{"id":346,"date":"2013-12-12T16:25:46","date_gmt":"2013-12-12T14:25:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=346"},"modified":"2020-09-03T11:15:32","modified_gmt":"2020-09-03T09:15:32","slug":"judentum-und-christentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/judentum-und-christentum\/","title":{"rendered":"Judentum und Christentum"},"content":{"rendered":"\n<p>Max Dienemanns wichtiges Buch zu den Unterschieden von Judentum und Christentum aus dem Jahre 1919 zum online lesen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"159\" height=\"253\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/buchvoransicht.jpg?resize=159%2C253\" alt=\"Buch\" class=\"wp-image-733\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Als Verteter eines traditionsorientierten, gegen die Assimilation gewandten, liberalen Judentums, erkl\u00e4rte er ganz klar, wo die Grenzen zwischen den Religionen liegen und wie viel eigener Wert im Judentum liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Rabbiner Dienemanns Werk hat heute nichts von seiner Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft und sollte Grundlagenwerk f\u00fcr j\u00fcdisch-christlichen Dialog sein.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Max-Dienemann-Christentum-Chajm-Guski\/dp\/3735718736\/\">Hier als Buch bestellbar<\/a> (5,90 Euro &#8211; oder \u00fcber den Buchhandel ISBN-10: 3735718736)<\/p>\n\n\n\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p>Von Unterschieden zwischen Judentum und Christentum soll auf den folgenden Bl\u00e4ttern die Rede sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu welchem Zwecke? Nicht in der Absicht anzugreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sei uns fern, eine Kritik des Christentums zu geben, Glaubenss\u00e4tzen nahe zu treten, in denen Millionen Menschen Beseligung und innere Ruhe finden. Worauf es uns ankommt, ist einzig und allein, zu zeigen, welche Lehren dem Judentum eigent\u00fcmlich sind, was die Juden von altersher von dem Eintritt in das Christentum abhielt und auch in aller Zukunft abhalten muss. So wahr es ist, dass .aller Religion H\u00f6chstes und Letztes ist, die Menschen durch den gemeinsamen Besitz Gottes in einem Bruderbunde zu einigen und zu der Erkenntnis zu f\u00fchren, dass echte Fr\u00f6mmigkeit sich in allen Religionsgemeinschaften finde, so wahr ist es auch, dass man sich in den besonderen Geist jeglicher Religion hinein f\u00fchlen, sie in ihrer Geschlossenheit begreifen und in ihrer Eigenart erleben muss, wenn jeder in seiner Religion diese letzten und h\u00f6chsten gemeinsamen Endziele finden soll. Man kann nicht die seelischen Voraussetzungen, die Wurzeln einer religi\u00f6sen. Anschauung als belanglos und gleichg\u00fcltig beiseite schieben und sich nur an die willkommenen Fr\u00fcchte halten; will man die Fr\u00fcchte aller Religion, die N\u00e4chstenliebe und die Sittlichkeit ernten, dann muss man auch die Wurzeln jeglicher religi\u00f6sen Anschauung pflegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den modernen Menschen hatte bereits ein neu sich regendes Sehnen die Notwendigkeit des Besitzes religi\u00f6ser Ideale gelehrt, und unsere j\u00fcngsten Erlebnisse haben dieses Sehnen vertieft und gesteigert; damit beginnt aber auch ein neuer Wettkampf der Religionen in ihrem Streben, die Welt mit ihren Gedanken zu erf\u00fcllen, und zwar nicht nur auf der Grundlage der dogmatischen Pr\u00e4gung, die sie in alten Zeiten erhielten, sondern auf dem Grunde der ganzen ihren Bekennern eigent\u00fcmlichen Anschauung. Und eben darum ist es vonn\u00f6ten, mit-, aller Entschiedenheit und Deutlichkeit die Lehren zu zeigen, die das Judentum bisher mit Z\u00e4higkeit festgehalten hat, in denen es sich von der christlichen Umwelt unterschieden f\u00fchlte, und an denen es auch weiter festhalten muss, wenn es sich erhalten will. Es handelt sich, um es mit einem Worte zu wiederholen, darum, f\u00fcr das Judentum das Recht auf die eigene Anschauung erneut aufzustellen und zu begr\u00fcnden. Diese Aufgabe w\u00e4re \u00fcberfl\u00fcssig, wenn man der \u00dcberzeugung sein k\u00f6nnte, dass die Unterschiede der religi\u00f6sen Lehren allgemein bekannt w\u00e4ren. Das ist aber keineswegs der Fall.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegenteil, es herrscht gerade \u00fcber die Punkte, in denen Judentum und Christentum am entschiedensten auseinandergehen, eine seltsame und bedauerliche Unkenntnis. Innerhalb der j\u00fcdischen Kreise hat sich infolge der vielfachen auf das Judentum gerichteten Angriffe fast alles Interesse in der Verteidigung ersch\u00f6pft, so dass man nur selten Gelegenheit fand, positiv die besondere Art der j\u00fcdischen Ideenwelt hervorzuheben. Und innerhalb der nichtj\u00fcdischen Kreise ist man meistens so befangen in der Anschauung, dass das Judentum eine \u00fcberwundene und abgetane Form der Religion sei, dass man es sich gar nicht vorzustellen vermag, die Juden von heute sollten sich nicht als \u00fcberwunden erkl\u00e4ren, ja h\u00e4tten sogar ein deutliches Bewusstsein von ihrer religi\u00f6sen Eigenart und den ausgesprochenen Willen, sie zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht zudem die Juden \u2013 infolge ihrer eigent\u00fcmlichen politischen Stellung \u2013 so ganz und gar mit dem Kampf um die b\u00fcrgerliehe Gleichberechtigung besch\u00e4ftigt, dass ein Au\u00dfenstehender in der Tat zu der Meinung kommen kann, dieser Kampf sei ihr einziges Interesse; und sie hielten der alten Glaubensgemeinschaft h\u00f6chstens aus Gr\u00fcnden der Ehre oder der Piet\u00e4t die Treue, aber ohne die Gewissheit eigener Ideale und. deren Lebensf\u00e4higkeit, Soweit geht schlie\u00dflich die Unkenntnis der wahren Sachlage, dass man wohl. die Unterschiede zwischen orthodoxem Judentum und orthodoxem Christentum begreift; dass man aber schon fast widerspruchslos das Urteil passieren l\u00e4sst, zwischen liberalem Judentum und liberalem Christentum sei ein innerer Unterschied nicht vorhanden. Da ist eine gr\u00fcndliche Aufkl\u00e4rungsarbeit n\u00f6tig, die klar und entschieden zeigt, wie im Religi\u00f6sen eine geschlossene j\u00fcdische einer ebenso geschlossenen christlichen Anschauung gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das also dargelegt werden soll, dann bedarf es nicht der l\u00fcckenlosen Aufz\u00e4hlung aller Punkte, in denen sich Judentum und Christentum unterscheiden; von der Dreieinigkeit, dem Marienkult, der Heiligenverehrung erneut zu reden, ist unn\u00f6tig. Nicht etwa deshalb, weil es auch Christen gibt, die dar\u00fcber zur Tagesordnung \u00fcbergegangen sind, und weil diese Lehren deshalb als von untergeordneter Bedeutung erscheinen k\u00f6nnten; denn das Bekenntnis der Kirche h\u00e4lt sie unverbr\u00fcchlich fest, und dieses Bekenntnis wird bei jedem Gottesdienst gesprochen, und jeder \u00dcbertretende hat sich darauf zu verpflichten. Ihre Bedeutung in der Reihe der Unterschiede zwischen Judentum und Christentum, ist noch immer die alte, aber sie sind so allgemein bekannt, dass sie nicht mehr besonders erw\u00e4hnt zu werden brauchen. Uns muss es sich hier um den einen Punkt handeln, der h\u00fcben und dr\u00fcben das Charakteristische ist, der in den alten Tagen der Ausgangspunkt aller Unterschiede war und auch heute, und heute mehr denn je, der wesentliche ist, an dem gleichsam alles andere h\u00e4ngt. Und dieser Punkt ist die Lehre vom Menschen, die Anschauung \u00fcber Art und Wesen des Menschen. Zu schildern, wie Judentum und Christentum \u00fcber den Menschen, sein Wesen und K\u00f6nnen urteilen, wie daraus alle Unterschiede zwischen den beiden Religionen hervor wachsen, das und nur das sei die Aufgabe dieser Schrift.<br>Das Wesen des Menschen<\/p>\n\n\n\n<p>Geben wir erst einmal mit einem kurzen und knappen Satz den wesentlichen Unterschied:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Judentum lehrt, dass die Seele des Menschen von Geburt rein und s\u00fcndlos ist, dass der Mensch. von Natur aus mit der F\u00e4higkeit begabt ist, das Gute zu tun und sittlich zu handeln aus eigener Kraft. Das Christentum lehrt, dass der Mensch von Geburt an mit S\u00fcnde behaftet ist, dass seine eigene Kraft nicht ausreicht, das Gute zu tun, dass S\u00fcnde und Schuld die herrschende Macht im menschlichen Leben ist\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist, in wenigen Worten, der grundlegende Unterschied. Nun wird sich die Frage erheben: Ist dieser Unterschied denn so schwerwiegend? Es ist ja in der Tat bei einem fl\u00fcchtigen Erfassen des Satzes kaum zu begreifen, dass von hier aus die Kluft der Anschauung zwischen den zwei Religionen sich auftun soll; dass von hier aus die Pers\u00f6nlichkeit Christi in den Mittelpunkt des christlichen Bewusstseins r\u00fccken musste; dass von hier aus eine verschiedengeartete Wertung der Welt und der Kultur sich vollzieht. Darum wird es notwendig sein, ausf\u00fchrlich die j\u00fcdische und diechristliche Anschauung zu schildern. Beginnen wir mit der Darstellung der christlichen Lehre. Das Christentum geht von der biblischen Erz\u00e4hlung von Adams S\u00fcnde aus. Durch seine S\u00fcnde habe Adam Kr\u00e4fte und Gaben, mit denen Gott den Menschen urspr\u00fcnglich ausgestattet hatte, verloren. Die Folgen der S\u00fcnde des ersten Menschen schildern die beiden Zweige des Christentums, Katholizismus und Protestantismus, in folgender Weise. Der Katholizismus lehrt, dass durch die S\u00fcnde das Ebenbild Gottes im Menschen nicht g\u00e4nzlich zerst\u00f6rt, sondern nur verunstaltet wurde, dass der Wille seiner Kraft gebrochen und dauernd geschw\u00e4cht wurde, so dass er nunmehr zum B\u00f6sen sich neige. Was im Menschen zur\u00fcckblieb, das w\u00e4re eine gewisse F\u00e4higkeit, gelegentlich einzelne \u201eb\u00fcrgerlich\u201c gute Handlungen zu verrichten, aber einen religi\u00f6sen Wert haben diese Taten nicht, sie sind kein Mittel der Verbindung des Menschen mit Gott. Sch\u00e4rfer noch zeichnet der Protestantismus die Folgen des S\u00fcndenfalles. Nicht nur, dass der Mensch in seinen nat\u00fcrlichen F\u00e4higkeiten geschw\u00e4cht worden sei, nein, es sei nunmehr in ihm eine v\u00f6llige Verderbtheit, eine vollst\u00e4ndige Unf\u00e4higkeit, aus eigener Kraft irgendetwas Gutes zu tun, sodass im Grunde alle Werke des Menschen, auch seine so genannten guten, eitel S\u00fcnde sind. Geblieben sei im Grunde nur die religi\u00f6se Anlage, d. h. die F\u00e4higkeit, die ganze Qual, der nunmehrigen Gottverlassenheit zu empfinden, und die F\u00e4higkeit, erl\u00f6st zu werden; zerst\u00f6rt dagegen sei die Anlage, sich aus eigener Kraft zu entwickeln. Diese S\u00fcnde des Adam aber mit allen ihren Folgen: sei nicht blo\u00df seine, des Adam, S\u00fcnde geblieben, sondern sie sei von ihm auf die ganze Menschheit \u00fcbergegangen, so dass fortan jeder Mensch in dem Zustande in die Welt eintritt, in dem Adam nach seiner S\u00fcnde war.<\/p>\n\n\n\n<p>Es erbe sich die S\u00fcnde des ersten Menschen so durch das ganze Menschengeschlecht hindurch fort; man nennt sie daher die Erbs\u00fcnde. Sie wird gedacht als eine innere, in der Seele haftende, allen Menschen, eigene Schuld; sie ist nicht etwa eine nur einmalige Handlung, ein vereinzeltes, dem g\u00f6ttlichen Willen widerstrebendes Handeln, sondern ein dauernder Zustand der Abwendung von Gott, eine Gesamtrichtung und ein Gesamtzustand. Diese Erbs\u00fcnde bringe dem Menschen ewige Verdammnis; ihr fallen selbst die Kinder anheim, die noch nicht mit Wille s\u00fcndigen konnten. Mit jedem neu entstehenden Menschen entstehe neu die S\u00fcnde, mit seiner Geburt ist sie in ihm; sie geht jeder Tat des Einzelnen voraus, wie die Wurzel fr\u00fcher ist als die Zweige und die fehlerhafte Beschaffenheit fr\u00fcher als die b\u00f6se Tat. Dem Reiche Gottes setze sich so auf Erden ein Reich des Zornes entgegen. Es ergibt sich sonach als die gemeinsame christliche Vorstellung, dass die S\u00fcnde die Herrschaft \u00fcber das menschliche Leben gewonnen habe, dass die Kraft des Menschen, in frommer und reiner Tat den Weg zu Gott zu finden, gebrochen sei, dass er in S\u00fcnde und Schuld verstrickt, sei, die ihn gefangen nimmt und gefangen h\u00e4lt auch wider seinen Willen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit aller Sch\u00e4rfe ist diese ganze Lehre in den Briefen des Apostels Paulus ausgesprochen, so im Briefe an die R\u00f6mer:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDenn ich wei\u00df, dass in mir, das ist in meinem Fleische, wohnet nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das B\u00f6se, das ich nicht will, das tue ich. So ich aber tue, das ich nicht will, so tue ich das selbige nicht, sondern die S\u00fcnde, die in mir wohnet\u201c (7, 18 ff.).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeshalben, wie durch einen Menschen die S\u00fcnde ist kommen in die Welt und der Tod durch die S\u00fcnde, und ist also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle ges\u00fcndigt haben\u201c (5, 12).<\/p>\n\n\n\n<p>Und ferner im Briefe an die Epheser:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2026 wir taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren Kinder des Zornes von Natur\u201c (2, 3).