht, st\u00e4rker an j\u00fcdische Religion, an j\u00fcdische Lehre und Sitte, an j\u00fcdisches Leben schlechthin gebunden und gekn\u00fcpft wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Synagoge ist Ausdruck auch neuer Tatsachen im Gesamtbild der Israelitischen Kultusgemeinde M\u00fcnchen. Sie tritt w\u00fcrdig den hier bereits vorhandenen j\u00fcdischen Gottesh\u00e4usern an die Seite und sie ist damit ein Sinnbild der endg\u00fcltigen Anerkennung der Gleichberechtigung unserer ostj\u00fcdischen Br\u00fcder und ihrer aktiven Mitwirkung an der Ausgestaltung und Pflege des j\u00fcdischen Lebens innerhalb der Kultusgemeinde.<\/p>\n\n\n\n<p>So seien die Erbauer der neuen Synagoge, die Synagogenvereine Linath-Hazedek und Agudath-Achim, von ganzem Herzen begl\u00fcckw\u00fcnscht und ihr Werk begr\u00fc\u00dft als ein Zeichen j\u00fcdischer Lebenskraft in schwerster Zeit, als ein Zeichen des j\u00fcdischen Willens zur j\u00fcdischen Zukunft und als ein Zeichen des Fortschritts der ganzen j\u00fcdischen Gemeinde in M\u00fcnchen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die ostj\u00fcdische Gemeinschaft<\/h3>\n\n\n\n<p>Dieses freudige Ereignis gibt uns Veranlassung, \u00fcber Wesen und Werden der hiesigen ostj\u00fcdischen Gemeinde einige Erw\u00e4gungen anzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Ostjuden M\u00fcnchens sind etwa um das Jahr 1900 bis 1910 ausgewandert. Not und Elend hatten sie aus ihrem Mutterlande vertrieben und sie gezwungen, in westlichen L\u00e4ndern eine neue Heimat zu suchen. Der Osten war stets das Reservoir des Judentums gewesen und hatte durch die aus ihm erfolgten Wanderungen zur Erhaltung und Festigung j\u00fcdischer \u00dcberlieferungen beigetragen. Auch die Ostjuden M\u00fcnchens brachten das alte Erbteil, die j\u00fcdische Tradition.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl dieser Juden verband sie auch in dem neuen Milieu zu einer geschlossenen Gruppe. Ihr Judentum war ein Kampf um die Erhaltung der volkshaften Einheit und ein Ringen mit Gott. Weniger war es die Abneigung der einheimischen Juden, als vielmehr das Verlangen nach eigenen, wesensgleichen Formen des Zusammenlebens, das die Ostjuden beherrschte und sie von der bodenst\u00e4ndigen Religionsgemeinde absonderte.<\/p>\n\n\n\n<p>So gr\u00fcndeten sie im Laufe der Zeit mehrere Betvereine wie \u201eLinath Hazedek\u201c (Gr\u00fcndungsjahr 1895), \u201eAgudas Achim\u201c, \u201eSchomre Schabboth\u201c, \u201eBeth Jakob\u201c (vormals \u201eYenidze\u201c), \u201eMachsike Hadath\u201c, die sich vor kurzem zu einem Synagogenverband zusammengeschlossen haben. Zur Pflege der Wohlt\u00e4tigkeit entstanden die Vereine \u201eDorsche Tow\u201c, \u201eBikur Choulim\u201c, \u201eJ\u00fcd. Frauenverein\u201c usw. Die fromme Erziehung der Jugend \u00fcbernahm die \u201eTalmud-Thora\u201c-Schule. Erinnert sei au\u00dferdem an die verschiedenen Kulturvereine wie \u201eBne Jehuda\u201c, \u201eArbeitsgemeinschaft\u201c, \u201ePerez\u201c, \u201eKedem\u201c usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Eigenartige an der ostj\u00fcdischen Bewegung in M\u00fcnchen war der Umstand, dass das j\u00fcdische Bewusstsein sich nicht mit rein religi\u00f6sen Handlungen begn\u00fcgte, sondern dar\u00fcber hinaus ein Sich-aus-Leben innerhalb des kleinen, geschlossenen, ostj\u00fcdischen Kreises erstrebte. Die ostj\u00fcdische \u201eGa\u00df\u201c war in allen lebendig, und das verband die Ostjuden zu einer kulturell eindeutig bestimmten Gesellschaftsschicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Gemeinschaftsleben heraus entstand eine wichtige Organisation: der \u201eGesamtausschuss der Ostjuden\u201c. Dieser Verband regelt, kurz gesagt, alles. Mit den verschiedensten Anliegen wird er aufgesucht. Auf zwei Gebieten hat er besonders fruchtbar gewirkt: im Unterst\u00fctzungs- und Schiedsgerichtswesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Arme und Kranke werden laufend unterst\u00fctzt, vielen Notleidenden wird zu einer Existenz verholfen. Auf diesem caritativen Gebiet ist Unglaubliches geleistet worden. Nicht minder wichtig ist das Schiedsgerichtswesen. Jeglicher Zwist innerhalb der ostj\u00fcdischen Kolonie wird m\u00f6glichst im eigenen Hause ausgetragen, in den seltensten F\u00e4llen wird das ordentliche Gericht angerufen. Das Moment der eigenen, dem besonderen Rechtsempfinden angepassten Gerichtsbarkeit ist ein eklatantes Faktum gesellschaftlicher Bindung. Der Soziologe h\u00e4tte wahrscheinlich mit dem ostj\u00fcdischen Kreis ein \u00e4u\u00dferst interessantes Arbeitsfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser \u201eGesamtausschuss der Ostjuden\u201c ist die eigentliche Repr\u00e4sentanz der M\u00fcnchener Ostjuden. Es war nicht leicht, die verschiedenen, teilweise einander entgegenstrebenden Kr\u00e4fte auf einen Nenner zu bringen. Nicht zuletzt waren es die politischen Verh\u00e4ltnisse w\u00e4hrend und nach der Revolution, die diesen Verband zu einer Lebensnotwendigkeit machten. Es galt, sich zu behaupten und die vielen, erdr\u00fcckenden Angriffe abzuwehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dieser Gesamtausschuss hat sich dieser Aufgabe gewachsen gezeigt und sich gl\u00e4nzend bew\u00e4hrt. Er vereinigte s\u00e4mtliche ostj\u00fcdischen Vereine zu einem einzigen Verband. Durch diesen engen Zusammenschluss wurden die politischen Kr\u00e4fte der Ostjuden gefestigt und gesteigert. Das Gef\u00fchl der St\u00e4rke beherrschte die Ostjuden immer mehr, und das Bewusstsein ihrer entrechteten Stellung innerhalb der Kultusgemeinde gab ihnen im Verfolg ihrer Ziele die n\u00f6tige Sto\u00dfkraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bekannt, dass die j\u00fcdischen Gemeinden in Deutschland den Ostjuden durchaus nicht gewogen waren. Man h\u00f6rte nur zu oft die Anklagen der Einheimischen gegen die Ausl\u00e4nder und bef\u00fcrchtete durch die Aufnahme der Fremden eine Untergrabung des eigenen Ansehens.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrung lehrte aber, dass die Ostjuden nicht das waren, was die Antisemiten aus ihnen machten. Man erkannte mit der Zeit ihre Werte und ihre F\u00e4higkeiten. Nach jahrelangem Kampf und z\u00e4her Arbeit ist es schlie\u00dflich dem \u201eGesamtausschuss der Ostjuden\u201c gelungen, die Anerkennung der Mitgliederrechte der Ostjuden in der Israelitischen Kultusgemeinde in M\u00fcnchen zu erringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ostjuden haben es durchgesetzt, dass zwei ostj\u00fcdischen Delegierten in der Gemeindevertretung Sitz und Stimme einger\u00e4umt wurden. Leider finden sich in den Gemeindestatuten noch Formulierungen, die eine Wahl von Ostjuden in den Gemeindevorstand unm\u00f6glich machen. K\u00fcnftigen politischen Auseinandersetzungen wird es vorbehalten bleiben, auch noch diesen undemokratischen und unsozialen Passus zu eliminieren und die unterschiedslose Behandlung aller Juden, gleich welchen Heimatlandes, durchzusetzen, um auch damit das einheitliche Verbundensein des Gesamtjudentums zu dokumentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zionistische Fraktion hat sich stets mit Eifer f\u00fcr die Rechte der Ostjuden eingesetzt. Es muss konstatiert werden, dass die Israelitische Kultusgemeinde dem Gesamtausschuss f\u00f6rdernd und wohlwollend gegen\u00fcbersteht. F\u00fcr Wohlt\u00e4tigkeitszwecke werden laufend gr\u00f6\u00dfere Betr\u00e4ge zur Verf\u00fcgung gestellt; auch zum Bau der neuen Synagoge hat die Kultusgemeinde einen gr\u00f6\u00dferen Zuschuss gew\u00e4hrt und eine teilweise B\u00fcrgschaft \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau dieser ostj\u00fcdischen Synagoge war unbedingt notwendig geworden. Der fr\u00fchere Betsaal in der Reichenbachstra\u00dfe h\u00e4tte wohl einer Kegelbahn Raum geboten, war aber f\u00fcr religi\u00f6se Zwecke unm\u00f6glich und geradezu entehrend.