{"id":2716,"date":"2018-05-24T16:28:03","date_gmt":"2018-05-24T14:28:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=2716"},"modified":"2018-08-28T14:31:49","modified_gmt":"2018-08-28T12:31:49","slug":"joseph-karo-und-der-schulchan-aruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/joseph-karo-und-der-schulchan-aruch\/","title":{"rendered":"Joseph Karo und der Schulchan Aruch"},"content":{"rendered":"<p>Das geistige Schaffen der sephardischen Diaspora im 15. Jahrhundert steht im Zeichen eines rigorosen Konservativismus. Die nach uns\u00e4glichen Leiden in der T\u00fcrkei zur Ruhe gekommenen Wanderer sagten sich von den freidenkerischen Bestrebungen, die einstmals ihre Vorfahren in der spanischen Heimat im Banne gehalten hatten, endg\u00fcltig los. <!--more--><br \/>\nDas Verdammungsurteil \u00fcber das Aufkl\u00e4rertum der Vorzeit war unwiderruflich gef\u00e4llt: galt doch die Aufkl\u00e4rung als der Urquell aller Leiden, als die Hauptursache des Marranentums und der verh\u00e4ngnisvollen Vertreibung im Jahre 1492. Um welcher S\u00fcnde willen ging die sephardische Diaspora zugrunde? &#8211; so lautet die Frage, die der in Italien ans\u00e4ssig gewordene spanische Exilant Joseph Jabez erhebt, und dies ist seine Antwort: \u00bbUm deswillen, weil wir die heilige Thora im Stiche lie\u00dfen, uns der weltlichen Wissenschaft zuwandten, profaner Weisheit huldigten\u00ab usw. <\/p>\n<p>Diesen Grundgedanken setzte Jabez in \u00f6ffentlichen Predigten auseinander und vertrat ihn auch in einem besonderen Buch (\u00bbOr ha&#8217;chaim\u00ab, Ferrara 1550). Die Reaktion gegen die von freiheitlichem Geiste getragene Kultur des Abendlandes fasste indessen besonders feste Wurzeln im Morgenlande. In der T\u00fcrkei haben die spanischen Exilanten jener \u00bbrabbinisch-mystischen\u00ab Richtung zum Siege verholfen, die der in ihrer westlichen Heimat einst vorherrschenden \u00bbrabbinisch-philosophischen\u00ab Geistesstr\u00f6mung f\u00fcr immer ein Ziel setzen sollte. Mit dem Beistand der Aschkenasim, die ja f\u00fcr das Freidenkertum nie viel \u00fcbriggehabt hatten, gelang es ihnen, dem Talmudismus und der Kabbala die uneingeschr\u00e4nkte Herrschaft zu sichern. Auf beiden Gebieten taten sich in der T\u00fcrkei M\u00e4nner hervor, deren Einfluss sich weit \u00fcber die Grenzen des t\u00fcrkischen Reiches hinaus erstreckte.<br \/>\nDer \u00fcberragendste Vertreter des rabbinischen Judentums des 16. Jahrhunderts war Joseph ben Ephraim Karo ( 1488-1575). Er erblickte das Licht der Welt in Spanien, vier Jahre vor der Vertreibung aus dem Lande, und lernte so schon als kleines Kind die F\u00e4hrnisse des unsteten Wanderlebens kennen. Nach langem Umherirren lie\u00dfen sich seine Eltern in der europ\u00e4ischen T\u00fcrkei nieder, wo Joseph in Saloniki, Adrianopel und Nikopoli mit jugendlichem Eifer dem Studium des talmudischen und rabbinischen Schrifttums oblag. Seine Begabung erregte allgemeine Bewunderung. Im Jahre 1522 ging er an ein grandioses Werk: er nahm sich vor, die gesamte rabbinische Gesetzgebung bis zur allerletzten Epoche an den Urquellen nachzupr\u00fcfen und in eine neue systematische Ordnung zu bringen. Als Muster f\u00fcr dieses Werk w\u00e4hlte er den vierh\u00e4ndigen Gesetzeskodex \u00bbTurim\u00ab (Band V, \u00a7 38), der sich, als zuletzt entstanden, durch un\u00fcbertroffene Vollst\u00e4ndigkeit auszeichnete. Es geh\u00f6rte ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Ged\u00e4chtnis und seltene Verstandessch\u00e4rfe dazu, um den Entwicklungsweg jeder einzelnen Vorschrift der biblisch-mischnaitischen Gesetzgebung durch alle seine Windungen verfolgen zu k\u00f6nnen und alle einschl\u00e4gigen, im Laufe der vielen Jahrhunderte angeh\u00e4uften Deutungen und Entscheidungen richtig