{"id":2659,"date":"2018-05-01T22:55:42","date_gmt":"2018-05-01T20:55:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=2659"},"modified":"2018-05-14T23:14:20","modified_gmt":"2018-05-14T21:14:20","slug":"die-talmudische-hermeneutik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-talmudische-hermeneutik\/","title":{"rendered":"Die talmudische Hermeneutik"},"content":{"rendered":"<p>Die talmudische Hermeneutik<\/p>\n<p>Die Regeln, nach denen das m\u00fcndlich \u00fcberlieferte Religionsgesetz aus den Worten der Schrift, geschieht, hei\u00dfen Middot (\u00bbMa\u00dfst\u00e4be\u00ab, \u00bbRichtlinien\u00ab). <!--more--><\/p>\n<p>Am bekanntesten sind die dreizehn Middot (<em>Schelosch essre middot<\/em>) des Rabbi Ismael (Jischmael), die im t\u00e4glichen Morgengebet (<em>Schacharit<\/em>) Aufnahme gefunden haben. Unter diesen sind die wichtigsten und am meisten angewandten die auch in Hillels sieben Middot enthaltenen ersten sechs:<br \/>\n<strong>1.  Kal wechomer <\/strong>(\u00bbLeichtes und Schweres\u00ab), der Schluss a minori ad maius oder umgekehrt, der durch Aufdeckung eines logischen Fehlers in der Schlussfolgerung angefochten werden kann.<br \/>\nBeispiel Pessachim 6, 2:<br \/>\nWenn das Schlachten (Schechita) am Schabbat, das doch sonst von der Tora aus verboten ist, beim Pessachopfer gestattet ist, m\u00fcssten doch vorbereitende Handlungen, die auch sonst nur rabbinisch untersagt sind, erst recht erlaubt sein.<br \/>\nWiderlegung: das Schlachten darf erst am Nachmittage des 14. Nissan erfolgen, die Vorbereitungen konnten vor Eintritt des Schabbat getroffen werden. <\/p>\n<p><strong>2. Gesera schawa<\/strong> (\u00bbdie gleiche Bewandtnis\u00ab), urspr. der Analogieschluss.<br \/>\nSo nach Beza 1, 6 im Munde der Sch\u00fcler Schammajs:<br \/>\nDie Hebe vom Brote (challa) ist gleich der vom Getreide eine Abgabe an den Priester. Wie man diese am Feiertage nicht \u00fcberreichen darf, so auch nicht jene.<br \/>\nWiderlegung: Der Vergleich hinkt; denn diese darf ja am Feiertage gar nicht abgehoben werden, wohl aber jene.<br \/>\nAus der sachlichen Vergleichung ergab sich dann die Wortvergleichung, wenn es darauf ankam, den Sinn eines missverst\u00e4ndlichen Ausdrucks klarzustellen.<br \/>\nSo wird Menachot 37b durch Vergleichung der Stelle:<br \/>\nIhr sollt euch um eines Toten willen keine Glatze zwischen den Augen machen (Deut. 14,1), der Nachweis gef\u00fchrt, dass auch heim Gebot der Tefillin (das. 6, 8) \u00bbzwischen den Augen\u00ab nicht w\u00f6rtlich zu nehmen, sondern die behaarte Stelle \u00fcber der Mitte der Stirne gemeint ist.<br \/>\nAus dieser Wortvergleichung entwickelt sich zuletzt die mnemotechnische Verwertung des gleichen oder \u00e4hnlichen Ausdrucks, zumal wenn er unn\u00f6tig erscheint, nicht etwa zur Erschlie\u00dfung einer neuen Satzung, sondern lediglich zur Ankn\u00fcpfung einer bereits \u00fcberlieferten.