{"id":124,"date":"2013-11-19T16:30:09","date_gmt":"2013-11-19T14:30:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=124"},"modified":"2013-11-19T16:32:08","modified_gmt":"2013-11-19T14:32:08","slug":"die-mikweh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-mikweh\/","title":{"rendered":"Die Mikweh"},"content":{"rendered":"<p>Das rituelle Bad, das mit <em>mayim chaim<\/em> [&quot;lebendiges&quot;, nicht-stehendes Wasser] gef\u00fcllt ist, hat sogar f\u00fcr die meisten J\u00fcdinnen und Juden heute etwas R\u00e4tselhaftes. Denn \u00fcber die Mikve spricht man nicht. Das gilt zumindest, sofern man sie erstens ausschlie\u00dflich als Instrument ehelicher Reinheit versteht &#8211; und sie zweitens \u00fcberwiegend mit der Frau in Verbindung bringt. <!--more--> Denn in <em>tsniouth <\/em>[Zur\u00fcckhaltung, Verbergen] soll sich die j\u00fcdische Frau \u00fcben &#8211; dazu geh\u00f6rt auch, dass sie \u00fcber ihre Sexualit\u00e4t nicht spricht. Wenn sie aber erkl\u00e4rt, sie gehe in die Mikve &#8211; noch dazu, wenn sie nicht verheiratet ist! &#8211; gesteht sie indirekt ein, eine solche zu haben. Daher das diskrete Schweigen \u00fcber die uralte Tradition.<\/p>\n<p>Die Torah ist deutlich gespr\u00e4chiger. Und sie ordnete das rituelle Bad nicht nur der Frau zu, sondern vielmehr gewissen Ereignissen: Verletzungen, bestimmten Krankheiten, Geburt, dem Kontakt mit Toten. Unrein konnte man auf verschiedene Art werden. Das rabbinische Judentum hingegen war sehr auf die Regelblutung der Frau fixiert. Die Zahl der J\u00fcdinnen, die jeden Monat die Mikve besucht, ist heute jedoch begrenzt. In der Moderne sind es oft extreme Erfahrungen, die Frauen zum ersten Mal ein Ritualbad aufsuchen lassen; die Geburt eines Kindes etwa, oder, aus traditioneller Sicht geradezu absurd, eine Scheidung. Das makaberste, aber durchaus nicht seltene Beispiel der Vergewaltigung sei auch genannt. Das Bed\u00fcrfnis nach Reinigung und Reinheit ist hiernach besonders gro\u00df. Versteht man die Mikve im Sinne der Torah, so ist sie ein urspr\u00fcnglich j\u00fcdisches Mittel, vielen Formen der Unreinheit zu begegnen; die enge oder doch die exklusive Verkn\u00fcpfung mit der Sexualit\u00e4t der Frau entf\u00e4llt. Es steht einer offenen Debatte um die Mikve damit halachisch nichts entgegen. Und eine solche Debatte findet l\u00e4ngst statt, wobei allerdings die einfache Gleichung, dass sich orthodoxes und reformiertes Judentum gegen\u00fcberstehen, hier nicht funktioniert. Die Fraktionen sind feiner gestreut.\n<\/p>\n<p>Zugegeben: Nicht wenige moderne j\u00fcdische Frauen lehnen die Mikve g\u00e4nzlich ab. War es nicht zumindest auch die Unreinheit der Frau, der Zustand der <em>nidda<\/em> [Abgesonderten], der dazu f\u00fchrte, dass die Frau aus dem \u00f6ffentlichen Leben ausgeschlossen wurde, nicht zur Torah gerufen werden, nicht das Rabbineramt bekleiden konnte? Und in der Tat: Die halachischen Regeln zur rituellen Unreinheit wurden stetig versch\u00e4rft. Die sp\u00e4tere Halacha erkl\u00e4rte die Frau nicht nur w\u00e4hrend der Menstruation, sondern auch einen Tag davor und sieben danach f\u00fcr nidda. Insgesamt ist der Frau damit die Ber\u00fchrung mit M\u00e4nnern die H\u00e4lfe ihres fruchtbaren Lebens lang g\u00e4nzlich verwehrt, und im streng gl\u00e4ubigen Milieu geht sie au\u00dferhalb der Feste auch nicht in die Synagoge. Dass sich die Weisen an sich einig waren, dass ein Sefer Torah keinen Zustand der Unreinheit erlangen konnte, wurde dabei geflissentlich ignoriert, ebenso wie die Tatsache, dass sich die Nidda-Gesetze auf den Bereich der Partnerschaft beschr\u00e4nken und nicht das Verh\u00e4ltnis Frau &#8211; Gesellschaft regeln sollten.