gegeneinander abzuw\u00e4gen. Gar h\u00e4ufig galt es hierbei, die zwischen den einzelnen rabbinischen Autorit\u00e4ten in Bezug auf den einen oder anderen Punkt bestehenden Meinungsverschiedenheiten zu einem einleuchtenden Ausgleich zu bringen. In solchen schwierigen F\u00e4llen st\u00fctzte sich Joseph Karo auf ein von ihm gleichsam als Schiedsgericht eingesetztes und die drei gr\u00f6\u00dften Autorit\u00e4ten des Mittelalters, Alfassi, Maimonides und Rosch, vereinigendes Kollegium: als verbindlich galt ihm diejenige Ansicht, f\u00fcr die sich mindestens zwei dieser Gesetzeslehrer ausgesprochen hatten. <\/p>\n<p>Zwanzig Jahre lang arbeitete Joseph Karo an diesem stolzen Bau, den er erst in Pal\u00e4stina zu Ende f\u00fchrte, das gerade damals Anspr\u00fcche auf die nationale Hegemonie geltend zu machen begann. Im Jahre 1535 in Safed eingetroffen, trat Karo jenem von Jakob Berab geleiteten Gelehrtenkollegium bei, das bald darauf durch Monopolisierung des \u00bbSmicha\u00ab-Rechtes eine Art von Sanhedrin ins Leben zu rufen versuchte. Als der Versuch fehlgeschlagen war, beeilte sich Berab, Joseph Karo die W\u00fcrde eines Gesetzeslehrers zu verleihen, gleichsam in der Vorahnung, dass dieser Mann allein die Arbeit eines ganzen Sanhedrins zu ersetzen imstande sein w\u00fcrde. Und in der Tat sollte das gro\u00dfangelegte Werk des Joseph Karo schon nach wenigen Jahren zum Abschluss gebracht werden. Das unter dem Titel \u00bbBeth Joseph\u00ab in Form eines kritischen Kommentars zum vierh\u00e4ndigen Kodex \u00bbTurim\u00ab abgefasste Werk erschien zuerst in den Jahren 1551-1559 in Venedig im Druck.<br \/>\nIndessen war diese den Gelehrten zusagende Form der kritischen Untersuchung f\u00fcr das Volk wenig geeignet. Seinen Bed\u00fcrfnissen h\u00e4tte eher ein gemeinverst\u00e4ndlicher, das religi\u00f6se und rechtliche Leben umfassender Kodex entsprochen, in dem der Gesetzgebungsstoff nicht in die Form von Beweisf\u00fchrungen, sondern von f\u00fcr die Praxis g\u00fcltigen Vorschriften gekleidet worden w\u00e4re. Zu diesem Behuf unternahm nun Joseph Karo eine durchgreifende Umarbeitung seines riesigen \u00bbBeth Joseph\u00ab, aus dem er unter Weglassung des ganzen wissenschaftlichen Apparates nur den praktischen Teil heraussch\u00e4lte. So entstand ein kurzgefasster Kodex der j\u00fcdischen b\u00fcrgerlichen und religi\u00f6sen Gesetze, dem der Verfasser den ausdrucksvollen Titel \u00bbSchulchan Aruch\u00ab (\u00bbGedeckter Tisch\u00ab) gab. In der Reihenfolge der B\u00e4nde und der Abschnitte lehnt sich der \u00bbSchulchan Aruch\u00ab im Gro\u00dfen und Ganzen an den Kodex \u00bbTurim\u00ab an, wobei die einzelnen B\u00e4nde sogar die gleichen Titel: \u00bbOrach Chajim\u00ab usw., beibehalten haben; nur ist die Darlegungsweise viel knapper und pr\u00e4ziser. <\/p>\n<p>In viele Abschnitte sind statt der weggelassenen theoretischen Auseinandersetzungen jene neuen Gesetze und Vorschriften aufgenommen, welche entweder von den Kodifikatoren der fr\u00fcheren Zeit unbeachtet geblieben waren oder sich erst im Laufe der zwei Jahrhunderte eingeb\u00fcrgert hatten, die Joseph Karo von dem Verfasser der \u00bbTurim\u00ab trennten. <\/p>\n<p>Der im Jahre 1564 in Venedig in Druck gegebene \u00bbSchulchan Aruch\u00ab stellt den H\u00f6hepunkt der rabbinischen Gesetzgebungskunst dar. Er bildet den Abschluss einer langen Reihe von Gesetzb\u00fcchern, von jenen Sch\u00f6pfungen der \u00bbPosskim\u00ab, die seit der Zeit des Maimonides bis ins 16. Jahrhundert hinein immer wieder zur Entstehung gekommen waren. <\/p>\n<p>Die vier seit der Abfassung der \u00bbMischna Thora\u00ab verflossenen Jahrhunderte waren indessen eine Epoche fortschreitender geistiger Reaktion, die denn auch dem neuentstandenen Gesetzbuch ihren Stempel