{"id":335,"date":"2025-06-26T13:31:48","date_gmt":"2025-06-26T11:31:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=335"},"modified":"2025-08-06T11:35:50","modified_gmt":"2025-08-06T09:35:50","slug":"tischa-beav-und-die-drei-vorausgehenden-wochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tischa-beav-und-die-drei-vorausgehenden-wochen\/","title":{"rendered":"Tischa beAw und die drei vorausgehenden Wochen"},"content":{"rendered":"\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Geschichte des Tages<\/h2>\n\n\n\n<p>Argentinien ist Heimat der gr\u00f6\u00dften j\u00fcdischen Gemeinden Lateinamerikas. Sieben Stockwerke hatte das Geb\u00e4ude der \u00bbAsociaci\u00f3n Mutual Israelita Argentina\u00ab (AMIA) in Buenos Aires, ein Gemeindezentrum f\u00fcr die Juden der Stadt. Am 18. Juli 1994 wurde ein Lieferwagen in den Eingangsbereich der AMIA gesteuert, beladen mit einer aus Ammoniumnitrat beladenen Bombe.<br>Die fahrende Bombe t\u00f6tete 85 Menschen, verletzte mehr als 300 schwer und machte das Gemeindezentrum dem Erdboden gleich. Sp\u00e4ter vermutete man, die Hisbollah steckte hinter diesem Anschlag.<br>Am 1. August 1914 ergeht Deutschlands Kriegserkl\u00e4rung an Russland. Zu gleicher Zeit beginnt die Mobilmachung der deutschen Truppen. Nachdem bereits \u00d6sterreich-Ungarn den Krieg gegen Serbien erkl\u00e4rt hat, beginnt nun der Erste Weltkrieg, der am Ende zehn Millionen Menschen das Leben kosten wird.<br>Im Jahr 1492 erlie\u00df Isabella von Kastilien ein Dekret, wonach sich alle Juden des Landes bis zum 31. Juli 1492 entweder taufen lassen sollten, oder das Land zu verlassen hatten. Die Vertreibung der Juden aus Spanien hatte begonnen.<br>Diese drei, scheinbar wahllos gew\u00e4hlten, Ereignisse aus der j\u00fcdischen Geschichte, sind nicht nur durch den gro\u00dfen Schrecken, der ihnen innewohnt, verbunden. Sie fanden auch alle am gleichen j\u00fcdischen Datum statt, dem 9. Aw \u2013 <em>Tischa be Aw<\/em>. Ein Fasten- und Gedenktag, der urspr\u00fcnglich an weiter zur\u00fcckliegende Ereignisse der j\u00fcdischen Geschichte erinnern sollte: In der Tradition hei\u00dft es, dass an diesem Tag Mosche die 12 Sp\u00e4her in das Land Israel gesendet hat. Sie verbreiteten durch ihren Bericht \u00fcber das Land Angst und Schrecken. Infolge dessen wurde dieser Tag zu einem Tag des Klagens und Weinens f\u00fcr das j\u00fcdische Volk (Vgl. BaMidbar Kapitel 13 und 14).<br>\u00bbRabbi Jochanan sagte, dass dieser Tag (als die Kundschafter aus dem Land Jisrael kamen und ihren entmutigenden Bericht ablieferten), der Vorabend von Tischah be&#8217;Av war. Der Heilige, gelobt sei sein Name, sagte: \u201eDu hast f\u00fcr nichts geweint. Ich werde dieses Datum f\u00fcr euch als einen Tag wirklichen Weinens f\u00fcr alle kommenden Generationen einsetzen.\u00ab (Talmud Bavli Taanit 29a).<\/p>\n\n\n\n<p>Wie man den anfangs beschriebenen Ereignissen entnehmen kann, scheint es tats\u00e4chlich so zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 586 vor unserer Zeitrechnung zerst\u00f6rten die Babylonier den Ersten Tempel, den <em>Schlomoh<\/em> erbaut hatte \u2013 und f\u00fcr das j\u00fcdische Volk begann das babylonische Exil. Und schon im Anschluss daran haben J\u00fcdinnen und Juden f\u00fcr den Verlust des Ersten Tempels gefastet. So nimmt es Maimonides, der Rambam (1135\u20131204), in seinem Kommentar zur Mischna Rosch Haschana (1,3) an. Wenngleich der Tempel wiedererrichtet wurde, war der Verlust ein tiefer Schnitt und pr\u00e4gte sich ein. Im Jahre 70 wurde an genau diesem Tag auch der Zweite Tempel zerst\u00f6rt, und die Verbannung der Juden aus ihrem Land begann, w\u00e4hrend die Unheilsf\u00e4lle sich in der Zeit zwischen dem 17. Tammus und dem 9. Aw h\u00e4uften.<\/p>\n\n\n\n<p>In der charejdischen Welt ist Tischa be Aw auch der Tag, an dem an die Opfer der Schoa erinnert wird. In j\u00fcngster Zeit verfassten Rabbiner Schlomoh Halberstam und Rabbiner Schimon Schwab spezielle <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/kinnot-fuer-tischa-beaw-am-morgen\/\">Kinnot<\/a> (Klagelieder) f\u00fcr diesen Zweck.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><em><strong>Halachot und Gebr\u00e4uche dieser Zeit<\/strong><\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Zeit zwischen dem 17. Tammus und dem 9. As war immer eine Zeit des Ungl\u00fccks und Unheils f\u00fcr das j\u00fcdische Volk.