{"id":1788,"date":"2015-09-29T23:13:33","date_gmt":"2015-09-29T21:13:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=1788"},"modified":"2015-09-30T08:34:51","modified_gmt":"2015-09-30T06:34:51","slug":"hoschannah-rabbah-und-das-schicksal-des-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/hoschannah-rabbah-und-das-schicksal-des-menschen\/","title":{"rendered":"Hoschannah Rabbah und das Schicksal des Menschen"},"content":{"rendered":"<p>Zu Hoschannah Rabbah, den siebten Tag Sukkot gibt es einen alten aschkenasischen Brauch. Er ist l\u00e4ngst vergessen, aber im <em>Minhagim<\/em> Buch, welches Jitzchak von Tyrnau (lebte im 14. Jahrhundert) zugeschrieben wird, findet man diesen noch.<!--more--><\/p>\n<p>Der jiddische Text zu diesem Brauch lautet:<\/p>\n<div id=\"attachment_1789\" style=\"width: 475px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1789\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/hoschanah_rabbah.jpg?resize=465%2C297\" alt=\"Hoschannah Rabbah im Minhagim Buch\" width=\"465\" height=\"297\" class=\"size-full wp-image-1789\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/hoschanah_rabbah.jpg?w=465&amp;ssl=1 465w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/hoschanah_rabbah.jpg?resize=300%2C192&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><p id=\"caption-attachment-1789\" class=\"wp-caption-text\">Hoschannah Rabbah im Minhagim Buch<\/p><\/div>\n<blockquote><p>Hoschannah Rabbah ist der siebente Tag von Sukkot<br \/>\nAn allen anderen Tagen steht geschrieben KeMischpat und bei dem siebenten Tag steht KeMischpatam, damit man wei\u00df, dass HaKadosch baruchHu an Rosch haSchanah gerichtet hat und geurteilt hat an Jom Kippur. Das wei\u00df man durch den Mond. Derjenige, der seinen Schatten nicht sieht, bleibt nicht leben im selben Jahr, denn an Hoschanah Rabbah wird der Regen gerichtet: Wird es regnen oder nicht.<br \/>\nDarum erf\u00e4hrt man in dieser Nacht, wieviele Leute im kommenden Jahr zu ern\u00e4hren sind.<br \/>\nViele kleiden sich in ein Leinentuch und gehen dorthin, wo der Mond scheint. Dort legen sie das Leinentuch ab, so dass sie nackt bleiben und breiten ihre Glieder ganz aus. Fehlt ihnen der Kopf, dann wird es um ihren Kopf gehen, fehlt ihnen ein Finger, dann wird es um Verwandte gehen. Fehlt der Schatten der rechten Hand so ist es ein Zeichen f\u00fcr den Sohn, fehlt die linke Hand ist ein Zeichen f\u00fcr die Tochter. Wisse aber, dass der Schatten den man im Mondlicht sieht, nicht der richtige Schatten ist, sondern es ist der Schatten vom Schatten. Wenn genau hinsieht auf den Schatten von Menschen, so sieht man den Schatten den der richtigen Schatten umgibt.<br \/>\nWir lernen in der Gemarah, dass einer der \u00fcber Land zieht und will wissen ob er zur\u00fcckkehren wird, oder nicht, der soll nach seinem Schatten sehen. Sieht er den Schatten vom Schatten so kehrt er wohlbehalten wieder Heim. Man r\u00e4t davon ab, damit die Person nicht vollst\u00e4ndig den Mut f\u00fcr Unternehmungen verliert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Text zeigt, dass der unbekannte Illustrator nicht etwa unaufmerksam war, sondern viel eher, dass er den <em>Minhag<\/em> so beschreibt, wie man ihn sich vorgestellt hat:<br \/>\nWer in der Nacht von Hoschannah Rabbah nach drau\u00dfen geht und seinen Schatten im Mondlicht betrachtet, wei\u00df, welches Schicksal ihn im neuen Jahr, welches mit <a href=\"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/rosch-haschanah-und-jom-kippur\/\">Rosch haSchanah<\/a> gerade begonnen hat, ereilen wird. <\/p>\n<p>Wird sein Schatten vollst\u00e4ndig gezeigt, dann wird er leben. Wird sein Schatten jedoch ohne Kopf gezeigt, dann wird er sterben.<br \/>\n\u00bb<em>Minhag haZel<\/em>\u00ab hei\u00dft dieser unheimliche Brauch \u2013 \u00bbMinhag des Schattens\u00ab. <\/p>\n<p>Schon im 12. Jahrhundert sto\u00dfen wir auf einen Satz, der mit dem <em>Minhag haZel<\/em> in Verbindung steht. Eleasar ben Jehuda aus Mainz (1176\u20131238) berichtet in seiner Zusammenfassung von Halachot, bezeichnet als <em>HaRokeach<\/em> <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"1\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_1788\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-1\">1<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-1\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"1\">Daf 221<\/span>, dass an Rosch HaSchanah das Schicksal des Menschen beschlossen und an Jom Kippur besiegelt wird \u2013 und dass dies an einem Schatten an Hoschana Rabba sichtbar wird.<br \/>\nDer Prozess gegen den Menschen wird also zwischen Rosch HaSchanah und Jom Kippur gef\u00fchrt, und laut Eleasar ben Jehuda kann man seinen Ausgang an Hoschana Rabba \u00bbsehen\u00ab. <\/p>\n<p>Der Brauch ist aber noch \u00e4lter. Es klingt darin eine Praxis an, die schon zu rabbinischen Zeiten bekannt war. Bereits Rabbi Ammi sagt im Talmud <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"2\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_1788\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-2\">2<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-2\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"2\">Horajot 12a<\/span>, dass jemand, der auf eine Reise geht und wissen m\u00f6chte, ob er auch zur\u00fcckkehren wird, in ein dunkles Haus gehen soll. Sieht er seinen Schatten, dann wird er auch sicher zur\u00fcckkehren.