{"id":368,"date":"2013-11-29T16:45:53","date_gmt":"2013-11-29T14:45:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=368"},"modified":"2021-04-13T22:57:43","modified_gmt":"2021-04-13T20:57:43","slug":"den-prozess-verlieren-franz-kafka-und-der-schabbat-schuwah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/den-prozess-verlieren-franz-kafka-und-der-schabbat-schuwah\/","title":{"rendered":"Den Prozess verlieren &#8211; Franz Kafka und der Schabbat Schuwah"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Geschrieben und Besiegelt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Eine Geschichte erz\u00e4hlt von einem Menschen, der bei dem Zaddik Rabbi Mardochaj von Nadvorna &#8211; es sein seiner zum Segen gedacht- studierte. Vor Rosch haSchanah bat er darum, vom Unterricht befreit zu werden. Der Zaddik fragte ihn: \u201eWarum bist Du so in Eile?\u201c Und er antwortete: \u201eIch bin Vorbeter und muss noch einen Blick in das Gebetbuch f\u00fcr die Festtage werfen, um meine Gebete in Ordnung zu bringen.\u201c Der Zaddik sagte zu ihm: \u201eDas Gebetbuch ist dasselbe wie letztes Jahr. Es w\u00e4re besser f\u00fcr Dich, wenn Du einen Blick auf Deine Taten wirfst und Dich selber in Ordnung bringst.\u201c <em>Schmuel Josef Agnon (1888-1970)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Die <em>Jamim Noraim<\/em>, die ehrfurchtsvollen Tage, zwischen Rosch haSchanah und Jom Kippur und der, in dieser Zeit liegende, Schabbat Schuwah sind seit jeher eine Zeit der R\u00fcckschau und Besinnung. Jeder einzelne Jude und jede einzelne J\u00fcdin ist dazu aufgerufen, sich \u201aumzuschauen\u2019 und das vergangene Jahr zu betrachten. Im \u201e<em>Untane Tokeff<\/em>\u201c aus dem Mussaf-Gebet von Rosch haSchanah hei\u00dft es, dass an Rosch haSchanah G-tt Gericht h\u00e4lt, jedoch erst an Jom Kippur (zehn Tage sp\u00e4ter) das Urteil besiegelt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wie die Pr\u00fcfung der Herde durch den Hirten. So wie er sie ziehen l\u00e4sst unter seinem Stabe, so l\u00e4sst Du ziehen, und z\u00e4hlst und pr\u00fcfst. Du w\u00e4gst die Seele jedes Lebewesens und bestimmst die Enden all Deiner Gesch\u00f6pfe &#8211; und schreibst nieder das Ma\u00df ihres Urteils.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Am Neujahrstag wird es geschrieben<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; und am Vers\u00f6hnungstag besiegelt,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; wieviele vergehen und wieviele entstehen,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; wer leben wird und wer sterben,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; wer an sein Ende gelangt<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; und wer nicht an sein Ende gelangt.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wer in Wasserflut, wer in Flammenglut,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; wer vom Schwert zerrissen, wer vom Tier zerbissen.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wer in Hungersnot, wer vom Durst bedroht. Wer in des Bebens Rot, wer im Seuchentod,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; wer erw\u00fcrgt und wer zerschmettert.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wer in Ruhe bleibe und wer unsteht treibe.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wer in Frieden sitze und wer getrieben durch Verfolgers Hetze, wer in Gl\u00fcck und wer in Qual,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; wer arm wer reich, wer sinkt, wer steigt.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Aber Umkehr und Gebet und Liebeswerke,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; wenden ab das B\u00f6se des Verh\u00e4ngnisses,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; denn so wie Dein Name, so ist Dein Ruhm:<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Schwer zu erz\u00fcrnen und leicht zu vers\u00f6hnen!<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Denn nicht hast Du Gefallen am Tod des Sterblichen,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; sondern dass er umkehre von seinem Wege und lebe.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Und bis zum Tage seines Todes wartest Du auf ihn, wenn er nur sich wende zu Dir, sofort nimmst Du ihn an.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wahr ist all dieses, denn Du bist ihr aller Sch\u00f6pfer.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du kennst doch ihren Trieb, und dass sie Fleisch und Blut. \u2013 <em>Aus dem Untane Tokef Gebet zu Rosch ha Schanah und Jom Kippur<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Vielleicht ist gerade diese Zeit der Besinnung, R\u00fcckschau und Umkehr die beste, um sich mit einer literarischen Figur zu besch\u00e4ftigen, die das \u201eb\u00f6se Verh\u00e4ngnis\u201c nicht abwenden konnte \u2013 die es nicht geschafft hat, in das Buch des Lebens eingetragen zu werden. Die Anzahl der Interpretationen von Franz Kafkas Roman \u201eDer Proce\u00df\u201c sind un\u00fcberschaubar und vielf\u00e4ltig, die Deutungsmuster und Vorgehensweisen sind es ebenfalls. Eine Lesart, die uns gerade w\u00e4hrend der Jamim Noraim besch\u00e4ftigen sollte ist diejenige, das Kafka in seinem Roman die himmlische Gerichtsbarkeit schildert. Gerade der \u201eProce\u00df\u201c ist eine gute Einstimmung auf die <em>Jamim Noraim<\/em> und vielleicht kann diese Einf\u00fchrung in Kafkas Text ein wenig dabei helfen, die Bilder im \u201eProce\u00df\u201c einzuordnen und sich so bereit zu machen f\u00fcr die Tage der Umkehr.