<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen hier, wie die S\u00fcnde geradezu zu einer widerg\u00f6ttlichen, die Menschen beherrschenden Macht, erhoben wird, der niemand zu entrinnen vermag. Das Christentum hat, indem es den j\u00fcdischen Gedanken vom allerbarmenden Gott aufnahm und den Heiden predigte, in seiner Einflusssph\u00e4re die Idee des Fatums zerst\u00f6rt, des unerbittlich \u00fcber den Menschen waltenden Schicksals, dem keiner zu entrinnen verm\u00f6ge, jene Idee, unter der die Menschen des Altertums erseufzten und sich in Hoffnungslosigkeit verzehrten. Aber es ist, wie wenn jene Idee sich ger\u00e4cht und in ihrem Ersterben sich in die Vorstellung von der S\u00fcnde gefl\u00fcchtet h\u00e4tte, die nun ebenso wie einst das Schicksal die Menschen beherrscht. Es ist leicht zu verstehen, wie aus der vorgetragenen Grundanschauung vom Wesen des Menschen, seiner Geburt in S\u00fcnde, seiner Unf\u00e4higkeit, aus eigener Kraft sittlich zu handeln, die Lehren \u00fcber Gott und Christus entstehen mussten. Hat durch Adam die ganze Menschheit eine so schwere Schuld auf sich geladen, dann erfordert es die Gerechtigkeit, dass, daf\u00fcr volle S\u00fchne geleistet werde. Durch wen soll aber diese S\u00fchne geschehen? Durch den Menschen selbst? Unm\u00f6glich, er hat doch eben keine eigene Kraft dazu. Da ist nur eine Hilfe m\u00f6glich: wenn jemand, der rein und schuldlos ist, sich f\u00fcr die Menschen opferte und ihre S\u00fcnde auf sich n\u00e4hme. Denn der Tod des Reinen, Unschuldigen, so war ein weit verbreiteter Glaube unter den V\u00f6lkern des Altertums, kann eine S\u00fchne werden f\u00fcr den S\u00fcnder. Aber wo ist dieser S\u00fcndlose? Ein Mensch kann es nicht sein, denn die S\u00fcnde hat doch \u00fcber alle Menschen Macht. Da sagt nun das Christentum: Gott, selbst gab die S\u00fchne. Er nimmt in Jesus Menschengestalt an, und so ist dann auf der Erde einer, der rein und fleckenlos ist. Jesus nimmt die S\u00fcnden der Menschheit auf sich und stirbt zur S\u00fchne f\u00fcr sie. Er wird durch seinen Tod der Erl\u00f6ser der Menschen. Wer an ihn und seinen Opfertod glaubt, ist durch diesen Glauben befreit von der Macht der S\u00fcnde. So ergeben sich die Dogmen der christlichen Kirche, ergibt sich die Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit der Person Christi, des Erl\u00f6sers, und seiner Sendung aus der \u00dcberzeugung: von der religi\u00f6sen und sittlichen Unzul\u00e4nglichkeit des Menschen. Nun kann man ja allerdings den auf den ersten Blick sehr berechtigt erscheinenden Einwand erheben: Ist denn das alles noch eine dem heutigen christlichen Bewusstsein eingeschriebene Anschauung? Ist denn das noch der Glaube, der die gesamte Christenheit umfasst? Wenn auch die katholische Kirche im gro\u00dfen und ganzen von Str\u00f6mungen, die \u00fcber diese Gedankenkreise hinauszuf\u00fchren suchen, sich frei zu halten verstanden hat, in der protestantischen Kirche, die von jeher in einem freieren Flusse der Entwickelung gestanden hat, gibt es doch, vor allem in der Gegenwart, eine Str\u00f6mung, die \u00fcber diese Lehrbegriffe hinaus strebt, f\u00fcr die Christus nicht mehr der Gottessohn ist, f\u00fcr die der Opfertod Christi seine Geltung verloren hat. Ist es da nicht ein Unrecht, auch in unseren Tagen noch diese Lehre von der Erbs\u00fcnde als einen der wesentlichen Unterschiede zwischen Judentum und Christentum hinzustellen? Es ist wahr, man hat sich in manchen Kreisen des Protestantismus von der Lehre von der Erbs\u00fcnde in dem w\u00f6rtlichen Sinn, dass sie die Folge dereinst von Adam auf sich geladenen Schuld sei, wohl freizumachen versucht, aber gehliehen ist nach wie vor im Protestantismus der Gedanke einer, der menschlichen Seele von Natur innewohnenden Kraftlosigkeit, der Gedanke von der herrschenden Gewalt der S\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Man fasst die biblische Erz\u00e4hlung vom S\u00fcndenfalle Adams nicht mehr w\u00f6rtlich als eine Tatsache, aber man fasst sie als die poetische Einkleidung einer unausl\u00f6schlichen Wahrheit auf, der n\u00e4mlich, dass der Mensch unter der Herrschaft der S\u00fcnde stehe. Die Bibel kleide das nur ein in die Form der Erz\u00e4hlung von Adam und dessen Vers\u00fcndigung. Es bleibt auch f\u00fcr den heutigen Protestantismus eine Wahrheit, dass dem Menschen ohne Christus eine religi\u00f6se Hilflosigkeit innewohnt. So sagt Schleiermacher: \u201eDie vor jeder Tat eines Einzelnen in ihm vorhandene und jenseits seines eigenen Daseins begr\u00fcndete S\u00fcndhaftigkeit ist in jedem eine nur durch den Einfluss der Erl\u00f6sung wieder aufzuhebende vollkommene Unf\u00e4higkeit zum Guten.\u201c Und Ritschl, einer der Begr\u00fcnder des modernen Protestantismus, f\u00fchrt aus, \u201edass es nicht nur eine individuelle S\u00fcnde gebe, sondern ein Reich der S\u00fcnde, das Gegenbild des Reiches Gottes.\u201c Wie stark auch in den Kreisen, die dem Dogma fernstehen, Dogma hei\u00dft ein Lehrsatz, dem ewige Geltung zugesprochen wird und an den alles glauben muss &#8211; die Macht der S\u00fcnde als eine Wirklichkeit empfunden wird, zeigt am deutlichsten das Beispiel Kants, der, selbst dem dogmatischen Christentum fernstehend, doch aus seinem christlichen Bewusstsein heraus den Gedanken vertritt, dass in der Natur des Menschen ein grunds\u00e4tzlicher Hang zum B\u00f6sen sei, der durch die eigene Kraft des Menschen nicht zu \u00fcberwinden ist. So kommt es, dass man in kirchlich liberalen Kreisen wohl die Gottheit Christi und seinen Opfertod verwirft, und doch die Person Christi und das Anhangen an ihm als notwendig empfindet. Man deutet die Erz\u00e4hlung von seinem Leben und Sterben als Beispiel und Anleitung zum rechten Leben, man nimmt allerhand Umdeutungen vor, hat aber den Gedanken der S\u00fcndhaftigkeit und religi\u00f6sen Hilflosigkeit des Menschen nicht fallen gelassen und muss daher doch auf irgendeinem Wege immer wieder zu Christus kommen als dem, der die Menschen gelehrt hat, ihrer S\u00fcnde los und ledig zu werden. Denn f\u00fcr alle Schattierungen der christlichen Gesamtheit bleibt das der Ausgangspunkt ihres religi\u00f6sen und sittlichen Empfindens: alle Fr\u00f6mmigkeit beginnt damit, dass der Mensch die volle Wucht der auf ihm lastenden S\u00fcndenschuld und seine Unf\u00e4higkeit, aus eigener Kraft von ihr sich zu befreien, empfinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders das Judentum.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Anschauung gipfelt in dem Bekenntnis: die Gottesebenbildlichkeit des Menschen besteht darin, dass er in sich die Kraft zum sittlichen Handeln tr\u00e4gt; nicht Schw\u00e4che und Hilflosigkeit ist das unausl\u00f6schliche Merkmal seines Geistes, sondern Kraft und Reinheit. \u201eWir treten\u201c, so hat es Guttmann klassisch formuliert, \u201ewir treten in das Leben ein in der vollen Reinheit und Urspr\u00fcnglichkeit unseres gottentsprungenen Wesens, als ob wir das erste Menschengebilde w\u00e4ren, das aus Gottes Sch\u00f6pferhand hervorgegangen ist. Jeder Morgen, zu dem wir erwachen, l\u00e4sst uns zu neuer Gottesebenbildlichkeit erstehen und kann f\u00fcr uns zum Ausgangspunkt eines neuen, alle Irrungen der Vergangenheit \u00fcberwindenden Lebens und Strebens werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bewusstsein der seelischen Reinheit, mit der uns Gott begnadet hat, vermittelt uns immer aufs Neue das Kraftgef\u00fchl, aus dem die sittliche L\u00e4uterung sich vollziehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>So pr\u00e4gt es sich aus in dem Bekenntnis, mit dem nach, der Vorschrift des Talmud das Morgengebet anheben soll: \u201eMein Gott, die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein\u201c. Die j\u00fcdischen Weisen im Midrasch und Talmud werden nicht m\u00fcde, in mannigfacher Wiederholung den Gedanken immer aufs neue auszusprechen, dass der Mensch unbefleckt und s\u00fcndlos geboren wird und die Kraft besitzt, sich in Reinheit zu erhalten.Hier ein Beispiel: Zu dem Worte aus dem Buche Kohelet (12, 7):<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Geist kehrt zur\u00fcck zu Gott, der ihn gegeben\u201c bemerkt der Talmud (Schabbat 152 b): \u201eGib ihn Gott so rein zur\u00fcck, wie er ihn dir einst gegeben.\u201c Die S\u00fcnde ist nach der j\u00fcdischen Lehre also nichts Notwendiges, nichts dem Menschen Angeborenes, von ihm Untrennbares. Nun ist es doch aber, mag man mit Recht hier fragen, seltsam, dass das Judentum eine angeborene S\u00fcndhaftigkeit des Menschen ablehnen soll, w\u00e4hrend doch die oben geschilderte christliche Anschauung auf eine Bibelstelle sich st\u00fctzt. Sehen wir hier also einmal n\u00e4her zu. Die christliche Lehre beruft sich in der Hauptsache auf das Wort, das nach 1. Mose 8, 21 Gott nach der Sintflut sprach: \u201eIch will nicht mehr die Erde verfluchen um des Menschen willen, denn der Trieb des Menschenherzens ist b\u00f6se von seiner Jugend an.\u201c Einem unbefangenen Beurteiler wird es auch hier klar sein, dass von irgendeiner Erbs\u00fcnde und ihrer S\u00fchne in diesem Verse nicht gesprochen wird, und dass man ihn schon willk\u00fcrlich deuten muss, wenn man in ihm alles das finden will, was das Christentum in ihm gesucht hat. Geben wir aber gar ruhig zu, dass in ihm tats\u00e4chlich ein Anklang an eine Anschauung ist, die eine im Menschen von Natur wirksame Macht des B\u00f6sen annimmt. Ja, wir m\u00fcssen der Wahrheit die Ehre geben und weiter erw\u00e4hnen, dass gelegentlich auch j\u00fcdische Weise die Geschichte von der S\u00fcnde des ersten Menschen in einer Weise dartun, dass man den Glauben an ein Fortwirken der S\u00fcnde in der Menschheit herauslesen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch, und allen solchen Worten zum Trotz, hat das Judentum eine Lehre ausgebildet; die zu dem Sinne, den das Christentum in diesem und \u00e4hnlich-lautenden Bibels\u00e4tzen fand, in vollst\u00e4ndigem Gegensatz steht. Es zeigt sich hier wieder einmal, dass es bei der Beurteilung des Lehrgehalts einer Religion nicht einzig auf diesen oder jenen Satz ihrer heiligen Urkunde ankommt, sondern auf den Geist, in dem sie ihre heiligen B\u00fccher gedeutet und verstanden hat. Das Christentum hat an der Hand jener und \u00e4hnlicher Bibelstellen seine herrschende Gesamtrichtung gewonnen; im Judentum ist man mit einer durch alle Geschlechter sich hindurch ziehenden Beharrlichkeit \u00fcber solche Bibels\u00e4tze hinausgegangen. Wo sich Gedanken regen wollten, die an die Aberkennung einer in der Menschheit fortwirkenden Verschuldung streiften, sanken sie &#8211; kaum beachtet-, auf den Grund der Kan\u00e4le, die weitab vom breiten Hauptstrom des Judentums ihre Wasser f\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat in ihm aus der Erz\u00e4hlung vom S\u00fcndenfall kein Dogma gemacht; man hat von den Folgen und Wirkungen der S\u00fcnde Adams gesprochen, man hat im Anschluss an den oben zitierten Bibelvers den Begriff \u201ejezer ha\u2019ra\u201c \u201eder b\u00f6se Trieb\u201c ausgebildet, aber man hat nicht im Entferntesten daran gedacht, die dar\u00fcber ge\u00e4u\u00dferten Meinungen zu einem Lehr- oder Glaubenssatz zu erheben und durch sie dem religi\u00f6sen Denken die Pr\u00e4gung aufzudr\u00fccken. Und so zieht sich durch Bibel und Talmud immer deutlicher eine entschiedene Gesamtrichtung, die dahin geht, den Gedanken der Vererbung des B\u00f6sen auf Dauer und Ewigkeit abzulehnen und die angeborene Kraft der Menschennatur zum Guten zu betonen. An der Spitze steht der un\u00fcbertreffliche biblische Satz: \u201eEs sollen die Kinder nicht get\u00f6tet werden um der V\u00e4ter willen, jeder soll um seiner S\u00fcnde willen sterben\u201c (5. Mose 24, 16). Die Lehre setzt sich dann fort in der klassischen Rede des Propheten Ezechiel \u00fcber die Gerechtigkeit Gottes (Kapitel 18): \u201eund es erging das Wort Gottes an mich: Was ist\u2018s mit euch, dass ihr im Lande Israel das Sprichwort f\u00fchret: ,Die V\u00e4ter haben saure Trauben gegessen, und die Z\u00e4hne der S\u00f6hne werden stumpf? So wahr ich lebe, spricht Gott, ihr sollt nicht weiter dies Sprichwort in Israel reden. Siehe, alle Seelen sind mein, die Seele des Vaters wie die des Kindes, nur der, der s\u00fcndigt, hat den Tod verdient.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie findet ihre Vollendung in der Agadah, die das beweiskr\u00e4ftigste Zeugnis ist, weil sich ja bei dem Fehlen eines ausgearbeiteten Systems der j\u00fcdischen Lehre die Gesamtrichtung des j\u00fcdischen Geistes nur aus der Art erschlie\u00dft, wie die Rabbinen die Bibel gedeutet und erkl\u00e4rt haben, und weil gerade die agadische Deutung das Spiegelbild der pers\u00f6nlichen Fr\u00f6mmigkeit ist. Da ist denn zun\u00e4chst das bedeutungsvolle Schweigen zu beachten, mit welchem an dem Bibelverse vorbeigegangen wird, von dem die christliche Lehre ausging. Es ist wie ein absichtliches Zur-Tagesordnung-\u00dcbergehen, kaum dass davon geredet wird, und wenn, dann so kurz und knapp, dass man deutlich merkt, man kommt gar nicht auf den Gedanken, dass sich in dieser Bibelstelle eine Kernlehre der religi\u00f6sen Anschauung verdichtet haben k\u00f6nne. Und wenn man von dem \u201ejezer ha\u2019ra\u201c, dem b\u00f6sen Triebe, spricht, dann stets in einer Weise, dass es ganz deutlich ist, wie tief man \u00fcberzeugt ist, dass nicht er Herr \u00fcber den Menschen ist, sondern der Mensch Herr \u00fcber ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>So sagt z. B. der Midrasch Tanchuma zu dem genannten Bibelvers: \u201eUnd wenn du nun fragen wirst: Warum schuf Gott \u00fcberhaupt erst den \u201ajezer hara\u2018, den b\u00f6sen Trieb? antwortet Gott: Wer macht ihn denn zum b\u00f6sen Trieb, nur du selbst.\u201c \u201eOh Adam\u201c, so sagte Rabbi Jehuda ben Padja, um zu zeigen, wie die Menschheit von ihren Anf\u00e4ngen an in immer steigender Vervollkommnung die Kraft zum Guten zu bet\u00e4tigen vermag, \u201eOh Adam, wenn du doch heute aus deinem Grabe aufstehen und deine Kinder sehen k\u00f6nntest! Du vermochtest das eine Gebot, das, dir gegeben ward, nicht zu halten, und welche Kraft des Gehorsams verm\u00f6gen deine Kinder zu bew\u00e4hren!\u201c (Bereschit Rabbah 21) \u2013 \u201eVor der Empf\u00e4ngnis\u201c , so predigte Rabbi Chanina bar Papa, um seinen H\u00f6rern die Lehre zu vermitteln, dass kein Mensch in S\u00fcnde verfallen muss, fragt ein Engel Gott, was aus dem neu sich bildenden Kinde werden wird, ob es ein starker oder ein schwacher Mensch sein wird, ob klug oder t\u00f6richt, reich oder arm, aber er fragt nicht, wird es ein guter oder ein schlechter Mensch sein, denn das hat Gott nicht zu bestimmen\u201c das liegt allein in des Menschen Hand\u201c (Niddah 16 b). Und diese Anschauung zieht sich durch das ganze j\u00fcdische Schrifttum hindurch. Den Zeugnissen aus dem talmudischen Schrifttum stellen sich gleichlautende der mittelalterlichen Religionsphilosophen an die Seite. Maimonides formuliert es folgenderma\u00dfen (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/hilchot-teschuwah\/#_4-5\">Hilchoth Teschubah 5,4<\/a>): \u201eWenn es, wie behauptet wird, wirklich etwas g\u00e4be, was den Menschen als angeborene Beschaffenheit zu bestimmten Handlungen triebe, wozu h\u00e4tte Gott uns durch seine Propheten da erst befehlen lassen: tue dies und lasse jenes? Treibe ihn seine angeborene Beschaffenheit ja doch zu tun, wovon er nicht abweichen kann.