aufdr\u00fccken musste. Auffallend ist vor allem die g\u00e4nzliche Ausschaltung jenes den Grundgesetzen des Judaismus gewidmeten Abschnitts, der in dem Kodex des Maimonides an die Spitze gestellt ist und diese Grunddogmen in philosophischem Liebte betrachtet. <\/p>\n<p>Im Gegensatz zur \u00bbMischne Thora\u00ab tritt uns der \u00bbSchulchan Aruch\u00ab nur als Niederschlag des zu fester Form erstarrten rabbinischen Judaismus der Sp\u00e4tzeit entgegen, als eine Zusammenfassung der religi\u00f6sen Br\u00e4uche und der geltenden Normen des Familien- und b\u00fcrgerlichen Rechtes.<br \/>\nZwar wurden sp\u00e4ter zu diesem Kodex vielfach Erg\u00e4nzungen und Kommentare verfasst, doch gelang es keinem der in der Folgezeit entstandenen Gesetzb\u00fccher die gleiche Autorit\u00e4t zu erlangen. Die \u00bbLebensf\u00fchrung nach dem Schulchan Aruch\u00ab wurde seitdem zum Wahlspruch des rechtgl\u00e4ubigen Juden, den die kleinlichen und in kategorischer Form gehaltenen religi\u00f6s-rituellen Vorschriften des neuen Kodex eher anzogen als abstie\u00dfen. <\/p>\n<p>Der Erfolg des Gesetzbuches war ohne Beispiel: von 1564 bis 1600 erlebte es an verschiedenen Orten acht vollst\u00e4ndige Ausgaben, ohne den Neudruck einzelner B\u00e4nde mitzurechnen. <\/p>\n<p>Einige Jahre nach dem Erscheinen des \u00bbSchulchan Aruch\u00ab f\u00fchrte einer der ma\u00dfgebendste der polnischen Rabbiner, Moses lsserles, mit Erg\u00e4nzungen und Berichtigungen, die er im Hinblick auf die von dem Sepharden Karo nicht ber\u00fccksichtigten aschkenasischen Br\u00e4uche vornehmen musste, auch in Polen ein. <\/p>\n<p>Die ungeheure Macht des Geistes und des Willens, die in den beiden Riesenwerken des Joseph Karo zum Ausdruck kam, fl\u00f6\u00dfte seinen Zeitgenossen tiefste Ehrfurcht ein. Er galt vielen als ein von Gott inspirierter Mann, der seine Entscheidung in umstrittenen Gesetzesfragen auf unmittelbare Weisung von oben traf, \u00fcbrigens bildete sich der mystisch gestimmte Karo auch selbst ein, dass er seine Einf\u00e4lle auf dem Gebiete der Gesetzeskunde den Offenbarungen eines unsichtbaren Genius zu verdanken habe, den er mit dem der \u00bbMischna\u00ab als der Urquelle des Talmud und des Rabbinismus identifizierte.<\/p>\n<p>In einem der Verfasserschaft des Joseph Karo zugeschriebenen apokryphen Buch \u00bbMaggid mescharim\u00ab (\u00bbDer Wahrheitsverk\u00fcnder\u00ab) wird dem Sch\u00f6pfer des \u00bbSchulchan Aruch\u00ab sogar ein ausf\u00fchrlicher Bericht \u00fcber seine wunderbaren Visionen in den Mund gelegt ((Das Buch stammt wohl von einem der begeisterten J\u00fcnger des Karo, der dem Kreise der Mystiker von Safed angeh\u00f6rt haben mochte und sich in Verfolgung der bekannten Verfahrensweise hinter dem Namen seines Helden verbarg.)) : es soll ihm n\u00e4mlich ein geheimnisvoller Sendbote (\u00bbMaggid\u00ab) n\u00e4chtliche Besuche abgestattet und ihm offenbart haben, wie er die unentwirrbaren Fragen der Talmudwissenschaft entscheiden und seinen Geist durch asketische Exerzitien st\u00e4hlen solle, um sich des Titels des \u00bbDiasporahauptes\u00ab und schlie\u00dflich der der M\u00e4rtyrerkrone w\u00fcrdig zu erweisen. Der von jeher mystisch veranlagte Joseph Karo geriet in seinen letzten Lebensjahren unter den Einfluss des Konventikels der Kabbalisten von Safed, aus dem der ber\u00fchmte Ari, der Sch\u00f6pfer der praktischen Kabbala, hervorgegangen ist. <\/p>\n<p>Das 16. Jahrhundert stellt \u00fcberhaupt in der Geschichte des Rabbinismus, sowohl in der T\u00fcrkei wie auch in dem neuen Zentrum der Judenheit, in Polen, eine Zeit h\u00f6chster Bl\u00fcte dar. Die Rabbiner von Konstantinopel, Saloniki, Adrianopel, Jerusalem, Safed, Damaskus, Kairo, Alexandrien sowie vieler anderer Gemeinden hinterlie\u00dfen eine Reihe von