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/synagoge_reichenbachstrasse.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"840\" height=\"443\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/synagoge_reichenbachstrasse.jpg?resize=840%2C443&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-10356\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/synagoge_reichenbachstrasse.jpg?resize=1024%2C540&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/synagoge_reichenbachstrasse.jpg?resize=300%2C158&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/synagoge_reichenbachstrasse.jpg?resize=768%2C405&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/synagoge_reichenbachstrasse.jpg?w=1128&amp;ssl=1 1128w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Blick in den hinteren Bereich der Synagoge Reichenbachstra\u00dfe<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Synagoge<\/h3>\n\n\n\n<p>Die ostj\u00fcdische Gruppe wollte sogar noch mehr als eine Synagoge. Sie beabsichtigte gleichzeitig Vereinsr\u00e4ume, S\u00e4le f\u00fcr j\u00fcdische Veranstaltungen usw. bauen zu lassen. Das ostj\u00fcdische Leben sollte organisiert und aktiviert werden, die Jugend sollte erfasst und j\u00fcdisch erzogen werden. Leider scheiterten alle diese Pl\u00e4ne an der finanziellen Undurchf\u00fchrbarkeit. Vielleicht wird in einer sp\u00e4teren, besseren Zeit das Vers\u00e4umte nachgeholt und das in der Reichenbachstra\u00dfe 27 stehende Vorderhaus f\u00fcr die erw\u00e4hnten Zwecke umgebaut werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Den sp\u00e4rlichen Mitteln ist es auch zuzuschreiben, dass kein g\u00fcnstigerer Platz f\u00fcr das Bethaus gew\u00e4hlt werden konnte. Die Lage ist durchaus nicht vorteilhaft und muss bedauerlicherweise als schlecht bezeichnet werden. Trotz alledem muss man sich mit dem Vorhandenen begn\u00fcgen und sich freuen, dass wenigstens der Bau eines sch\u00f6nen Gotteshauses m\u00f6glich gemacht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze ostj\u00fcdische Kolonie von etwa 2300 Seelen (etwa 500 Familien) hat das Werden des Hauses mit innerer Anteilnahme verfolgt. Einige Familien haben bedeutende Betr\u00e4ge und betr\u00e4chtliche Zeit geopfert, alle haben zum Gelingen des Werkes beigetragen. Diese Tatsache legt beredtes Zeugnis ab von einem besonders ausgepr\u00e4gten Gemeinschaftssinn. Neben den Aufwendungen f\u00fcr wohlt\u00e4tige Zwecke hat diese Gemeinschaft, deren finanzielle Kr\u00e4fte \u00e4u\u00dferst bescheiden sind, au\u00dferdem die Mittel aufgebracht, um einem h\u00f6heren Bed\u00fcrfnis Geltung zu verschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Synagoge, gegr\u00fcndet von den beiden Betvereinen \u201eLinath Hazedek\u201c und \u201eAgudas Achim\u201c, wird die Ostjuden in einem w\u00fcrdigen Hause zum gemeinsamen Gottesdienst vereinen. Die hohe j\u00fcdische Tradition, die seelische Verbundenheit mit dem Sch\u00f6pfer alles Lebens, erstrahlt in einem neuen, sch\u00f6nen Glanze.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Synagoge wird aber noch mehr zu sein haben als ein Raum kollektiver Kulthandlungen. Ihr wahrer Sinn wird nicht nur erf\u00fcllt in der Inbrunst des Betens, sondern auch in dem gottgef\u00e4lligen Handeln der Menschen untereinander. Das neue Bethaus soll das Wort Gottes k\u00fcnden und das Tun der Menschen l\u00e4utern. Wie es Martin Buber so sch\u00f6n formuliert hat, verwirklicht sich wahre j\u00fcdische Religiosit\u00e4t nicht nur im Gebet, sondern auch im allt\u00e4glichen Verkehr von Mensch zu Mensch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Schechina neben der feierlichen Andacht G\u00fcte, Liebe, Wohlt\u00e4tigkeitssinn in die Herzen der Beter versenken wird, dann wird das neue Gotteshaus auch dem h\u00f6chsten ethischen Prinzip dienen: der Erneuerung des Menschentums.