\u201c In \u00e4hnlicher Weise vertritt das ganze j\u00fcdische Schrifttum in seinen wichtigsten Vertretern als die durch die Jahrhunderte hindurchgehende Gesamtrichtung des Judentums die \u00dcberzeugung, dass die S\u00fcnde nicht das Dauernde sei, sondern eine fl\u00fcchtige und vor\u00fcbergehende Hemmung des wahren Besitzes unserer Seele.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber ergibt sich nun aus der geschilderten Verschiedenheit der Grundanschauung?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ergibt sich daraus, dass Judentum und Christentum. in der Seelenstimmung, aus der die Fr\u00f6mmigkeit hervor w\u00e4chst und ihre besondere Note empf\u00e4ngt, auseinandergehen. Es sei nochmals gesagt, dass es sich hier nicht darum handelt, in eine Kritik eines fremden Bekenntnisses einzutreten; es ziemt dem, der au\u00dferhalb eines Bekenntnisses steht, sich mit der gleichen Achtung vor dem Glauben und der Gem\u00fctsstimmung des andern zu beugen, die er f\u00fcr sich selbst w\u00fcnscht. Nur das, was ist, soll zur F\u00f6rderung der Wahrheit und des gegenseitigen \u201eSich kennens\u201c ausgesprochen werden. Der Christ hat die \u00dcberzeugung, dass der Mensch unter der Herrschaft der S\u00fcnde stehe und aus eigener Kraft unf\u00e4hig zum Guten sei. Es ist f\u00fcr ihn daher selbstverst\u00e4ndlich, dass Fr\u00f6mmigkeit zu beginnen habe mit dem Bewusstsein der S\u00fcndhaftigkeit, und dass alles Streben darauf zu richten sei, wie man von der S\u00fcnde loskomme. Alles Frommsein hebt nach seiner Anschauung mit der Erkenntnis von der Macht der S\u00fcnde an und mit der Sehnsucht nach Erl\u00f6sung. Es gilt im protestantischen Bewusstsein als das gewaltige Verdienst Luthers, dass er die v\u00f6llige Hinf\u00e4lligkeit und S\u00fcndhaftigkeit des Menschen wieder ins Bewusstsein gehoben habe. Und als die Zeit der Aufkl\u00e4rung die christlichen Lehren verflacht und verfl\u00fcchtigt hatte, begann die Erneuerung damit, dass Schleiermacher die Hilflosigkeit des Menschen predigte und das Bewusstsein der allgemeinen S\u00fcnde wieder zu erwecken sich bem\u00fchte. Umgekehrt ist bei dem Juden der Ausgangspunkt aller Fr\u00f6mmigkeit: zu f\u00fchlen, dass er mit der Kraft zu sittlichem Handeln begabt ist, und wie er durch seine Tat sich und seine Nachwelt emporsteigern kann und emporzusteigern verpflichtet ist. Die j\u00fcdische Fr\u00f6mmigkeit erh\u00e4lt ihre eigene Note durch das stete Ankn\u00fcpfen an die Kraft des Menschen, sodass man es geradezu als die Erziehungsmethode des Judentums bezeichnen kann, das K\u00f6nnen des Menschen zu verdoppeln und seinen Willen anzuspannen, indem man ihm fort und fort seine St\u00e4rke predigt und ins Bewusstsein hebt: Nicht etwa als ob das Judentum die S\u00fcnde nicht ernstgenug erfassen wollte. \u00dcber diesen Vorwurf muss eine Gemeinschaft erhaben sein, die die herrlichen Bu\u00dfpsalmen geschaffen, den Begriff der S\u00fcnde aus dem Bereich des Kultischen ins Reich des Sittlichen erhoben, die einen Feiertag wie den Vers\u00f6hnungstag erzeugt und M\u00e4nner wie die Propheten hervorgebracht hat, die mit so un\u00fcbertrefflichem Ernst den S\u00fcndern ihre S\u00fcnde vorhielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum verschlie\u00dft wahrhaftig seine Augen nicht vor der Tatsache, dass an alle unterschiedslos die Gefahr herantritt, in Schuld und S\u00fcnde zu fallen, dass auch die Besten in Irrtum verfallen k\u00f6nnen und nicht immer auf den H\u00f6hen der reinen Sittlichkeit sich bewegen; mit aller Energie sucht es zu verh\u00fcten, dass jemand in \u00f6der Selbstgerechtigkeit sich im Bewusstsein seiner Guttat sonne, und l\u00e4ngst, ehe das Christentum in der Welt war, hat das Judentum seine Bekenner gelehrt, dass die Folgen der S\u00fcnde nur getilgt werden k\u00f6nnen von dem erbarmenden Gott. Was aber das Judentum ablehnt, das ist, dass es der Mittelpunkt aller Religion sein muss, sich unter der Herrschaft der S\u00fcnde zu f\u00fchlen und am Menschen und seiner Kraft zu verzweifeln. Die Propheten mochten noch so pessimistisch \u00fcber ihre Zeitgenossen urteilen, nie steigert sich ihr Pessimismus bis zu dem Grade, dass sie am Menschen im ganzen zu verzweifeln beg\u00e4nnen. Das Christentum richtet seine Erziehung zur Fr\u00f6mmigkeit darauf, dass der Mensch sich in einer durch seine Kraft uns\u00fchnbaren Schuld empfinde, um dann dem in trostlose Verzweiflung Verfallenen die rettende Lehre von Christus, vom Erl\u00f6ser und dem allerbarmenden Gotte zu predigen. Das Judentum aber gibt sich mit voller Absicht und mit Nachdruck als die frohe Botschaft von der fr\u00f6hlichen Kraft des Menschen, die ihm als Geschenk Gottes gegeben wird, in der seine Gottesebenbildlichkeit besteht, und es sagt, dass diese Botschaft mit gleichem Recht und derselben religi\u00f6sen Wichtigkeit neben der von dem ErbarmenGottes steht. So ist die j\u00fcdische und christliche Fr\u00f6mmigkeit in der Seelenstimmung, auf die sie zur\u00fcckgehen, grundverschieden in allen Schattierungen des Bekenntnisses zum Judentum und Christentum.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Bedeutung, die die S\u00fcnde im christlichen Bewusstsein einnimmt, wird ihm die Anerkennung der Notwendigkeit einer Erl\u00f6sung zum Gipfelpunkt, zum h\u00f6chsten Ausdruck des Sittlichen. Im j\u00fcdischen Bewusstsein r\u00fcckt die sittliche Aufw\u00e4rtsentwicklung durch eigene Tat energischer in den Vordergrund und gilt als h\u00f6chster Zielpunkt. Dass kein Missverst\u00e4ndnis aufkomme: selbstredend will auch das Christentum den Menschen zur sittlichen Aufw\u00e4rtsentwicklung erziehen, aber diesem Erziehungswerk tritt doch von vornherein st\u00f6rend in den Weg, dass die Natur des Menschen \u00fcber die ihm angeborene Beschaffenheit nicht hinauskann. Bei allem erhabenen Ernst, mit dem das Christentum seine sittlichen Forderungen an seine Bekenner stellt, wirkt es doch eben hemmend, dass im gleichen Atemzuge, in dem die sittliche Forderung an die Menschen erhoben wird, ihnen die moralische Kraft abgesprochen wird. Weil das Christentum an der sittlichen Kraft des Menschen verzweifelt, gipfelt es nicht in der Forderung an den Menschen, an seiner Selbstvervollkommnung zu arbeiten, sondern in dem Bem\u00fchen, den Druck der S\u00fcnde von der Seele zu nehmen. H\u00f6her als die Arbeit an sich selbst steht ihm die Gl\u00fccksempfindung der Erl\u00f6sung von der S\u00fcndenqual. Dieser Erl\u00f6sung sich anheimzustellen, ist ihm Ausdruck h\u00f6chster Sittlichkeit. Der Unterschied zwischen Judentum und Christentum in der Auffassung \u00fcber die eigene sittliche Kraft des Menschen findet lebendigen Ausdruck in der verschiedengearteten Stellung zur Welt und zur Kultur. Die Folge der christlichen Anschauung ist eine Stimmung der Weltflucht, zum mindesten der Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber der Welt; die Folge der j\u00fcdischen Anschauung ist das Bestreben, durch freudige Bejahung der Welt die sittliche Kraft des Menschengeschlechts zu steigern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem christlichen Bewusstsein wird die Welt zum Tummelplatz der S\u00fcnde; ihm tragen alle irdischen Dinge den Keim der S\u00fcnde in sich und bedeuten eine st\u00e4ndige Versuchung und Gefahr f\u00fcr den Menschen, denn sie lenken nur den Sinn ab von dem Wichtigeren, dem Jenseits. Alle Kulturarbeit ist dann, vom religi\u00f6sen Gesichtspunkt aus betrachtet, ein Gleichg\u00fcltiges, denn jedes neue Geschlecht steht doch ebenso wie das erste unter der Macht der S\u00fcnde. Es f\u00fchrt nach dieser Auffassung nur zur Selbstt\u00e4uschung, wenn man durch eine bessere Ordnung der menschlichen Lebensverh\u00e4ltnisse einen sittlichen Fortschritt zu erzielen vermeint, wenn man glaubt, dass eine gerechtere Ordnung der Gesellschaft in der gegenw\u00e4rtigen und k\u00fcnftigen Generation ein tieferes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Gerechtigkeit und alle anderen sittlichen Forderungen vorbereiten k\u00f6nnte; man hat h\u00f6chstens der augenblicklichen Rechtsforderung Gen\u00fcge getan und den Gedr\u00fcckten ein \u00e4u\u00dferes Gl\u00fcck verschafft, aber f\u00fcr die sittliche Aufw\u00e4rtsentwicklung der Menschheit ist damit noch nichts Wesentliches erzielt, denn aller Ernst in der sozialen Arbeit kann die Tatsache ja nicht aus der Welt schaffen, dass der tr\u00fcbe Zustand der befleckten Seele in jeder Generation sich erneut. \u201eDer tiefer f\u00fchlende Mensch\u201c, sagt Harnack in seinem \u201eWesen des Christentums\u201c, \u201enimmt dankbar entgegen, was ihm die fortschreitende Entwicklung der Dinge bringt, aber er wei\u00df auch, dass seine innere Situation nicht wesentlich, ja kaum unwesentlich durch das alles ge\u00e4ndert wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Kultur w\u00e4chst hervor aus der sinnlichen Seite des menschlichen Wesens \u2013 sinnlich im weitesten Sinne des Wortes genommen \u2013 sie aber gerade, sagt das Christentum, ist der Quell der S\u00fcnde, das Ideal der Fr\u00f6mmigkeit aber w\u00e4re die Seelenstimmung, in der alle Dinge der Welt als etwas unsagbar Gleichg\u00fcltiges und Unwichtiges erscheinen. Das Judentum hingegen bekennt, dass die sinnliche Seite genau so gut wie die geistige Kraft dem Menschen von Gott zur Erf\u00fcllung seiner Bestimmung gegeben worden ist. \u201eKeine Anlage des Menschen ist an und f\u00fcr sich gut oder b\u00f6se, sie wird erst gut oder b\u00f6se durch den Gebrauch, den der Mensch von ihr macht. Jeder Kraft des K\u00f6rpers und der Seele muss das ihr geb\u00fchrende Ma\u00df zugestanden werden, die gleichm\u00e4\u00dfige Ausbildung aller Kr\u00e4fte, die Harmonie des ganzen Menschen ist das Ziel, zu dem das Judentum den Menschen hinlenken will\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die sinnliche Seite soll, so verlangt es das Judentum, in den Dienst der sittlichen Aufgabe gestellt werden. Und darum steht das Judentum dem Leben, der Welt und der Kultur in freudiger Bejahung gegen\u00fcber. Es sieht in ihnen nicht etwas, das von Gott abzieht, sondern was, recht verstanden, zu Gott hinf\u00fchrt, und alle Arbeit an dem Fortschritt der Kultur wird dem Juden nicht zu einem religi\u00f6s gleichg\u00fcltigen Tun, sondern zur Erf\u00fcllung der von der Religion gesetzten Aufgabe, zu einem auch f\u00fcr die sittliche Anlage des Menschen und der k\u00fcnftigen Geschlechter wertvollen Streben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum kennt infolgedessen keinen seelischen Zwiespalt zwischen moderner Kulturarbeit und Religion. Ihm ist die Kulturarbeit des Menschen, die herausw\u00e4chst aus dem Willen zur Lebenserhaltung, dem nationalen Empfinden, der k\u00fcnstlerischen Bet\u00e4tigung und der Freude an einer besseren Ordnung der menschlichen St\u00e4ndeschichtung nicht wie dem Christentum etwas, das vom Gesichtspunkt der Religion ohne Belang w\u00e4re oder h\u00f6chstens am \u00e4u\u00dfersten Ende des Religi\u00f6sen l\u00e4ge. Nein, das Judentum stellt gerade da entschieden die Forderung, dass die Religion das ganze Lehen durchdringe, dass eine Einheitlichkeit der Stimmung und des Strebens durch den Menschen gehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum anerkennt freudig den Wert, den alles echte Kulturstreben f\u00fcr die Sch\u00e4rfung des Verantwortlichkeitsgef\u00fchls und darum f\u00fcr die Vertiefung aller Sittlichkeit hat. Wenn seit der Reformation auch im Christentum Religion und Welt sich einander gen\u00e4hert haben, geschah es nicht, weil die religi\u00f6se Stellungnahme eine andere geworden w\u00e4re, sondern weil Welt, Leben, Wissenschaft sich mit innerer Notwendigkeit ihr Recht im Denken der Menschen erobert haben. Vom religi\u00f6sen Standpunkt hat auch heute der Protestantismus die \u00dcberzeugung, dass alles Weltliche der Quell der S\u00fcnde sei. Es muss mancherlei Deutungskunst aufgeboten, werden, um f\u00fcr den frommen Christen die S\u00e4tze des Evangeliums, die absprechend \u00fcber das Streben nach Besitz urteilen, mit diesem nat\u00fcrlichen, jedem Menschen innewohnenden Streben in Einklang zu bringen. Das Judentum kennt hier weder einen Zwiespalt zwischen dem tats\u00e4chlichen Volksleben und der Forderung der religi\u00f6sen Glaubensurkunde, noch einen seelischen Zwiespalt im Bewusstsein des Einzelnen. Es machen sich allerdings im heutigen Christentum auch Str\u00f6mungen geltend, die \u00fcber die oben geschilderten christlichen Anschauungen hinauszugehen suchen. Christliche Neuerer beginnen einzusehen, dass es nicht mehr angehe, alle Fr\u00f6mmigkeit des Menschen auf das Bewusstsein der S\u00fcnde, zu stellen. So sagt z. B. mit Bezug darauf Bousset (in seinem Buche: Das Wesen der Religion): \u201eJene Anschauung aufrecht erhalten, hei\u00dft dem modernen Leben seine Existenz nehmen.\u201c Aber auch diese Neuerer greifen doch immer Wieder zur\u00fcck auf den Gedanken, dass die menschliche Schw\u00e4che nach dem Erl\u00f6ser verlange. So sagt z. B. eben derselbe Bousset: \u201eTief empfinden wir \u2026 den Mangel all unseren Tuns, den ewigen Widerspruch zwischen K\u00f6nnen und Sollen, das ewige Zur\u00fcckbleiben hinter der Forderung Gottes. Gerade dem modernen Menschen, der erst recht in die Gr\u00f6\u00dfe seines Gottes hat hineinschauen lernen, wird die Seite des Evangeliums welche das Wort Erl\u00f6sung Umfasst, besonders zug\u00e4nglich sein. Er wird von vornherein geneigt sein, sich seinem Gott gegen\u00fcber in zwerghafter Kleinheit und Nichtigkeit, besonders auch in seiner ethischen Nichtigkeit zu empfinden.