Werken, die davon Zeugnis ablegen, wie rege das damals auf dem Gebiet der Talmudwissenschaft herrschende Leben war. Wir haben es hierbei mit einer Erscheinung zu tun, wie sie in der Geschichte der Diaspora zu Zeiten, da sich die j\u00fcdischen Gemeinden uneingeschr\u00e4nkter innerer Autonomie erfreuten und die nationale Gesetzgebung sich nicht nur auf das religi\u00f6se Leben, sondern auch auf die b\u00fcrgerlichen Rechtsverh\u00e4ltnisse erstreckte, immer wieder zutage trat. Die rabbinischen Autorit\u00e4ten dieser Zeit standen in einem regen Briefwechsel miteinander, der jene Fragen der Religion, des Ritus, des b\u00fcrgerlichen und namentlich des Familien- und Erbrechts betraf, denen eine eminent praktische Bedeutung zukam, weil n\u00e4mlich die Rabbiner der autonomen Gemeinden diese Fragen von Amts wegen als Richter zu entscheiden hatten. So sind denn auch im damaligen Schrifttum am reichlichsten Sammlungen rabbinischer \u00bbFragen und Entscheidungen\u00ab (\u00bbScheelot u&#8217;teschubot\u00ab) oder \u00bbResponsen\u00ab vertreten. <\/p>\n<p>An diesen schriftlich gef\u00fchrten kasuistischen Debatten blieb auch Joseph Karo nicht unbeteiligt, von dem uns neben seinen Hauptwerken viele Responsen \u00fcberliefert sind (die Sammlung \u00bbAbkath Rochel\u00ab u. a.). <\/p>\n<p>Die ausgedehnteste juristische Korrespondenz unterhielten jedoch in der zweiten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts zwei aus Italien geb\u00fcrtige Rabbiner: der Nachfolger des Karo im Rabbineramte von Safed Moses di Trani (abgek\u00fcrzt Ha&#8217;mabit genannt) und der Oberrabbiner von Saloniki Samuel di Modena (Raschdam).<br \/>\nDie von ihnen zu Tausenden ver\u00f6ffentlichten Responsen bieten reicl1lichen Stoff f\u00fcr die Kultur-und Sittengeschichte der t\u00fcrkischen Judenheit jener Zeit. Zugleich entsteht eine Reihe neuer zum Talmud und zu den Werken der \u00e4lteren Kodifikatoren verfasster Kommentare, von denen einer, zum Kodex des Maimonides (\u00bbKesef Mischne\u00ab), wiederum der fruchtbaren Feder des Joseph Karo entstammt. Ein dieser Zeit nal1estehender Annalist (David Conforte) vermag mehr als hundert Namen von hervorragenden rabbinischen Schriftstellern und Jeschiwah\u00e4uptern aufzuz\u00e4hlen, die sich damals um die Verbreitung des Wissens in den Gemeinden des ottomanischen Reiches verdient gemacht haben. <\/p>\n<p>Was die in dieser Zeit entstandenen Bibelkommentare betrifft, so waren sie im Gegensatz zu den Erzeugnissen des alten sephardischen Schrifttums nicht mehr der Niederschlag religionsphilosophischer Forschung, sondern ein Hilfsmittel f\u00fcr die Unterweisung des Volkes im Geiste der damaligen Mystik und Askese: Sammlungen von synagogalen Predigten \u00fcber biblische Textstellen. Ein typischer Vertreter dieser Art von Kommentatoren war einer der J\u00fcnger des Joseph Karo, der Rabbiner von Safed, Moses Alscheich, (gest. um 1600). Seine zahlreichen kommentierenden Predigten (\u00bbTorat Mosche\u00ab u. a.) sind ganz auf religi\u00f6se Unterweisung, auf die Erziehung zur Gottesfurcht und zur Geringsch\u00e4tzung des eitlen irdischen Daseins eingestellt.<br \/>\nIn den von ihm bevorzugten Allegorien ist zugleich mit dem unmittelbaren Sinn des Bibeltextes auch die ganze Sch\u00f6nheit der Legenden und alle Weisheit der Altvorderen bis zur Unkenntlichkeit verwischt. <\/p>\n<p>Und doch sollte diese Methode in der Folgezeit Tausenden und Abertausenden von \u00bbMaggidim\u00ab als Vorbild dienen, so dass sie all ihre Weisheit aus den B\u00fcchern des Alscheich zu sch\u00f6pfen pflegten.