{"id":191,"date":"2013-11-22T10:47:55","date_gmt":"2013-11-22T08:47:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=191"},"modified":"2022-05-16T14:33:19","modified_gmt":"2022-05-16T12:33:19","slug":"zum-schabbat-bechukotaj","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/zum-schabbat-bechukotaj\/","title":{"rendered":"Zum Schabbat Bechukotaj"},"content":{"rendered":"\n<p>Jeder unter uns, dem schon einmal Unrecht widerfahren ist, kennt das Gef\u00fchl, dass man sich in seiner Hilflosigkeit w\u00fcnscht, das geschehene Unrecht werde unmittelbar und sofort ge- oder bestraft. Auf der anderen Seite w\u00e4re es sch\u00f6n, so k\u00f6nnten wir dann meinen, wenn diejenigen, die sich an die Regeln halten, auch einen Gewinn davon haben und belohnt werden w\u00fcrden. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das ist heute vielleicht noch weniger zu glauben als fr\u00fcher, in einer Welt in der wir die M\u00f6glichkeit haben, mehr \u00fcber das zu erfahren, was \u201edrau\u00dfen\u201c in der Welt passiert und welche Ungl\u00fccke, durch Menschenhand oder die Natur, geschehen k\u00f6nnen. Die Welt, die uns in der \u201e<em>Tochechah<\/em>\u201c \u2013 der \u201eZ\u00fcchtigung\u201c die Bestandteil unserer Paraschah Bechukotaj ist (26,14 bis 41), begegnet, ist eine vollkommen andere. In diesem Abschnitt werden \u201eGerechte\u201c belohnt und k\u00f6nnen die Fr\u00fcchte ihrer Arbeit genie\u00dfen, schlechte Menschen dagegen werden bestraft und f\u00fcr ihre Missetaten von G-tt selber zur Verantwortung gezogen. Die Fl\u00fcche dabei sind so eindr\u00fccklich und bewegend, dass dieser Abschnitt in vielen Synagogen etwas leiser gesagt wird, als der Rest der Paraschah. Da hei\u00dft es unter anderem: \u201eIhr werdet vergeblich eure Saat ausbringen, denn eure Feinde werden den Genuss haben\u201c oder \u201eihr werdet Brot essen und nicht satt werden\u201c und \u201eich werde euch unter die V\u00f6lker zerstreuen und das Schwert hinter euch ausziehen.\u201c. Den verbleibenden Menschen im Lande wird gedroht, dass sie selbst Furcht vor einem rauschenden Blatt haben w\u00fcrden und in st\u00e4ndiger Angst leben m\u00fcssten.<\/p>\n\n\n\n<p>Den \u201eGehorsamen\u201c dagegen wird ein sehr fruchtbares Land in Aussicht gestellt und ein Leben in Frieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Sicht auf die Dinge begegnet uns \u00fcbrigens auch im Tischgebet, dem <em>Birkat haMazon<\/em>. Dort k\u00f6nnen wir es t\u00e4glich sagen: \u201eIch war jung, nun bin ich alt, nie aber sah ich einen Gerechten verlassen und seine Nachkommen um Brot betteln.\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen heute aber, dass die Welt keinesfalls nach diesem Schema funktioniert und auch unsere Vorfahren wussten nat\u00fcrlich, dass die \u201e<em>Tochechah<\/em>\u201c nicht der Welt entsprach, in der sie lebten. Das Buch <em><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/ijow-das-buch-hiob\/\" data-type=\"page\" data-id=\"4826\">Ijow<\/a><\/em> legt eindr\u00fccklich Zeugnis davon ab, dass es durchaus Gerechte gibt, die Schmerzen erleiden und ertragen mussten. Zahlreiche J\u00fcdinnen und Juden vor uns und unter uns haben einige der Erfahrungen, die hier als Fl\u00fcche geschildert wurden, tats\u00e4chlich gemacht. Die umgekehrte Annahme, Menschen denen schlechtes geschieht, h\u00e4tten schlecht gehandelt, k\u00f6nnen wir heute auch nicht ohne weiteres gelten lassen, wenngleich es auch rabbinische Kommentatoren gab, die \u00fcberzeugt waren, dass diejenigen, welche die Gesetze der Torah \u00fcbertreten, tats\u00e4chlich und unmittelbar bestraft werden w\u00fcrden. Rabbi Eleasar ben Schimon bringt genau dies in <em>Wajikra Rabbah<\/em> zum Ausdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Keinesfalls sollten wir die <em>Tochechah<\/em> als Schilderung der Welt verstehen, in der wir leben, sondern vielmehr als die Vision einer idealen Welt im Sinne eines Versprechens: Eine Welt, in der n\u00e4mlich die Gerechten belohnt und die \u201eB\u00f6sen\u201c, also diejenigen welche die Weisungen der Torah missachten, bestraft werden. Eine Welt in der Gerechtigkeit herrscht. Tehillim 96 bringt diese Hoffnung ebenfalls zum Ausdruck \u201eEr kommt, ja Er kommt, die Erde zu richten, Er richtet die Welt mit Gerechtigkeit und die V\u00f6lker in seiner Treue.