<strong><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Den Proze\u00df verlieren<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Herr K. wird an seinem drei\u00dfigstem Geburtstag pl\u00f6tzlich in seiner Wohnung verhaftet. Er solle in seinem Zimmer warten, ein Verfahren sei eingeleitet worden. Nat\u00fcrlich erkundigt sich K. nach dem Anklagegrund. Der zu ihm gesendete Aufseher sagt, er wisse es selber nicht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Unsere Beh\u00f6rde, soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bev\u00f6lkerung, sondern wird wie im Gesetz hei\u00dft von der Schuld angezogen und mu\u00df W\u00e4chter ausschicken. &#8211; Seite 14 ( <em>Die Seitenangaben beziehen sich auf: Der Proce\u00df , Franz Kafka, in der Fassung der Handschrift, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1994<\/em>)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Im ersten Kapitel wird dann das Zimmer K.s beschrieben; unter anderem wird auch erw\u00e4hnt, dass K. sich \u00c4pfel und Honig bereitgelegt hat (Symbole f\u00fcr Rosch haSchanah) .<\/p>\n\n\n\n<p>Seine erste Untersuchung findet exakt zehn Tage sp\u00e4ter statt, in einem Raum, der an eine Synagoge erinnert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; K. glaubte in eine Versammlung einzutreten. Ein Gedr\u00e4nge der verschiedensten Leute \u2013 niemand k\u00fcmmerte sich um den Eintretenden \u2013 f\u00fcllte ein mittelgro\u00dfes zweifenstriges Zimmer, das knapp an der Decke von einer Galerie umgeben war, die gleichfalls vollst\u00e4ndig besetzt war und wo die Leute nur geb\u00fcckt stehen konnten und mit Kopf und R\u00fccken an die Decke stie\u00dfen. [&#8230;]<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Zwischen zwei M\u00e4nnern hindurch, die sich unmittelbar bei der T\u00fcr unterhielten \u2013 der eine machte mit beiden weit vorgestreckten H\u00e4nden die Bewegung des Geldaufz\u00e4hlens, der andere sah ihm scharf in die Augen \u2013 fa\u00dfte eine Hand nach K. Es war ein kleiner rotb\u00e4ckiger Junge. \u201eKommen Sie, kommen Sie\u201c, sagte er. K. lie\u00df sich von ihm f\u00fchren, es zeigte sich, da\u00df in dem durcheinanderwimmelnden Gedr\u00e4nge doch ein schmaler Weg frei war, der m\u00f6glicherweise zwei Parteien schied; daf\u00fcr sprach auch da\u00df K. in den ersten Reihen rechts und links kaum ein ihm zugewendetes Gesicht sah, sondern nur die R\u00fccken von Leuten, welche ihre Reden und Bewegungen nur an Leute ihrer Partei richteten. Die meisten waren schwarz angezogen, in alten lange und lose hinunterh\u00e4ngenden Feiertagsr\u00f6cken. Nur diese Kleidung beirrte K., sonst h\u00e4tte er das ganze als eine politische Bezirksversammlung angesehn.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Tagebucheintrag vom 14. September 1914 (das ist der 23. Elul 5674), beschreibt Kafka den Besuch bei einem Zadik, die Parallelen zu der oben zitierten Stelle aus dem Proce\u00df sind offensichtlich:<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table contenttable contenttable-0\"><table><tbody><tr><td>\n<p><i>Tagebucheintrag<\/i><\/p>\n<\/td><td>\n<p><i>Der Proce\u00df<\/i><\/p>\n<\/td><\/tr><tr><td> <p>(4. September 1915) mit Max und Langer Samstag beim Wunderrabbi. \u017di\u017ekov, Harantova ulice<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"1\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_368\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_368-1\">1<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_368-1\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"1\">Die <em>Harantova<\/em> Stra\u00dfe im Stadtteil \u017di\u017ekov existiert heute nicht mehr. Sie lag in der N\u00e4he des heutigen Komensk\u00e9ho-Platzes.<\/span>. Viele Kinder auf dem Trottoir und den Treppenstufen. Ein Gasthaus. Oben vollst\u00e4ndig finster, blindlings paar Schritte mit vorgehaltenen H\u00e4nden. Ein Zimmer mit bleichem D\u00e4mmerlicht, wei\u00dfgraue W\u00e4nde, einige kleine Frauen und M\u00e4dchen, wei\u00dfe Kopft\u00fccher, blasse Gesichter, stehn herum, kleine Bewegungen; Eindruck des Blutleeren.<\/p> <\/td><td>\n<p>Er st\u00f6rte beim Hinaufgehn viele Kinder, die auf der Treppe spielten und ihn, wenn er durch ihre Reihe schritt, b\u00f6se ansahn.<\/p>\n<\/td><\/tr><tr><td>\n<p>N\u00e4chstes Zimmer. Alles schwarz, voll mit M\u00e4nnern und jungen Leuten. Lautes Beten.<\/p>\n<\/td><td>\n<p>Die meisten waren schwarz angezogen, in alten lange und lose hinunterh\u00e4ngenden Feiertagsr\u00f6cken. Nur diese Kleidung beirrte K., sonst h\u00e4tte er das ganze als eine politische Bezirksversammlung angesehn.