<br \/>\nWenn es z. B. Deut. 27, 14 hei\u00dft:<br \/>\nDie Leviten sollen anheben und sprechen, und dieselbe Wortverbindung (in) 25, 9 und 26, 5 wiederkehrt, so bietet dieses \u00fcberfl\u00fcssige \u00bbanheben\u00ab Gelegenheit, dem Sch\u00fcler einzupr\u00e4gen, dass ebenso wie die Leviten heim Betreten des gelobten Landes Segen und Fluch in der heiligen Sprache verk\u00fcndeten, auch an den beiden vorangehenden Stellen die mit dem gleichen Pleonasmus eingeleiteten Worte hehr. gesprochen werden m\u00fcssen (Sotah 7, 3-4).<\/p>\n<p><strong>3. Binjan aw<\/strong> (\u00bbAusbau eines Grundsatzes\u00ab), die Erhebung einer an einem oder an mehreren Beispielen veranschaulichten Vorschrift zu einem allgemeinen g\u00fcltigen Gesetz. Z.B. Deut. 22, l0: Pfl\u00fcge nicht mit Ochs und Esel zusammen.<br \/>\nDas Verbot beschr\u00e4nkt sich weder aufs Pfl\u00fcgen, noch auf die genannten Zugtiere; es ist vielmehr sinngem\u00e4\u00df auf jedes Zusammenspannen zweier Tiere von verschiedener Art auszudehnen.<br \/>\nDas w\u00e4re ein Binjan aw aus einem Schriftvers. Ein Binjan aw aus mehreren Versen ist z.B. Ex. 21, 33-22, 5. Dort wird die Haftpflicht f\u00fcr einen, wenn auch nur mittelbar, schuldhaft herbeigef\u00fchrten Schaden an vier verschiedenen Beispielen beleuchtet, durch welche die Ersatzpflicht zu allgemeiner Geltung gebracht wird ohne R\u00fccksicht auf den besonderen Fall, oh nun der Schaden durch Fahrl\u00e4ssigkeit, wie bei der unbedeckten Grube, oder durch Unachtsamkeit, wie beim Feuer, verursacht wurde, durch den Mutwillen eines Tieres, wie beim st\u00f6\u00dfigen Ochsen, oder durch dessen nat\u00fcrliche Triebe wie heim Abweiden und Zertreten fremder Felder. <\/p>\n<p><strong>4. Kelal ufrat<\/strong> (\u00bbUmfassendes und Einzelnes\u00ab). Wenn auf einen weiteren Begriff engere folgen, wird jener durch diese einge\u00adschr\u00e4nkt. Daher ist nicht mit jedem Verwandten die Ehe verboten, wie man ohne Kenntnis dieser Regel irrt\u00fcmlich aus Lev. 18, 6 schlie\u00dfen m\u00f6chte, sondern nur mit den in den folgenden Versen einzeln aufgez\u00e4hlten Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p><strong>5. Perat uchelal<\/strong> (\u00bbEinzelnes und Umfassendes\u00ab). Wenn auf einige engere Begriffe ein weiterer folgt (wie z. B. im letzten der Zehn Gebote: die Frau deines Nebenmenschen, seinen Knecht, seine Magd, seinen Ochsen, seinen Esel und alles, was deinem N\u00e4chsten geh\u00f6rt), so werden jene durch diesen erweitert. <\/p>\n<p><strong>6. Kelal uferat uchelal<\/strong> (\u00bbUmfassendes, Einzelnes und Umfassendes\u00ab). Stehen engere Begriffe zwischen zwei weiteren, so sind diese nach jenen zu beurteilen. Wenn es daher vom Erl\u00f6s des zweiten Zehnten (Ma\u2018aser) in Deut. 14, 26 hei\u00dft: du kannst das Geld f\u00fcr alles ausgeben, was dein Herz begehrt, f\u00fcr Rind- und Kleinvieh, f\u00fcr jungen und alten Wein und f\u00fcr alles, was du magst, so ist man allerdings nicht gerade auf die genannten Dinge angewiesen, aber es m\u00fcssen doch gleich ihnen Nahrungsmittel aus dem Tier- und Pflanzenreich sein. <\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen 7 Middot sind von geringerer Bedeutung, da sie nur selten vorkommen. Sie lauten: <\/p>\n<p><strong>7. <\/strong>die Regeln 4-6 finden keine Anwendung, wenn der umfassende Ausdruck zum Verst\u00e4ndnis des engeren oder dieser zur Erkl\u00e4rung des weiteren Begriffes unentbehrlich ist. <\/p>\n<p><strong>8.