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Hoffnung und in diesem Sinne sei die neue \u201eReichenbach-Schule\u201c begr\u00fc\u00dft und begl\u00fcckw\u00fcnscht.<br><em>Dr. Emanuel Horn<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Gestaltung der Synagoge<\/h2>\n\n\n\n<p>Die bauk\u00fcnstlerische Gestaltung der Synagoge ist das Werk des Herrn Architekten Gustav Meyerstein (M\u00fcnchen). Bereits vor Jahren hat er, der sich schon in seinen Studienjahren mit dem Sonderproblem des j\u00fcdischen Kultbaus eifrig befasst hatte, ein Projekt zur Errichtung eines umf\u00e4nglicheren Neubaus ausgearbeitet, das zu verwirklichen die Ungunst der Zeit nicht gestattete. Diese Vorarbeit bef\u00e4higte ihn insbesondere, die jetzt gestellte Aufgabe, die wegen der gegebenen Raumbeschr\u00e4nkung gro\u00dfe technische Schwierigkeiten bereitete, in jeder Hinsicht vollauf zu l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gro\u00dfe Betraum, zu dem man durch eine kleine Vorhalle gelangt, wirkt schon beim Betreten durch die beherrschende Lichtf\u00fchrung. Dem Betrachter bietet sich sofort ein \u00dcberblick \u00fcber die M\u00e4nnerabteilung, zu der drei Stufen hinabf\u00fchren, um dem Psalmworte Gen\u00fcge zu tun: \u201eAus den Tiefen ruf\u2019 ich Dich!\u201c Der Blick wird gefesselt von der in sattem Gelb strahlenden Marmorverkleidung (aus veronesischem Nembro giallo) der gro\u00dfen Nische, die den Aron-ha-Kodesch in sich birgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der t\u00fcrkisblaue Ton der W\u00e4nde steht hierzu in einem angenehmen Farbkontrast, der durch die cremefarbene Decke und die gleichget\u00f6nte, weit hereinragende Br\u00fcstung der Frauenempore \u00fcberbr\u00fcckt wird. Durch das cremefarbene Opaleszenzglas des m\u00e4chtigen Oberlichts dringt tags\u00fcber gleichm\u00e4\u00dfige Helle ein, die besonders dem Mittelfeld des M\u00e4nnerraums mit dem Almemor, der Ostnische und den Frauenemporen zugute kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Abenden sorgen Lichtquellen in Mattglaskugeln und m\u00e4chtige, auch dekorativ gut wirkende Lichts\u00e4ulen f\u00fcr ausreichende Beleuchtung. So wird, unterst\u00fctzt durch Messingverzierungen am Aron-ha-Kodesch und Almemor, eine goldene Lichtf\u00fclle im Raume lagern, die von dem warmen Braun des eigens f\u00fcr diesen Raum vom Architekten entworfenen Gest\u00fchls aufgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen besonderen Schmuck erh\u00e4lt der Saal durch die in wirksamen, zarten Farben gehaltenen Glasfenster, die nach den Entw\u00fcrfen des Herrn Meyerstein geschaffen und von einigen Damen der Synagoge gestiftet worden sind. In einer geschickten, durchaus unserem Kunstempfinden entsprechenden Art sind in diesen Kunstverglasungen an den f\u00fcnf Fenstern des Untergeschosses, an vier Durchbr\u00fcchen der Westwand der Empore und im Rondo der Ostnische j\u00fcdische Symbole zur Darstellung gelangt. So wird in einer unaufdringlichen Weise die Weihe des Orts unterstrichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die auf schwarzgrundigem Marmorsockel in pompejanischem Rot leuchtende Vorhalle gelangt man auch in die Werktagssynagoge, die in ihrem hellen, auf Gelb, Rot und Grau get\u00f6nten Farbklang sehr freundlich wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die in den Durchgang zum Hof f\u00fchrende Fassade ist mit ihren Blenden, in denen die Fenster sitzen, gut gegliedert und l\u00e4sst durch ihre helle T\u00f6nung die Farbmotive des Innern anklingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser k\u00fcnstlerisch wie technisch vollauf gelungenen Leistung hat Gustav Meyerstein M\u00fcnchen um eine beachtliche Synagoge bereichert und seine Eignung gerade auf dem Gebiete des j\u00fcdischen Kultbaus erwiesen. Es ist nur zu w\u00fcnschen, dass ihm auch einmal Gelegenheit geboten wird, aus dem Vollen sch\u00f6pfend die Leistung zu erstellen, die nach dieser Probe von ihm erwartet werden darf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>T. H.