{"id":428,"date":"2013-12-07T23:57:21","date_gmt":"2013-12-07T21:57:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=428"},"modified":"2013-12-07T23:57:21","modified_gmt":"2013-12-07T21:57:21","slug":"wann-ist-der-mensch-tot-die-frage-nach-der-sterbehilfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wann-ist-der-mensch-tot-die-frage-nach-der-sterbehilfe\/","title":{"rendered":"Wann ist der Mensch tot? Die Frage nach der Sterbehilfe"},"content":{"rendered":"<p>Nun kommen wir zu der Frage, wann der Mensch denn nun &#8222;tot&#8220; ist. Die Halacha definiert Tod als das Aufh\u00f6ren von Atmen. Dank moderner medizinischer Technik kann ein Patient mit Hilfe von Maschinen atmen, und sein Herz kann schlagen, selbst nachdem sein Gehirn nicht mehr funktioniert.<!--more--> Eine \u00fcberraschende Antwort kommt aus den USA. Diese Antwort ist aufgrund der hier anderen Gesetzes- bzw. Rechtslage leider nicht auf deutsche Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertragbar.<\/p>\n<p>Rabbi Moshe Feinstein, im allgemeinen ein strenger Bef\u00fcrworter der Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle im Talmud, hat \u00fcberraschend &#8222;liberale&#8220; Schlu\u00dffolgerungen zur Frage einer Definition des Todes gezogen. Unterst\u00fctzt wurde er dabei von seinem Schwiegersohn Rabbi Moshe Tendler, einem Fachmann f\u00fcr Medizin und Talmud. 1976 folgerten beide zusammen, Tod k\u00f6nne mit dem Aufh\u00f6ren der Hirnt\u00e4tigkeit definiert werden, und eine Beatmung mit der Maschine sei dann nicht mehr n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Obwohl Rabbi Feinstein bereit ist, Hirntod als Ende eines Lebens zu akzeptieren, hat er trotz-dem das aktive Abschalten des Respirators untersagt. Er hat geboten, da\u00df man, wenn die Sauerstoffbeh\u00e4lter ausgetauscht werden m\u00fcssen, damit f\u00fcnfzehn Minuten warten solle, das hei\u00dft, lange genug, um festzustellen, ob der Patient von allein atmen kann, und im negativen Fall brauche man den Apparat nicht wieder anzuschlie\u00dfen. Rabbi Eliezer Waldenberg hat vorgeschlagen, einen Timer an den Respirator anzuschlie\u00dfen, damit der Patient regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nne und, falls der Patient nicht ohne einen Respirator auskommt, ihn nicht wieder einzuschalten:<\/p>\n<p>Zusammenfassend kann man also sage, da\u00df Sterbehilfe nach wie vor verboten bleibt, da\u00df aber kein Mensch am Leben erhalten werden soll, der ohne Hilfe nicht mehr lebensf\u00e4hig ist. Weiter f\u00e4llt auf, da\u00df der &#8222;Hirntod&#8220;, also das Aussetzen des bewu\u00dften Verstandes, f\u00fcr die Feststellung des Todes ausreicht. Insofern folgt der Rabbiner also ausdr\u00fccklich dem Rambam.<\/p>\n<p>Orthodoxe Halacha-Experten haben sich geweigert, die Schranke zwischen dem Nichtwieder-einschalten des Respirators und dem aktiven Abschalten zu \u00fcberschreiten. J\u00fcdischen Gelehrten aller Schattierungen widerstrebt es, einem Leben durch menschliches Eingreifen ein Ende zu setzen, selbst aus den gnadenvollsten Gr\u00fcnden: Der Mensch darf nicht G-tt spielen. Dieses Gef\u00fchl ist besonders in diesem Jahrhundert akut, das soviel Mord erlebt hat, vor allem den Mord an Juden durch die Nazis im Namen einer S\u00e4uberung der Menschenrasse. Und doch enth\u00e4lt die Halacha einen fest etablierten Grundsatz, da\u00df man das Leid mildern mu\u00df, besonders das eines Menschen, der im Sterben liegt. <\/p>\n<p>Die zeitgen\u00f6ssische halachische Meinung neigt sich \u00fcberwiegend der Ansicht zu, da\u00df Medikamente verabreicht werden k\u00f6nnen, um in extremen Situationen Leiden abzuschw\u00e4chen, selbst wenn sie als Nebenwirkung das Leben verk\u00fcrzen, vor allem dann, wenn auch nur die geringste Aussicht darauf besteht, da\u00df das Medikament tats\u00e4chlich hilft, die Krankheit