<\/p>\n<\/td><\/tr><tr><td>\n<p>Wir dr\u00fccken uns in eine Ecke. Kaum sehen wir uns ein wenig um, ist das Gebet zu Ende, das Zimmer leert sich.<\/p>\n<\/td><td>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/td><\/tr><tr><td>\n<p>Ein Eckzimmer mit zwei Fensterw\u00e4nden mit je 2 Fenstern.<\/p>\n<\/td><td>\n<p>f\u00fcllte ein mittelgro\u00dfes zweifenstriges Zimmer, das knapp an der Decke von einer Galerie umgeben war, die gleichfalls vollst\u00e4ndig besetzt war und wo die Leute nur geb\u00fcckt stehen konnten und mit Kopf und R\u00fccken an die Decke stie\u00dfen.<\/p>\n<\/td><\/tr><tr><td>\n<p>Wir werden zu einem Tisch gedr\u00e4ngt, rechts vom Rabbi. Wir wehren uns, \u201eIhr seid doch auch Juden.\u201c Das st\u00e4rkste v\u00e4terliche Wesen macht den Rabbi. Alle Rabbi sehen wild aus, sagte Langer. Dieser im Seidenkaftan, darunter schon Unterhosen sichtbar. Haare auf dem Nasenr\u00fccken. Mit Fell eingefa\u00dfte Kappe, die er immerfort hin und her r\u00fcckt. Schmutzig und rein, Eigent\u00fcmlichkeit intensiv denkender Menschen. Kratzt sich am Bartansatz, schneuzt durch die Hand auf den Fu\u00dfboden, greift mit den Fingern in die Speisen \u2013 wenn er aber ein Weilchen die Hand auf dem Tisch liegen l\u00e4\u00dft, sieht man das Wei\u00df der Haut, wie man ein \u00e4hnliches Wei\u00df nur in Vorstellungen der Kindheit gesehn zu haben glaubt. Damals allerdings waren auch die Eltern rein.<\/p>\n<\/td><td>\n<p>Er stand eng an den Tisch gedr\u00fcckt, das Gedr\u00e4nge hinter ihm war so gro\u00df, da\u00df er ihm Widerstand leisten mu\u00dfte, wollte er nicht den Tisch des Unersuchungsrichters und vielleicht auch diesen selbst vom Podium hinuntersto\u00dfen.<\/p>\n<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Den Gerichtssaal ausfindig zu machen, gestaltet sich f\u00fcr Josef K. au\u00dferordentlich schwierig, denn der Aufstieg zum Gericht, das sich in einem Privathaus befindet, ist m\u00fchsam. Josef K. muss viele Stufen hinaufsteigen und in vielen Zimmern suchen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; K. wandte sich der Treppe zu, um zum Untersuchungszimmer zu kommen, stand dann aber wieder still, denn au\u00dfer dieser Treppe sah er im Hof noch drei verschiedene Treppenaufg\u00e4nge und \u00fcberdies schien ein kleiner Durchgang am Ende des Hofes noch in einen zweiten Hof zu f\u00fchren. [&#8230;]<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Schlie\u00dflich stieg er doch die erste Treppe hinauf und spielte in Gedanken mit einer Erinnerung an den Ausspruch des W\u00e4chters Willem, da\u00df das Gericht von der Schuld angezogen werde, woraus eigentlich folgte, da\u00df das Untersuchungszimmer an der Treppe liegen mu\u00dfte, die K. zuf\u00e4llig w\u00e4hlte. [&#8230;]<\/p><p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Im ersten Stockwerk begann die eigentliche Suche. Da er doch nicht nach der Untersuchungskommission fragen konnte, erfand er einen Tischler Lanz \u2013 der Name fiel ihm ein weil der Hauptmann, der Neffe der Frau Grubach, so hie\u00df \u2013 und wollte nun in allen Wohnungen nachfragen, ob hier ein Tischler Lanz wohne, um so die M\u00f6glichkeit zu bekommen, in die Zimmer hineinzusehn. Es zeigte sich aber, da\u00df das meistens ohne weiters m\u00f6glich war, denn fast alle T\u00fcren standen offen und die Kinder liefen ein und aus. Es waren in der Regel kleine einfenstrige Zimmer, in denen auch gekocht wurde. [&#8230;]<\/p><p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Viele glaubten es liege K. sehr viel daran den Tischler Lanz zu finden, dachten lange nach, nannten einen Tischler, der aber nicht Lanz hie\u00df, oder einen Namen, der mit Lanz eine ganz entfernte \u00c4hnlichkeit hatte, oder sie fragten bei Nachbarn oder begleiteten K. zu einer weit entfernten T\u00fcr, wo ihrer Meinung nach ein derartiger Mann m\u00f6glicherweise in Aftermiete wohne oder wo jemand sei der bessere Auskunft als sie selbst geben k\u00f6nne. Schlie\u00dflich mu\u00dfte K. kaum mehr selbst fragen, sondern wurde auf diese Weise durch die Stockwerke gezogen. Er bedauerte seinen Plan, der ihm zuerst so praktisch erschienen war. Vor dem f\u00fcnften Stockwerk entschlo\u00df er sich die Suche aufzugeben, verabschiedete sich von einem freundlichen jungen Arbeiter, der ihn weiter hinauff\u00fchren wollte, und gieng hinunter. Dann aber \u00e4rgerte ihn wieder das Nutzlose dieser ganzen Unternehmung, er gieng nochmals zur\u00fcck und klopfte an die erste T\u00fcr des f\u00fcnften Stockwerks. Das erste was er in dem kleinen Zimmer sah, war eine gro\u00dfe Wanduhr, die schon zehn Uhr zeigte. \u201eWohnt ein Tischler Lanz hier?\u201c fragte er. \u201eBitte\u201c, sagte eine junge Frau mit schwarzen leuchtenden Augen, die gerade in einem K\u00fcbel Kinderw\u00e4sche wusch, und zeigte mit der nassen Hand auf die offene T\u00fcr des Nebenzimmers.