{"id":1503,"date":"2015-04-24T14:36:00","date_gmt":"2015-04-24T12:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=1503"},"modified":"2015-04-24T14:36:00","modified_gmt":"2015-04-24T12:36:00","slug":"von-naechstenliebe-und-wohltaetigkeit-im-judentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/von-naechstenliebe-und-wohltaetigkeit-im-judentum\/","title":{"rendered":"Von N\u00e4chstenliebe und Wohlt\u00e4tigkeit im Judentum"},"content":{"rendered":"<p>Im Midrasch Sifra<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"1\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_1503\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1503-1\">1<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1503-1\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"1\">zu Paraschath Qedoschim, Kap. 4, Abs. 12<\/span> wird von einer Diskussion zwischen Rabbi Akiba und Rabbi ben Asai berichtet, worin der Hauptsatz der Torah (F\u00fcnf B\u00fccher Moses) bestehe.<br \/>\nRabbi Akiba meint, es sei der Satz \u00bbLiebe deinen N\u00e4chsten wie dich\u00ab (3. B.M. 19, 18b).<br \/>\nRabbi ben Asai ist dagegen der Meinung, der Satz \u201eDies ist das Buch der Abstammung des Menschen \u2026\u201c (1. B.M. 5, 1) sei ein noch wichtigerer Satz.<br \/>\nWie das?<br \/>\nWas geschieht, wenn der Mensch sich selbst nicht liebt, gar sich hasst? <!--more--><\/p>\n<p>Darf das sein Handeln dem N\u00e4chsten gegen\u00fcber dann auch bestimmen?<br \/>\nDie Fortsetzung des Satzes aus dem Ersten Buch Moses aber lautet: \u00bbAm Tag, als G-tt einen Menschen erschuf, bildete Er ihn im Ebenbild G-ttes\u00ab.<br \/>\nIn jedem Mitmenschen begegnen wir also dem Ebenbild G-ttes, und es hei\u00dft im j\u00fcdischen Glaubensbekenntnis: \u00bbLiebe den Ewigen, deinen G-tt, mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Verm\u00f6gen.\u00ab (V. B.M. 6, 5) und begegne deinem N\u00e4chsten, in dem dir das Ebenbild G-ttes erscheint, in eben dieser Weise, (- gleichg\u00fcltig, was du von dir selber h\u00e4ltst).<br \/>\nAllerdings bist auch du selber das Ebenbild G-ttes, &#8211; liebe und achte du daher auch dich selber.<\/p>\n<p>Liebe zu G-tt bedeutet aber, Seine Sch\u00f6pfung und Seine Gesch\u00f6pfe zu achten; G-ttes Willen zu erfragen, ihn ernst zu nehmen, bereit zu sein, ihn zu erf\u00fcllen; G-tt nachzueifern. In welcher Weise k\u00f6nnen wir Ihm nacheifern?<br \/>\nIm j\u00fcdischen Hauptgebet, in der so genannten <em><a href=\"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/der-deutsche-text-der-wochentagsamidah\/\" title=\"Der deutsche Text der Wochentagsamidah\">Amidah<\/a><\/em>, wird der Ewige daf\u00fcr gepriesen, dass Er die Lebenden in Liebe versorgt, Tote mit gro\u00dfer Barmherzigkeit wiederbelebt, Fallende st\u00fctzt, Kranke heilt, Gefesselte befreit und Seine Treue denen bewahrt, die im Staube schlafen. Dies ist unsere Vorlage, und es hei\u00dft ferner: \u00bbWenn dein Bruder neben dir sinkt und seine Hand schwach wird, dann st\u00fctze ihn, sei er auch ein Fremder oder ein Halbb\u00fcrger, aufdass er an deiner Seite lebe.\u00ab (3. B.M. 25, 35) Jeder also, der im Ebenbild G-ttes erschaffen wurde, ist unser Bruder, ist unsere Schwester, denen wir mit Achtung und Respekt gegen\u00fcber treten sollen. Wir m\u00fcssen sie nicht lieben, wenn wir es nicht k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie aber w\u00fcrdigen, sie anst\u00e4ndig behandeln. Und wir m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass sie an unserer Seite ohne Not leben k\u00f6nnen. Dies ist die Basis f\u00fcr das j\u00fcdische Wohlfahrtswesen.