zu mildern. Euthanasie ist verboten. In einer aussichtslosen Situation Medikamente vorzuenthalten, &#8222;damit die Natur ihren Gang nehmen kann&#8220;, liegt durchaus innerhalb der Grenzen des j\u00fcdischen religi\u00f6sen Gesetzes. Aber wie steht es mit der Bestimmung, Nahrung vorzuenthalten? Zweifellos mu\u00df ein Patient, der noch durch den Mund gef\u00fcttert werden kann, gef\u00fcttert werden. Bei intraven\u00f6s ern\u00e4hrten Patienten sieht die Lage anders aus. Einige Fachleute in zeitgen\u00f6ssischer \u00e4rztlicher Ethik, darunter \u00c4rzte und Moralphilosophen, die fromme Juden sind, vertreten die Ansicht, da\u00df intraven\u00f6se L\u00f6sungen von Nahrung und Wasser genau wie die Medikamente, die dem Patien-ten intraven\u00f6s verabreicht werden, Medizin sind. Deshalb d\u00fcrfen sie aus dem gleichen Grund eingestellt werden wie Medikamente, die nicht mehr gegeben zu werden brauchen. Rabbiner beziehen, gleichg\u00fcltig welcher Richtung, dagegen die entgegengesetzte Stellung. Nahrungs- und Wasserentzug, selbst wenn k\u00fcnstlich verabreicht, sind nicht das gleiche &#8211; darauf bestehen die meisten Fachleute &#8211; wie das Einstellen der \u00e4rztlichen Behandlung.<\/p>\n<p>Mit dem Fortschritt der medizinischen Technologie d\u00fcrften die Fragen, die in diesem Teil be-sprochen wurden, sowie neue, die zuk\u00fcnftige Fortschritte noch mit sich bringen, auch weiterhin aktuell bleiben. Die grundlegenden Prinzipien des Judentums \u00fcber Leben und Tod erfahren eine neue Auslegung, und zwar von Gelehrten mit anderen Ansichten. Die Grundlage d\u00fcrfte dabei jedoch immer die gleiche bleiben: Die j\u00fcdische Tradition fordert eindringlich zur Achtung des Lebens auf, was immer das Leben f\u00f6rdert, hat Vorrang. Man darf sich auf keinen Fall an Eutha-nasie beteiligen, aber dem Menschen mu\u00df geholfen werden, in Frieden zu sterben. Maimonides entschied, das Wesen des Menschen liege in seinem Intellekt, was beinhaltet es m\u00fcsse dem Leben gestattet werden, zu Ende zu gehen, sobald die intellektuelle F\u00e4higkeit dahin ist (Mischne Thora, Hilchot Jessodei ha-Thora 4:8). Von diesem Gedanken lie\u00df sich Rabbi Seymor Siegel (1927-1988) von der konservativen Bewegung leiten, als er einem &#8222;Lebenstestament&#8220; zustimmte, in dem ein Patient Anweisungen hinterl\u00e4\u00dft, die festlegen, wieweit er in extremen Situationen behandelt werden m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Sterbehilfe wird, insofern stimmen im Ergebnis progressives und orthodoxes Judentum \u00fcberein, auch im progressiven Judentum abgelehnt. Bestimmend hierf\u00fcr sind der Glaube an die Heiligkeit des Lebens und die \u00dcberzeugung, da\u00df die Beendigung eines Lebens G-ttes Recht ist. Der progressive Standpunkt wird sich dann ggf. \u00e4ndern k\u00f6nnen, wenn eine andere Rechtslage entsteht. Dann k\u00f6nnte es angemessen sein, die j\u00fcdische Position neu zu \u00fcberdenken und zu \u00fcberlegen, wie aus j\u00fcdischer Sicht Rahmenbedingungen formuliert sein m\u00fcssen, um in diesem Schattenbereich ethisch verantwortlich zu handeln.<\/p>\n<p>Es gibt also keine allgemein verbindliche Definition des Todes bzw. des Todeszeitpunktes. F\u00fcr das progressive Judentum l\u00e4\u00dft sich aber festhalten, da\u00df es den Tod eines Menschen bereits dann annimmt, wenn das Gehirn irreparabel gesch\u00e4digt ist, w\u00e4hrend es im &#8222;orthopraxen&#8220; Bereich bereits &#8222;fortschrittlich&#8220; ist, wenn der Einsatz lebenserhaltender Technik dann abgelehnt wird, wenn der Kranke ohne diese Technik nicht weiterleben k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun kommen wir zu der Frage, wann der Mensch denn nun &#8222;tot&#8220; ist. Die Halacha definiert Tod als das Aufh\u00f6ren von Atmen. 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