\n<\/p>\n<p>Was rankt sich nicht alles an Aberglaube um die Mikve! Wer nicht hingehe, werde unfruchtbar. Au\u00dferdem soll es das monatliche Bad gewesen sein, dass Juden im Mittelalter der Verfolgung preisgab: Wegen der besseren Hygiene-Standards seien sie weniger von der Pest betroffen gewesen, was sie als Verursacher derselben verd\u00e4chtig machte. Die These hat nur einen Haken: Es ist nicht einmal bewiesen, dass ihre Grundlagen stimmen. Die statischen Daten \u00fcber Pesterkrankungen von Juden sind d\u00fcnn.\n<\/p>\n<p>Eines steht fest: Die Mikve dient nicht der Waschung. Sie mag, dar\u00fcber darf man streiten, Wurzeln im Bereich hygienischer Erw\u00e4gungen gehabt haben, ebenso wie die Beschneidung. Doch sie ist seit Jahrtausenden Ausdruck des Glaubens, sie ist ein Symbol, das eine stabile Immunit\u00e4t gegen pragmatische Erw\u00e4gungen aufweist. Es geht nicht um eine \u00e4u\u00dfere S\u00e4uberung durch die <em>Tevila <\/em>[Eintauchen]. Im Gegenteil: Vor dem Untertauchen ist ein mindestens halbst\u00fcndiges Bad Pflicht; das Haarewaschen, N\u00e4gelfeilen, das etwas gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftige Beschauen-Lassen durch die Balanit [die Frau, die das Untertauchen \u00fcberwacht] ist Ritual im eigentlichen Sinne. Die Mikve w\u00e4scht nicht sauber, sondern rein.\n<\/p>\n<p>In der Mikve zu baden ist nicht praktisch. Es kostet Geld, der Moment kommt immer, wenn man eigentlich gerade keine Zeit hat, und das n\u00e4chste Bad ist vielleicht weit entfernt, sofern man nicht in einem Zentrum observanten Judentums lebt. Was f\u00fchren also die Bef\u00fcrworter und Bef\u00fcrworterinnen der Mikve an? Warum sollte man sich dem Ritual unterwerfen? F\u00fcr die Orthodoxie ist die Antwort einfach: Es ist ein Mitsva, der &#8211; unabh\u00e4ngig davon, dass von einer Gleichrangigkeit aller Pflichten der Torah auszugehen ist &#8211; sogar eine \u00fcberragende Bedeutung beigemessen wurde.\n<\/p>\n<p>Doch auch im Reformjudentum, sogar in radikal-liberalen Kreisen hat die Mikve leidenschaftliche Anh\u00e4ngerinnen. Ein feministischer Zweig amerikanischer J\u00fcdinnen sieht darin ein Frauenritual, das gemeinsam begangen wird. In den USA erinnert mancherorts nur wenig an die traditionelle Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, ja Sch\u00e4bigkeit der europ\u00e4ischen Ritualb\u00e4der. Im Gegenteil, hier entstanden ganze Wellness-Center, in denen der Mikve-Gang eher ein spielerisches Element auf dem Weg zum Wohlf\u00fchl-Erlebnis ist. Auch unverheiratete und geschiedene Frauen finden sich hier ein &#8211; was aus orthodoxer Sicht unn\u00f6tig ist, solange davon ausgegangen wird, dass diese Frauen keine sexuellen Kontakte haben. Doch kann man davon ausgehen? Nur in seltenen F\u00e4llen. Es soll in der Postmoderne ja sogar F\u00e4lle von Frauen geben, die Kinder bekommen, obwohl sie keine Ketuba besitzen. Was dann? Ist die <em>Chuppa<\/em> [Hochzeitsbaldachim, also die religi\u00f6se Eheschlie\u00dfung] eine Voraussetzung f\u00fcr die Mikve? Keineswegs. Die Torah geht nicht davon aus, und schon die Tatsache, dass jede Konversion in der Mikve endet, die zwingenderweise vor der religi\u00f6sen Verm\u00e4hlung stattfindet, beweist das Gegenteil. Und so gibt es durchaus Stimmen aus der Orthodoxie, die das rituelle Bad auch Unverheirateten empfehlen. Die dogmatische Begr\u00fcndung ist schl\u00fcssig: Die Tevila ist ein Gebot aus der Torah und damit unumst\u00f6\u00dflich. Alles andere ist Beiwerk des rabbinischen Judentums.