<br>Trauerbr\u00e4uche werden w\u00e4hrend dieser Zeit beachtet. Man vermeidet Freude und auch gef\u00e4hrliche oder Riskikoreiche Unternehmungen sollten vermieden werden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ach, wie liegt einsam die Stadt,<br>so volkreich sonst!<br>Wie eine Witwe ist sie geworden,<br>Die gro\u00df war unter den V\u00f6lkern.<br>Die F\u00fcrstin der St\u00e4dte<br>Muss tragen das Joch.<\/p>\n<cite>Beginn des Buches &#8222;Echah&#8220; das zu Tischa beAw gelesen wird.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Rabbi Jochanan sagte, dass dieser Tag (als die Kundschafter aus dem Land Jisrael kamen und ihren entmutigenden Bericht ablieferten), der Vorabend von Tischah be&#8217;Av war. Der Heilige, gelobt sei sein Name, sagte, \u00bbDu hast f\u00fcr nichts geweint. Ich werde dieses Datum f\u00fcr Euch als ein Tag wirklichen Weinens f\u00fcr alle kommenden Generationen einsetzen\u00ab.<br><em> Talmud Bavli Taanit 29a<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Neunte Aw (Tischa beAw) wird in Trauer begangen, dieser Tag ist ein besonderer Fastentag. Torahschrein und Lesepult werden von den schmuckvollen Vorh\u00e4ngen entbl\u00f6\u00dft und bei schwachem Licht werden am Abend die Kinnot gelesen. Ereignisse der j\u00fcdischen Geschichte die an Tischa beAw stattfanden:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Am neunten Aw wurde verf\u00fcgt, dass die Generation, die durch die W\u00fcste gewandert war, nicht das Land Jisrael betreten durfte (Bamidbar 14,26-35)<\/li>\n\n\n\n<li>Im Jahre 3338 wurde der erste Tempel durch Nebuzaradan zerst\u00f6rt. Er war ein Gesandter des babylonischen K\u00f6nigs Nebukadnezar.<\/li>\n\n\n\n<li>Im Jahre 3318 zerst\u00f6rten die R\u00f6mer den zweiten Tempel.<\/li>\n\n\n\n<li>Die R\u00f6mer zerst\u00f6rten die Stadt Bethar und t\u00f6teten alle ihre Bewohner.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Vertreibung der Juden aus England 1290<\/li>\n\n\n\n<li>Die Vertreibung der Juden aus Spanien<\/li>\n\n\n\n<li>Der Ausbruch des ersten Weltkrieges<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Regeln und Br\u00e4uche w\u00e4hrend der \u00bbDrei Wochen\u00ab (Kitzur Schulchan Aruch \u00a7122)<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Es finden keine Hochzeiten statt, w\u00e4hrend aber Verlobungen erlaubt sind.<\/li>\n\n\n\n<li>Man h\u00f6rt nicht Musik<\/li>\n\n\n\n<li>Man h\u00e4lt sich von fr\u00f6hlichen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen fern.<\/li>\n\n\n\n<li>Man vermeidet Ausfl\u00fcge<\/li>\n\n\n\n<li>Man schneidet sich nicht die Haare<\/li>\n\n\n\n<li>Man vermeidet das Sagen der Brachah: &#8222;Schehechijanu&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>Man trinkt keinen Wein und verzehrt kein Fleisch (au\u00dfer am Schabbat)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">W\u00e4hrend der \u00bbNeun Tage\u00ab<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Man vermeidet es, Dinge zu kaufen, die einem Freude bereiten.<\/li>\n\n\n\n<li>Man verzichtet v\u00f6llig auf den Verzehr von Fleisch und Wein (wenn man dies nicht schon w\u00e4hrend der &#8222;Drei Wochen&#8220; begonnen hat); auch hier gilt, da\u00df man Fleisch und Wein genie\u00dfen darf, wenn man sie am Schabbat verzehrt, oder im Anschlu\u00df an eine Mitzvah.<\/li>\n\n\n\n<li>Man verzichtet auf das Tragen neuer Kleidung.<\/li>\n\n\n\n<li>Man badet nicht zum Vergn\u00fcgen, sondern nur um sich zu reinigen. Vorzugsweise sollte man kaltes Wasser benutzen. Au\u00dferdem sollte sich nicht der gesamte K\u00f6rper im Wasser befinden. Am Freitag ist das Baden in warmen Wasser erlaubt, um den Schabbat zu ehren.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tischa be Aw \u2013 der Tag selbst<\/h3>\n\n\n\n<p>Am Abend vor Tischa be Av sollte man eine ausgedehnte Mahlzeit essen, als Vorbereitung auf das Fasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz vor dem Fasten nimmt man noch eine spezielle Mahlzeit zu sich. <em>Seuda Ha&#8217;maf sekes<\/em> &#8211; Ein gekochtes Ei, Brot und Wasser. Das Ei erinnert uns an den Kreislauf des Lebens. Diese Mahlzeit wird auf dem Boden sitzend gegessen, als Symbol der Trauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Tischa be Aw ist ein voller Fastentag, vom Abend bis zum n\u00e4chsten Abend wird weder gegessen noch getrunken.