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zahlen, Daten, Fakten<\/h2>\n\n\n\n<p>Einige zahlenm\u00e4\u00dfige Angaben m\u00f6gen den vorstehenden Artikel erg\u00e4nzen. Die dreischiffige Synagoge ist (mit der Nische des Aron-ha-Kodesch) 27\u202fm lang, 14\u202fm breit, die H\u00f6he betr\u00e4gt 8\u202fm. Sie enth\u00e4lt in drei Bankreihen ca. 330 Herrenpl\u00e4tze, auf der Empore in drei Reihen an den Seiten und in sechs Reihen an der R\u00fcckwand ca. 220 Frauenpl\u00e4tze.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Empore ist in einer besonders interessanten freiaufliegenden, weitgespannten Eisenbetonrahmenkonstruktion ausgef\u00fchrt; ihre ganze Last ruht auf nur zwei S\u00e4ulen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Betsaal enth\u00e4lt ca. 30 Pl\u00e4tze. Der 300\u202fqm gro\u00dfe Hof bietet f\u00fcr die Feiertage einen gen\u00fcgend gro\u00dfen, von der Stra\u00dfe und der Einsicht abgeschlossenen Raum; in die Hofr\u00fcckwand, an der der Kaiblm\u00fchlbach vorbeiflie\u00dft, wurde ein Fenster eingebrochen, damit man von dort aus Taschlich machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der neue Betsaal ist gemeinsames Werk einer Reihe von angesehenen M\u00fcnchener Firmen. Die Gesamtbauleitung hatte Architekt Diplomingenieur Gustav Meyerstein inne, der ja auch die Pl\u00e4ne ausgearbeitet hat; die statischen Berechnungen lieferte Diplomingenieur Dr. Leopold Bergen. Die Ausf\u00fchrung des Eisenbetonbaus war der Firma Hochbau GmbH (Inhaber Regierungsbaumeister Josef Adler) \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurden ferner geliefert:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die Bauschreinerarbeiten von der Firma Michael Nunner,<\/li>\n\n\n\n<li>die Bauschlosserarbeiten von der Firma Alois Birner,<\/li>\n\n\n\n<li>der Dachstuhl von der Firma Leonhard Moll,<\/li>\n\n\n\n<li>die Bedachung von der Firma M\u00fcnchener Bedachungs- und Blechindustrie,<\/li>\n\n\n\n<li>die Glasd\u00e4cher von der Firma Bayerischer Glasdachbau, Inhaber Fritz Kuby,<\/li>\n\n\n\n<li>die Fenstereinfassungen von der M\u00fcnchener Kunststeinfabrik,<\/li>\n\n\n\n<li>der Marmor f\u00fcr die Nische mit dem Aron-ha-Kodesch vom Zwieseler Steingesch\u00e4ft,<\/li>\n\n\n\n<li>die Fliesenarbeiten von der Firma Julius Nassauer,<\/li>\n\n\n\n<li>die Asphaltierungen von der Firma Aufschl\u00e4ger\u2019s Nachfolger,<\/li>\n\n\n\n<li>die Stuckarbeiten von der Firma Ludwig Leichmann,<\/li>\n\n\n\n<li>die Glasarbeiten von den Firmen Gebr. Seligmann und Oskar B\u00f6hm,<\/li>\n\n\n\n<li>die Malerarbeiten von der Firma M. Haller,<\/li>\n\n\n\n<li>das Parkett von der Firma E. Holzapfel,<\/li>\n\n\n\n<li>die elektrischen Einrichtungen von der Firma Ing. Rosenberg GmbH,<\/li>\n\n\n\n<li>die Beleuchtungsk\u00f6rper von der Firma T. Sufrin,<\/li>\n\n\n\n<li>Wasserinstallationen von der Firma Kleofaas und Knapp (Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Leo S\u00e4nger),<\/li>\n\n\n\n<li>die Heizung von der Firma Johannes Hag AG,<\/li>\n\n\n\n<li>die Kunstschlosserarbeiten von der Firma Josef Wolf,<\/li>\n\n\n\n<li>die Kunstverglasungen von der Firma Hofglasmalerei van Treeck,<\/li>\n\n\n\n<li>die Gesamtm\u00f6blierung von der Firma Mt. Ballin.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die Kosten blieben mit 160.000 RM knapp unter dem Voranschlag von 163.000 RM.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Wiederer\u00f6ffnung der Synagoge Reichenbachstra\u00dfe am 15. 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