<br \/>\nEinen mehr weltlichen Charakter verraten die Predigten des europ\u00e4ischen Berufsgenossen des Alscheich, des Rabbiners von Saloniki, Moses Almosnino. Dieser Zeitgenosse des Joseph Nassi wirkte in hervorragendster Weise bei dem Zusammenschluss der in Saloniki nebeneinander bestehenden landsmannschaftlichen Streiterei mit und trug nicht wenig zur musterg\u00fcltigen Organisation der ihm anvertrauten Gemeinde bei.<br \/>\nIm Jahre 1565 begab er sich an der Spitze einer Gemeindedeputation nach Konstantinopel, um die j\u00fcdischen B\u00fcrgerrechte vor den Anschl\u00e4gen der Griechen zu sichern, und es gelang ihm, durch die Vermittlung des Joseph Nassi bei dem Sultan einen Schutzbrief zu erwirken.<br \/>\nDas temperamentvolle, dem \u00f6ffentlichen Leben ganz zugewandte Wesen des Almosnino kommt auch in seinen Predigten voll zur Geltung, die h\u00e4ufig vom ungebundenen Geiste der bl\u00fctenreichen Rhetorik der fr\u00fcheren Zeit getragen sind (so die B\u00fccher \u00bb Tefilla le&#8217;Mosche\u00ab, \u00bbMeammez koach\u00ab u. a.).<br \/>\nDer vielseitig gebildete, in der Physik, Astronomie und Philosophie gleich bewanderte Sepharde Almosnino verfasste einige seiner Werke in spanischer Sprache, jedoch in hebr\u00e4ischer Schrift ab (so: \u00bbRegimienlo de la vida\u00ab -\u00fcber Willensfreiheit und Pr\u00e4destination, \u00fcber den Ursprung des Guten und B\u00f6sen und \u00fcber den Wert der Astrologie; \u00bbExtremos i grandezas de Constantinopla\u00ab -\u00fcber das Ottomanische Reich, \u00fcber den in dessen Hauptstadt herrschenden Kontrast zwischen Reichtum und Armut, Laster und Tugend und dergleichen mehr). <\/p>\n<p>Diese und \u00e4hnliche j\u00fcdisch-spanische Werke, die in Konstantinopel und Saloniki gedruckt wurden, begr\u00fcndeten eine besondere Literatur im \u00bbLadino\u00ab, jenem spaniolischen Dialekt, der die Umgangssprache der \u00f6stlichen Sephardim war. <\/p>\n<p>Ungeachtet seines Hanges zum Philosophieren hielt sich Almosnino von jedem Freidenkertum durchaus fern, so dass man ihm die weltliche Form mancher seiner Werke gern nachsah. Umso sch\u00e4rfer traten die Rabbiner jedem freidenkerischen Anschlag auf die geheiligte Tradition entgegen. Als z. B. in Safed das Werk des italienischen Schriftstellers Asarja de Rossi \u00bbMeor enaim\u00ab bekannt wurde, in dem manche Geschichtsprobleme einer vorurteilslosen Behandlung unterzogen wurden, fassten Joseph Karo und das von ihm geleitete Rabbinerkollegium den Beschluss, das \u00bbketzerische\u00ab Buch durch einen Bannspruch f\u00fcr vernichtungsw\u00fcrdig zu erkl\u00e4ren; der Tod verhinderte jedoch Karo an der Ausf\u00fchrung seines Vorhabens, und so wurde der Cherem erst nach seinem Ableben von seinen J\u00fcngern, darunter auch von dem oben erw\u00e4hnten Alscheich, proklamiert (1575). <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Dubnow beschreibt die Entstehung des Schulchan Aruch und die Zeit, in der er entstand.<\/p>\n","protected":false},"author":30,"featured_media":2718,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[42,44],"tags":[248,51],"class_list":["post-2716","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","category-themen","tag-karo","tag-schulchan-aruch"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/schulch_aruch_ico.jpg?fit=1200%2C800&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2716","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/30"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2716"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2716\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2717,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2716\/revisions\/2717"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2718"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2716"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2716"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2716"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}