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Anschlie\u00dfend betritt Josef K. den bereits beschriebenen Raum in dem das Gericht tagt. Die Beschreibung der zahllosen R\u00e4ume und Zimmer, zu denen man hinaufsteigen muss, erinnert an die Schilderung Schlomo Ibn Gabirols in Keter Malchut ( \u201e<em>Keter Malchut<\/em>\u201c ist Bestandteil des Machzor f\u00fcr Jom Kippur.) :<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wer vermag deine Geheimnisse zu enth\u00fcllen, dass du im Himmel Gem\u00e4cher und Kammern geschaffen, aus denen die uns berichteten gewaltigen Taten hervorgehen, das Wirken deiner Allmacht.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Im siebenten Kapitel wird der Bezug zu den Hohen Feiertagen dann offensichtlich, denn eine Auswirkung des Prozesses deutet der Onkel K.s an:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Willst Du den Proce\u00df verlieren? Wei\u00dft Du was das bedeutet? Das bedeutet, da\u00df Du einfach gestrichen wirst. &#8211; Seite 101<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Unklar ist zun\u00e4chst, woraus gestrichen werden soll. Wenn man den Roman jedoch konsequent in einem j\u00fcdischen Kontext liest und den Jom haDin &#8211; den Tag des Gerichts w\u00f6rtlich nimmt, an dem man sich einschreiben lassen kann f\u00fcr das Buch des Lebens, wird klar, woraus der Verlierer des Prozesses gestrichen wird. So kann man in dem Text, die um Schuld und Urteil kreisende Liturgie wiederfinden. An Rosch HaSchanah ist es bezeichnenderweise Brauch, dass man einander w\u00fcnscht in das Buch des Lebens eingetragen zu werden. Es hei\u00dft weiter, dass an Jom Kippur das Urteil besiegelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Kafka war vielleicht kein observanter Jude, hatte aber ausreichende Kenntnisse der j\u00fcdischen Religion und das er zu den Feiertagen in die Synagoge ging, kann man seinen Tageb\u00fcchern entnehmen. In seinem Tagebuch vom 7. Juli 1912 h\u00e4lt er fest, dass er auch auf Reisen auf der Suche nach der j\u00fcdischen Gemeinde ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Im Park mit kleinen M\u00e4dchen auf einer Bank, die wir als M\u00e4dchenbank gegen Jungen verteidigen. Polnische Juden. Die Kinder rufen ihnen Itzig zu und wollen sich nach ihnen nicht gleich auf die Bank setzen. J\u00fcdische Gastwirtschaft Nathan Eisellsberg mit hebr\u00e4ischer Aufschrift. Es ist ein verwahrlostes schlo\u00dfartiges Geb\u00e4ude mit gro\u00dfem Treppenaufbau, das aus engen Gassen frei hervortritt. Ich gehe hinter einem Juden, der aus der Wirtschaft kommt, und spreche ihn an. Nach 9. Ich will etwas \u00fcber die Gemeinde wissen. Erfahre nichts. Bin ihm zu verd\u00e4chtig. Immerfort schaut er auf meine F\u00fc\u00dfe. Aber ich bin doch auch Jude. Dann kann ich bei Eiselsberg logieren. \u2013 Nein ich habe schon eine Wohnung. \u2013 So. \u2013 Pl\u00f6tzlich geht er nahe an mich heran. Ob ich nicht vor 1 Woche in Sch\u00f6ppenstedt gewesen bin. Vor seinem Haustor verabschieden wir uns; er ist gl\u00fccklich, da\u00df er mich losgeworden ist; ohne da\u00df ich danach frage, sagt er mir noch, wie man zur Synagoge geht. \u2013 Leute im Schlafrock auf der T\u00fcrstufe. Alte sinnlose Inschriften. Die M\u00f6glichkeiten durchdacht, auf diesen Gassen, Pl\u00e4tzen, Gartenb\u00e4nken, Bachufern aus dem Vollen ungl\u00fccklich zu sein. Wer weinen kann, soll am Sonntag herkommen. Abend nach 5 st\u00fcndigem Herumgehn in meinem Hotel auf der Terasse vor einem kleinen G\u00e4rtchen. Am Tisch nebenan die Wirtsleute mit einer jungen, witwenhaft aussehenden, lebhaften Frau. Wangen unn\u00f6tig mager. Frisur geteilt und aufgebauscht.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Soweit entfernt vom Judentum, wie oft behauptet wird, war Kafka also keinesfalls. Wir wissen, dass er Hebr\u00e4isch gelernt hat, zu Vortr\u00e4gen in die Synagoge ging und mit der orthodoxen J\u00fcdin Dora Diamant liiert war.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00a0In der Alt-Neu-Synagoge beim Mischnavortrag. Mit Dr. Jeiteles nachhause. Gro\u00dfes Interesse an einzelnen Streitfragen. 19.06.1915<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Vier Jahre zuvor schreibt er \u00fcber die Hohen Feiertage:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Montag 1.Oktober (Sonntag 1911) Altneusynagoge gestern. Kolnidre. Ged\u00e4mpftes B\u00f6rsengemurmel. Im Vorraum B\u00fcchse mit der Aufschrift: \u201eMilde Gaben im Stillen, bes\u00e4nftigen den Unwillen.\u201c Kirchenm\u00e4\u00dfiges Innere. Drei fromme offenbar \u00f6stliche Juden. In Socken. \u00dcber das Gebetbuch gebeugt, den Gebetmantel \u00fcber den Kopf gezogen, m\u00f6glichst klein geworden. Zwei weinen, nur vom Feiertag ger\u00fchrt? Einer hat vielleicht nur wehe Augen, an die er das noch gefaltete Sacktuch fl\u00fcchtig legt, um das Gesicht gleich wieder nahe an den Text zu halten. Nicht eigentlich oder haupts\u00e4chlich wird das Wort gesungen, aber hinter dem Wort her werden Arabesken gezogen aus dem haard\u00fcnn weitergesponnenem Wort. Der kleine Junge, der ohne die geringste Vorstellung des Ganzen und ohne Orientierungsm\u00f6glichkeit, den L\u00e4rm in den Ohren, sich zwischen den gedr\u00e4ngten Leuten hinschiebt und geschoben wird. Der scheinbare