{"id":355,"date":"2006-06-01T16:00:45","date_gmt":"2006-06-01T14:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=355"},"modified":"2014-05-26T11:49:31","modified_gmt":"2014-05-26T09:49:31","slug":"unter-einem-dach-unter-einem-dach-der-juedisch-muslimische-dialog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/unter-einem-dach-unter-einem-dach-der-juedisch-muslimische-dialog\/","title":{"rendered":"Unter einem Dach? Unter einem Dach! Der j\u00fcdisch-muslimische Dialog"},"content":{"rendered":"<p> F\u00fcr seine Ann\u00e4herung an die Muslime in Deutschland erhielt Rabbiner Henry G. Brandt (Augsburg) im Jahr 2006 den Muhammad-Nafi-Tschelebi-Preis. Der emeritierte Landesrabbiner von Westfalen-Lippe ist der erste Jude \u00fcberhaupt, der von einer islamischen Institution geehrt wird <!--more-->\u2013 leider ist das Thema aber bisher nicht im Gemeindealltag angekommen, obwohl doch Juden und Muslime \u00e4hnliche Probleme haben, wenn sie als Minderheit ihre Religion auch leben wollen. Das beginnt beispielsweise bei einem generellen Unverst\u00e4ndnis denjenigen Religionen gegen\u00fcber, die sich nicht auf die Freizeit beschr\u00e4nken, sondern eine Art zu leben sind (nicht von ungef\u00e4hr kommt \u201eHalachah\u201c von \u201eholech \u2013gehen\u201c). Dieses Unverst\u00e4ndnis schimmert beispielsweise durch, wenn behauptet wird, die Frauen k\u00f6nnten ja daheim das Kopftuch tragen. Am 13. November wird der ehemalige Landesrabbiner von Westfalen-Lippe f\u00fcr seine Ann\u00e4herung an die Muslime in Deutschland geehrt. Brandt habe sich \u201ein besonderer Weise f\u00fcr die Verst\u00e4ndigung zwischen Juden in Moslems eingesetzt\u201c, begr\u00fcndet die Jury die Auszeichnung.<\/p>\n<p><div id=\"attachment_356\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-356\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/rabbinerdrbrandt.jpg?resize=170%2C233\" alt=\"Rabbiner Dr. Henry Brandt wurde in diesem Jahr (2006) mit dem Muhammad-Nafi-Tschelebi-Preis geehrt.\" width=\"170\" height=\"233\" class=\"size-full wp-image-356\" \/><p id=\"caption-attachment-356\" class=\"wp-caption-text\">Rabbiner Dr. Henry Brandt wurde in diesem Jahr (2006) mit dem Muhammad-Nafi-Tschelebi-Preis geehrt.<\/p><\/div>Auch die essentiellen Probleme werden geteilt, etwa wie der Umgang mit den Speisegesetzen (das Problem der Sch\u00e4chtung sollte hier gemeinsam gekl\u00e4rt werden oder den Bekleidungsvorschriften, denn auch orthodoxe j\u00fcdische Frauen tragen das Kopftuch (siehe den Artikel von Dr. Michael Rosenkranz). \u00dcberall dort, wo der j\u00fcdische observante (ganz gleich ob orthodox, konservativ oder liberal) Mensch auf Reibungen mit der Majorit\u00e4tsgesellschaft st\u00f6\u00dft, steht er in der Regel nicht allein (Speisegesetze, das Begehen von Feiertagen, die Mitwirkung an \u201eWeihnachtsfeiern\u201c etc.). Zu einem gro\u00dfen Teil sto\u00dfen Muslime auf die gleichen Probleme, auch wenn die Bev\u00f6lkerung den beiden Gruppen mit anderen \u201eVorzeichen\u201c begegnet. Das gemeinsame Angehen von konkreten Projekten k\u00f6nnte ein Spalt sein, der die T\u00fcr f\u00fcr eine tiefergehende Beziehung \u00f6ffnet, sp\u00e4ter dann auch im Austausch religi\u00f6ser Gedanken.<\/p>\n<p>Das Zusammentreffen von Rosch haSchanah und des Beginns des muslimischen Fastenmonats Ramadan (das Jahr 5766 (2006) f\u00e4llt erneut mit Ramadan zusammen) w\u00e4re eine gute Gelegenheit gewesen, sich mit der religi\u00f6sen Wurzel eines vermeintlichen Konflikts zu befassen, denn anders als man denken w\u00fcrde, haben unsere Weisen den Streit zwischen Abraham, Sarah, Hagar und Jischmael als beendet erkl\u00e4rt (der ja als Beginn einer \u201eschlechten&#8220; Beziehung schlechthin gilt):<\/p>\n<p>An Rosch haSchanah (und am Schabbat Wa\u2019jera), lesen wir im Torah-Abschnitt (1.Mose 21:1-21:34) die Geschichte \u00fcber die Vertreibung von Hagar aus dem Zelt Abrahams durch Sarah. Hagar setzt sich unter einen Busch in der W\u00fcste um zu sterben. HaSchem selbst sorgt sich dann um Hagar (durch einen Engel) und fordert sie auf, zur\u00fcckzugehen.