\u201c Es wird also der aus der Begrenztheit des Menschen flie\u00dfende Widerspruch zwischen K\u00f6nnen und Wollen gewaltsam in den Begriff der S\u00fcnde umgebogen, um nur die Notwendigkeit der Erl\u00f6sung und des Erl\u00f6sers auch f\u00fcr den freigerichteten Christen zu begr\u00fcnden. Wie sich dieser linkeste Fl\u00fcgel des Protestantismus mit dem Vorwurf abfindet, dass er mit seiner Stellungnahme das geschichtliche Christentum aufl\u00f6se, ist nicht unsere Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Juden aber muss auch schon dieser leise Anfang einer neuen Erkenntnis zu denken geben. Ist sie doch die Rechtfertigung der Standhaftigkeit, mit der die Juden durch Jahrhunderte ihre Idee von der eigenen sittlichen Kraft des Menschen der christlichen Idee von der S\u00fcndhaftigkeit des Menschen gegen\u00fcber festgehalten haben, und sie muss, da sie eine R\u00fcckkehr zu j\u00fcdischen Gedanken bedeutet, aufs neue im Juden die \u00dcberzeugung von der sieghaften Kraft seiner Religion festigen. So sehen wir in der Auffassung vom Wesen des Menschen, Judentum und Christentum auseinandergehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Folgen dieser Verschiedenheit der Grundlehre haben wir gezeichnet. Aus ihr ergibt sich nun ferner eine Verschiedenheit in der Auffassung von der Bedeutung der Gnade im Leben des Menschen und in den Gedanken \u00fcber Vers\u00f6hnung und Erl\u00f6sung. Davon sollen die beiden folgenden Kapitel berichten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Gnade Gottes im Leben des Menschen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Frage, die hier zur Er\u00f6rterung kommt, ist folgende: Was von der Tat des Menschen entspringt ihm selbst?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist f\u00fcr den Frommen, der in Gott die Verk\u00f6rperung der Sittlichkeit verehrt, selbstverst\u00e4ndlich, alle Unvollkommenheit und alle als S\u00fcnde empfundene schlechte Tat sich selbst zur Last zu legen und nicht auf Gott abzuw\u00e4lzen. Wie steht es aber mit der guten Tat? Entstammt sie seinem Eigenen, seinem K\u00f6nnen und Wollen? Der Zweifel daran folgt im Christentum aus der Grundauffassung vom Wesen des Menschen. In der christlichen Anschauung von der Verderbtheit der menschlichen Natur, der Unf\u00e4higkeit, aus eigener Kraft das Gute zu tun, ist es begr\u00fcndet, dass nicht der Mensch als T\u00e4ter seiner guten Tat gilt, sondern Gott, Gottes Gnade im Menschen. Es ist nicht der Mensch mit seinem Wollen, seiner Kraft und seinem Streben, der wirkt, sondern Gott wirkt im Menschen, Gott allein geb\u00fchrt die Ehre der Tat. K\u00e4me nicht die Gnade Gottes zu dem Menschen und z\u00f6ge ihn, h\u00fclfe ihm und sch\u00fcfe seinen Willen, zu nichts Gutem w\u00e4re der Mensch imstande. Die Bekehrung des S\u00fcnders ist das Werk der Gnade Gottes, Gnade ist notwendig, damit ein Mensch zum Glauben gelange. Gnade muss wirken, nicht etwa nur, damit ein Gebet Erh\u00f6rung findet, sondern damit jemand \u00fcberhaupt zu beten verlangt. So ist es ausgesprochen im Evangelium Johannis 6, 44: \u201eNiemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat\u201c und ferner im Briefe des Apostel Paulus an die Philipper (2, I3): \u201eGott ist es, der in euch wirket beide, das Wollen und das Vollbringen.\u201c Aus sich heraus ist also der Mensch unf\u00e4hig, irgend etwas zu tun, das religi\u00f6s wertvoll ist, Gott ist der alleinige T\u00e4ter aller menschlichen Guttat. Der Mensch wird nur zum Gef\u00e4\u00df der Gnade. Im Einzelnen sind hierbei mannigfache, zum Teil sehr tiefgehende Unterschiede zwischen Katholizismus und Protestantismus. Man muss der katholischen Kirche die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie gef\u00fchlt hat, es habe seine Gefahr, dem Menschen alles abzusprechen; sie hat etwas von dem Anrecht an die Tat f\u00fcr ihn zu retten versucht. In richtiger Folge ihrer Lehre, dass die Kraft des Menschen durch die S\u00fcnde zwar geschw\u00e4cht, aber nicht v\u00f6llig verdorben ist, sagt sie, dass der Mensch auch ohne Gottes Gnade noch Handlungen vollf\u00fchren k\u00f6nne, in denen ein gewisses Ma\u00df von b\u00fcrgerlicher Tugend sich geltend macht, wenn auch solche Handlungen nicht zur wahren Gottesebenbildlichkeit und zum Verdienst der ewigen Seligkeit f\u00fchren. Sie lehrt ferner, dass, wenn erst einmal die Gnade als Anregerin da ist, der Mensch auch mithelfen k\u00f6nne und m\u00fcsse. Ein wenig kommt also auch der Mensch zu seinem Recht, aber er bleibt h\u00f6chstens ein Mithelfer am Werk, dessen eigentlicher T\u00e4ter Gott ist. In einer unendlich m\u00fchseligen Arbeit, vor der man ob des Ernstes und der gewissenhaften Sorge um die Seelen, die in ihr zum Ausdruck kommt, nur Achtung und Bewunderung haben kann, wird zu ergr\u00fcnden gesucht, wie der Anteil Gottes und die Mitt\u00e4terschaft des Menschen miteinander verbunden sind. Trotz alledem bleibt es auch f\u00fcr die katholische Kirche Grundtatsache, dass alles religi\u00f6s Wertvolle nie des Menschen Werk sondern Gottes Gnade ist, und dass nicht blo\u00df des Menschen Schicksal sondern auch seine Tat in Gottes Hand liegt. \u201eWessen Gott sich erbarmt,\u201c sagt Augustin, \u201eden ruft er so, wie er wei\u00df, dass es ihm angemessen ist.\u201c Noch energischer als die katholische Kirche betont die evangelische, dass allein die Gnade Gottes und nicht der Mensch T\u00e4ter der Tat ist. Im Zusammenhang mit seiner Lehre von der v\u00f6lligen Verderbtheit der menschlichen Natur blieb dem Protestantismus nichts anderes \u00fcbrig, als die T\u00e4tigkeit des Menschen aus Eigenem auszuschalten und ihn nur zu einem Werkzeuge der allein wirkenden Gnade zu machen. Ein Zweig des Protestantismus, der Calvinismus, stellte ganz strikt die Lehre auf, dass es vorherbestimmt sei, ob ein Mensch zur guten Tat auserw\u00e4hlt oder zur b\u00f6sen Tat verworfen ist. Andere Zweige des Protestantismus f\u00fchlten heraus, dass hier eine schwere Gefahr verborgen liegt, und dass eine solche Lehre entweder zur Nachl\u00e4ssigkeit im sittlichen Streben oder zur Verzweiflung f\u00fchren kann. Aber dabei bleibt es doch mit aller Entschiedenheit, dass alles religi\u00f6se Leben in uns von g\u00f6ttlicher Gnadenwirkung ausgeht, dass der Mensch nicht Urheber seines Tuns, sondern nur das Objekt der g\u00f6ttlichen Gnade ist. Es gebe f\u00fcr den Menschen keine M\u00f6glichkeit, von sich aus eine ungetr\u00fcbte Gemeinschaft mit Gott herzustellen. Das Reich Gottes entfalte sich umso sicherer, je weniger von Eigenem der Mensch hineinmische. \u201eDas Eigent\u00fcmliche der christlichen Fr\u00f6mmigkeit\u201c sagt Schleiermacher, \u201ebesteht darin, dass wir uns dessen, was in uns Gemeinschaft mit Gott ist, bewusst werden als auf Gnade ruhend.\u201c \u00dcberall im Christentum, auch dort, wo man das orthodoxe Dogma verwirft, gilt diese Seelenstimmung als das Kennzeichen des wirklich frommen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie tief diese Anschauung, dass die Handlung des Menschen um so wertvoller ist, je mehr er unter dem Einfluss g\u00f6ttlicher Gnade stand, als christlich empfunden wird, daf\u00fcr dienen als Zeuge die Worte Goethes aus dem Schluss des \u201eFaust\u201c, in denen er ja Motive der christlichen Erl\u00f6sungslehre dichterisch gestaltet hat; auf die Zeilen: \u201eWer immer strebend sich bem\u00fcht, den k\u00f6nnen wir erl\u00f6sen\u201c, die stets als der Ausdruck des modernen Bewusstseins hingestellt werden, l\u00e4sst er alsbald die Verse folgen: \u201eUnd hat an ihm die Liebe gar von oben teilgenommen, begegnet ihm die selige Schar mit herzlichem Willkommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie stellt sich nun das Judentum zu dieser Frage? Mit Beharrlichkeit h\u00e4lt die j\u00fcdische Anschauung an dem Gedanken der vollen Selbst\u00e4ndigkeit der sittlichen Pers\u00f6nlichkeit fest. Der f\u00fcr diese Frage ma\u00dfgebende Satz der j\u00fcdischen Ethik ist das Wort des Rabbi Chanina par Papa: \u201eAlles ist in Gottes Hand, nur nicht die Ehrfurcht vor Gott\u201c, nur nicht die Fr\u00f6mmigkeit des Menschen (Niddah 16b). Zwar darf der fromme Mensch keinen Augenblick das Bewusstsein verlieren, dass all sein Schicksal in Gottes Hand liege; dass nichts von dem, was er sein eigen nennt, sein Werk sei. Sein ist die Arbeit, aber nie der Erfolg; wie seines Lebens Los f\u00e4llt, in welche lichte H\u00f6hen oder dunkle Tiefen die Bahn seines Lebens verl\u00e4uft, all das liegt in Gottes Hand, da hat der Mensch jeden Stolz aus seiner Brust zu bannen und alles Gott anheimzustellen, nie darf er sprechen: \u201emeine Kraft und die St\u00e4rke meiner Hand hat mir all diese F\u00fclle geschaffen\u201c, alles ist da von Gottes Gnade abh\u00e4ngig. Aber seine Tat bleibt, wie im B\u00f6sen so auch im Guten, immer seine Tat. Da Gott den Menschen beschenkt hat mit der Kraft des sittlichen Handelns, mit der Reinheit der Seele; muss auch, das Gute, das er tut, aus ihm hervor wachsen, muss er die Pr\u00e4gung seines Charakters selbst vornehmen. Wenn der Mensch dazu in die Welt gesetzt ist, damit er an seinem Teil mitarbeite an der Ausbreitung des Gottesreiches auf Erden in den Herzen der Menschen, dann muss er diese Arbeit auch in dem vollen Bewusstsein der Selbst\u00e4ndigkeit verrichten, dann soll er umso h\u00f6her steigen, je mehr von Eigenem er in die Tat hineinmischt. Das ist die selbstverst\u00e4ndliche Grundauffassung, die von keinem auf j\u00fcdischem Boden Stehenden je verlassen wird. Gewiss, in aller Tiefe f\u00fchlt man es, dass das Leben der Seele durch die innere Gegenwart Gottes erh\u00f6ht und gesteigert wird, es ist nur nat\u00fcrlich, dass man in Momenten, in denen die Wellen \u00fcber unserem Kopfe zusammenzuschlagen drohen, flehend im Gebete sich an Gott wendet, dass er unsere Kraft st\u00e4rke und uns beistehe; die Psalmen und das Gebetbuch sind voll von solchen Gebeten, aber nie verliert sich bei dieser Stimmung das Bewusstsein, dass man den ersten Ansto\u00df, den entscheidenden Entschluss in der Wahl zwischen Gut und B\u00f6se aus sich gewinnen muss. \u201eWer den Weg des Guten zu gehen sich selbst bem\u00fcht, dem wird auch Hilfe von oben zuteil\u201c, hei\u00dft es im Talmud (Schabbat 104a). Stets wird von der Anschauung ausgegangen, dass das Entscheidende und Wichtige in der Tat des Menschen aus ihm kommt, dass darin seine Gottesebenbildlichkeit besteht. Denn das Judentum will die volle Selbst\u00e4ndigkeit der sittlichen Pers\u00f6nlichkeit begr\u00fcnden, es will starke Menschen erziehen; nicht etwa in dem Sinne des \u00dcbersch\u00e4umens und des \u201e\u00dcber allem Gesetze-Stehens\u201c, sondern in dem Sinne, dass jeder Mensch sich seiner Kraft bewusst wird, zur H\u00f6he der sittlichen Aufgabe emporzustreben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wir es im vorigen Kapitel schon sagten: das Judentum ist die frohe Botschaft von der Kraft, die dem Menschen geschenkt ist, und neben der Hoheit und grenzenlosen Gnade Gottes steht als ebenso wichtige religi\u00f6ser Wert die W\u00fcrde des Menschen. Und somit scheiden sich auch an dieser Stelle j\u00fcdische und christliche Weltanschauung. Das Judentum pflanzt die Idee der Selbst\u00e4ndigkeit der sittlichen Pers\u00f6nlichkeit auf, das Christentum will, dass man mit allem Eigenen ganz und gar untertauche in Gott; so sehr man sich selbstredend bem\u00fcht, in dem Menschen den Willen zum Kampf gegen alles B\u00f6se und das Streben zur Arbeit an sich selbst zu entz\u00fcnden, als letztes und h\u00f6chstes Ziel der Fr\u00f6mmigkeit winkt doch immer jener Zustand, in dem das Selbst\u00e4ndige in uns vor Gott zum Erl\u00f6schen kommt. Aus diesem Gegensatz der Anschauung entspringt eine Verschiedenheit in der Auffassung der Demut. Das Christentum h\u00e4lt es schon f\u00fcr einen Mangel an Demut, und damit an wirklicher Fr\u00f6mmigkeit, wenn der Mensch glaubt, aus eigener Kraft irgendetwas Gutes tun zu k\u00f6nnen. Im christlichen Bewusstsein geh\u00f6rt es zum Wesen der Fr\u00f6mmigkeit, sich zur gr\u00f6\u00dferen Ehre Gottes des Rechtes auf die Tat zu begeben und selbst den Ansto\u00df zu allem Guten als von Gott allein empfangen zu betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesamte Erziehung zur Religion zielt auf diesen Punkt hin. Dem Judentum dagegen ist Demut das Bewusstsein, dass, getreu dem Satze: \u201eHeilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott\u201c (3. Mose 19, 2), alles sittliche Tun auf g\u00f6ttlicher Offenbarung beruhe, dass der Mensch den Ma\u00dfstab des Sittlichen nicht aus sich gewinne, sondern dass Gott der Lehrer alles Guten sei. Aber nicht das erscheint als Krone der Demut, wenn man sich des Rechts auf das Eigene in aller Tat begibt; auch die h\u00f6chste Demut darf den Wert und die W\u00fcrde des Menschen nicht ausschalten. F\u00fcr den Juden ist es unbegreiflich, wie man in dieser von ihm vertretenen Anschauung einen Mangel an Demuterblicken k\u00f6nnte. Gewiss, das Judentum will auch keine \u00dcberspannung des Kraftgef\u00fchls; was es aber ja will, das ist, dass das Gef\u00fchl f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe der sittlichen Aufgabe und die Energie zur Arbeit an dieser Aufgabe dadurch geweckt werden sollen, dass man die F\u00e4higkeit zur Erf\u00fcllung der Aufgabe ins Bewusstsein hebt. Das Christentum glaubt, dass es nicht angehe, dem Menschen die Selbst\u00e4ndigkeit der sittlichen Pers\u00f6nlichkeit, wie sie das Judentum versteht, zuzugestehen, weil er sonst in Selbst\u00fcberhebung versinken und f\u00fcr seine gute Tat einen Lohn in Anspruch nehmen w\u00fcrde, w\u00e4hrend es doch eine Abkehr von wirklicher Fr\u00f6mmigkeit ist, wenn ein Mensch um des Lohnes willen fromm ist. Nun, was das anlangt, so ist es in der F\u00fclle der j\u00fcdischen Verteidigungsschriften schon bis zum \u00dcberdruss wiederholt worden, dass an dieser Stelle das Christentum keinen Fortschritt gegen\u00fcber dem Judentum bedeute, l\u00e4ngst vor dem Christentum haben die j\u00fcdischen Weisen, mit aller Energie betont, dass man das Gute nicht um des Lohnes willen tun d\u00fcrfe. Aber ist es denn von vornherein richtig, dass, wie das Christentum es gedacht hat, mit der \u00dcberzeugung von der Selbst\u00e4ndigkeit der sittlichen Pers\u00f6nlichkeit der Glaube an die Verdienstlichkeit des frommen Tuns unbedingt verkn\u00fcpft sein m\u00fcsse?