Commis, der sich beim Beten rasch sch\u00fcttelt, was nur als Versuch einer m\u00f6glichst starken, wenn auch vielleicht unverst\u00e4ndigen Betonung jedes Wortes zu verstehen ist, wobei die Stimme geschont wird, die \u00fcberdies in dem L\u00e4rm eine klare gro\u00dfe Betonung nicht zustande br\u00e4chte. Die Familie des Bordellbesitzers. In der Pinkassynagoge war ich unvergleichlich st\u00e4rker vom Judentum hergenommen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Kafka entgeht aber auch nicht der Niedergang des Judentums innerhalb des neuen B\u00fcrgertums in der Stadt. Vielleicht hat er sich auch gerade deshalb mit dem chassidischen Judentum auseinandergesetzt. Seine Begegnung mit Martin Buber war vielleicht einer der Anst\u00f6\u00dfe dazu.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">Heute vormittag Beschneidung meines Neffen. Ein kleiner krummbeiniger Mann, Austerlitz der schon 2800 Beschneidungen hinter sich hat, f\u00fchrte die Sache sehr geschickt aus. Es ist eine dadurch erschwerte Operation, da\u00df der Junge statt auf dem Tisch auf dem Scho\u00df seines Gro\u00dfvaters liegt und da\u00df der Operateur, statt genau aufzupassen, Gebete murmeln mu\u00df. Zuerst wird der Junge durch Umbinden, das nur das Glied frei l\u00e4\u00dft, unbeweglich gemacht, dann wird durch Auflegen einer durchlochten Metallscheibe die Schnittfl\u00e4che pr\u00e4cisiert, dann erfolgt mit einem fast gew\u00f6hnlichen Messer einer Art Fischmesser der Schnitt. Jetzt sieht man Blut und rohes Fleisch, der Moule [5] hantiert darin kurz mit seinen langn\u00e4geligen zittrigen Fingern und zieht irgendwo gewonnene Haut wie einen Handschuhfinger \u00fcber die Wunde. Gleich ist alles gut, das Kind hat kaum geweint. Jetzt kommt nur noch ein kleines Gebet, w\u00e4hrend dessen der Moule Wein trinkt, und mit seinen noch nicht ganz blutfreien Fingern etwas Wein an die Lippen des Kindes bringt. Die Anwesenden beten: \u201eWie er nun gelangt ist in den Bund, so soll er gelangen zur Kenntnis der Tora, zum gl\u00fccklichen Ehebund und zur Aus\u00fcbung guter Werke\u201c.<br>Als ich heute den Begleiter des Moule zum Nachtisch beten h\u00f6rte und die Anwesenden abgesehn von den beiden Gro\u00dfv\u00e4tern die Zeit in vollst\u00e4ndigem Unverst\u00e4ndnis des Vorgebeteten mit Tr\u00e4umen oder Langweile verbrachten, sah ich das in einem deutlichen unabsehbaren \u00dcbergang begriffene westeurop\u00e4ische Judentum vor mir, \u00fcber das sich die zun\u00e4chst Betroffenen keine Sorgen machen, sondern als richtige \u00dcbergangsmenschen das tragen, was ihnen auferlegt ist. Diese an ihrem letzten Ende angelangten religi\u00f6sen Formen, hatten schon in ihrer gegenw\u00e4rtigen \u00dcbung einen so unbestrittenen blo\u00df historischen Charakter, da\u00df nur das Verstreichen einer ganz kleinen Zeit innerhalb dieses Vormittags n\u00f6tig schien, um die Anwesenden durch Mitteilungen \u00fcber den veralteten fr\u00fchern Gebrauch der Beschneidung und ihrer halbgesungenen Gebete historisch zu interessieren. \u2013<em>Tagebucheintrag vom 24.7.1911<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Kafka besucht das jiddische Theater, h\u00e4lt selber Vortr\u00e4ge \u00fcber das Jiddische, besucht gar einen \u201eWunderrebben\u201c (siehe Seite 6 ). Immer wieder notiert sich Kafka j\u00fcdisches in seine Tageb\u00fccher:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; In der Alt-Neu-Synagoge beim Mischnavortrag.Mit Dr. Jeiteles nachhause. Gro\u00dfes Interesse an einzelnen Streitfragen. \u2013 19.06.1915<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Anblick der polnischen Juden, die zum Kol Nidre gehn. Der kleine Junge, der, unter beiden Armen Gebetm\u00e4ntel, neben seinem Vater herl\u00e4uft. Selbstm\u00f6rderisch nicht in den Tempel zu gehn. \u2013 <em>16. September 1915<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Erz\u00e4hlungen Langers:<\/p><p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Einem Zadik soll man mehr gehorchen als Gott. Balschem sagte einmal einem seiner liebsten Sch\u00fcler, er solle sich taufen lassen. Er lie\u00df sich taufen, kam zu Ansehn, wurde Bischof. Da lie\u00df ihn Balschem zu sich kommen und erlaubte ihm zum Judentum zur\u00fcckzukehren. Er folgte wieder und tat wegen seiner S\u00fcnde gro\u00dfe Bu\u00dfe. B. erkl\u00e4rte seinen Befehl damit, da\u00df der Sch\u00fcler wegen seiner ausgezeichneten Eigenschaften vom B\u00f6sen sehr verfolgt gewesen sei und da\u00df die Taufe den Zweck gehabt habe, den B\u00f6sen abzulenken. B. warf den Sch\u00fcler selbst mitten ins B\u00f6se, der Sch\u00fcler tat den Schritt nicht aus Schuld sondern auf Befehl und f\u00fcr den B\u00f6sen schien es hier keine Arbeit mehr zu geben.