<br \/>\nEs wird ihr prophezeit, dass ihr Sohn Jischmael Vater einer gro\u00dfen Nation sein wird. Jischmaels Halbbruder Jitzchak wird der Vorfahre des j\u00fcdischen Volkes und Jischmael der Vater der arabischen V\u00f6lker (so sieht es die Tradition).<br \/>\nEin nicht gerade hoffnungsvoller Beginn f\u00fcr die j\u00fcdisch-muslimischen Beziehungen?<\/p>\n<p>Nicht unbedingt! Jischmael geht nach Mizrajim (\u00c4gypten) aber wenig sp\u00e4ter hei\u00dft es in der Torah, dass er zur Beisetzung seines Vaters Abraham zur H\u00f6hle von Machpela kommt, um diese mit seinem (Halb-) Bruder durchzuf\u00fchren. Ein gemeinsamer Verlust f\u00fchrt die beiden Br\u00fcder zusammen- sie haben die gleiche Herkunft.<br \/>\nDer britische Oberrabbiner Jonathan Sacks merkte in einer Draschah zum Schabbat \u201eChaje Sarah\u201c an, dass einige Weise klare Hinweise erkannt h\u00e4tten, die anmerken, dass Jischmael und Jitzchak sich schon vor dem Tod ihres Vaters vers\u00f6hnt h\u00e4tten:<\/p>\n<p>Der erste Hinweis: Der Ort von dem Jitzchak kommt, wenn Rebekka ihn erblickt: Beer lachaj Roi. Die Torah nennt diesen Ort nur ein einziges Mal zuvor (1. Mose 16:14). Es ist der Ort, an dem Hagar den Engel trifft und ihr auftr\u00e4gt, ihren Sohn Jischmael zu nennen. Der Ort wird also mit Jischmael assoziiert. Warum ist Jitzchak dorthin gegangen? Um sich mit seinem Bruder zu vers\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Der zweite Hinweis: Abrahams Wiederheirat! Wer k\u00f6nnte wohl Keturah sein? Die Weisen sagten, es sei Hagar, denn es ist ja nicht un\u00fcblich, dass Personen in der Torah mehr als einen Namen h\u00e4tten. Jitro hatte sogar sieben Namen. Abraham selber wollte Jischmael und Hagar auch nicht wegschicken (1.Mose 21:11). Nach dem Tode Sarahs kehrte Hagar in Ehren zur\u00fcck zu Abraham.<\/p>\n<p>In einem Midrasch (Pirkej deRabbi Eliezer; 30) wird sogar erz\u00e4hlt, dass Abraham Ischmael zu zwei Gelegenheiten besuchen wollte, ihn aber nicht antraf. Beim ersten Mal schickte Jischmaels Frau ihn weg und verweigert ihm Brot und Wasser (weil sie nicht wusste, wer der Besucher war). Jischmael trennte sich daraufhin von ihr und heiratete eine Frau namens Fatimah. Bei Abrahams zweitem Besuch ist wieder nur Jischmaels Frau zuhause, diesmal Fatimah. Obwohl sie die Identit\u00e4t des Fremden nicht kennt, gibt sie ihm Speisen und Getr\u00e4nke. Im Midrasch heisst es: \u201eAbraham stand auf und betete zu HaKadosch Baruch Hu, und Jschmaels Haus wurde mit guten Dingen gef\u00fcllt. Als Jischmael zur\u00fcckkehrte, erz\u00e4hlte seine Frau ihm davon und Jischmael wusste, dass sein Vater ihn noch liebte&#8220;.<\/p>\n<p>Trotz des anf\u00e4nglichen Konfliktes fanden beide Seiten zueinander. So kann es auch zwischen Judentum und Islam Freundschaft, Verst\u00e4ndnis und beiderseitigen Respekt geben. Die Preisverleihung k\u00f6nnte ein erstes Signal sein, um eine Verst\u00e4ndigung zu beginnen (einige kleinere lokale Initiativen gibt es schon), nicht nur wegen der gemeinsamen Schwierigkeiten, sondern auch, um Hass den Boden zu entziehen und Antisemitismus einzud\u00e4mmen, ohne das sogenannte goldene Zeitalter des Judentums unter dem Islam zu romantisieren (ein stets gut gemeinter Verweis), denn wir leben heute in einer Gesellschaft, in der, zumindest theoretisch, alle gleichberechtigt sind und an deren Aufbau sich alle monotheistischen Religionen beteiligen m\u00fcssen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr seine Ann\u00e4herung an die Muslime in Deutschland erhielt Rabbiner Henry G. Brandt (Augsburg) im Jahr 2006 den Muhammad-Nafi-Tschelebi-Preis. 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