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum lehrt und beweist durch die seelische Haltung seiner Bekenner unabl\u00e4ssig, dass man von der Selbst\u00e4ndigkeit seiner Pers\u00f6nlichkeit aufs tiefste durchdrungen sein k\u00f6nne, ohne sich irgendein Verdienst zuzuschreiben, ohne jene Demut zu verlieren, die bekennt, dass man nur gerade seine Pflicht getan habe und nichts mehr: Was das Judentum im letzten Grunde zu seiner Antwort auf die strittige Frage gedr\u00e4ngt hat, das ist das Bem\u00fchen, die seelische, innere Einheitlichkeit des Menschen zu erzielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesamte Kulturarbeit ist ohne den Gedanken der Selbst\u00e4ndigkeit der Pers\u00f6nlichkeit undenkbar; dem modernen Bewusstsein ist es bei aller b\u00fcrgerlichen T\u00e4tigkeit, bei allen sozialen Bestrebungen und bei allen Bem\u00fchungen, die idealen Werte der Menschheit zu mehren, ein Selbstverst\u00e4ndliches, ein Unentbehrliches, von der Selbst\u00e4ndigkeit der sittlichen Pers\u00f6nlichkeit auszugehen. Da darf es denn nicht sein, dass man von Seiten der Religion ein anderes Urteil \u00fcber den Wert des Eigenen im menschlichen Handeln pr\u00e4gt. Denn dann w\u00fcrde die Religion aufh\u00f6ren, die Herrin im gesamten Leben des Menschen zu sein, dann w\u00e4re die religi\u00f6se Forderung eine andere als die, die im Staats- und Gesellschaftsleben als die selbstverst\u00e4ndliche und sittliche gilt, und der Konflikt zwischen Religion und Leben unausbleiblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man nur die F\u00fcgung des Gedankenaufbaues, so k\u00f6nnte es scheinen, als sei das Christentum logischer als das Judentum. Gibt der Mensch sein Schicksal in Gottes Hand und stellt es seiner Gnade anheim, warum sollte man, warum darf man bei der Sittlichkeit halt machen? Ist alles an mir von Gott, warum soll gerade nur mein sittliches Tun meine Sache allein sein? Warum wird das nicht von Gott bestimmt? Das Christentum ist da scheinbar bis ans Ende gegangen und hat die Gnade auch auf das sittliche Leben ausgedehnt. Mag sein, dass das gedanklich folgerichtiger erscheint. Aber es ist in Wahrheit gar nicht folgerichtiger, sondern nur eine andere Auffassung von der Gnade. Dem Christentum ist wegen seiner Lehre von der sittlichen Unzul\u00e4nglichkeit des Menschen Gnade die Leitung der menschlichen Tat durch Gott, dem Judentum ist dank seiner Lehre von der Kraft des Menschen eben das Gnade, dass Gott den Menschen mit dieser Kraft begabt hat; und abgesehen davon: das Judentum will lieber einen scheinbaren Widerspruch ertragen, als darauf verzichten, Wille und Tat des Menschen als eine Welt f\u00fcr sich nach eigenem Gesetz zu betrachten, und dem Menschen seine v\u00f6llige sittliche Selbst\u00e4ndigkeit rauben. Es will in seinem \u00fcberquellenden Optimismus den Wert der menschlichen Seelenarbeit nicht allzu sehr herunterdr\u00fccken, es will dem Menschen die Freude am eigenen sittlichen Tun nicht verringern, will das Leben lebenswert erhalten, will den Einklang wahren zwischen Religion und Leben.<br>Vers\u00f6hnung und Erl\u00f6sung<\/p>\n\n\n\n<p>In der Lehre von der Erl\u00f6sung gipfelt nach dem Selbstzeugnis des Christentums seine Bedeutung f\u00fcr die Menschheit. Als die \u201eErl\u00f6sungsreligion\u201c nennt es sich selbst die h\u00f6chste Stufe aller Religion. Um diesen Anspruch zu verstehen, ist es notwendig, das Wort \u201eErl\u00f6sung\u201c erst n\u00e4her zu erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Judentum und Christentum erblicken beide in der Erl\u00f6sung eine hohe Hoffnung, einen gewichtigen Wert, aber beide denken sich darunter ein Verschiedenes.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist f\u00fcr den Juden \u201eErl\u00f6sung\u201c? Die Hoffnung auf die Erl\u00f6sung ist ihm die Hoffnung auf das Zusammenbrechen aller Tyrannei und Gewaltherrschaft und darum zugleich die Hoffnung auf das Ende all des Elends, das auf ihn geh\u00e4uft ist, weil er Jude ist und bleibt. Dass Israel aus seiner Not und aus dem Druck, der auf ihm lastet, erl\u00f6st werden wird, ist der lebendige Glaube ganz Israels. In diesem Sinne betet der Jude zu Gott als seinem Erl\u00f6ser; kein \u00f6ffentlicher Gottesdienst geht vor\u00fcber, ohne dass der Bitte um Erl\u00f6sung ein hervorragender Platz einger\u00e4umt wird, tief in des Juden Brust ist der Glaube eingegraben: \u201eIch wei\u00df, dass mein Erl\u00f6ser lebt\u201c (Hiob 19, 25).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Christentum hat nun an dem Glauben an die Erl\u00f6sung eine folgenschwere Umpr\u00e4gung vorgenommen und nennt \u201eErl\u00f6sung\u201c: die Befreiung des Menschen und der Menschheit von der Last der S\u00fcnde. Es behauptet, damit den entscheidenden Schritt \u00fcber das Judentum hinweg getan, den wahren Fortschritt der Religion herbeigef\u00fchrt zu haben in dem Wichtigsten der Menschenseele: der S\u00fcndenvergebung, der Erhebung des Menschen aus seiner S\u00fcnde zu reinerem Lehen. Was ist das nun f\u00fcr eine Lehre von der \u201eErl\u00f6sung\u201c, die das Christentum k\u00fcndet?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier nimmt alles seinen Ausgang von der uns bereits bekannten Auffassung \u00fcber das Wesen des Menschen. Da im christlichen Bewusstsein die S\u00fcnde etwas mit dem Menschen von Natur Verkn\u00fcpftes ist, menschliche Kraft allein von der S\u00fcnde nicht frei machen, kann, so muss der Mensch durch die Macht eines H\u00f6heren von diesem \u00dcbel befreit, erl\u00f6st werden. Aus des Menschen sittlicher Hilflosigkeit folgt nach christlicher Anschauung seine Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigkeit. Um nun dem Menschen Erl\u00f6sung zu bringen, sei Gott zur Erde hinabgestiegen, habe in Christus Menschengestalt angenommen und sich selbst f\u00fcr die S\u00fcnde der ganzen Menschheit geopfert, f\u00fcr die S\u00fcnde, die vor ihm war, und f\u00fcr die zuk\u00fcnftige. Durch Christus gewinne nun jeder S\u00fcnder Vergebung, vorausgesetzt, dass er an die erl\u00f6sende Macht Christi glaubt. Ohne den Glauben daran sei alle Reue und Busse nur eitel St\u00fcckwerk, gebe es keine Vergebung, keine M\u00f6glichkeit, zu wirklich frommer Tat zu schreiten, keine Erneuerung des Menschen, weil eben der Mensch auch nach der Reue aus eigener Kraft sich nicht bessern kann. In der katholischen Kirche spielen allerdings neben dem Glauben an Christi Erl\u00f6sungstat auch die gutenWerke des Menschen eine Rolle: sie erwerben dem bereits Getauften die ewige Seligkeit, sie bedeuten die Mitwirkung des Menschen selbst, sich der Gnade w\u00fcrdig zu machen. Allerdings immer nur diejenigen guten Werke, die aus dem Glauben an Christus und seine erl\u00f6sende Macht hervor gewachsen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Im protestantischen Bewusstsein gilt als wirksam nur die feste Zuversicht, dass um der Verdienste Christi willen die S\u00fcnde vergehen sei. Wenn man katholische und protestantische Anschauung vom Standpunkte des Judentums aus betrachtet, so kommt man zu dem von der landl\u00e4ufigen Meinung abweichenden Urteil, dass an dieser Stelle die katholische Lehre der j\u00fcdischen n\u00e4her steht als die protestantische. Denn die katholische Lehre erkennt den Wert guter Werke an und weist ihnen einen Platz an in der \u00dcberwindung der Hemmnisse, die in der Menschenbrust der sittlichen L\u00e4uterung sich entgegenstellen. Sie geht hier ein St\u00fcck Weges mit der j\u00fcdischen Anschauung, weicht von ihr allerdings wieder ab, indem sie unter guten Werken nicht blo\u00df sittliche Handlungen sondern auch kirchliche Handlungen wie Fasten und Beten begreift und stark betont, w\u00e4hrend im Judentum nach dem Willen, seiner Lehrer die zeremoniellen Handlungen stets hinter die ethischen Forderungen r\u00fccken. Die protestantische Anschauung hingegen leugnet den Wert guter Werke, auch der sittlichen, f\u00fcr die Vers\u00f6hnung mit Gott und gr\u00fcndet die Erl\u00f6sung von der S\u00fcnde ausschlie\u00dflich auf den Glauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam ist also allen christlichen Bekenntnissen die Anschauung, dass Reue und Busse allein nicht gen\u00fcgen, wenn sie auch selbstverst\u00e4ndlich immer gefordert werden. Zu ihnen m\u00fcsse noch der Glaube an die erl\u00f6sende Kraft von Christi Leben und Tod hinzukommen. Und diese Erl\u00f6sung ist und bleibt ein Geschenk der g\u00f6ttlichen Liebe, sie ist von der Tat des Menschen, auch von seiner zuk\u00fcnftigen, unabh\u00e4ngig, sie begr\u00fcndet auch keine neue sittliche Haltung des Menschen. Es wird selbstredend gefordert, dass als Wirkung der Erl\u00f6sung die Heiligung des Menschen sich zeigen m\u00fcsse, d. h. die bessere Tat, der Aufstieg zum Guten; insbesondere in der modernen christlichen Bewegung wird die sittliche Tat als Frucht der Erl\u00f6sung noch \u00fcber die Erl\u00f6sung gestellt. Aber diese sittliche Tat wird nicht gedacht als die v\u00f6llig eigene Arbeit des Menschen, der um seine sittliche L\u00e4uterung ringt, sondern sie ist selbst wieder ein Geschenk Gottes. Dass der erl\u00f6ste Mensch zur besseren Tat schreitet, ist nicht sein Werk, sondern das Werk der Gnade, die \u00fcber ihn gekommen ist. An dem Glauben an die Erl\u00f6sung von der S\u00fcnde \u00e4ndert sich auch nicht viel bei denjenigen, denen das Dogma vom Opfertode Christi und seiner Gottheit ein \u00fcberwundener Standpunkt ist. Es ist dann eben der Mensch Christus, der durch sein Beispiel die S\u00fcnde \u00fcberwinden lehrt, es ist dann nicht mehr sein Tod, sondern sein ganzes Leben, das als einzigartige Erscheinung gefasst wird, aber es bleibt der Wille, das Christentum auszubauen als die Religion der Erl\u00f6sung von der Macht der S\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie stellt sich nun das Judentum dazu?<\/p>\n\n\n\n<p>In ihm ist f\u00fcr das Bed\u00fcrfnis nach Erl\u00f6sung im christlichen Sinne des Wortes kein Raum, weil ihm die S\u00fcnde ein Vor\u00fcbergehendes ist, und es ein Reich der S\u00fcnde nicht anerkennt. Wohl f\u00fchlt der Jude, dass er ohne Gottes Gnade und Erbarmen nicht bestehen k\u00f6nnte, dass jeder S\u00fcnder Gottes Verzeihung bedarf, dass kein Mensch so schlecht werden kann, dass ihm nicht Gottes Liebe immer wieder zuteil werden k\u00f6nnte. Die Bibel verk\u00fcndet die Botschaft von dem grenzenlosen Erbarmen Gottes so oft, dass es \u00fcberfl\u00fcssig ist, Verse daf\u00fcr aus der Bibel zu zitieren. Aber der Jude wei\u00df auch: wie der Mensch durch seine Schuld von Gott sich getrennt hat, so muss er sich ihm wieder durch seine sittliche Tat n\u00e4hern. Und wenn die Seele noch so sehr mit S\u00fcnde belastet ist, es bleibt ihr die volle Freiheit und F\u00e4higkeit zu besserem Tun. Die sittliche Erneuerung muss aus eigener Kraft erwachsen, die Heiligung des Menschen ist sein eigenes Werk, er selbst muss sich den Frieden mit sich selbst, die Harmonie des Seelenlebens erringen, die den Frieden mit Gott, die Vers\u00f6hnung verb\u00fcrgt. Von dieser Anschauung geleitet feiert der Jude seinen Vers\u00f6hnungstag, immer getragen von dem Gedanken, dass der erbarmende Gott jedem reuigen S\u00fcnder sich zuneigt, dass aber der Mensch die Quellen der sittlichen Erneuerung in sich selbst trage. Er glaubt nicht, dass ein Vers\u00f6hnungstag oder irgendeine andere Gabe der Religion ihn auch nur f\u00fcr einen Augenblick ans volle Ziel bringen kann, sondern er wei\u00df, dass jeder Vers\u00f6hnungstag nur dazu da ist, ihn zu weiterem eigenen Streben zu ermutigen und zu ermahnen. Das ist die einfache j\u00fcdische Lehre von der Vers\u00f6hnung. Da ist nichts von Erl\u00f6sung von der S\u00fcndenmacht, da steht kein Wunder im Mittelpunkt, da ist Gottes und des Menschen Anteil an der Vers\u00f6hnung gewahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist also in kurzem der Unterschied zwischen der \u201eVers\u00f6hnung\u201c im Judentum und der \u201eErl\u00f6sung\u201c im Christentum? Bei der Vers\u00f6hnung wirken beide; Gott und Mensch mit, denn die Vers\u00f6hnung fordert beide Parteien (wie Hermann Cohen es treffend ausgedr\u00fcckt), aber im Vordergrunde steht die aus der Kraft geleistete Arbeit des Menschen, wie sie sich auspr\u00e4gt in der Reue, der neuen Tat, der Heiligung. Bei der Erl\u00f6sung ist alles Gottes Werk allein, auch das neue Leben des Menschen und seine Heiligung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der christlichen Lehre von der Erl\u00f6sung sind noch mancherlei Gedanken verbunden, zu denen das Judentum in Widerspruch steht. Da ist vor allem die Vorstellung vom \u201eGlauben\u201c. Der \u201eGlaube\u201c ist auch im Judentum die selbstverst\u00e4ndliche Voraussetzung der Fr\u00f6mmigkeit, aber nie selbst Fr\u00f6mmigkeit. Im Christentum aber gewinnt der Glaube einen selbst\u00e4ndigen Wert, er ist eine Tat, die f\u00fcr sich schon die Erl\u00f6sung von der S\u00fcnde bewirkt. Selbst da, wo die guten Werke gefordert werden, treten sie in ihrer Bedeutung \u201ehinter den Glauben\u201c zur\u00fcck, der Glaube an Christus und seine Erl\u00f6sertat ist das allein Entscheidende, ohne ihn gibt es keine wirklich fromme Handlung; keine Gemeinschaft mit Gott. In diesem Sinne wurde das Wort vom allein seligmachenden Glauben gepr\u00e4gt. \u201eWer da glaubt \u2026, wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden\u201c hei\u00dft es im Evgl. Markus 16, 16.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum hingegen lehnt es ab, im Glauben ein Kennzeichen der Fr\u00f6mmigkeit zu erblicken. Noch dazu, da es sich nicht etwa nur um den Glauben an Gott, sondern um den Glauben an das ganze Heilswerk Christi handelt. Und wenn nun jemand daran nicht zu glauben vermag? Das Christentum hat f\u00fcr ihn keinen Trost, es kann ihm keine Vers\u00f6hnung zusprechen, er bleibt unerl\u00f6st von der Macht der S\u00fcnde. Erl\u00f6sung ist das aus Liebe fliessende Gnadengeschenk Gottes an die unter der S\u00fcnde erliegende Menschheit, indem sie als das H\u00f6chste gepriesen wird, w\u00e4chst in der christlichen Lehre die Liebe \u00fcber die Gerechtigkeit empor. Verzeiht Gott nicht um der Reue und Busse des Menschen. willen, die seine sittliche Besserung nach sich ziehen, sondern nur aus Liebe auf Grund des Glaubens an die Erl\u00f6sung durch Christi Tod, dann muss auch f\u00fcr das sittliche Leben des Menschen und seine Nachfolge Gottes die Liebe h\u00f6her stehen als die Gerechtigkeit und auch im sozialen Leben die Liebe wertvoller sein als die Gerechtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders im Judentum.