\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abschnitt lehrt uns aber weit mehr \u00fcber ein j\u00fcdisches Leben, er begr\u00fcndet in vielf\u00e4ltiger Weise, warum der Mensch selber handeln muss, selber aktiv werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>In Vers 26,3 hei\u00dft es: \u201eWenn Ihr meinen Gesetzen nachgeht, meine Gebote beachtet und sie haltet\u201c. Der Anfang der zweiten H\u00e4lfte der Paraschah meint das durchaus w\u00f6rtlich. Wenn wir die \u00dcbersetzungen lesen, mag n\u00e4mlich der Eindruck entstehen, \u201enachgehen\u201c oder \u201ewandeln\u201c ist in einem metaphorischen Sinne umschrieben, im Sinne von \u201efolgt ihnen\u201c. Es hei\u00dft aber \u201eim bechukotaj telechu\u201c \u201ein den Gesetzen \u201agehen\u2019\u201c. Der Torahkommentar <em>Or haChajim<\/em> listet \u00fcbrigens f\u00fcr die Interpretation des Wortes \u201egehen\u201c an dieser Stelle 42 M\u00f6glichkeiten auf. In unserem Kontext verstehen wir es an dieser Stelle in einem physischen Sinne, so wie G-tt Abraham im ersten Buch Mose, Kapitel 12 auffordert, zu \u201egehen\u201c \u201eLech Lechah\u201c spricht er zu Abraham. Auch an diesen Vers schlie\u00dft sich \u00fcbrigens ein Versprechen an, n\u00e4mlich dass Abraham ein Segen sein soll, wenn er denn seine Heimat und das Haus seines Vaters verl\u00e4sst und Abraham macht sich auf den Weg, physisch, um sich auch in einem geistigen Sinne befreien zu k\u00f6nnen von der Umgebung und der Gedankenwelt, in der er lebt. Der physische Akt ist also eng gebunden an den geistigen. Es ist kein Zufall, dass das j\u00fcdische Religionsgesetz, die \u201e<em>Halachah<\/em>\u201c vom Wort f\u00fcr \u201egehen\u201c abgeleitet wird, denn die Halachah gie\u00dft die Vorschriften, denen wir nachfolgen sollen, in eine Form. Heute hat dieser Weg viele Ausgestaltungen und Facetten, so zahlreich wie die Interpretationen, die Halachah heute hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserer Paraschah \u201egeht\u201c aber nicht nur der Mensch, sondern G-tt verspricht, wenn die Gebote eingehalten werden, unter uns zu \u201agehen\u2019. \u201eIch werde unter euch \u201agehen\u2019 \u2013 <em>hithalchti betoch\u2019chem<\/em>\u201c hei\u00dft es in 26,12. Das muss nicht allein bedeuten, dass die Pr\u00e4senz G-ttes \u201ezwischen &#8211; betoch\u201c den Menschen zu sp\u00fcren ist, wie Raschi das in seinem Kommentar zu dieser Textstelle beschreibt, sondern \u201ebetoch\u201c kann auch bedeuten, dass G-tt in jedem einzelnen Menschen ist, der seinen Wegen nachfolgt. Einen Vers sp\u00e4ter erinnert G-tt daran, dass er die \u201eStangen des Jochs\u201c zerbrochen hat, damit wir \u201eaufrecht gehen\u201c k\u00f6nnen, dass wir die Freiheit haben, zu handeln. Wir k\u00f6nnen dem Weg, der Halachah, folgen, sind aber noch immer frei, es nicht zu tun, doch wer die anfangs genannte Gerechtigkeit selber erfahren will, muss auch aktiv daf\u00fcr sorgen, dass sie erfahren werden kann. Der Aufbau einer gerechten Welt liegt demgem\u00e4\u00df in unserer Hand. Beispiele daf\u00fcr enth\u00e4lt die Paraschah gen\u00fcgend. So ermahnt uns die Torah beispielsweise, den Armen zu helfen, ohne sie zu erniedrigen \u201eLass ihn an deiner Seite leben.\u201c sagt G-tt in 25,35, schlie\u00dfe die Person nicht aus der Gemeinde\/Gesellschaft aus, sondern lass sie aktives Mitglied der Gesellschaft bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>In wenigen Wochen ist Schawuot, das Fest an dem Megillat Ruth gelesen wird. Eines der bekanntesten Zitate aus dem Buch Ruth lautet \u201e<em>Ki el ascher tilchi elech<\/em>\u201c \u2013 Ruth spricht zu ihrer Schwiegermutter Naomi \u201eWo du hingehst, da will ich auch hingehen\u201c, so wie der Mensch in unserer Paraschah die M\u00f6glichkeit hat, zu G-tt zu sagen: Den Weg, den Du mir gezeigt hast und den Du gehst, den will auch ich gehen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-1 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/zum-wochenabschnitt\/\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"89\" height=\"81\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/torah_rolle_80.png?resize=89%2C81&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-7253\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/zum-wochenabschnitt\/\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"33\" height=\"20\" class=\"wp-image-1962\" style=\"width: 33px;\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/hand_talmudde.png?resize=33%2C20&#038;ssl=1\" alt=\"\"> <strong>Zur \u00dcbersicht \u00fcber die Wochenabschnitte<\/strong><\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder unter uns, dem schon einmal Unrecht widerfahren ist, kennt das Gef\u00fchl, dass man sich in seiner Hilflosigkeit w\u00fcnscht, das geschehene Unrecht werde unmittelbar und sofort ge- oder bestraft. 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