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Alle 100 Jahre erscheint ein oberster Zadik, ein Zadik Hador. Er mu\u00df gar nicht bekannt sein, kein Wunderrabbi sein und ist doch der oberste. B. war nicht Zadik Hador in seiner Zeit, das war vielmehr ein unbekannter Kaufmann in Drohobisz. Dieser h\u00f6rte, da\u00df B. wie dies auch andere Zadiks taten, Amulette schrieb und hatte den Verdacht, da\u00df er Anh\u00e4nger des Sabbatai Zewi sei und dessen Name auf die Amuletts schreibe. Deshalb nahm er ihm, ohne ihn pers\u00f6nlich zu kennen, von der Ferne aus die Macht jene Amuletts zu geben. B. erkannte bald die Machtlosigkeit seiner Amuletts \u2013 er hatte aber immer nichts anderes auf die Amuletts geschrieben, als seinen eigenen Namen \u2013 und erfuhr auch nach einiger Zeit, da\u00df der Drohobyscer die Ursache dessen war. Als einmal der Dr. in die Stadt Balschems kam, \u2013 es war an einem Montag \u2013 lie\u00df ihn B. ohne da\u00df er es merkte einen Tag verschlafen; der Dr. blieb infolgedessen in der Zeitrechnung immer um einen Tag zur\u00fcck. Freitag abend \u2013 er dachte es w\u00e4re Donnerstag \u2013 wollte er nachhause fahren, um die Feiertage zuhause zu verbringen. Da sieht er die Leute in den Tempel gehn und merkt den Irrtum. Er beschlie\u00dft hier zu bleiben und l\u00e4\u00dft sich zu B. f\u00fchren. Dieser hat schon am Nachmittag seiner Frau den Auftrag gegeben, ein Mahl f\u00fcr 30 Personen herzurichten. Als der Dr. kommt, setzt er sich nach den Gebeten gleich zum Essen und i\u00dft in kurzer Zeit das f\u00fcr 30 Personen bestimmte Essen auf. Aber er wird nicht satt, sondern verlangt weiteres Essen. B. sagt: \u201eEinen Engel ersten Grades habe ich erwartet, auf einen Engel zweiten Grades war ich aber nicht vorbereitet.\u201c Er lie\u00df nun alles E\u00dfbare bringen, was im Hause war, aber auch das gen\u00fcgte nicht.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; B. war nicht Zadik Hador, aber er war noch h\u00f6her. Zeuge dessen ist der Zadik Hador selbst. Dieser kam n\u00e4mlich einmal abends in den Ort, wo die k\u00fcnftige Frau Balschems als M\u00e4dchen wohnte. Er war Gast in dem Hause der Eltern des M\u00e4dchens. Ehe er auf den Dachboden schlafen gieng, verlangte er ein Licht, aber es war keines im Hause. Er gieng also ohne Licht hinauf, aber als das M\u00e4dchen sp\u00e4ter vom Hofhinaufsah, war es oben hell wie bei einer Illumination. Da erkannte sie, da\u00df es ein besonderer Gast war und sie bat ihn, sie zur Frau zu nehmen. Sie durfte so bitten, denn ihre h\u00f6here Bestimmung erwies sich darin, da\u00df sie den Gast erkannt hat. Aber der Zadik Hador sagte: \u201eDu bist f\u00fcr einen noch H\u00f6heren bestimmt.&#8220; Dies beweist, da\u00df B. h\u00f6her war als ein Zadik Hador. \u2013 6.Okotber 1915<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Sein Freund L\u00f6wy war selber ein \u201eJeschiwe-Bocher\u201c und so ist davon auszugehen, dass Kafka mehr j\u00fcdische Bildung hatte, als ihm in der Forschungsliteratur zugestanden worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Proce\u00df enthalten ist auch die ber\u00fchmt gewordene Parabel vom \u201eT\u00fcrh\u00fcter\u201c vor dem Gesetz. Carolin Hannah Reese hat schon in ihrem <a class=\"internal-link\" href=\"Vom_Baum_des_Lebens_essen.190.0.html\">Beitrag \u00fcber Kafkas Judentum<\/a> darauf hingewiesen , dass die \u00dcbersetzung einiger Begriffe, den j\u00fcdischen Leser ein ganzes St\u00fcck weiterbringt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Auch die \u00dcbersetzung einiger von Kafka verwendeter Begriffe und Namen ins Hebr\u00e4isch kann erstaunliche Ergebnisse hervorbringen: So hei\u00dft der Anwalt aus dem \u201eProze\u00df\u201c mit Nachnamen \u201eHuld\u201c &#8211; die g\u00e4ngige \u00dcbersetzung f\u00fcr \u201eChesed\u201c, die Eigenschaft, die nach chassidischer Vorstellung ein g&#8217;ttliches Gerichtsverfahren noch beeinflussen kann. Und der \u201eMann vom Lande\u201c, der Zugang zum Gesetz verlangt, wird zum \u201eAm Ha-Aretz\u201c, eine h\u00e4ufige Umschreibung f\u00fcr jemanden, der die Torah nicht kennt. Womit die Frage, ob es sich um ein weltliches oder ein transzendentales Gesetz handelt, nach dem der Genannte strebt, von selbst beantwortet w\u00e4re.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Im Proce\u00df hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; In den einleitenden Schriften zum Gesetz hei\u00dft es von dieser T\u00e4uschung: Vor dem Gesetz steht ein T\u00fcrh\u00fcter. Zu diesem T\u00fcrh\u00fcter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der T\u00fcrh\u00fcter sagt, da\u00df er ihm jetzt den Eintritt nicht gew\u00e4hren k\u00f6nne. Der Mann \u00fcberlegt und fragt dann, ob er also sp\u00e4ter werde eintreten d\u00fcrfen. \u201eEs ist m\u00f6glich\u201c, sagt der T\u00fcrh\u00fcter, \u201ejetzt aber nicht. Wenn es Dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin m\u00e4chtig. Und ich bin nur der unterste T\u00fcrh\u00fcter. Von Saal zu Saal stehn aber T\u00fcrh\u00fcter einer m\u00e4chtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen. Ich nehme es nur an, damit Du nicht glaubst, etwas vers\u00e4umt zu haben. Was willst Du denn jetzt noch wissen\u201c, fragt der T\u00fcrh\u00fcter, \u201eDu bist uners\u00e4ttlich.\u201c \u201eAlle streben doch nach dem Gesetz\u201c, sagt der Mann, \u201ewie so kommt es, da\u00df in den vielen Jahren niemand au\u00dfer mir Einla\u00df verlangt hat.