<\/p>\n\n\n\n<p>Unendlich hoch steht auch ihm die Liebe Gottes, aber wie sich ihm in seinem Bilde von Gott Liebe und Gerechtigkeit verm\u00e4hlen, der gerechte Gott zieht den Menschen, der von seiner Willensfreiheit einen schlechten Gebrauch macht, zur Verantwortung, und dieser selbe gerechte Gott ist zugleich voll Liebe und Erbarmen mit dem reuigen S\u00fcnder, so werden auch in des Menschen sittlicher Nachfolge Gottes Liebe und Gerechtigkeit in gleichem Wert gefordert. Der Mensch bekennt seinen Gott, indem er an den Gesch\u00f6pfen Gottes Liebe \u00fcbt; und wer die Rechtsordnung zerst\u00f6rt hat, muss aus seinem Teil zu ihrer Wiederherstellung beitragen, seine Reue und seine Busse m\u00fcssen aus ihm flie\u00dfen, damit erf\u00fcllt der s\u00fcndige Mensch Gott gegen\u00fcber die Forderung der Gerechtigkeit. So werden im Judentum Liebe und Gerechtigkeit gleichwertig und gleichnotwendig; sosehr, dass in dem Worte \u201ezedakah\u201c, das zugleich Gerechtigkeit und Liebestat bedeutet, beides unaufl\u00f6slich miteinander verbunden ist. Das Judentum l\u00e4sst sich dabei von dem Gedanken leiten, dass man nicht ein Ideal aufstellen d\u00fcrfe unbek\u00fcmmert um die Natur des menschlichen Gemeinschaftslebens. Die menschliche Gesellschaft kann sich auf Liebe allein nicht gr\u00fcnden, sie fordert beides, Liebe und Gerechtigkeit in gleicher Weise. In steigendem Masse gehen ja auch alle modernen Staaten dazu \u00fcber, die sozialen Pflichten nicht blo\u00df als Bekundungen der Liebe zum N\u00e4chsten zu fassen, sondern als Forderung der Gerechtigkeit durch Gesetz festzustellen, und bekennen sich so praktisch zu der vom Judentum von jeher vertretenen Verbindung von Liebe und Gerechtigkeit. Aber nur wenn die religi\u00f6se Forderung dieselbe ist als die, die im Staats-und Gesellschaftsleben als die selbstverst\u00e4ndliche gilt, ist die Religion das, was sie sein soll, die Herrin \u00fcber das gesamte Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcdische Lehre von dem gleichen Wert und der gleichen Notwendigkeit von Liebe und Gerechtigkeit sichert der Religion die ihr geb\u00fchrende Stelle im Leben. \u201eErl\u00f6sung\u201c bedeutet die Alleinherrschaft der Liebe, \u201eVers\u00f6hnung\u201c die Verbindung von Liebe und Gerechtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bedeutsam, dass man in den christlichen Kreisen, in denen man \u00fcber das Dogma von der Erl\u00f6sung durch den Tod Christi hinaus strebt, dennoch den Kern der alten Erl\u00f6sungslehre dadurch festzuhalten bem\u00fcht ist, dass man zum Gipfelpunkt der Sittlichkeit die Liebe erhebt, die an Wert weit \u00fcber Gerechtigkeit hinausragen soll. Die christliche Erl\u00f6sungslehre gipfelt darin, dass Gott in den Dienst der Menschheit gestellt wird, die j\u00fcdische Vers\u00f6hnungslehre in dem Bewusstsein, dass es das Wichtigere ist, den Menschen in den Dienst Gottes zu stellen. Dadurch, dass das Christentum mit seiner Erl\u00f6sungslehre Gott in den Dienst der Menschheit stellt, hat es das Opfer verewigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist richtig, es hat auf das tats\u00e4chlich zu vollziehende blutige Opfer verzichtet, aber nur, weil es durch ein stellvertretendes g\u00f6ttliches ersetzt wurde, das sich immer aufs Neue wiederholt. Nach der Lehre der katholischen Kirche erneuert sich in jedem Hochamt die Opferung Christi, und f\u00fcr beide, Katholiken und Protestanten, ist das Abendmahl die nie erl\u00f6schende Erinnerung an die Selbstopferung Christi. Das Opfer behielt so seine entscheidende Stellung in der Religion. Diese Stellung hat es im Judentum nicht. Schon zu den Zeiten, da der Tempel noch stand, war das Bewusstsein lebendig, dass Gott nicht um des Opfers willen vers\u00f6hnt, sondern einzig wegen der Reue des Menschen, von diesem Gesichtspunkt aus f\u00fchrten die Propheten ihren Kampf gegen eine allzu gro\u00dfe Sch\u00e4tzung des Opfers im Volksbewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausdr\u00fccklich heisst es dann in einem halachischen Midrasch, \u201eauch ohne Opfer vollziehe Gott am Vers\u00f6hnungstage das Werk der Vers\u00f6hnung\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>(Sifra Acharej Mot 8).<\/p>\n\n\n\n<p>Es muss dem Juden als die Rechtfertigung seines von jeher vertretenen Standpunktes erscheinen, wenn manche Kreise des heutigen Christentums die Opferung Christi rein sittlich als die Hingabe an die gestellte Aufgabe fassen, die im Menschen die gleiche Hingabe in der Liebe zu den Mitmenschen erwecken soll. Auf diesem Wege ist bereits vor mehr als 1800 Jahren Rabban Jochanan ben Sakkai gegangen, als er die um den Tempel Trauernden mit der Mahnung tr\u00f6stete, dass nun an die Stelle des Opfers die Liebestat im Dienste des N\u00e4chsten trete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die allerwichtigste Folge aber des Glaubens an die Erl\u00f6sung von der S\u00fcnde durch den Tod Christi ist die, dass dadurch in den Mittelpunkt des Christentums eine Pers\u00f6nlichkeit r\u00fcckte: die Person Christi.<\/p>\n\n\n\n<p>Er steht als der Mittler zwischen Gott und Mensch. Selbst in den christlichen Kreisen, in denen man \u00fcber alle Dogmen hinweggeschritten ist, bleibt unersch\u00fctterlich Christus im Mittelpunkt alles religi\u00f6sen Denkens. Er gilt dann mittelbar als der Erl\u00f6ser, weil er das Menschengeschlecht aufs Wirksamste zur sittlichen Besse\u00adrung angeregt haben soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Er gilt als das un\u00fcberbietbare Beispiel v\u00f6lliger selbstloser Hingabe an die Menschheit, dem niemand diesen Platz in der Geschichte bestreiten k\u00f6nne. Auch da, wo auf dem \u00e4u\u00dfersten Fl\u00fcgel des kirchlichen Liberalismus alles geschwunden ist, was an das alte christliche Dogma erinnert, wird doch wieder alles auf Christus aufgebaut, ganz wie bei dem orthodoxesten Christen. Ja, je mehr in diesen Kreisen Christus entg\u00f6ttlicht und nur als vorbildlicher Mensch angesehen wird, umso mehr wird seine Pers\u00f6nlichkeit betont als die allein wirksame in der ganzen Menschheitsgeschichte. So sagt z. B. Bousset, nachdem er dem Gedanken Ausdruck gegeben, dass die notwendige Fortentwicklung der christlichen Religion alle Dogmen in ihren Strom hineinrei\u00dft: \u201eWas bleibt uns noch? \u00c4ngstliche k\u00f6nnten meinen, ein Tr\u00fcmmerhaufen \u2026 Was uns bleibt ist das einfache Evangelium Jesu. Selbst da; wo wir uns von Luther und Paulus hier und da l\u00f6sen, ketten wir uns umso fester an die Person und das Evangelium Jesu.\u201c Und an, anderer Stelle: \u201eWir sagen, dass seine Gestalt das H\u00f6chste und Vollendetste ist, was der Menschheit auf ihrem langen Wege von unten nach oben geschenkt wurde, die Krone unseres Daseins, der F\u00fchrer unseres Lebens, dem kein anderer F\u00fchrer zur Seite steht \u2026 Alles schie\u00dft zusammen und kristallisiert sich in vollendeter Klarheit in der Person unseres Herrn, Jesu, Und wir sprechen zu ihm: Du bist unser F\u00fchrer! Es hat unendlich viele F\u00fchrer des, menschlichen Lebens gegeben auf diesen und jenen Gebieten. Sei Du unser F\u00fchrer, dem kein anderer gleicht, der F\u00fchrer im, H\u00f6chsten, der Leiter unserer Seele zu Gott, der Weg, die Wahrheit und das Leben.\u201c Also selbst bei dem freiesten Christen, selbst bei dem, der, das Sittliche \u00fcber den Glauben stellt, bleibt, der Wille, Christus als die religi\u00f6se Pers\u00f6nlichkeit schlechthin anzuerkennen, als den allein m\u00f6glichen F\u00fchrer auf dem Wege zur Fr\u00f6mmigkeit. Auch dort bleiben in voller Geltung die Worte Christi im Evangelium:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer nun mich bekennet vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater\u201c (Matth\u00e4us 10, 32-33).<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der tiefe Unterschied zwischen dem christlichen Erl\u00f6sungs- und dem j\u00fcdischen Vers\u00f6hnungsgedanken: Bei der Vers\u00f6hnung stehen nur Gott und Mensch einander gegen\u00fcber, Erl\u00f6sung aber muss durch jemandes Werk kommen. Da muss eine unerreicht als einzigartig dastehende Pers\u00f6nlichkeit zum Muster aller Fr\u00f6mmigkeit werden. Das eben ist ein Gedanke, den das Judentum ablehnt. Nach seiner Anschauung ist in jeglichem Geschlecht die H\u00f6he des religi\u00f6sen Standes zu erzielen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs gibt kein Geschlecht, in dem nicht M\u00e4nner emporwachsen wie Abraham, wie Isak und Jakob, wie Mose, wie Samuel\u201c (Bereschit rabbah 56,7).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Protestantismus nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, dass er dem Bewusstsein, jeder m\u00fcsse sein eigener Priester sein, zum Siege verholfen habe, indem er den Priester als \u00fcberfl\u00fcssig zur Vermittlung der Erl\u00f6sung erkl\u00e4rte. Aber geblieben ist auch im Protestantismus Christus als der Mittler zwischen Mensch und Gott, geblieben ist auch im freiesten Christentum das Gebundensein an die Pers\u00f6nlichkeit Christi. Der kirchliche Liberalismus mag sich noch so sehr der j\u00fcdischen Vers\u00f6hnungslehre n\u00e4hern, an einem Punkte muss er halt machen, um sich noch als Christentum zu bekunden: er muss alle fromme und sittliche Tat des Menschen auf Christus beziehen, muss bezeugen, dass f\u00fcr den Christen das Heil nur in seiner pers\u00f6nlichen Beziehung zu Christus liegt. An dieser Stelle steht wiederum ein geschlossenes j\u00fcdisches einem geschlossenen christlichen Bewusstsein gegen\u00fcber. Das Christentum glaubt nur an einen Sittenhelden an Christus und hat ihn zum Mittler gew\u00e4hlt zwischen Mensch und Gott f\u00fcr alle Ewigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum glaubt, dass der Menschheit immer neue Gr\u00f6\u00dfen erstehen, die f\u00e4hig sind, sie der Gottheit n\u00e4her zu bringen, und dass jeder zu Gott Emporstrebende in sich die Kraft habe, sich durch sich selbst zu Gott zu erheben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Messias und die messianische Zeit<\/h2>\n\n\n\n<p>Der im vorherigen Kapitel dargestellte Gedanke der Erl\u00f6sung ist derart Mittelpunkt des Christentums, dass es selbst die vom Judentum \u00fcbernommene Messiasidee g\u00e4nzlich in den Dienst der Erl\u00f6sung von der S\u00fcnde gestellt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lehre vom Messias hat im Judentum mannigfache Wandlungen durchlebt. Aber durch alle Wandlungen zieht sich die eine gro\u00dfe Hoffnung: Mit dem Messias werde eine Zeit kommen, in der Recht und Gerechtigkeit, Liebe und Frieden auf Erden herrschen werden, und das Ringen der Menschen untereinander nicht um politische Macht und Herrschaft gehen, sondern sich in dem Eifer um die F\u00f6rderung wahrhafter Kultur bet\u00e4tigen wird. So ist es ausgesprochen in dem wunderbaren <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/jeschajahu-das-buch-jesaja\/#Kapitel11\">11 Kapitel des Jesaja <\/a>und in den klassischen Versen \u201eSie werden umschmieden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebmessern, nicht mehr wird ein Volk gegen das andere das Schwerterheben, und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu f\u00fchren\u201c (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/jeschajahu-das-buch-jesaja\/#Kapitel2\">Jesaja 2, 4<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz und gar sozial ist diese j\u00fcdische Messiasidee, an ihr hat sich der Begriff der Menschheit herausgebildet, sie gipfelt in der gl\u00e4ubigen Gewissheit einer neuen, einigen Menschheit. Das Christentum hat nun daran eine folgenschwere Umpr\u00e4gung vorgenommen und den Messias in unaufl\u00f6sliche Verbindung mit der S\u00fcndenvergebung gesetzt. Es macht aus dem Messias jene einzige Pers\u00f6nlichkeit, die dem Menschen Erl\u00f6sung von der Macht der S\u00fcnde bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen der j\u00fcdischen Anschauung ist f\u00fcr diesen Gedanken kein Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegenteil: Nicht nur, dass der Messias nicht die Vergebung der S\u00fcnde bewirkt, sein Erscheinen gibt \u00fcberhaupt erst als denkbar, wenn die Menschen aus ihrer Kraft den Weg zu einem anderen Tun beschritten haben. So hei\u00dft es z.B. im Talmud (Sanhedrin 97 b) \u201eRab sagte: Verstrichen sind alle Zeiten, [an denen man den Messias erwartete]; und alles h\u00e4ngt jetzt ab von der Busse und den guten Werken\u201c und ferner: \u201eR. Chanina sagte: Der Sohn Davids wird erst dann kommen, wenn alle D\u00fcnkelhaften aus Israel verschwunden sein werden\u201c. Mit diesen Gedanken, die das Eintreffen der messianischen Zeit auf die sittliche Arbeit der Menschen gr\u00fcnden, kam in die ganze j\u00fcdische Auffassung von der messianischen Zeit ein neues Motiv. Galt die durch das Erscheinen des Messias herbeigef\u00fchrte Ver\u00e4nderung urspr\u00fcnglich als ein g\u00f6ttliches Wunder, so w\u00e4chst nun daneben mit immer st\u00e4rkerer Gewalt der Glaube empor, dass zu dem Endziel die Kraft der Menschen selbst notwendig und dass die messianische Zeit eine von ihnen zu l\u00f6sende Aufgabe sei. Dadurch tritt die Hoffnung auf diese Zeit so sieghaft in den Vordergrund, dass die Person des Messias in den Hintergrund r\u00fcckte: die Idee siegte \u00fcber die Pers\u00f6nlichkeit. Im Anfang war noch der Messias als eine unentbehrliche Figur gedacht, sein Erscheinen und Wirken wurde im Denken und Tr\u00e4umen des Volkes mit phantastischen Farben ausgemalt, aber im Grunde genommen war die Pers\u00f6nlichkeit des Messias so locker mit der Zukunftshoffnung verkn\u00fcpft, dass alle die Vorstellungen, mit denen die sch\u00f6pferische Volksphantasie das Erscheinen des Messias ausschm\u00fcckte, niemals irgendeine verbindliche Geltung fanden, und Joseph Albo (Anfang des 15. Jahrhunderts) schon ,wagen durfte, den Glauben an die Person des Messias als nicht zum Dogma des Judentums geh\u00f6rig zu bezeichnen. Es kam schlie\u00dflich dazu, dass sowohl f\u00fcr diejenigen, die an das Erscheinen des Messias glauben, wie f\u00fcr die, die an sein Erscheinen nicht glauben, das Schwergewicht auf die messianische Zeit gelegt wurde. Das gesamte religi\u00f6se Bewusstsein der Judenheit richtet sich in diesem Punkte auf den Glauben, dass die unausgesetzte Arbeit der Menschheit in sich selbst zu jener besseren Zeit f\u00fchren werde, in der die Tugenden der Gerechtigkeit und der Liebe eine allgemeine Ausbreitung erfahren werden und die Erkenntnis Gottes so voll und tief sein wird \u201ewie Wasser den Meeresgrund bedecken\u201c. Demgegen\u00fcber bleibt im Christentum alles auf die Pers\u00f6nlichkeit Christi gestellt. Selbst da, wo man alle Vorstellungen von der Gottheit Christi und alle anderen dogmatischen Aussagen \u00fcber Bord geworfen hat und, der j\u00fcdischen Anschauung folgend, messianisches Leben als eine Aufgabe fasste, deren L\u00f6sung noch aussteht, bleibt die Person des Messias im Mittelpunkt. Nicht die Idee leitet, sondern die Pers\u00f6nlichkeit, die als die einzige bisher in der Weltgeschichte erlebte Verk\u00f6rperung der Fr\u00f6mmigkeit gedacht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcdische Messiasidee ist ausschlie\u00dflich auf die Zukunft gerichtet. In allen Stufen ihrer Entwicklung blieb sie die Verk\u00f6rperung des Gedankens, dass es einen Stillstand in der sittlichen Entwicklung nicht gibt, dass jede L\u00f6sung neue Aufgaben in sich birgt, neue Anspannungen des Willens, neue Umschaffungen der Menschheit. So ist die messianische Hoffnung bis auf den heutigen Tag ein Ausblick in ungeahnte Fernen, die \u00dcberzeugung, dass es f\u00fcr die Menschheit kein Ausruhen gibt sondern nur eine ewige Bewegung. Die christliche Messiasidee dagegen will dem Menschen vor allem die Ruhe und den Frieden der Erl\u00f6sungsgewissheit bringen. Selbst dort, wo sie ebenfalls die Richtung auf die Zukunft einschl\u00e4gt, bleibt doch die st\u00e4ndige R\u00fcckschau auf den einen Moment der Vergangenheit in dem Christus lebte. Die Arbeit an der Zukunft ist dann die Arbeit, die H\u00f6he wiederzugewinnen, die einmal bereits in einer Person erreicht worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs wird ein Augenblick der Weltgeschichte herausgegriffen, indem das Heil in einer Pers\u00f6nlichkeit seine H\u00f6he und F\u00fclle gewonnen hahen soll; dieser Augenblick gilt als der Zielpunkt der ganzen vorhergehenden Weltgeschichte, mit dem in gewissem Sinne der Abschluss erfolgt sei, das religi\u00f6se Leben habe nun seine unab\u00e4nderlichen Normen f\u00fcr alle Ewigkeit erhalten, die Weltgeschichte habe nun nichts weiter zu tun, als das Christentum in der Welt einzubilden\u201c (Abraham Geiger).