{"id":2491,"date":"2017-09-25T13:35:54","date_gmt":"2017-09-25T11:35:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=2491"},"modified":"2024-10-13T20:18:55","modified_gmt":"2024-10-13T18:18:55","slug":"ueber-kol-nidrej","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/ueber-kol-nidrej\/","title":{"rendered":"\u00dcber Kol Nidrej"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00bbKol Nidrej\u00ab f\u00fcr viele Juden ist das gleichbedeutend mit dem Vorabend von Jom Kippur.<br>Man sagt nicht, man geht zum Abendgebet, sondern man geht zum \u00bbKol Nidrej\u00ab. So notierte Franz Kafka in sein Tagebuch \u00bbMontag 1.Oktober (Sonntag 1911) Altneusynagoge gestern. Kolnidre.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das Kol Nidrej (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/das-kol-nidrej-gebet\/\">Text hier<\/a>) nach der traditionellen Melodie rezitiert wird, dann wird es zun\u00e4chst leise vorgetragen und dann immer intensiver. Wenn der Vorbeter sein Handwerk versteht, dann kann die Melodie bei der dritten und letzten Wiederholung dem Zuh\u00f6rer buchst\u00e4blich durch Mark und Bein gehen. Man erlebt einen der H\u00f6hepunkte von Jom Kippur gleich mit Beginn des Tages. Schon allein deswegen ist das Kol Nidrej auch jenen bekannt, die nur an den Hohen Feiertagen in die Synagoge gehen. Aber: Kol Nidrej ist kein Gebet, sondern es ist dem Abendgebet von Jom Kippur, mit einigen anderen Formeln, eigentlich \u00bbnur\u00ab vorangestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kol Nidrej ist n\u00e4mlich eine juristische Formel in aram\u00e4ischer Sprache, mit der sich der Einzelne von den Gel\u00fcbden (<em>Nedarim<\/em>) lossagt, die er im vergangenen Jahr G-tt gegen\u00fcber getan hat.<br>In der antisemitischen Propaganda wurde oft behauptet, Juden spr\u00e4chen sich mit dieser Formel von allen Versprechungen und Vertr\u00e4gen frei. Doch tats\u00e4chlich ist mit \u00bb<em>Neder<\/em>\u00ab nur ein Versprechen gegen\u00fcber G-tt gemeint. Man k\u00f6nnte also sagen, man bereut, was man sich f\u00fcr das vergangene Jahr vorgenommen und dann doch nicht gehalten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon der Talmud beschreibt eine solche Befreiung von Gel\u00fcbden (Nedarim 23a) \u2013 allerdings f\u00fcr den Tag vor <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/rosch-haschanah-und-jom-kippur\/\">Rosch Haschana<\/a>. So gibt es in vielen Machsorim (Gebetb\u00fcchern) f\u00fcr den Vorabend des Neujahrsfestes eine \u00bb<em>Hatarat Nedarim<\/em>\u00ab (Aufhebung der Gel\u00fcbde), die man vor drei \u00bbRichtern\u00ab, drei M\u00e4nnern aus der Gemeinde, spricht. Es ist denkbar, dass dies auf den Vorabend von Jom Kippur verlegt worden ist \u2013 vielleicht weil es der Abend ist, an dem besonders viele Menschen in die Synagoge kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Formel \u00bbKol Nidrej\u00ab spricht man also, bevor das eigentliche Gebet beginnt. Die Synagoge verwandelt sich in einen Gerichtssaal: Drei M\u00e4nner stehen vor der Gemeinde. Sie bilden das Gericht und sprechen zun\u00e4chst eine andere Formel:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Mit der Autorit\u00e4t des himmlischen Gerichts,<br>mit der Autorit\u00e4t des irdischen Gerichts,<br>mit dem Einverst\u00e4ndnis G-ttes,<br>mit dem Einverst\u00e4ndnis dieser Gemeinde,<br>erkl\u00e4ren wir, dass es statthaft ist, mit den S\u00fcndern zu beten.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die erlaubt es denjenigen, denen man die Teilnahme an Gemeindeaktivit\u00e4ten bisher versagt hat, wieder mitzubeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht wird deshalb gern erz\u00e4hlt, Kol Nidrej stamme aus der Zeit, in der in Spanien Juden zur Konversion zum Christentum gezwungen wurden. Mit dieser Formel sprachen sich (angeblich) diejenigen frei, die nun doch wieder zum Judentum zur\u00fcckkehren wollten. Vielleicht hatte das Gebet in dieser Zeit diese Funktion. Tats\u00e4chlich aber ist es schon viel \u00e4lter und wird bereits im Gebetbuch des Amram Ga\u2019on aus dem 9. Jahrhundert erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der gleichen Zeit sind auch rabbinische Stimmen <em>gegen<\/em> diesen Text \u00fcberliefert. Selbst derjenige, der es f\u00fcr die Nachwelt als erste nachweisbare Quelle festgehalten hat, der Amram Ga\u2019on, nannte es einen \u00bbunsinnigen Brauch\u00ab.<br>Die vorangestellte Formel, die auch ausgesto\u00dfene Juden miteinbezieht, stammt vermutlich von Rabbi Meir von Rothenburg (1220\u20131293) und der war bekanntlich kein Spanier.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 12. Jahrhundert \u00e4nderte Rabbi Ja\u2019akow Tam den Text des Kol Nidrej, sodass er sich auf Gel\u00fcbde im kommenden Jahr bezieht. Wir finden es deshalb in heutigen Gebetb\u00fcchern zuweilen in zwei Varianten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Kol Nidrej dem Gebet vorangestellt wird, unterstreicht einen wichtigen Aspekt von Jom Kippur: Es ist das Ende eines Gerichtsprozesses, der an Rosch HaSchana begonnen hat. An Jom Kippur wird gebetet, aber wir stehen auch vor Gericht.<br>Etwa 25 Stunden nach dem Kol Nidrej, beim <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/gebete-von-jom-kippur\/#Neila\">Abschlussgebet, der \u00bbNe\u2019ila\u00ab<\/a>, wird dann das Urteil gesprochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist \u00bbKol Nidrej\u00ab ein Gebet, oder vielmehr eine Formel? Warum und seit wann wird Kol Nidrej gesprochen?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2492,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[154],"class_list":["post-2491","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jom-kippur","tag-jom-kippur"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/kol_nidrej.jpg?fit=1200%2C800&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2491"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7826,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2491\/revisions\/7826"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}