\u201c \u201eHier konnte niemand sonst Einla\u00df erhalten, denn dieser Eingang war nur f\u00fcr Dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schlie\u00dfe ihn.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Und im Neilah-Gebet, dem Schlussgebet von Jom Kippur hei\u00dft es<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u00d6ffne uns das Tor,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ehe das Tor sich uns schlie\u00dft,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ehe die Nacht uns gr\u00fc\u00dft,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Denn schon neigt sich der Tag.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Da der Abend schon winkt<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Und die Sonne versinkt \u2014<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ehe sie schwindet dahin<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp; In dein Tor lass uns ziehen!<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">In einem weiteren Gebet hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Jetzt zur Abendzeit klopfen wir seufzend an die Pforten des K\u00f6nigs. M\u00f6gen nicht geschlossen werden die Tore des Erbarmens, dass wir das Angesicht des K\u00f6nigs aufsuchen k\u00f6nnen. Ja, zur Zeit des Wohlgefallens steige unser Weheklagen empor zum Tore des Palastes des K\u00f6nigs. [&#8230;] Wir r\u00fcsten Gebete vor ihm, der erh\u00f6rt, am Tore vor dem K\u00f6nig stehend. Von Abend bis Abend weichen wir nicht vom Tore, preisen die Ehre des K\u00f6nigs. [&#8230;] Der Verzeiher vergibt denen, die an seine Tore kommen, G-tt, der K\u00f6nig. \u2013 <em>Aus dem Neilah-Gebet zu Jom Kippur<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">In der <em>Pesikta Rabbati<\/em> wird zu dem Vers \u201eund Mosche stieg hinauf zu HaSchem. Und HaSchem rief ihn vom Berge\u201c ( 2. Buch Mosche 19:3)\u00a0 erz\u00e4hlt, dass Mosche auf seinem Weg in den Himmel zun\u00e4chst auf den Engel Kemuel trifft, den W\u00e4chter des Tores zum Himmel, der \u00fcber 12 000 Engel der Zerst\u00f6rung gesetzt worden ist. Er gelangt an diesem vorbei und ger\u00e4t an einen eindrucksvolleren W\u00e4chter, den Engel Hadarniel. Nur G-tt selber kann Mosche nun noch helfen, die Torah zu empfangen. Mosche \u00fcberwindet so die T\u00fcrh\u00fcter und gelangt zur Torah (dem Gesetz). Der Einlass begehrende Mann in der Geschichte, die wiederum in eine Geschichte eingebaut ist, gibt sich jedoch mit der Androhung \u201agr\u00f6\u00dferer\u2019 Gefahren zufrieden und versucht erst gar nicht, den ersten T\u00fcrh\u00fcter zu \u00fcberwinden. Im Sinne des modernen Judentums kann man sogar sagen, dass der T\u00fcrh\u00fcter f\u00fcr die m\u00fcndlichen Traditionen steht, die vor der eigentlichen Torah stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie verh\u00e4lt sich K. in dieser Geschichte?<\/p>\n\n\n\n<p>K. versucht seit seiner Verhaftung, seine \u201eUnschuld\u201c zu beweisen, versucht F\u00fcrsprecher zu finden, einen Anwalt, n\u00e4mlich Dr. Huld, oder hebr\u00e4isch eben Chesed zu verpflichten, gegen die \u201aMaschinerie\u2019 anzugehen. An den zehn Bu\u00dftagen sollen wir das Gegenteil von dem tun, was K. tut: Wir sollen unsere Fehler finden, eine R\u00fcckschau halten, uns schuldig bekennen, im <em>Widduj-Gebet<\/em> hei\u00dft es deshalb ja auch:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Unser G-tt und G-tt unserer Vorfahren, lass unsere Gebete dich erreichen. Sei nicht taub f\u00fcr unsere Bitte um Erbarmen. Denn wir sind nicht so hochm\u00fctig und nicht so stur, dass wir in deiner Gegenwart, unser G-tt und G-tt unserer Vorfahren, behaupten w\u00fcrden, wir seinen gerecht und h\u00e4tten nicht ges\u00fcndigt. Vielmehr bekennen wir: Wir und unsere Vorfahren haben ges\u00fcndigt. <em>In der \u00dcbersetzung des Seder haTeffilot.<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Dann folgt eine Auflistung von S\u00fcnden derer wir uns bekennen m\u00fcssen<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wir haben uns verschuldet, waren treulos, haben geraubt, haben b\u00f6ses geredet, haben gefehlt und gefrevelt, waren \u00fcberm\u00fctig, waren gewaltt\u00e4tig, haben L\u00fcge erdichtet, haben schlechten Rat erteilt, haben gelogen, gespottet, haben uns emp\u00f6rt, haben geschm\u00e4ht, waren widerspenstig, handelten t\u00fcckisch, waren frevelhaft, handelten feindselig, waren hartn\u00e4ckig, waren Frevler, waren verderbt, ver\u00fcbten Gr\u00e4ueltaten, gingen irre und haben irre gef\u00fchrt. \u2013<em>Aus dem Widduj-Gebet zu Jom Kippur<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p class=\"bodytext\">&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u201eUnd so k\u00f6nnen die Wir, in deren Gemeinschaft der Einzelne also in seiner nackten und blo\u00dfen Menschlichkeit vor Gott an seine Brust schl\u00e4gt und in deren bekennendem Wir er sein s\u00fcndiges Ich f\u00fchlt wie nie im Leben, keine engere Gemeinde sein als die eine der Menschheit selbst. Wie das Jahr an diesen Tagen