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Auseinanderstreben der j\u00fcdischen und der christlichen Messiasidee geht letzten Endes zur\u00fcck auf den uns nunmehr schon bekannten Gegensatz der Grundanschauung beider Religionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum hat die \u00dcberzeugung von der sittlichen Kraft des Menschen. Die j\u00fcdische Messiasidee wird infolgedessen getragen von dem Glauben, dass die unausgesetzte Arbeit der Menschheit an sich selbst die seelische Beschaffenheit des Menschen immer mehr emporsteigere. Die christliche Messiasidee kann diesen Weg in solcher Geschlossenheit nicht gehen, sie k\u00e4me alsbald in Widerstreit mit der durch das ganze Christentum hindurchgehenden Anschauung von der sittlichen Unzul\u00e4nglichkeit des Menschen, der Erbs\u00fcnde. Denn da diese in jedem Geschlecht sich erneuert, so bleibt auch der Mensch sp\u00e4tester Zukunft noch genau so unter der Herrschaft der S\u00fcnde, wie er es in grauer Vorzeit war, und wird der Erl\u00f6sung bed\u00fcrftig sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Gesetz<\/h2>\n\n\n\n<p>Von Anfang an stellte sich das Christentum feindlich zum j\u00fcdischen Gesetz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Christen, die sogenannten Judenchristen, deren Ideal es noch war, das Gesetz des Judentums mit dem Glauben an Christus zu verbinden, unterlagen und allein sieghaft blieb der neue Glaube, dass mit dem Erl\u00f6ser das Gesetz Israels abgetan sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesetz und Evangelium bilden bis auf den heutigen Tag im christlichen Bewusstsein die beiden gro\u00dfen Gegens\u00e4tze:<\/p>\n\n\n\n<p>Gesetz &#8211; etwas Hartes, Kaltes, niemals Gemeinschaft mit Gott<\/p>\n\n\n\n<p>Bringen des Evangelium &#8211; die Liebe und die Erl\u00f6sung von der S\u00fcnde, die wahre Gottesgemeinschaft;<\/p>\n\n\n\n<p>Gesetz \u2013 die niedere Stufe der Religion,<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelium &#8211; die h\u00f6chste Stufe, die Vollendung;<\/p>\n\n\n\n<p>Gesetz &#8211; der Sinn des Judentums,<\/p>\n\n\n\n<p>Evangelium &#8211; der Sinn des Christentums.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist diese Stellungnahme zu begreifen? Auch hier w\u00e4chst alles heraus aus der Verschiedenheit der Anschauung \u00fcber das Wesen des Menschen. Geht man mit dem Christentum davon aus, dass die sittliche Kraft des Menschen nichtig sei, dann f\u00fchrt ein unvermeidlicher Schritt zu dem Gedanken, dass den Menschen aus seiner Schwachheit keinerlei Gesetz, keinerlei religi\u00f6se Forderung zu retten imstande sei, sondern nur der Glaube, dass Gottes Gnade ihm helfe. Mag der Mensch noch so sehr gewillt sein, der Forderung entsprechend zu leben, dieser Wille hat gar keinen Zweck. Denn was immer der Mensch tut, er kann es ja infolge seiner sittlichen Unzul\u00e4nglichkeit nie richtig und vollkommen tun. Das Gesetz bringt ihm nur seine Unvollkommenheit zum Bewusstsein; da es noch nicht die Kraft zur Erf\u00fcllung gibt, ist unter ihm keine Harmonie von g\u00f6ttlichem und menschlichem Willen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja es schadet sogar. Denn, g\u00e4be es kein Gesetz, so k\u00f6nnte man nie zu dem Bewusstsein kommen reine S\u00fcnde begangen zu haben. Mit dem Verbot kommt zugleich die Begierde empor, dagegen zu handeln; indem man befiehlt, weckt man die s\u00fcndige Lust, gegen den Befehl zu handeln. Diese Gedanken kommen an vielen Stellen des neuen Testaments zum Ausdruck. So R\u00f6mer 3, 20: \u201eDurch das Gesetz kommt Erkenntnis der S\u00fcnde\u201c; R\u00f6mer 4,15: \u201eDas Gesetz richtet nur Zorn an, wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine \u00dcbertretung\u201c; R\u00f6mer 7, 7-8: \u201eDie S\u00fcnde erkannte ich nicht, ohne durchs Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Lust, wo das Gesetz nicht h\u00e4tte gesagt: lass dich nicht gel\u00fcsten. Da nahm aber die S\u00fcnde Ursache am Gebot, und erregte in mir allerlei Lust. Denn ohne das Gesetz war die S\u00fcnde tot.\u201c Galater 3, 10: \u201eDie mit des Gesetzes Werken umgehen, sind unter dem Fluch; denn es steht geschrieben: verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in allem, das geschrieben steht in dem Buche des Gesetzes; dass er es tue.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist also nach christlicher Anschauung der Erfolg all der Gesetze, die mit der Thora zu den Menschen kamen, an denen die Rabbinen mit hei\u00dfem Bem\u00fchen gearbeitet haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Nur der, dass die Menschen eher an die S\u00fcnde denken, die Ohnmacht ihres Wesens um sch\u00e4rfer empfinden und sich unter einer unertr\u00e4glichen Last f\u00fchlen. Aber wenn das Gesetz f\u00fcr die Fr\u00f6mmigkeit so sch\u00e4dlich ist, warum wurden die Gesetze erst gegeben? Sie h\u00e4tten, antwortet das Christentum, eben gar keinen anderen Zweck gehabt als den, dem Menschen seine Schwachheit so recht deutlich vor Augen zu f\u00fchren; von Anfang an sei der Plan Gottes gewesen, dass die Menschen schlie\u00dflich einsehen sollen, dass sie von sich aus nichts sind. Indem sie erkennen, dass das Gesetz ihrer Seele keinen Frieden bringt, sondern nur vermehrten Unfrieden, sollten sie zu der \u00dcberzeugung gelangen, dass nicht das Gesetz, sondern die Gnade Gottes allein Fr\u00f6mmigkeit erwecke, dass es kein anderes Heil gebe, als durch den Glauben an Christus, den durch Gottes Gnade gesandten Erl\u00f6ser, die Gottesgemeinschaft zu erlangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gesetz ist also nach christlicher Anschauung nur das Mittel, um dein Menschen die Sehnsucht nach der allein wirksamen Erl\u00f6sung zu geben. Indem er einsieht, dass er durch das Gesetz nicht fromm w\u00fcrde, greift er nach dem besseren Mittel, nach der Gnade Gottes, um s\u00fcndenfrei zu werden. In diesem Sinne gilt das Judentum als die Vorbereitung auf das Christentum. Im Judentum, so ist die landl\u00e4ufige christliche Ansicht, &#8211; der Gott des Zornes, weil n\u00e4mlich auf die \u00dcbertretung eines Gesetzes Strafe folgen m\u00fcsse, im Christentum \u2013 der Gott der Gnade, das Judentum &#8211; das Gesetz, zwar auch Gottes Offenbarung aber nur eine niedere Stufe, das Evangelium &#8211; die Gnade, die h\u00f6here Stufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Auffassung zieht sich durch das ganze Christentum hindurch, auch dort, wo man vom alten Dogma sich freigemacht hat. Ja dort wird, um dem Vorwurf der Ann\u00e4herung an j\u00fcdische Gedankenkreise zu entgehen, noch sch\u00e4rfer betont \u201eDas Gesetz ist der Fluch\u201c, Der Mensch soll sich nichteinbilden, dass er jemals sich heiligen k\u00f6nne, wenn er nach der Forderung Gottes sucht, um nach ihr zu leben; er soll nur ein Gef\u00fchl kennen: sich auf die Gnade verlassen, die allein den Menschen heiligen und emporziehen kann. Diese Verurteilung des Gesetzes ist eine vollst\u00e4ndige und durchg\u00e4ngige, es wird nicht etwa unterschieden zwischen Gesetz und Gesetz, zwischen kultischen und sittlichen Gesetzen. Auch das Sittengesetz wirkt, als Gesetz erfasst, wie ein Fluch. Es ist da im Grunde gar kein Unterschied. ob man sich Gott zu n\u00e4hern glaubt, indem man Zeremonialgesetze erf\u00fcllt, oder indem man das Sittengesetz beobachtet. Solange man meint, fromm zu sein, indem man nach der Forderung Gottes sucht, um durch ihre Erf\u00fcllung selbst an seiner Heiligung mitzuwirken, ist man im Wahne befangen. Zeremonien oder Sittengebote, beide sind f\u00fcr das christliche Bewusstsein \u201eWerke\u201c, und f\u00fcr beide gilt es: \u201eSo halten wir denn daf\u00fcr, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke durch den Glauben\u201c (R\u00f6mer 3, 28).<\/p>\n\n\n\n<p>Beide erwecken nach christlicher Anschauung die irrige Meinung, der Mensch k\u00f6nne sich aus eigener Kraft zu wertvollem Tun emporschwingen, w\u00e4hrend es doch in Wahrheit nur ein Heil geben d\u00fcrfe: von allem Eigenen, das ja doch verderbt ist, abzusehen und sich ganz auf die Gnade und, die Erl\u00f6sung zu verlassen. Zu dieser Anschauung steht das Judentum in schroffstem Gegensatz. Zun\u00e4chst deckt sich ihm \u201eThora\u201c \u00fcberhaupt nicht mit \u201eGesetz\u201c, Thora ist erheblich mehr als Gesetz, ist Lebenslehre und Erweckung frommer Gesinnung; das Gesetz ist nur eines ihrer Bestandteile. Soweit es sich aber nun um das Gesetz handelt, bejaht das Judentum es grunds\u00e4tzlich, und zwar wiederum infolge seiner Grundanschauung vom Wesen des Menschen. Ein Gesetz, so denkt und f\u00fchlt der Jude, gibt man dem, bei dem man Kraft zur Erf\u00fcllung vorhanden wei\u00df. Der Mensch ist, sagt das Judentum, mit der Kraft zum sittlichen Handeln ausgestattet, und eben um ihm diese seine Kraft immer aufs neue in Erinnerung zu bringen, tritt ihm Gottes Wille in der Form des Gesetzes als Forderung entgegen. Demzufolge erscheint dem Juden das Gesetz nicht als Last und nicht als Fluch, sondern als Helfer, als F\u00f6rderer der eigenen sittlichen Kraft. Das ist eine Auffassung, die sich durch das ganze Judentum hindurch zieht, und auch heutigen Tages eine gemeinj\u00fcdische Anschauung ist. Gewiss, man streitet erbittert um die Geltung des \u00fcberlieferten Gesetzes; neben Vertretern der Anschauung, dass restlos das \u00fcberlieferte Gesetz seine Geltung bewahrt habe, stehen Verfechter der Ansicht, dass man unterscheiden m\u00fcsse zwischen solchen Gesetzen, die zum wesentlichen Bestande des Judentums geh\u00f6ren, und solchen, die im Laufe der Jahrhunderte durch Deutung hinzukamen; ja, es mag sogar manche geben, denen jedes kultische Gesetz als \u00fcberlebt und abgetan erscheint, und die nur ein Sittengesetz anerkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber all diese verschieden Denkenden verbindet die gemeinsame \u00dcberzeugung, dass die Religion nicht nur als Gnade sondern auch als Gesetz, als von Gott geforderte Tat in unser Leben tritt, und dass fromm sein hei\u00dft:<\/p>\n\n\n\n<p>diesem Gesetz gem\u00e4\u00df handeln und dadurch die eigene sittliche Kraft erh\u00f6hen. An diesem Punkte geht das freieste Christentum und das freieste Judentum seiner inneren Anschauung nach auseinander. Hier steht eine geschlossene j\u00fcdische einer ebenso geschlossenen christlichen Weltanschauung gegen\u00fcber. Auch der Jude von heute, er sei der modernste und freieste, vertritt den Standpunkt, dass es falsch ist, die Form der \u201eGesetzesreligion\u201c gegen\u00fcber der Erl\u00f6sungsreligion als minderwertig hinzustellen. Jeder Jude ist der \u00dcberzeugung, dass \u201eGlaube an die sittliche Kraft des Menschen\u201c und \u201eGesetz\u201c, dessen Erf\u00fcllung diesen Glauben best\u00e4tigen soll, unaufl\u00f6slich miteinander verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dieser \u00dcberzeugung geleitet, bekennt sich das Judentum aller Zeit zu dem Satze der Thora, dass der Mensch die Gesetze halten. solle, \u201edamit er durch sie Leben gewinne (3 Mose 18,5). Nach christlicher Anschauung dr\u00fcckt das \u201edu sollst\u201c den Menschen nieder und bringt ihm seine Ohnmacht zum Bewusstsein; nach j\u00fcdischer Anschauung stachelt das \u201edu sollst\u201c alle Energie an und steigert so das Leben empor. Darauf aber kommt es dem Judentum f\u00fcr den Menschen an, dass nicht die von au\u00dfen kommende Gnade, die schenkt, sondern die eigene Tat wahrhaftes Leben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So entschieden ist die Gesamtrichtung des Judentums auf den Gedanken eingestellt, dass nur die eigene Tat nach dem g\u00f6ttlichen Gesetz wahrhafte Fr\u00f6mmigkeit entwickelt, dass man den Satz pr\u00e4gen konnte: \u201eGr\u00f6sser ist derjenige, der etwas tut, weil ein Gesetz ihn dazu verpflichtet, als derjenige, der es tut, ohne dass ein Gesetz ihn dazu verpflichtet\u201c (Kidduschin 31 a).