<br \/>\nRabbi Ammi r\u00e4t \u00fcbrigens davon ab, dieser Praxis nachzugehen, damit die Person nicht vollst\u00e4ndig den Mut f\u00fcr Unternehmungen verliert. <\/p>\n<p>Das spiegelt ein Konzept wider, welches hinter <em>Hoschannah Rabbah<\/em> steht.<br \/>\nDer Schatten ist ein Symbol.<br \/>\nWenn in der Tora \u00fcber die Bewohner des \u00bbLandes\u00ab gesprochen wird und die Angst, die die Kinder Israels vor ihnen hatten, hei\u00dft es: \u00bbGewichen ist ihr Schatten von ihnen und mit uns ist Haschem; f\u00fcrchtet sie nicht\u00ab<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"3\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_1788\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-3\">3<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-3\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"3\">4. Buch Mose 14,9<\/span>. Das kann zum einen so gemeint sein, wie es sich der Verfasser des <em>Minhogim-Buches<\/em> gedacht hat, oder so, dass die Bewohner des Landes keinen Schutz mehr genie\u00dfen. <\/p>\n<p>Die Psalmen (Tehillim) helfen bei der Interpretation weiter.<br \/>\nEs hei\u00dft dort: \u00bbHaschem ist dein H\u00fcter, Haschem ist dein Schatten \u00fcber deiner rechten Hand.\u00ab<br \/>\nDer \u00bbSchatten\u00ab G-ttes ist ein Bereich, in dem man Schutz erwarten kann.<br \/>\nEs geht also um den Schutz G\u2019ttes, der hier in den \u00dcberlieferungen \u00bbsichtbar\u00ab wird. <\/p>\n<p>Eine Frage ist in diesem Zusammenhang erlaubt:<br \/>\nWird man schon an Jom Kippur in das \u00bbBuch des Lebens\u00ab eingeschrieben?<br \/>\nIst das Urteil tats\u00e4chlich schon gesprochen? V<br \/>\nielleicht noch nicht.<br \/>\nIn der Mischna<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"4\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_1788\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-4\">4<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-4\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"4\">Rosch Haschana 1,2<\/span> wird bestimmt, dass Sukkot das Fest ist, an dem alle \u00bbnach dem Wasser\u00ab gerichtet werden.<br \/>\nDabei geht es um die Wasserzuteilung f\u00fcr die Welt und m\u00f6glicherweise auch darum, welches Gesch\u00f6pf im kommenden Jahr kein Wasser ben\u00f6tigen wird.<br \/>\nDies erkl\u00e4rt zugleich, warum wir in den Gebeten von Sukkot so h\u00e4ufig dem Regen und dem Wasser begegnen. Also besteht hier eine Verbindung zu den Hohen Feiertagen, die nicht ganz abgeschlossen sind. Denn der Mensch hat noch die M\u00f6glichkeit, ein schlechtes Urteil abzuwenden. <\/p>\n<p>Diese Vorstellung hat auch im <em>Zohar<\/em> ihren Niederschlag gefunden <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"5\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_1788\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-5\">5<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_1788-5\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"5\">Wa\u2019jechi 12a<\/span>. Hier steht, dass das himmlische Urteil erst an Hoschannah Rabbah besiegelt wird.<br \/>\nAus diesem Grund tr\u00e4gt der Vorbeter in einigen Gemeinden am siebten Sukkottag wei\u00dfe Kleidung, genau wie an Jom Kippur, und vielleicht erkl\u00e4rt sich dadurch auch, dass es Brauch geworden ist, in der Nacht von Hoschana Rabba lange Tora zu lernen und sich engagiert zu zeigen.<\/p>\n<p>Der Brauch des kopflosen Schattens ist mehr als eine Gruselgeschichte:<br \/>\nEr zeigt die Verbindung des letzten Sukkot-Tages zu Rosch Haschana und Jom Kippur auf. Wer den Brauch von nun an kennt, wird, obwohl er ihn vielleicht f\u00fcr unsinnig h\u00e4lt, m\u00f6glicherweise an Hoschannah Rabbah nicht nur zuf\u00e4llig einen Blick auf den Schatten des eigenen K\u00f6rpers im Mondlicht werfen.<\/p>\n<ul class=\"modern-footnotes-list \"><li><span>1<\/span><div>Daf 221<\/div><\/li><li><span>2<\/span><div>Horajot 12a<\/div><\/li><li><span>3<\/span><div>4. Buch Mose 14,9<\/div><\/li><li><span>4<\/span><div>Rosch Haschana 1,2<\/div><\/li><li><span>5<\/span><div>Wa\u2019jechi 12a<\/div><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Hoschannah Rabbah, den siebten Tag Sukkot gibt es einen alten aschkenasischen Brauch. Er ist l\u00e4ngst vergessen, aber im Minhagim Buch, welches Jitzchak von Tyrnau (lebte im 14. Jahrhundert) zugeschrieben wird, findet man diesen noch.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1792,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[148,46],"tags":[149,126],"class_list":["post-1788","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-hoschannah-rabbah","category-sukkot","tag-minhag-hazel","tag-sukkot"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/hoschanah_rabbahMinhagimbuch.png?fit=224%2C219&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1788","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1788"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1788\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1796,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1788\/revisions\/1796"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1792"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1788"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1788"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1788"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}