<\/strong> Wird in einem umfassenden Gesetz ein inbegriffener Punkt ma\u00dfgebend hervorgehoben, so ist er nicht nur f\u00fcr sich, sondern f\u00fcr den ganzen Umfang des Gesetzes ma\u00dfgebend. <\/p>\n<p><strong>9.<\/strong> Wenn aus allgemeiner Verordnung ein Teil mit einer besonderen Forderung von gleicher Art herausgehoben wird, so geschieht es in mildernder Absicht niemals in versch\u00e4rfender. <\/p>\n<p><strong>10.<\/strong> Wenn aus allgemeiner Verordnung ein Teil mit einer besonderen Forderung von ungleicher Art herausgehoben wird, so geschieht es bald in erleichterndem, bald in erschwerendem Sinne. <\/p>\n<p><strong>11.<\/strong> Tritt ein Einzelfall durch eine Sonderbestimmung aus dem Rahmen eines ihn ein\u00adschlie\u00dfenden Gesetzes, so kann man ihn nicht wieder einf\u00fcgen, sofern ihn nicht die Schrift ausdr\u00fccklich dem Rahmen wieder einf\u00fcgt. <\/p>\n<p><strong>12.<\/strong> Unklare Ausdr\u00fccke sind aus dem Vorangehenden oder dem Nachfolgenden zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>13.<\/strong> Die L\u00f6sung eines Widerspruches zwischen zwei Schriftstellen ist in einer dritten zu suchen. <\/p>\n<p>Am seltensten ist naturgem\u00e4\u00df die Anwendung der am Schluss stehenden dreizehnten Regel \u00fcber die Antinomie oder den Widerspruch zwischen zwei Gesetzesstellen, der mit Hilfe einer dritten kritisch zu \u00fcberwinden ist.<br \/>\nWenn z.B. in Num. 35, 4 von tausend Ellen die Rede ist, die den Leviten rings um ihre St\u00e4dte als Trift zu gew\u00e4hren sind, im folgenden Verse aber zweitausend Ellen nach jeder Himmelsrich\u00adtung zugemessen werden, so bietet nach Rabbi Akiba (Sota 5, 3) das Verbot, am Schabbat den Wohnort zu verlassen (Ex. 16, 29 ); die L\u00f6sung.<br \/>\nDie zweitausend Ellen beziehen sich nicht mehr auf die Weidepl\u00e4tze, sondern auf die Schabbatgrenze (Techum), die jedem Orte au\u00dferhalb seines Weichbildes nach Ost und West, nach S\u00fcd und Nord bewilligt wird.<br \/>\nIn \u00e4hnlicher Weise l\u00f6st. Rabbi Akiba (Mechilta zu Bo, 4) auch den Widerspruch zwischen Ex. 12, 5 (Von L\u00e4mmern und Ziegen sollt ihr das Pessachopfer nehmen) und Deut. 16, 2 (Schlachte deinem Gotte ein Pessachopfer, Kleinvieh oder Rindvieh) durch Hinweis auf Ex. 12, 21. Siehe auch Mechilta dort 8, wo der Widerspruch zwischen Ex. 12, 15 (Sieben Tage sollt ihr Mazzot essen) und Deut. 16, 8 (Sechs Tage sollst du Mazzot essen) mit Hilfe von Lev. 23, 14 ausgeglichen wird: Sieben Tage von altem, sechs von neuem Getreide.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die talmudische Hermeneutik \u2013 Die Regeln, nach denen das m\u00fcndlich \u00fcberlieferte Religionsgesetz aus den Worten der Schrift, geschieht. 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