<\/p>\n<p>Doch F\u00fcrsorge kann auch erdr\u00fccken, besch\u00e4men, unselbst\u00e4ndig machen und also Schaden anrichten. Das sollte nicht geschehen. Grunds\u00e4tzlich sollte F\u00fcrsorge die eigenst\u00e4ndige Lebensf\u00e4higkeit des N\u00e4chsten zum Ziel haben, nicht Abh\u00e4ngigkeit erzeugen. F\u00fcrsorge sollte nicht der Eitelkeit des Helfenden dienen und darf niemals die W\u00fcrde des Empf\u00e4ngers verletzen, ihn nicht besch\u00e4men, ihm nicht Dankbarkeit abverlangen. Andererseits darf F\u00fcrsorge auch nicht zur Selbstaufopferung und Selbstsch\u00e4digung des F\u00fcrsorgenden f\u00fchren, denn er hat auch sich selbst gegen\u00fcber eine Bewahrungspflicht. Rabbi Moscheh ben Maimon, genannt Maimonides, definierte in seinem gro\u00dfen Werk <em>Mischneh Torah<\/em> die Wohlt\u00e4tigkeit als in acht Stufen steigerbar: <\/p>\n<ul>\n<li>Unterste Stufe: Die unfreundliche Gabe, die den Empf\u00e4nger verletzt oder besch\u00e4mt.<\/li>\n<li>Zweite Stufe: Die freundliche, aber unzureichende Gabe.<\/li>\n<li>Dritte Stufe: Die Gabe auf Verlangen hin.<\/li>\n<li>Vierte Stufe: Die unaufgeforderte Gabe.<\/li>\n<li>F\u00fcnfte Stufe: Bewahrung der Anonymit\u00e4t des Empf\u00e4ngers.<\/li>\n<li>Sechste Stufe: Bewahrung der Anonymit\u00e4t des Spenders.<\/li>\n<li>Siebte Stufe: Bewahrung der Anonymit\u00e4t sowohl des Empf\u00e4ngers als auch des Spenders.<\/li>\n<li>Achte und h\u00f6chste Stufe: Hilfestellung zur selbstst\u00e4ndigen Lebenserhaltung. <\/li>\n<\/ul>\n<p>Und Maimonides empfahl, dass der Spender nicht mehr als 20 % seines Verm\u00f6gens gebe, um nicht wom\u00f6glich selbst f\u00fcrsorgebed\u00fcrftig zu werden; allerdings sollte er auch nicht weniger als 5 % geben, am Besten etwa 10 %, und dies nach M\u00f6glichkeit ungenannt <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"2\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_1503\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1503-2\">2<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1503-2\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"2\">nach dem Babylon. Talmud, Traktat Baba batra 10a<\/span>.<\/p>\n<p>Im Idealfall hat jeder Mensch ein gro\u00dfes Herz und hilft so gut er kann.<br \/>\nIn der Wirklichkeit funktioniert das nicht immer.<br \/>\nAuf Freiwilligkeit, Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und Unparteilichkeit kann man sich nicht immer verlassen. Es bedarf oft organisatorischer Strukturen, um dem Einzelnen die M\u00f6glichkeit zum Helfen zu geben, anderseits die W\u00fcrde der Empf\u00e4nger zu wahren und schlie\u00dflich die Versorgung der Bed\u00fcrftigen zu sichern und dies nicht vom Wohlwollen einzelner abh\u00e4ngig zumachen. <\/p>\n<p>Es bildeten sich daher in j\u00fcdischen Gemeinden Wohlt\u00e4tigkeitseinrichtungen aus, die einerseits f\u00fcr die notwendige Infrastruktur der Hilfe sorgen (K\u00fcchen, Kleiderkammern, Ausstattung bed\u00fcrftiger Br\u00e4ute, Krankenbesuche und \u2013versorgung, Altenbetreuung, Beistand f\u00fcr Sterbende und Versorgung Verstorbener und ihrer Hinterbliebenen und anderes mehr) und anderseits die Aufrechterhaltung und Kontinuit\u00e4t der Versorgung und ihre gerechte Verteilung gew\u00e4hrleisten. Neben pers\u00f6nlicher Hilfe in der jeweiligen Situation kann hier jeder sich entweder ehrenamtlich und\/oder als Spender einbringen.<br \/>\nAu\u00dferdem aber wurden dem Menschen von der Torah verschiedene Pflichtabgaben auferlegt, um die Versorgung der Bed\u00fcrftigen zu sichern, auch wenn keine Spendenbereitschaft bestehen sollte.<br \/>\nDamit soll jeder Einzelne verstehen, dass nicht alles, was ein Mensch von G-tt erh\u00e4lt, nur f\u00fcr ihn alleine ist, es ihm vielmehr zur Erf\u00fcllung seiner F\u00fcrsorgepflicht gegeben wurde. Ein Feld darf nicht vollst\u00e4ndig abgeerntet werden, eine Feldecke muss f\u00fcr die Armen \u00fcbrig gelassen werden (3. B.M. 19, 9-10), beim Heruntersch\u00fctteln der Oliven vom Baum darf man hinterher nicht Ast f\u00fcr Ast nachlesen, &#8211; das Verbliebene geh\u00f6rt den Armen (5. B.M. 24, 19-22), in jedem dritten Jahr geh\u00f6rt der zehnte Teil des Ertrags den Bed\u00fcrftigen (5. B.M. 14, 28-29), abgesehen vom zehnten Ertragsanteil, der j\u00e4hrlich zur Erhaltung der \u00f6ffentlichen Einrichtungen und ihrer Bediensteten (vormals der Tempel und die Leviten) abzugeben ist (5. B.M. 14, 22-27).