unmittelbar die Ewigkeit vertritt, so Israel an ihnen unmittelbar die Menschheit\u201c. &#8211;<em>Franz Rosenzweig in \u201eDer Stern der Erl\u00f6sung\u201c zum Widduj-Gebet<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"bodytext\">Die Tradition lehrt aber auch, dass wir uns bei Personen entschuldigen m\u00fcssen, die wir verletzt haben und so aktiv unser Leben aufarbeiten. Der von Kafka beschriebene Proze\u00df schildert jemanden, der es nicht geschafft hat, in das Buch des Lebens eingetragen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nicht darum, eine wei\u00dfe Weste zu haben, es geht darum, sich seiner Fehler klar zu werden und bereit zu sein, dar\u00fcber Rechenschaft abzulegen &#8211; zur\u00fcckzukehren zu G-tt und dem Weg den er uns mit der Torah gewiesen hat. Der Schabbat zwischen Rosch haSchanah und Jom Kippur hei\u00dft deshalb ja auch Schabbat Schuwah und Schuwah kann mit R\u00fcckkehr, Umkehr \u00fcbersetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau ein Jahr nach seiner Verhaftung (am <em>Erew Rosch haSchanah<\/em>), wird K. hingerichtet, man k\u00f6nnte sagen, das Urteil vom Vorjahr wird vollstreckt. Die beklemmende Szene mag ein wenig an die Akedat Jitzchak erinnern, die Opferung Jitzchaks durch seinen Vater Abraham. Diese Stelle ist auch die Paraschah (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-torah-eine-deutsche-uebersetzung\/die-torah-wajera\/#Kapitel_22\">1. Buch Mosche 22:1-19<\/a>) f\u00fcr den ersten Tag Rosch haSchanah! Nur erh\u00e4lt K. in diesem Fall keine Hilfe. Im vorletzten Satz des folgenden Abschnittes fragt sich K. gar, wo seine Hilfe bleibt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Nach Austausch einiger H\u00f6flichkeiten hinsichtlich dessen wer die n\u00e4chsten Aufgaben auszuf\u00fchren habe, \u2013 die Herren schienen die Auftr\u00e4ge ungeteilt bekommen zu haben \u2013 gieng der eine zu K. und zog ihm den Rock, die Weste und schlie\u00dflich das Hemd aus. K. fr\u00f6stelte unwillk\u00fcrlich, worauf ihm der Herr einen leichten beruhigenden Schlag auf den R\u00fccken gab. Dann legte er die Sachen sorgf\u00e4ltig zusammen, wie Dinge die man noch gebrauchen wird, wenn auch nicht in allern\u00e4chster Zeit. Um K. nicht ohne Bewegung der immerhin k\u00fchlen Nachtluft auszusetzen, nahm er ihn unter den Arm und gieng mit ihm ein wenig auf und ab, w\u00e4hrend der andere Herr den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle absuchte. Als er sie gefunden hatte winkte er und der andere Herr geleitete K. hin. Es war nahe der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein. Die Herren setzten K. auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und betteten seinen Kopf obenauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich gaben, und trotz alles Entgegenkommens, das ihnen K. bewies, blieb seine Haltung eine sehr gezwungene und unglaubw\u00fcrdige. Der eine Herr bat daher den andern ihm f\u00fcr ein Weilchen das Hinlegen K.\u2019s allein zu \u00fcberlassen, aber auch dadurch wurde es nicht besser. Schlie\u00dflich lie\u00dfen sie K. in einer Lage, die nicht einmal die beste von den bereits erreichten Lagen war. Dann \u00f6ffnete der eine Herr seinen Gehrock und nahm aus einer Scheide, die an einem um die Weste gespannten G\u00fcrtel hing, ein langes d\u00fcnnes beiderseitig gesch\u00e4rftes Fleischermesser, hielt es hoch und pr\u00fcfte die Sch\u00e4rfen im Licht. Wieder begannen die widerlichen H\u00f6flichkeiten, einer reichte \u00fcber K. hinweg das Messer dem andern, dieser reichte es wieder \u00fcber K. zur\u00fcck. K. wu\u00dfte jetzt genau, da\u00df es seine Pflicht gewesen w\u00e4re, das Messer, als es von Hand zu Hand \u00fcber ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher. Vollst\u00e4ndig konnte er sich nicht bew\u00e4hren, alle Arbeit den Beh\u00f6rden nicht abnehmen, die Verantwortung f\u00fcr diesen letzten Fehler trug der, der ihm den Rest der dazu n\u00f6tigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an den Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterfl\u00fcgel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch schwach und d\u00fcnn in der Ferne und H\u00f6he beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund Ein guter Mensch? Einer der teilnahm? Einer der helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe? Gab es Einw\u00e4nde, die man vergessen hatte? Gewi\u00df gab es solche. Die Logik ist zwar unersch\u00fctterlich, aber einem Menschen der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die H\u00e4nde und spreizte alle Finger.<\/p><\/blockquote>\n<ul class=\"modern-footnotes-list \"><li><span>1<\/span><div>Die <em>Harantova<\/em> Stra\u00dfe im Stadtteil \u017di\u017ekov existiert heute nicht mehr. Sie lag in der N\u00e4he des heutigen Komensk\u00e9ho-Platzes.<\/div><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz Kafka war ein j\u00fcdischer Autor. Das ist bekannt. Tats\u00e4chlich scheint er jedoch auch j\u00fcdische Themen in sein Werk eingebracht zu haben. 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