<br>Schwangere und stillende Frauen sind ebenfalls zum Fasten verpflichtet.<br>Kranke, Alte und schwache Menschen sind vom Fasten befreit.<br>Medizin darf eingenommen werden, wenn es m\u00f6glich ist, ohne Wasser.<br>Man w\u00e4scht sich nicht, nach dem Aufstehen reinigt man sich lediglich die Finger.<br>Das Tragen von Lederschuhen ist nicht erlaubt.<br>Das Lernen von Torah und Talmud ist nicht erlaubt, ausgenommen von Stellen, die sich auf Trauer beziehen, denn das Lernen von Torah wird als Freude betrachtet.<br>Man sitzt auf dem Boden<br>Man gr\u00fc\u00dft andere nicht, wenn man einen Gru\u00df erwidern muss, dann nickt man nur mit dem Kopf oder bewegt nur die Lippen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kinnot<\/h2>\n\n\n\n<p>In den dunklen Synagogen wird das biblische Buch Ejcha (Klagelieder) rezitiert. Eindr\u00fcckliche Bilder werden verwendet, um zu zeigen, wie die Stadt Jerusalem entv\u00f6lkert wurde, wie im oben zitierten Buch Echah.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinnot, also jene Trauerges\u00e4nge, die zu Tischa beAw im Anschluss an die Klagelieder aus dem Buch Ejcha rezitiert werden, greifen vor allem die \u00e4lteren Ereignisse auf, an die wir an diesem Tag erinnern. Aber einige Kinnot thematisieren auch neuere Katastrophen. Die Kinna \u00bb<em>Mi jiten roschi majim<\/em> \u2013 w\u00e4re doch mein Haupt ein Wasserstrom\u00ab ist eine von ihnen. Der Text beschreibt die Trag\u00f6dien der Gemeinden Worms, Speyer und Mainz w\u00e4hrend des ersten Kreuzzugs im Jahr 1096. Ihre ersten Verse sind zeitlos erschreckend und k\u00f6nnten auch j\u00fcngste Ereignisse beschreiben: \u00bbW\u00e4re doch mein Haupt ein Wasserstrom, mein Auge ein Tr\u00e4nenquell, auf dass ich Tag und Nacht beweinen k\u00f6nnte die Erschlagenen meiner Gemeinden, die Kinder und S\u00e4uglinge und Greise.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Um nach diesem einschneidenden Tag nicht vollst\u00e4ndig in Hoffnungslosigkeit zu fallen, versichert man sich dann im Winter, dass der Tempel einst wiedereingerichtet werde: zu Chanukka. Die Mischna Ta\u2019anit endet (4,8) mit \u00bbM\u00f6ge er (der Tempel) bald, in unseren Tagen noch, wiedererbaut werden! Amen.\u00ab Und Rabbiner Schimon Schwab beendet seine <em>Kinna<\/em> mit einer Aussicht auf Trost: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbOh lebendiger G\u2019tt! Barmherziger Einer! \/ Tr\u00f6ste deine Gemeinde, die sich so m\u00e4chtig nach dir sehnt, \/ Lass neues Licht leuchten, lass Strahlen der Herrlichkeit leuchten, \/ und m\u00f6ge G\u2019ttes Geist schweben.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tischa beAv und die drei vorausgehenden Wochen sind eine Zeit tiefer Trauer und Erinnerung im j\u00fcdischen Kalender. In diesen Tagen gedenkt das j\u00fcdische Volk zahlreicher Katastrophen und Verluste seiner Geschichte \u2013 von der Zerst\u00f6rung der beiden Tempel bis zu Vertreibungen und modernen Attentaten. Der Artikel beleuchtet die Urspr\u00fcnge, Br\u00e4uche und die besondere Bedeutung dieser Periode, in der Freude und Festlichkeit zur\u00fcckgestellt werden und das Gedenken an das Leid im Vordergrund steht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2398,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[],"class_list":["post-335","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-tischa-beaw"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/tischa_beAw_titel2.jpg?fit=1200%2C800&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/335","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=335"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/335\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10148,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/335\/revisions\/10148"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2398"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=335"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=335"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=335"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}