<\/p>\n<p>Die Bewahrung, Beh\u00fctung und F\u00fcrsorge von und f\u00fcr G-ttes Sch\u00f6pfung, die auch unsere eigene Lebensgrundlage ist, umfasst jedoch nicht nur den Menschen, &#8211; sowohl den Mitmenschen als auch uns selbst -, sondern auch das Tier, die Pflanzen und die ganze Erde. Und so werden in der Torah hierzu sehr detaillierte Hinweise gegeben:<\/p>\n<dl>\n<dt>zu einem selbst:<\/dt>\n<dd>das Gebot, sich zu freuen (3.B.M. 23, 40; V. B.M. 14, 26). Freude tut gut und  erm\u00f6glicht Dankbarkeit und bildet die Grundlage f\u00fcr die Liebe zur  Sch\u00f6pfung.<\/dd>\n<dt>gegen\u00fcber dem Mitmenschen:<\/dt>\n<dd>Schutz der Armen, der Waisen, der Witwen, der Fremden; F\u00fcrsorge gegen\u00fcber Behinderten; Ehrfurcht vor alten Menschen; korrektes Verhalten gegen\u00fcber dem Tagel\u00f6hner, dem Schuldner, dem Schuldigen, dem Feind; Gebot der Schabbat-Ruhe f\u00fcr alle Menschen.<\/dd>\n<dt>gegen\u00fcber der Kreatur und der Sch\u00f6pfung:<\/dt>\n<dd>Respekt vor den Bed\u00fcrfnissen und Eigenheiten der Tiere und Pflanzen; Verbot der Tiermisshandlung und der Artenausrottung; Gebot der Schabbat-Ruhe auch f\u00fcr Tiere und die Erde.<\/dd>\n<\/dl>\n<p>In unserer heutigen Zeit, in der der Mensch mehr als fr\u00fcher in der Lage ist, die Sch\u00f6pfung zu zerst\u00f6ren, ist es besonders wichtig, die F\u00fcrsorgepflicht auch gegen\u00fcber Tieren, Pflanzen und der unbelebten Natur zu erkennen und zu erf\u00fcllen.<br \/>\nWas aber unterscheidet die Wohlt\u00e4tigkeit (hebr. <em>Tsedaqah\/Zedaka<\/em>) von der Liebe (hebr. <em>Chessed<\/em>)? Die Weisen lehrten<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"3\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_1503\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1503-3\">3<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1503-3\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"3\">Babylon. Talmud, Traktat Sukkah 49b<\/span>:<br \/>\nWohlt\u00e4tigkeit geschieht durch Geld, Taten der Liebe geschehen sowohl durch die Person, als auch durch Geld. Wohlt\u00e4tigkeit gilt den Armen, Taten der Liebe gelten sowohl den Armen als auch den Reichen. Wohlt\u00e4tigkeit gilt den Lebenden, Taten der Liebe gelten sowohl den Lebenden als auch den Toten. Und: Wohlt\u00e4tigkeit wird nur nach dem Ma\u00df der Liebe vergolten, die darin enthalten ist.<\/p>\n<p>Das Wort <em>Zedaka<\/em> bedeutet Herstellung eines gerechten Ausgleichs, <em>Chessed<\/em> liebevolle Zuwendung.<\/p>\n<ul class=\"modern-footnotes-list \"><li><span>1<\/span><div>zu Paraschath Qedoschim, Kap. 4, Abs. 12<\/div><\/li><li><span>2<\/span><div>nach dem Babylon. Talmud, Traktat Baba batra 10a<\/div><\/li><li><span>3<\/span><div>Babylon. Talmud, Traktat Sukkah 49b<\/div><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet Zedakah? Wie ist das System der j\u00fcdischen Wohlfahrt organisiert? Die acht Stufen der Wohlt\u00e4tigkeit.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1506,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[67,8,132],"tags":[],"class_list":["post-1503","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschaeftsethik","category-juedischer-alltag","category-zedaka"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/tzed_200x200.jpg?fit=200%2C200&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1503","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1503"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1503\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1505,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1503\/revisions\/1505"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1506"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1503"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1503"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1503"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}