{"id":255,"date":"2013-11-29T09:09:07","date_gmt":"2013-11-29T07:09:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=255"},"modified":"2025-10-06T11:04:56","modified_gmt":"2025-10-06T09:04:56","slug":"ueber-sukkot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/ueber-sukkot\/","title":{"rendered":"\u00dcber Sukkot"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Im Herbst wird die Obst- und Weinernte eingebracht. Viel M\u00fche muss bis dahin eingesetzt werden, und ein Ertrag ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Dies gilt auch f\u00fcr die Fr\u00fcchte des Lebens, die erst am Ende der Schaffensperiode des Menschen geerntet werden k\u00f6nnen. War die M\u00fche gesegnet, lief alles wie es sein sollte, dann ist der Ertrag reich, man bringt die Ernte mit gro\u00dfer Freude ein.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Zeitpunkt steht das dritte der drei israelitischen Wallfahrtsfeste, Sukkot, das Laubh\u00fcttenfest, das Fest des Fr\u00fcchtesammelns, zu dem Israel zur Zeit des Tempels nach Jerusalem pilgerte, um dort den Opferanteil der Ernte darzubringen. Wenn die Ernte eingebracht ist, kann man getrost alle Sorgen, die man bis dahin hatte, vergessen und sich ganz der Freude \u00fcber das Erreichte hingeben. So soll es auch sein: In der Torah wird es uns ans Herz gelegt, dieses Fest voller Freude zu begehen, sieben Tage lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, \u00fcber dieser Freude sollen wir nicht bequem und tr\u00e4ge werden. Wir sollen uns nicht \u201eauf unseren Lorbeeren ausruhen\u201c. Wir sollen nicht denken, dass die festen H\u00e4user, die wir uns im Lauf unseres Lebens gebaut haben, f\u00fcr uns eine Burg sind, die uns vor Allem sch\u00fctzt, und in der wir mit dem von uns Erreichten uns nun zur Ruhe setzen und darin verharren d\u00fcrften. Wir d\u00fcrfen nie vergessen, dass es nur Einen gibt, der uns wahrhaft sch\u00fctzen kann, dass wir auf unserem Weg zu Ihm nie aufh\u00f6ren d\u00fcrfen voranzuschreiten. Darum wird uns geboten, gerade in diesem Augenblick, an dem wir denken, nun Alles erreicht zu haben, all dieses zu verlassen, aus unseren H\u00e4usern heraus zu gehen, uns erneut wieder in den Zustand des Wandernden zu versetzen, der nur in einem zerbrechlichen, unstabilen Unterschlupf seine Behausung findet, letztlich nur beh\u00fctet von Gottes Hand, die sich sch\u00fctzend \u00fcber ihm ausbreitet. Diese Haltung des stets Wandernden, der nicht ruht auf seinem Weg, nicht im Verweilen erstarrt, und der gerade auf seinem Weg sich besch\u00fctzt und gef\u00fchrt wei\u00df, ist Israels vornehmste Daseinsform: Der \u201eewig wandernde Jude\u201c als freiwillig akzeptierte Aufgabe, &#8211; nicht als durch Fluch uns aufgezwungene Lebensform. Nur in dieser Haltung kann Israel zum Segen f\u00fcr die Menschheit werden. Wir verlassen unsere festen H\u00e4user, bauen uns H\u00fctten, \u201e<em>Sukkot<\/em>\u201c, die uns Schatten und Windschutz gew\u00e4hren, uns aber nicht von den Einfl\u00fcssen der Natur abschneiden. In diesen H\u00fctten wohnen wir und feiern das Fest sieben Tage lang. In unsere Freude schlie\u00dfen wir die ganze Menschheit mit ein. So wurden zur Zeit des Tempels in diesen Tagen insgesamt siebzig Stiere geopfert als S\u00fchneopfer Israels f\u00fcr alle V\u00f6lker der Erde, begleitet von Gebeten f\u00fcr ihr Wohlergehen. Wir laden die gro\u00dfen Hirten Israels ein, mit uns in der Sukkah zu sitzen: Avraham, Jitzchak, Ja&#8217;akow, Josef, Moscheh, Aharon und Dawid, &#8211; jeden Tag einen anderen (<em><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/uschpisin-gaeste-in-der-sukkah\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2529\">Uschpisin<\/a><\/em>). Zugleich aber laden wir auch Bed\u00fcrftige ein, denen wir die gleiche Ehre wie hohen G\u00e4sten zu Teil werden lassen, aufdass sie mit uns Freude erleben. Und am Ende des Festes hoffen wir, &#8211; so wie wir jetzt im Schutze Gottes in der <em>Sukkah <\/em>sa\u00dfen, auch am Ende der Tage, wenn Frieden herrschen wird, gemeinsam in der <em>Sukkah <\/em>sitzen zu d\u00fcrfen, die der Ewige aus der Haut des Leviathan uns gebaut haben wird, des dann endg\u00fcltig besiegten Ungeheuers der Urwelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Besonderheit Sukkots, die unsere Freude vermehren soll, sind die <strong>vier Pflanzenarten<\/strong>, die wir zu einem Feststrau\u00df zusammenbinden: <br>Den pr\u00e4chtig aussehenden und gut duftenden <em><strong>Etrog <\/strong><\/em>(eine Zitrusfruchtart), den sch\u00f6n aussehenden, aber duftlosen <em><strong>Lulav<\/strong><\/em> (Dattelpalmzweig), die im Aussehen bescheidene, aber gut duftende <strong>Myrthe <\/strong>und die weder pr\u00e4chtig aussehende noch gut duftende <strong>Bachweide<\/strong>. Mansche sagen, gemeinsam seien sie ein Symbol f\u00fcr ganz Israel, das aus Menschen besteht, die sowohl Torahkundig sind als auch gute Taten begehen, sowie solchen, die nur das eine oder das andere kennzeichnet, und auch aus solchen, die weder das eine noch das andere ziert. <br>Au\u00dfer am Schabbat, der selbst Freude ist, nehmen wir an jedem Tag des Festes diesen Strau\u00df in die Hand, sprechen den zugeh\u00f6rigen Segensspruch und sch\u00fctteln den Strau\u00df je dreimal in die sechs Richtungen des Raumes, womit wir uns die Stellung des Menschen im Universum verdeutlichen. <br>Die vier Pflanzenarten geben auch den Bezug zu einem weiteren wichtigen Aspekt von <em>Sukkot<\/em>: So wie diese in ihrem Gedeihen auf Wasser angewiesen sind, das flie\u00dfende, das Leben spendende Urelement, so auch der Mensch und die ganze Welt. Wasser zu haben ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. In ernstzunehmender Weise gewinnt dieser Aspekt gerade in unserer Zeit, und besonders auch in Israel, zunehmend Bedeutung. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sukkot ist das Fest des Wassers.<\/strong> An ihm h\u00e4lt der Ewige Gericht \u00fcber den Segen des Wassers in der Welt im kommenden Jahr, das allen Menschen zu Gute kommt. An Sukkot wurde zur Zeit des Tempels neben dem t\u00e4glichen Wein-Gu\u00dfopfer zus\u00e4tzlich ein Wasser-Gu\u00dfopfer dargebracht. Das Wasser hierf\u00fcr wurde aus der Schiloach-Quelle unterhalb Jerusalems gesch\u00f6pft und zum Tempel hoch getragen. Dies geschah im Rahmen einer vielst\u00fcndigen Zeremonie, die die von der sommerlichen Trockenheit ermatteten Menschen mit unbeschreiblicher Freude erf\u00fcllte, begleitet von Ges\u00e4ngen, Musik, T\u00e4nzen und Darbietungen. So wurde Gottes Gebot erf\u00fcllt \u201eGie\u00dfet am Fest Wasser vor Mir aus, aufdass die Regen des Jahres euch gesegnet werden\u201c (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/rosch-haschanah\/rosch-haschanah-kapitel-1\/#blatt-16a\">bT, Rosch haSchanah 16a<\/a>). Wir haben heute die M\u00f6glichkeit des Wasser-Gussopfers nicht mehr, doch schlie\u00dfen wir jedes Jahr nach Sukkot, &#8211; ab<em> Schemini Atzeret<\/em> -, in unser t\u00e4gliches Gebet (im Achtzehn-Bitten-Gebet) die Bitte um Regen mit ein. \u201eWenn die ganze Welt mit Wasser gesegnet ist, sind alle Bewohner der Erde in diesen Segen mit eingeschlossen\u201c, &#8211; so formuliert es Rav Eliahu Kitov.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir an <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/pessach\/\">Pessach <\/a>den Aufbruch des Menschen aus der t\u00f6dlichen Erstarrung zu neuem Leben erinnern und feiern, an <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/schawuot\/\">Schawu\u2019ot<\/a> die Heranf\u00fchrung des Menschen an seine Bestimmung und an<em> <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/schemini-atzereth-fest-des-achten-tages-und-der-torah-freude\/\">Schmini Atzeret<\/a><\/em> schlie\u00dflich das Erreichen der verhei\u00dfenen Vollendung, so stellt Sukkot das Feiern und Gedenken des Weges, der Wanderung selbst dar. So versteht man, warum wir an Sukkot auch das<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/kohelet-prediger\/\"> Buch Koheleth (=Prediger)<\/a> lesen, in dem sein Verfasser auf sein Leben zur\u00fcck blickt und zu dem Schluss kommt, dass alles sich rastlos abm\u00fcht ohne Anfang und Ende zu sehen, dass zugleich alles Bem\u00fchen letztlich Windhauch ist, wenn es sich nicht in den Plan Gottes einf\u00fcgt. Lernen bringe zwar Vorteil, aber wirklichen Gewinn aus seinem Dasein ziehe nur der, der im Stande ist, in Bescheidenheit und Demut den Augenblick voll zu genie\u00dfen, der ihm gegeben ist, und sich daran zu freuen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><em>Quellenangaben:<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>>TeNaCh: Gen, 28,15; Ex 23,16; Lev 23,40 und 42; Deut 16,15<br>>TeNaCh: Buch <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/kohelet-prediger\/#Kapitel8\">Koheleth 8,1<\/a>; <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/kohelet-prediger\/#Kapitel9\">9,7<\/a>; <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/kohelet-prediger\/#Kapitel11\">11,8-9<\/a><br>>Talmud Bawli, <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/sukka\/sukka-kapitel-4\/#blatt-48b\">Traktat Sukkah 48b<\/a>; Traktat <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/rosch-haschanah\/rosch-haschanah-kapitel-1\/#blatt-16a\">Rosch haSchanah 16a<\/a><br>>Eliahu Kitov: \u201eDas j\u00fcdische Jahr\u201c, Bd. IV, Verlag Morascha, Z\u00fcrich, 1990, pp. 151, 157, 160, 162, 168, 169, 180, 181, 190, 191, 207<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber das Sukkot-Fest. Eine Einf\u00fchrung.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":262,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-255","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sukkot"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/sukkah.jpg?fit=500%2C375&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=255"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10367,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/255\/revisions\/10367"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/262"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}