<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann gar nicht streng genug darauf hinweisen, dass die Str\u00f6mungen im Judentum, die gegen die Verbindlichkeit einzelner Gesetze k\u00e4mpfen, nicht etwa eine Ann\u00e4herung an die christliche Anschauung bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gesamte Christentum ist grunds\u00e4tzlich gesetzesfeindlich, weil es alle Hilfe auch in der Sittlichkeit von der g\u00f6ttlichen Gnade erwartet. Das gesamte Judentum dagegen ist dem Gesetze ein Freund, weil es in seiner Beobachtung zugleich eine selbstlose Hingabe an Gott und ein frohes Bewusstsein der eigenen Kraft und W\u00fcrde sieht. Mag die eine oder die andere Str\u00f6mung noch so sehr dies oder jenes Gesetz ablehnen, es bleibt dabei, dass man das Prinzip des Gesetzes, der eigenen Tat, hochh\u00e4lt, w\u00e4hrend das Christentum gerade das Prinzip des Gesetzes verneint und an Stelle des Gesetzes \u2013 auch des Sittengesetzes \u00ad Gnade und Erl\u00f6sung treten l\u00e4sst. Auch hier sehen wir das Judentum denselben Gesichtspunkt vertreten, dem wir bis hierher immer wieder begegneten: dem Willen, die Einheit aller menschlichen Lebens\u00e4u\u00dferungen zu erzielen, zwischen religi\u00f6sem Handeln und der Bet\u00e4tigung im praktischen Leben keinen Zwiespalt aufkommen zu lassen. Das gesamte menschliche Gemeinschaftsleben ist auf dem Gedanken des Gesetzes aufgebaut. Der Staat, die irdische Verk\u00f6rperung des Rechtsgedankens, ist unaufl\u00f6slich mit Gesetzen verbunden, bei jeglicher Bet\u00e4tigung hat der Mensch mit dem Gesetz zu rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nur wenn in aller Lebensbet\u00e4tigung derselbe Grundsatz zur Geltung kommt wie im Religi\u00f6sen, ist die Einheit des Seelenlebens gesichert, ist die Religion das, was sie in Wahrheit sein soll, die Herrscherin \u00fcber den ganzen Menschen. Aus dieser gegens\u00e4tzlichen Auffassung r\u00fchrt es her, dass das Judentum ein \u201eSakrament\u201c nicht kennt und nicht kennen will, w\u00e4hrend im christlichen Kultus bestimmte religi\u00f6se Handlungen mit dem Charakter des \u201eSakraments\u201c umkleidet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum betrachtet die religi\u00f6sen Handlungen, die es auf Grund der von ihm verk\u00fcndeten Gebote fordert, als Mittel der Selbstheiligung. Man muss, um das geh\u00f6rig zu w\u00fcrdigen, wiederum von der Grundanschauung, von dem Glauben an die sittliche Kraft des Menschen ausgehen. Infolge dieses Glaubens waltet im Judentum die \u00dcberzeugung vor, dass es Sache des Menschen selbst sei, nach der Erhebung der Seele aus dem Allt\u00e4glichen zu dem G\u00f6ttlichen zu suchen. Die Religion kann ihm hierzu Mittel an die Hand geben, deren Wirksamkeit aber wesentlich von der sittlichen Beschaffenheit des Aus\u00fcbenden abh\u00e4ngig ist; die ihren Wert nur durch das erhalten, was der Aus\u00fcbende an Gedanken und Gesinnungen hineinlegt. Sie k\u00f6nnen ihn anregen und f\u00fcr sein Leben nachhaltig beeinflussen, ihn in eine bestimmte Bahn des Handelns bringen, sie sind eine willkommene F\u00f6rderung der Gemeindebildung und dienen als Ausdruck gemeinsamen Bekenntnisses und gemeinsamer Geschichte, aber sie sind nicht Selbstzweck, sie vermitteln nicht durch sich selbst die Gnade Gottes. Sie werden, wenn ihr verpflichtender Charakter betont werden soll, \u201eGesetze und Gebote\u201c , wenn ihr innerer sittlicher Wert hervorgehoben werden soll, \u201eZeugnisse und Mahnzeichen\u201c genannt, und ihre \u00dcbung steht unter dem Zeichen des Bibelwortes (3 Mose 11,44): \u201eIhr sollt euch heiligen, damit ihr heilig werdet\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Heiligung des Menschen soll sein eigenes Werk sein. Die Sakramente jedoch, das sind die heiligen Handlungen der christlichen Religion, deren Gebrauch im Christentum den H\u00f6hepunkt des religi\u00f6sen Lebens bezeichnet, gelten als \u201edie von Christus gesetzten \u00e4u\u00dferen Zeichen, durch die eine innere Gnade erteilt, nicht blo\u00df angedeutet, sondern bewirkt wird\u201c, Man erinnere sich dabei wieder des Ausgangspunktes des gesamten christlichen F\u00fchlens. Der Mensch ist in seiner religi\u00f6sen Kraft gebrochen, er kann sich nie selbst heiligen, sondern Gott, muss ihn heiligen. Gott muss seine Gnade in ihn ergie\u00dfen, und diesem Zwecke der geheimnisvollen Eingie\u00dfung g\u00f6ttlicher Gnade dienen die Sakramente. Sie gelten als notwendig zur Vermittlung g\u00f6ttlicher Gnade, und ihre Wirksamkeit gr\u00fcndet sich weniger auf die sittliche Beschaffenheit des Empf\u00e4ngers als auf die Kraft, die Christus in sie hineingelegt hat; von Seiten des Empf\u00e4ngers ist nur der Glaube an Christus und die von ihm vollzogene Einsetzung des Sakramentes erforderlich, und dass er der Gnade, die im Sakrament sich birgt, kein Hindernis, entgegensetze. Diese Sakramente sind nicht wie das j\u00fcdische Gesetz blo\u00df eine Anleitung zu frommem Leben, sie vermitteln in voller Wirklichkeit die Gnade. Beim Abendmahl zum Beispiel verwandeln sich Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi, durchdringt den Menschen und erf\u00fcllt ihn mit Weihe. Sie verb\u00fcrgen und sichern nach christlicher Anschauung die Heiligung des Menschen, sie geben die Gewissheit der S\u00fcndenvergebung. Die Sakramente sind also von Grund aus von allen im Judentum \u00fcblichen religi\u00f6sen Handlungen verschieden. An dieser grunds\u00e4tzlichen Verschiedenheit \u00e4ndert auch die Tatsache wenig, dass manche Richtungen des Protestantismus das Sakrament nur als Mittel der Bef\u00f6rderung frommen Denkens, als Ausdruck der Gemeindezusammengeh\u00f6rigkeit betrachten. Was selbst diese Kreise von der j\u00fcdischen Wertung der religi\u00f6sen Zeremonie trennt, das ist, dass ihnen der Gebrauch des Sakraments auch beim freiesten Denken zur Verbindung ihrer Pers\u00f6nlichkeit mit der Pers\u00f6nlichkeit Christi dienen soll. Auch der Christ, der dem Dogma fern steht, will sich im Sakrament die ideale Lebensgemeinschaft mit Christus sichern. J\u00fcdische Fr\u00f6mmigkeit gipfelt in dem nie sich ersch\u00f6pfenden Streben, durch fromme Handlung sich selbst zu l\u00e4utern und zu heiligen, christliche Fr\u00f6mmigkeit findet in dem Genuss des Sakraments das Mittel, durch das Gott den Menschen gnadenvoll heiligt, und sucht in der frommen Handlung die Gemeinschaft mit der Pers\u00f6nlichkeit Christi. Es ist derselbe Unterschied, dem wir schon oben begegneten: im Judentum ist die Thora die Erweckerin frommer Gesinnung, die Lehre vom religi\u00f6sen Tun die F\u00f6rderin aller Fr\u00f6mmigkeit, im Christentum die Pers\u00f6nlichkeit Christi.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Synagoge und Kirche<\/h2>\n\n\n\n<p>Unter der \u201eSynagoge\u201c verstehen wir, nachdem das Wort anf\u00e4nglich auch einmal die \u201eGemeinde\u201c bedeutete, seit den \u00e4ltesten Zeiten nur \u201edie gottesdienstliche St\u00e4tte der Juden\u201c, \u201eKirche\u201c dagegen bedeutet auch die Zusammenfassung aller um Christus sich Scharenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00fcber den einzelnen Gl\u00e4ubigen stehende g\u00f6ttliche Anstalt, die das Heil, die Gnade zu verwalten und auszuspenden hat. Der Synagoge fehlte von Anfang an jede M\u00f6glichkeit, sich nach dieser Richtung zu entwickeln, und sie hat es auch bis auf den heutigen Tag nicht getan. Das Judentum hat kein Sakrament zu verwalten, kein Heil auszuspenden, es gibt daher in ihm keine \u00fcber den Einzelnen stehende Heilsanstalt. Jegliche Zusammenfassung von Gemeinden zu einem gr\u00f6\u00dferen Gebilde bewegt sich auf dem Gebiet des Verwaltungsm\u00e4\u00dfigen und hat mit dem Lehrinhalte des Judentums nicht das Geringste zu tun. Selbst in den Zeiten, in denen es eine oberste religi\u00f6se Beh\u00f6rde gab, die von allen Juden anerkannt wurde, hatte diese weder ein Heil auszuspenden noch \u00fcber die rechte Aus\u00adlegung der Heiligen Schrift zu wachen, noch konnte sie die Verpflichtung aller Juden auf ein von ihr festgesetztes Glaubensbekenntnis unter ihre Befugnisse rechnen; sie hatte die Gesetze f\u00fcr die Bet\u00e4tigung des Juden im Leben aufzustellen, mehr nicht. Aber bis zu einer Zusammenfassung der Gesamtheit der Judenheit in einer Weise, dass nun ein \u00fcber allen stehendes Gebilde vorhanden ist, das Inhalt und Umfang der Glaubenslehre festlegt, \u00fcber die Zugeh\u00f6rigkeit zur Gemeinschaft entscheidet und ein Heil zusprechen oder versagen kann, konnte es nach dem inneren Lebensgesetz des Judentums nicht kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders hat das Christentum die Idee der Kirche ausgebildet. Sobald man n\u00e4mlich von dem Gedanken der sittlichen Hilflosigkeit des Menschen ausgeht, aus der die Notwendigkeit flie\u00dft, dass die Heiligung ihm in bestimmter Form von au\u00dfen entgegengebracht werden muss, muss auch eine Anstalt vorhanden sein, die ihm dies Heil \u00fcbermittelt. So betrachtet sich also die katholische Kirche als die von Christus gestiftete Heilsanstalt, in der die von ihm w\u00e4hrend seiner irdischen Laufbahn zur Ents\u00fcndigung und Heiligung der Menschen entwickelten T\u00e4tigkeiten fortgesetzt werden, die die Sakramente ausspendet, von S\u00fcnden losspricht, die rechte Auslegung der Heiligen Schrift angibt und verk\u00fcndet, was zu glauben ist. Sie entscheidet \u00fcber die innere Zugeh\u00f6rigkeit zur Glaubensgemeinschaft, sie ist als g\u00f6ttliche Einrichtung nie einem Irrtum unterworfen. Man sieht sofort, wie hier Kirche und Synagoge zwei ganz verschieden erfasste Dinge sind. Das Judentum hat in dem Umkreis seiner Gedanken dieser Idee der Kirche nichts an die Seite zu stellen und kann nie eine Richtung einnehmen, bei der die Synagogen als ideale Gesamtheit der Kirche zu vergleichen sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die katholische Auffassung vom Wesen der Kirche erfuhr im Protestantismus eine gewisse Abschw\u00e4chung. Aber auch der Protestantismus betrachtet die Kirche als Heilsverwalterin, deren \u00fcberwachende und sch\u00fctzende Leitung unentbehrlich ist, die \u00fcber die rechte Auslegung des Gotteswortes, aus dem das Glaubensbekenntnis hervor w\u00e4chst, zu wachen hat. Auch hier gegen\u00fcber der j\u00fcdischen Anschauung eine grundlegende Verschiedenheit, die noch dadurch wesentlich verst\u00e4rkt wird, dass die Kirche \u00fcberall, auch bei der freieren Auffassung ihres Wesens, als die geistige Gemeinschaft, deren Haupt und F\u00fchrer die Pers\u00f6nlichkeit Christi ist, gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Innerhalb des Protestantismus gab es h\u00e4ufig Widerspruch gegen den Zwang, der mit dem Begriff der Kirche verbunden ist, und dieser Widerspruch, bei dem man von Gedanken ausging, die enge Ber\u00fchrung mit j\u00fcdischer Auffassung hatten, f\u00fchrte zur Bildung von neuen Gemeinschaften. Man denke an die englischen Nonkonformisten, die Dissenters, an die reichliche Sektenbildung im Protestantismus \u00fcberhaupt. Die Idee der Kirche verlor dadurch im Umkreis des Protestantismus viel von ihrer Geschlossenheit, aber es bleibt doch auch in diesen Freikirchen ein Rest von der Anschauung, die die Kirche, ihre Kirche, als Anstalt zur rechten Auslegung des Wortes betrachtet, also als ein \u00fcber dem Einzelnen stehendes Gebilde.Fassen wir unsere gesamten Ausf\u00fchrungen nochmals kurz zusammen, Einheit von Leben und Religion, Einklang zwischen den Grunds\u00e4tzen der Religion und dem Tun des Menschen will das Judentum erzielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu ist notwendig das Vertrauen des Menschen auf die eigene Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Vertrauen erw\u00e4chst dann die \u00dcberzeugung, dass dem Menschen; mag er noch so sehr von Gottes Gnade abh\u00e4ngig sein, die Selbst\u00e4ndigkeit der eigenen sittlichen Pers\u00f6nlichkeit gewahrt bleiben m\u00fcsse. Darum kennt das Judentum keine von au\u00dfen kommende Erl\u00f6sung von der S\u00fcnde, der Mensch selbst muss die Vorbedingungen f\u00fcr die Vers\u00f6hnung mit Gott schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wille, sich zu heiligen, muss ihm h\u00f6chstes Gesetz sein, seine Heiligung bleibt immer sein Werk. Darum tritt ihm auch der Wille Gottes als Gesetz, als Forderung entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Je freudiger er diese Forderung erf\u00fcllt, umso gr\u00f6\u00dfer zeigt sich sein Wille zur Selbstheiligung: das Gesetz &#8211; gleich ob Sitten oder Zeremonialgesetz &#8211; ist sonach dem Juden keine Last, kein Fluch, sondern ein Zeichen der Kraft und ein Weg zur Selbstheiligung, die allein die wahre Fr\u00f6mmigkeit ist. Darum kennt auch der Jude kein Sakrament, das ihm Gnade gibt, keine Anstalt, die ihm Heil spenden, S\u00fcnden vergeben und die Pforte der Seligkeit erschlie\u00dfen kann. Galt offenbarte ihm die sittliche Freit, er gab. ihm auch die Kraft und die F\u00e4higkeit, aus sich selbst heraus die sittliche Freit Gottes auf Erden zu verwirklichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von diesen Gedanken und Ideen der j\u00fcdischen Religion ist die Judenheit seit Jahrhunderten derart erf\u00fcllt, dass selbst jene, die aus irgendeinem Grunde das offizielle Judentum ablehnen, bewusst oder unbewusst \u2013 leider oft nur unbewusst &#8211; den Stempel dieser Denkart unausl\u00f6schlich an sich tragen. Und diese Gedanken und Ideen sind es, die die Judenheit um ihretwillen und um der Menschheit willen unersch\u00fctterlich festzuhalten sich berufen und verpflichtet f\u00fchlt, die ihr das Wort der Hoffnung voran leuchten lassen, das einst der Prophet verk\u00fcndet hat (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/jeschajahu-das-buch-jesaja\/#Kapitel60\">Jesaja 60,3<\/a>):<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6lker werden Deinem Lichte nachgehen,<br>Und K\u00f6nige dem Glanze Deines Strahles.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Max Dienemanns wichtiges Buch zu den Unterschieden von Judentum und Christentum aus dem Jahre 1919 zum online lesen.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[92,58],"tags":[],"class_list":["post-346","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-christentum","category-interreligioeses"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/346","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=346"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/346\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6184,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/346\/revisions\/6184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=346"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=346"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=346"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}