\n<\/p>\n<p>Solche neumodischen \u00dcberlegungen sind in den gut besuchten Mikvaot der traditionellen Observanz jedoch undenkbar. Wer etwa die Mikve R\u00e9publique in Paris besucht, eine Einrichtung der rechts von der Einheitsgemeinde stehenden Communaut\u00e9 Isra\u00e9lite Orthodoxe, wird von der beruhigenden Gewissheit umfangen, dass man hier jeder Reform abhold ist. Eine resolute Balanit vermittelt sogleich das unmissverst\u00e4ndliche Gef\u00fchl, dass hier nicht experimentiert wird. Ein separater Gang f\u00fchrt in den Trakt f\u00fcr M\u00e4nner. Die Frauen bekommen im Wartezimmer koscheren Pulverkaffee und f\u00fchren lebhafte Gespr\u00e4che \u00fcber die Lebensqualit\u00e4t in Toulouse, die mageren Hebr\u00e4ischkenntnisse der Kinder des Nachbarn oder das Geb\u00e4hren im allgemeinen. An der Pinnwand wird auf zwei wesentliche Dinge aufmerksam gemacht: Jeden Mittwoch findet ein Per\u00fccken-Frisierkurs statt, und wer noch nicht zu Hause gebadet hat, kommt mit einer Dusche nicht weg, sondern muss ein teureres Badezimmer anmieten. Die Gazette, die hier ausliegt, hei\u00dft Eschet Chail [die tugendhafte Frau], und es versteht sich, dass dieses Blatt nicht an vorderster Front f\u00fcr die Liberalisierung des Judentums k\u00e4mpft. Im Wartezimmer sitzen J\u00fcdinnen mit Kopft\u00fcchern, H\u00fcten, Per\u00fccken und langen R\u00f6cken, aber auch Frauen im Hosenanzug, die Aktentasche neben sich. Denn diese Mikve steht jeder halachischen J\u00fcdin offen, nicht jede Frau hier ist Mitglied einer orthodoxen Gemeinde.\n<\/p>\n<p>Denn nicht mehr jede Synagoge leistet sich die eigene Mikve. Andere Bed\u00fcrfnisse stehen im Vordergrund: Der Kinderunterricht, Grundsatzdebatten um die Zukunft des Judentums, die Eingliederung neuer Einwanderer aus Osteuropa, soziale Probleme der Gemeindemitglieder, kulturelle Aktivit\u00e4t, um in der Gesellschaft sichtbarer zu werden. Jahrhundertlang jedoch galt das Ritualbad als voranging vor dem Bau eines Gemeindezentrums. Und so ist die arch\u00e4ologische Gleichung einfach: Dort, wo Juden gewohnt haben, wird man Reste einer Mikve finden. Diese schlichte Erkenntnis kam sp\u00e4t; \u00dcberraschungsfunde gibt es immer wieder. Das traditionelle Bad liegt naturgem\u00e4\u00df tief im Erdreich, da es meist ins Grundwasser hineingebaut wurde. Vielerorts wurden die mittelalterlichen B\u00e4der einfach zugesch\u00fcttert und vergessen. Daher sind viele Bauwerke erhalten, selbst im von der Pogromnacht verw\u00fcsteten Deutschland. Und so ist es denn mitten in K\u00f6ln, dass, \u00fcberdacht von einem spitzen Glasdach, eine Mikve zu besichtigen ist: Eine der sch\u00f6nsten, mit Rundbogenfenstern verziert, und eine der \u00e4ltesten.\n<\/p>\n<p>Man geht davon aus, dass dies eines der \u00e4ltesten j\u00fcdischen Bauwerke au\u00dferhalb Israels ist. Die Mikve ist vielleicht unser einziges vorsynagogales Erbe, das beinahe unver\u00e4ndert \u00fcberlebte. Grund dieser Stabilit\u00e4t ist die Schlichtheit der Handlung. Und so ist jede Tevila auch ein Eintauchen in unsere Geschichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das rituelle Bad, das mit mayim chaim [&quot;lebendiges&quot;, nicht-stehendes Wasser] gef\u00fcllt ist, hat sogar f\u00fcr die meisten J\u00fcdinnen und Juden heute etwas R\u00e4tselhaftes. Denn \u00fcber die Mikve spricht man nicht. 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